Hans-Heinrich Jörgensen 

Galopprennpferde selbst trainieren -

ein faszinierender Gedanke. Dazu muss man weder kuweitischer Scheich noch britische Königin sein. Längst hat sich der Galopprennsport zum Volkssport gemausert. Was manchen Pferdenarren, der sein Pferd um sich haben will, davon abhält, sich einen edlen englischen Vollbüter zu halten, ist das strenge Rennreglement, nach dem nur Pferde an den Start gehen dürfen, die von einem lizenzierten Trainer vorbereitet werden. 

Nur die wenigsten wissen: eine solche Trainerlizenz kann jeder Rennpferde-Besitzer erwerben, der genügend horsemanship mitbringt. Mit einer solchen Besitzertrainer-Lizenz kann man allerdings nur die Pferde der eigenen Familie trainieren, einschließlich die der Eltern, Kinder und Geschwister. Auch das Training gepachteter Pferde ist möglich, denn nach der Rennordnung gilt der Pächter als Besitzer. 

Natürlich kann man Rennpferde nicht auf dem Balkon oder im Vorgarten trainieren. Soll das Training Sinn machen, braucht man eine geeignete Galoppiermöglichkeit, zweckmäßigerweise auf eigenem Gelände. Aber auch Wald- und Feldwege dienen manchem als Trainingsstrecke, dann aber zu Tageszeiten, an denen nicht irgend ein Babysitter den Kinderwagen quer über die Bahn schiebt. Der Bremsweg ist für ein Pferd im Renngalopp lang. 

Rennpferde werden etwas anders geritten als Haflinger oder Dressurpferde. Ihr Beruf ist es, schnell zu sein, möglichst schneller als die anderen. Manch Besitzer wäre glücklich, wenn sein Pferd das nicht nur als Beruf, sondern auch als Berufung so sehen würde. Je leichter das Reisegepäck, sprich: der Reiter, desto schneller das Pferd. Ein Kilogramm mehr auf dem Rücken kann am Zielpfosten eine Pferdelänge bedeuten. Darum sollte der Reiter auch ein Leichtgewicht sein, nicht aber ein Luftikus. 50 kg mit Kleidung und Sattel sind ideal - für ausgewachsene Männer und Frauen aber kaum zu halten. Es ist nicht jedermans Sache, bei einer halben Gurkenscheibe zuzusehen, wie die anderen genüßlich zu Abend speisen. Wenn's der Reiter nicht schafft, muß der Sattel herhalten. Manchmal gleicht er eher einer Briefmarke - zumindest im Rennen. 

Im Training darf es schon etwas mehr sein. Aber der Reiter muß sich "leicht machen", das bedeutet, in die Bewegung des Pferdes eingehen, sein Gewicht nach vorn über den Schwerpunkt des Pferdes bringen. Dazu sind auch Trainingssättel anders gebaut, als Vielseitigkeitssättel. In der Tat geht der leichte Galopp besser mit kurzen Bügeln, auf die der Dressurreiter sorgenvoll mit hochgezogenen Brauen schaut: "Wie kann man damit das Gleichgewicht halten ?" . Man kann ! 

Der Trainer muß nicht unbedingt selbst aufs Pferd. Aber er muß den Sitz und die Reite seiner Leute beurteilen können und ihnen präzise Order geben, fürs Training und vor allem im Rennen. Ein Rennen gewinnt man nicht nur mit Kraft und Ausdauer, sondern auch mit dem Kopf, mit Taktik und Einteilung. Das Pferd, das am Start meilenweit vorn liegt, läuft am Ziel nicht selten hoffnungslos hinterher. 

All' das muß der Trainer dem Reiter rüberbringen. Das setzt Erfahrung voraus. Vor allem natürlich Erfahrung im Umgang mit Pferden. Der Sitz des Sattels muß stimmen. Rutscht die "Briefmarke" nach hinten auf die Nieren, ist das Rennen verloren - und die Sicherheit geht baden. Das Pferd, das an der Krippe mäkelt, braucht Schonung. Das Pferd, das seinen Reiter in den Sand setzt, braucht vielleicht mehr Arbeit, oder auch nicht ? Die Trainerhand muß Gefühl für die nur minimal erwärmte Sehne haben, um dem Pferd die notwendige Pause zu verordnen. Galopptraining und -rennen ist harte Auslese. Der Tierschutzgedanke setzt voraus, dass man das ungeeignete Pferde beizeiten aus dem Verkehr zieht. Das muß der Trainer sehen und wissen. Übrigens kann ein Pferd, das den extrem harten Belastungen des Rennens nicht standhält, noch viele Jahre ohne Schwierigkeiten als Turnier- oder Military-Pferd dienen. 

Vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt. Bei manchen auch den Angstschweiß. Prüfungsängste lassen oft selbst gestandene Leute zittern und stottern. Vor einer unbestechlichen Prüfungskommission muß der Trainerkandidat darlegen, daß er nicht nur beträchtliches Pferde-know-how aus seinem bisherigen reiterlichen Hobby mitbringt, sondern sich auch in die Besonderheiten des Rennsportes vertieft hat. Das Rennreglement, die Rennordnung, ist das Gesetzbuch des Rennsportes. Darin muß man wie ein Advokat zu Hause sein. 

Ein heikles Thema ist das Gewichterechnen, mit dem der Neuling große Probleme hat. Die Chance des Pferdes, im Ziel vorn zu sein, hängt vom Gewicht ab, das es schleppen muß. Darum bürdet die Ausschreibung dem erfolgsgewohnten Pferd ein paar Kilo mehr auf als dem grünen. Sonst stünde ja der Sieger schon vor dem Start fest. Dieses Mehrgewicht kann sich - je nach Ausschreibung - an der bisherigen Gewinnsumme, der Zahl der Siege oder Plazierungen, dem Alter des Pferdes und dem Geschlecht ausrichten. Auch umgekehrt, ein Gewichtsnachlass für bisher ausgebliebene Erfolge ist denkbar. Verrechnet der Trainer sich, geht der Sieg am grünen Tisch wieder verloren. Und betrogen ist dann auch das wettende Publikum, das ganz wesentlich zur Finanzierung der Rennen beiträgt. 

Großen Raum in der Prüfung nimmt alles ein, was zum Wohlbefinden der Pferde beiträgt: Haltung, Fütterung, Hufbeschlag, Tiergesundheit. Nur gesunde Pferde können Rennen gewinnen. Und Besitzertrainer hängen an ihren Pferden. 

Ziel der strengen Prüfung ist es, die Spreu vom Weizen zu trennen. Der Rennsport freut sich über jeden neuen Aktiven, der zu den schnellen Pferden findet. Aber Sicherheit wird groß geschrieben. Ein schlecht geschulter Möchtegern-Trainer bringt nicht nur das ganze Geschehen, von dem ja viele Berufstätige leben müssen, durcheinander, er gefährdet auch das Leben der Pferde und Reiter. Im Rennen geht das Lot von manchmal 20 Pferden mit gut 60 km/h Bügel an Bügel, Nase an Nase, auf die Reise. Jeder möchte im entscheidenden Moment vorn sein, jeder sucht den kürzesten Weg, manchmal auch den besten. Ein schlecht vorbereitetes Pferd, mangelhaftes Sattelzeug, falsche Sattelung, das sind die Gefahren. Ein Sturz inmitten des dahinstürmenden Pulks ist alles andere als lustig. 

Um den Prüfling nicht unvorbereitet vor seine strengen Richter zu setzen, steht vor der Prüfung ein gründlicher Vorbereitungskurs. Erfahrene Berufstrainer, erfolgreiche Jockeys, Tierärzte, Fütterungsexperten, Rennleitungsmitglieder geben ihre Erfahrungen weiter. Selbst Steuer-, Arbeits- und Versicherungsrecht muß der Kandidat pauken. Hat er schließlich alle Hürden mit Erfolg genommen, dann kann er den eingefleischten Profis selbst das Derby streitig machen - wenn er ein Pferd danach hat, und das Selbstvertrauen, sich mit der Elite eines Pferdejahrganges zu messen. 

Mit der Besitzertrainerprüfung ist - nach drei bis vier Jahren aktiver Beteiligung am Rennsport - auch das Tor zu einer neuen beruflichen Karriere offen. Der Besitzertrainer kann den Sprung zum Berufstrainer oder Pferdewirtschaftsmeister wagen. 

"Basispferde" nennen die Besitzertrainer ihre vierbeinigen Freunde und rechnen vor, dass auf dieser Basis der Galopprennsport sein sicheres Fundament hat. Die großen Cracks setzen die Highlights und sind das Salz in der Suppe, wie der Sechser im Lotto. Eine tragbare Finanzierung der Rennveranstaltungen ist jedoch ohne die Rennen und die Pferde am Fuße der Leistungspyramide nicht vorstellbar. Das Durchschnittspferd gibt sich auch mit einer geringeren Siegdotierung zufrieden, die allein aus dem Nettoertrag des Wettumsatzes aufgebracht werden kann. Und manch Durchschnittspferd, das in den großen Erfolgsställen unter "ferner liefen" wenig beachtet wurde, fand im Besitzertrainer einen dankbaren Käufer, der unter den für dieses Pferd passenden Rennen eine geschickte Auswahl trifft. 

Rund 300 Besitzertrainer in Deutschland haben den Sprung gewagt und trainieren selbst. Nicht weil es billiger ist, als beim Berufstrainer, sondern weil ihnen die Arbeit am und mit dem Pferd wichtiger ist, als die Siegprämie. Wenn man aber täglich seinen Liebling in die Geheimnisse des schnellen Laufens eingeweiht hat, dann fühlt man sich natürlich gekrönt und bestätigt, wenn man ihn von zwei Schimmeln umrahmt als Sieger vom Geläuf führen darf.