Die Schilddrüse, das Fluchtorgan

Von Hans-Heinrich Jörgensen

Als unser Ur-Ur-Ur-Ahn sich gerade auf die Hinterbeine erhoben hatte und durch die Savanne schlich, waren ihm zwei Gefahren ständig auf den Fersen. Die erste: er drohte zu verhungern, weil er nur hier und dort etwas Essbares fand. Die zweite: er bewahrte ein hungriges Raubtier vor dem Verhungern, weil er nicht schnell genug die Flucht ergriff, als dieses ihn für essbar befand. Der zweiten Gefahr nach Möglichkeit zu entgehen schaffte er mit Hilfe seiner Schilddrüse.

Glücklich, ein lukullisches Mittagsmahl gefunden zu haben, hockte er gut versteckt, auf dass niemand ihm die knappe Mahlzeit streitig machen konnte, im dichten Unterholz und verspeiste genüsslich einen Engerling und zwei gefundene wilde Walderdbeeren. Sein vegetatives Nervensystem war voll auf Erholung, Ruhe, Entspannung, Nahrungsaufnahme und Wiederaufbau eingestellt. Magen, Leber und Bauchspeicheldrüse waren gut durchblutet um das karge Mahl optimal zu verdauen.

Plötzlich teilt sich das Gebüsch und ein Löwe schaut in Ur-Ahns Esszimmer, weniger am Engerling interessiert als vielmehr an unserem ganzen Vorfahren. Dessen Schilddrüse, das Fluchtorgan, schaltet wie mit einem großen Kipphebel das vegetative Nervensystem um, auf Gefahr und Flucht. Das Herz beginnt zu jagen, der Blutdruck schnellt in die Höhe, das Blut schießt in den Kopf um schnell den rettenden Baum zu erkennen und in die Beine um den Baum auch vor dem Löwen zu erreichen. Aus allen Speichern werden verbrennungsfähige Energieträger ausgeschüttet, um den Spurt mit höchstmöglicher Power zu schaffen.

Heute schaut kein Löwe mehr auf unseren Esstisch, sondern es liegt ein ärgerlicher Brief in der Post „Zahlen Sie bis zum…“, oder ein langes blondes Haar am Revers Ihres Mannes irritiert Sie, wo Sie doch pechschwarze Haare haben. Die Gefahr, die uns erschreckt, hat sich geändert, die Reaktion ist die gleiche geblieben. Der Kipphebel wird umgelegt, das Herz beginnt zu jagen, der Blutdruck … siehe oben! Nur: wir spurten nicht, wir fressen die Angst in uns hinein, der Blutdruck braucht lange, um sich wieder zu beruhigen, die verbrennungsfähigen Substanzen werden nicht verbrannt, sie lagern sich in den Gefäßen ab und erzeugen, wenn das Spiel zu oft stattfindet, unter anderem die gefürchtete Arteriensklerose.

Das beste Rezept, diesen stressbedingten Kreislaufschäden zu begegnen, heißt darum auch: das Essen stehen lassen, den Mantel anziehen und forschen Schrittes um den Block marschieren, bis das Vegetativum uns signalisiert: „Keine akute Gefahr mehr!“.

Den rettenden Signalschub schafft die Schilddrüse mit Hilfe ihrer Hormone. Weil das alles ganz schnell gehen muss, gehört sie zu jenen Organen, die ganz stark durchblutet sind. Alles Blut des Menschen wird in anderthalb Stunden mindestens einmal durch die Schilddrüse geschleust. Und damit bei drohender Gefahr der Tank nicht plötzlich leer ist, beherbergt die Schilddrüse einen Hormonvorrat für acht Wochen Wachsamkeit. Die Bestimmung der Schilddrüsenhormone im Blut ist einfach, die Interpretation der Ergebnisse nicht so ganz. Drei Werte finden Sie in jedem Laborbericht: TSH, T4 und T3. Beginnen wir mit dem Letzteren, weil das die eigentlich wirksame Form ist,

T3, ausgeschrieben Triiodthyronin führt 3 Jod-Atome mit sich, darum Tri-iod-thyronin, und weil Jod inzwischen international Iod heißt, werden wir uns im weiteren Text auch daran halten. Als normal gilt 0,9 – 1,8 mcg/L, das heißt Mikrogramm per Liter. Man muss aber genau hinsehen, denn wirklich wirksam ist nur etwa ein Tausendstel davon, das „freie T3“, mit einem Normalwert von 3,5 – 8 ng/L oder pg/ml. Picogramm per Milliliter entspricht hinsichtlich der Konzentration der von Naturwissenschaftlern so gern verlachten homöopathischen D12. Wir haben darum guten Grund, mit den biochemischen Ergänzungsmitteln Nr. 15 (Kalium iodatum) und Nr. 24 (Arsenum iodatum) sehr vorsichtig umzugehen.

T3 wird aus der Vorstufe T4 mit 4 Iod-Atomen gebildet, darum Tetraiodthyronin (normal 55 – 110 mcg/L, freies 8 – 18 ng/L). Das ist auch die Form, in der Schilddrüsenhormone üblicherweise als Medikament gegeben werden, dann heißt es L-Thyroxin und ist in Tabletten von 25 bis zu 200 mcg, immer in 25-mcg-Schritten, im Handel. Dazu später mehr.

Eine Schlüsselrolle spielt das TSH, zu Deutsch Thyreodea stimulierendes Hormon. Das ist ein Botenhormon der Hirnanhangdrüse, die wie der Name sagt, unter dem Gehirn hängt und ständig den Blutspiegel aller Hormone kontrolliert. Stellt sie fest, dass irgendein Hormon zu wenig produziert wird, schickt sie ein Botenhormon zu der zuständigen Drüse, in diesem Fall das TSH zur Schilddrüse, das den Auftrag überbringt „Liebe Schilddrüse, produziere bitte mehr T4 und T3!“ – Wird nun wegen einer Schilddrüsenunterfunktion das Medikament L-Thyroxin, also T4, gegeben, registriert die Hirnanhangdrüse einen normalen oder gar erhöhten Spiegel und schickt kein Botenhormon TSH mehr aus. Das Signal, mehr zu arbeiten, bleibt aus, die ohnehin zu träge Schilddrüse wird noch träger. Als Rebound-Effekt bezeichnet man diesen Effekt, der für alle Hormontherapien Geltung hat. Hormone sollte man darum auch nur dann von außen ersetzen, wenn es gar nicht anders geht, weil eine Drüse völlig versagt. Therapeutisch wird dieser Rebound-Effekt darum auch bei der Überfunktion genutzt, so paradox das klingen mag, das gleiche Medikament wird bei der Unter- und Überfunktion gegeben. Am Rande: das ist der Grund, warum wir mit der jahrelang hoch gepriesenen Östrogentherapie die klimakterischen Beschwerden nicht gelöst sondern festgezimmert haben.

Nun hat die kleine Hirnanhangdrüse ein Problem, sie erzeugt mehrere Botenhormone jeweils in den gleichen Zellen, zum Beispiel neben dem TSH in den gleichen Zellen auch das FSH, das Follikel- und Samen stimulierende Hormon. Dieses Botenhormon zielt auf die Keimdrüsen mit dem Befehl: “Hier oben kommt nicht genug Östrogen an – bitte mehr produzieren!“ – Es gibt aber zwei Zeiten im Leben einer Frau, in denen die Eierstöcke diesem Befehl nicht gehorchen können: in der Pubertät, in der sie noch nicht so ganz können, und im Klimakterium, in dem sie nicht mehr so ganz können. Diesen Ungehorsam quittiert die Hirnanhangdrüse mit immer heftigerem Aussenden des FSH, dabei vergrößern sich die fleißigen Zellen und erzeugen ganz nebenbei auch mehr TSH. Und die Schilddrüse des Teenagers und der Wechseljahrs-Frau gehorcht. Darum nehmen in diesen Lebensphasen die Schilddrüsenerkrankungen, oder besser Schilddrüsen-Diagnosen, auch zu. Streng genommen sind die typischen Wechseljahrsbeschwerden ja auch keine Östrogenmangel-Symptome sondern Schilddrüsen-Überfunktions-Symptome: Angstgefühl, Depressionen, Blutwallungen, Schweißausbrüche, Herzjagen…

Der Vollständigkeit halber hier der Normalwert des TSH: 0,2 bis 3,1 mcU/ml, Neugeborene sogar bis zu 20 mcU/ml.

Welche Funktionsstörungen und Krankheiten der Schilddrüse machen uns denn zu schaffen?

Da ist in erster Linie die Struma zu nennen, eine Vergrößerung der Schilddrüse, die von einer leichten Schwellung bis zum entstellenden Kropf reichen kann. Sie entsteht sowohl bei der Über- wie Unterfunktion und vor allem bei einem Iodmangel. Die kühne Behauptung, ganz Deutschland sei ein Iodmangelgebiet und wäre gut beraten, iodiertes Speisesalz zu verwenden, ist schwer nachvollziehbar. Zumindest in der norddeutschen Küstennähe führt ein übermäßiger Iodverzehr eher zur „vegetativen Dystonie“, denn Iod ist ein Halogen, das nicht nur gegessen, sondern auch eingeatmet wird. Die Nordseeluft führt reichlich Iod mit sich. Geht die Struma nach außen, dann „platzt mir der Kragen“, geht sie nach innen, denkt der Patient zunächst oft an eine Bronchitis, weil er immer hüsteln muss, vor allem bei Aufregung. Dieses Hüsteln ist aber ein Räuspern, das den Kloß im Halse nicht weg bringt.

Die echte Unterfunktion oder Hypothyreose führt zu einem deutlich verlangsamten Stoffwechsel, bei Kindern – unerkannt – auch zu Entwicklungsstörungen, Myxoedem genannt. Bei Neugeborenen fällt die teigige Haut und große Zunge auf, und der Säugling ist besonders „brav“.

Die Überfunktion macht sich durch Unruhe, Schwitzen, Gewichtsabnahme und Herzrasen bemerkbar. Als Morbus Basedow, nach dem Erstbeschreiber benannt, mit den hervorquellenden Augäpfeln, bekommt man diese Form dank der Hormondiagnostik heute kaum noch zu Gesicht.

Stellt der Arzt Knoten in der Schilddrüse fest, bricht oft Panik aus. Der „heiße“ Knoten mit einer Überfunktion ist gutartig, und der „kalte“ fast immer auch. Nur vereinzelt versteckt sich dahinter ein bösartiger Tumor.

Zur beliebten, aber oft voreiligen und falschen Diagnose ist der Morbus Hashimoto geraten, ebenfalls nach seinem japanischen Entdecker benannt. Das ist eine Autoimmun-Krankheit, die in allen Formen, mild bis schwer, mit Unterfunktion, zu Beginn auch Überfunktion, mit Vergrößerung und Verkleinerung einhergehen kann, letztlich aber auf ein Versagen der Schilddrüse hinausläuft – wenn die Diagnose richtig ist.

Zur Diagnostik reicht die TSH-Bestimmung nicht, es müssen spezifische Antikörper bestimmt werden, ein Sonogramm oder Szintigramm ist erforderlich, und als gesichert kann die Diagnose erst nach einer Punktion gelten. Therapeutisch kommen hier die Schilddrüsenhormone Thyroxin in Frage, auf keinen Fall aber zusätzlich Iod. Auch das derzeit ungemein hochgejubelte, wenngleich ebenso hochtoxische Spuren-Element Selen gilt nicht als allgemein anerkannt.

Droht denn der Kropf den Krawattenknoten zu verdecken, stellt sich natürlich die Frage nach der Operation oder Radioiod-Therapie. Bei Letzterem wird dem Patienten radioaktiv markiertes Iod verabreicht, das spornstreichs in die Schilddrüse wandert und dort durch seine Strahlung das Gewebe zerstört. Und bei der Operation wird weggeschnitten, was überflüssig erscheint. Da die Schilddrüse neben ihrer Fluchtfunktion auch noch den Calciumstoffwechsel mit eigenen Hormonen und den Hormonen der in ihr versteckten Nebenschilddrüse steuert, gibt es nach beiden Behandlungen neue Probleme: der Calciumspiegel im Blut muss kontrolliert und g.F. ergänzt werden.

Worauf weder Ärzte noch Apotheker hinweisen: L-Thyroxin sollte nie direkt zum Essen oder zusammen mit Calcium-Präparaten genommen werden. Wenn nicht mindestens eine Stunde Abstand dazwischen liegt, stimmt die Medikation hinten und vorne nicht.

Neben dem Thyroxin, das sich schulmedizinisch sowohl bei der Unter- wie Überfunktion durchgesetzt hat, gibt es einige Medikamente, die den Schilddrüsenstoffwechsel durch Unterbindung des Iodtransportes und Einbaus unmittelbar hemmen. Auch hohe Dosen Iod tun das, so dass allzu eifrige Desinfektion während der Geburt zur Unterfunktion beim Säugling führen kann.

Die Naturheilkunde bietet als Alternative die Pflanze Wolfstrapp (Lycopus) an und alles, was aus dem Meer kommt, also viel Iod enthält, z.B. Seetang oder Algen, ebenso biochemische oder homöopathische Iodverbindungen. Hier ist aber die hohe Kunst der Homöopathie gefragt. Man sollte schon sehr gut wissen, ob man Iod ergänzen will, oder nach der Hahnemann-Regel „Ähnliches mit Ähnlichem“ genau das Gegenteil erreichen will.

Erfahrene Neuraltherapeuten verzeichnen auch Erfolge mit winzigen Procain-Injektionen an oder in die Schilddrüse.

Und das allerwichtigste Therapeutikum haben Sie selbst in der Hand: schicken Sie Ihre Emotionen, Ihre Ängste, Ihre Panikattaken stets durch das Filter des Verstandes. Machen Sie sich deutlich, dass der Amtsbrief in der Morgenpost kein Löwe ist. der Sie fressen will, dass „nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht ist“, und dass man auf Ärgernisse nicht mit Weglaufen reagieren kann, sondern mit dem Kopfe. Wenn Sie sich nicht unnötig bangemachen lassen, dann springt Ihr Fluchtorgan auch nicht so oft und so heftig an.