Hans-Heinrich Jörgensen

Rennreiten, eine Berufs-Chance

 für Kleingebliebene und Leichtgewichte

 

Manch Schulabgänger und Lehrstellenbewerber leidet darunter, dass die Klassenkameraden ihn um Haupteslänge überragen, und ahnt gar nicht, welche Chance ihme gerade dadurch im Hobby und Beruf erwächst. Vorausgesetzt, er oder sie ist begeisterter Reiter und Pferdenarr: Rennreiten! Je kleiner und leichter desto größer die Chance.

Rennpferde tragen im Rennen ein Gewicht, dass sich aus der bisherigen Leistung ergibt, und das beginnt bei 48 kg, Reiter mit Kleidung und Sattel. Je besser das Pferd, desto höher das zu tragende Gewicht. Ohne dieses Gewichtshandicap stünde der Sieger ja schon vor dem Rennen fest. Faustregel: ein kg mehr auf dem Rücken kostet am Zielpfosten eine Pferdelänge. Steuert ein junger noch unerfahrener Reiter das Pferd, darf er von dem Gewicht, das das Pferd eigentlich tragen müsste, noch 5 kg herunternehmen. Diese Gewichtserlaubnis wird dann alle 10 Siege geringer, mit 50 Siegen gibt es keinen Nachlass mehr, dann darf sich der Reiter oder die Reiterin auch Jockey nennen.

Unterste Gewichtsgrenze ist 48 kg. Da tut sich ein ausgewachsener Mann oder eine frauliche Frau schwer, das auf die Waage zu bringen. Darum ist der Dress federleicht aus Seide, die Stiefel sind nicht gerade für Gebirgswanderungen geeignet, und der Sattel gleicht oft einer Briefmarke, und so wird er im Fachjargon auch genannt. Hier aber liegt die Chance für die Kleinen, die damit keine sonderlichen Probleme haben, auch ohne dass ihr regelmäßiges Abendessen aus einer halben Tomate oder zwei Gurkenscheiben besteht. 

Das Rennreiten kann man als Hobby betreiben, dann ist man Amateurrennreiter. Die Lizenz bekommt man natürlich erst, wenn man entsprechende Reitfertigkeiten in einer strengen Prüfung nachweist. Schließlich ist das Reiten für die Profis Beruf und Existenzgrundlage, auch geht es oft um viel Geld, vor allem aber um die Gesundheit aller Beteiligten, Reiter und Pferd. 

Der Berufsrennreiter, der sich nach 50 Siegen dann stolz Jockey nennen darf, ist ein regulärer Ausbildungsberuf nach dem Berufsbildungsgesetz mit dreijähriger Lehrzeit. Korrekt heißt der Beruf Pferdewirt, Schwerpunkt Rennreiten. Später kann man dann auch die Meisterprüfung machen und Pferde für andere Besitzer trainieren - und natürlich Auszubildende in die Geheimnisse des Rennreitens einweihen.

Ob Amateur oder Profi, die Chance auf dem Siegerpodest zu stehen und Ehrenpreise in Empfang zu nehmen, ist schon zahlenmäßig ungleich größer als im Turniersport. So konnte die Auszubildende Carina Fey aus Großenkneten sich mit 47 Siegen während ihrer Ausbildung als Shoting Star in die Top-Ten-Liste der Jockeys katapultieren. Und die Bremer Lokomotivführerin Julia Will schaffte es als Amateurrennreiterin gar zur Weltmeisterin der Amateure. Als erfolgreicher Rennreiter bekommt man viel von der Welt zu sehen, denn Rennen werden überall auf der Welt geritten, und der Amateurverband sorgt für Vergleichswettkämpfe in vielen Ländern.

Wer es vorzieht, dressurmäßig auf dem Tellerrand zu galoppieren oder lieber allein mit seinem Pferd im Parcour darauf baut, dass der Sprung fällt, und nicht der Reiter, ist im Rennsport fehl am Platze. Es gehört schon etwas Courage dazu, bei 60 Stundenkilometern mitten im Lot, Bügel an Bügel, Nase an Nase, dahin zu fegen, und sich auf der Zielgeraden die enge Lücke zu suchen, durch die man zum Sieg durchstößt. Aber wer einmal von der Faszination des schnellen Reitens gepackt ist, den lässt dieser Virus nicht mehr los. Für die ganz wagemutigen Springtalente gibt es sogar Rennen über Hindernisse.

Begabte leichtgewichtige - nicht leichtfertige - Reiter und Reiterinnen hat jeder Stall gern im Team. Und arbeitslose Rennreiter haben Seltenheitswert. Das Auskommen mit dem Einkommen ist allemal gesichert. Und hat man Erfolge, dann sogar recht gut. Neben einem normalen Facharbeiterlohn bezieht der Berufsrennreiter für jedes Rennen, das er reitet, ein zusätzliches Reitgeld von ca. 50 Euro, siegt er, gibt es sogar das doppelte Reitgeld. Und in jedem Fall kommen 5% des Geldpreises, den das Pferd gewinnt, hinzu. So konnte der Spitzenjockey allein im Juli 2007 fast 25 000 Euro an Gewinnprozenten auf seinem Bankkonto verbuchen. Aber wie gesagt, das ist der Spitzenjockey und der Juli mit dem Deutschen Derby der Spitzenmonat.

Knapp sechzig Auszubildende hat der Galopprennsport derzeit in ganz Deutschland, dreimal soviel Mädchen wie Jungen. Damit es keine falschen Erwartungen gibt: Die Arbeit eines Berufsrennreiters und Auszubildenden besteht natürlich nicht nur im Reiten. Die Pferde müssen betreut und geputzt werden, die Boxen ausgemistet und die Stallgasse gefegt, Zaunpfähle müssen erneuert werden und Lederzeug geputzt, und viel Theorie gehört dazu. Pferdeanatomie und Gesundheit, Fütterungslehre und vor allem die Rennordnung, das Gesetzbuch des Rennsportes, muss verinnerlicht werden.

Wer mehr wissen will, schaut sich einmal auf der Rennbahn um, fragt einen der Trainer oder kontaktet den Ausbilder der oben erwähnte Carina Fey und zugleich Autor dieser Zeilen.  
Tel. 04435 5068, Fax 04435 6166, e-mail: bio-nam@online.de

Bild: 
Die Riege der Azubis im Rennstall Hans-Heinrich Jörgensen in Großenkneten, 
von links nach rechts: Carina Fey hat ihre Abschlussprüfung gerade mit "gut" bestanden, Friederike Albrecht marschiert mit Bammel auf die Zwischenprüfung zu und Nataschya Henß hat gerade ihre Lehre begonnen. Alle drei hier auf den zweijährigen Hengsten Tretjak, Eurako und Ocean Chat. 
 Bild2  
 Carina Fey auf dem Siegerpodest