Altern ist keine Krankheit

 Möglichst alt werden ohne dabei zu altern – ein weit verbreiteter und vielleicht auch verständlicher Wunsch, mit dessen Verheißung trefflich Geschäfte gemacht werden. Die meisten teuer erkauften Hoffnungen bleiben jedoch Schall und Rauch. Es ist richtig, die durchschnittliche Lebenserwartung ist von Jahrzehnt zu Jahrzehnt gestiegen, aber nicht etwa, weil die individuelle und auch genetisch bedingte Lebenserwartung des einzelnen gestiegen ist, sondern weil wir die Kindersterblichkeit in den Griff bekommen haben und nicht mehr durch Seuchen und Kriege hinweggerafft werden. 


Die Angst zu altern beginnt vor dem Spiegel, in dem man plötzlich die ersten Fältchen im Gesicht entdeckt, die davon künden, dass aus dem Teenager eine Persönlichkeit geworden ist. Das ist weder ein Grund zur Panik, noch ist es nötig, die Fältchen mit abenteuerlichen Salben und Tinkturen wegzuschmieren. Je mehr Elastizität der Haut versprochen wird, desto durchlässiger und damit allergieanfällig wird sie auch. Der Preis der Wundermittel wird weniger von den Inhaltsstoffen bestimmt, als von der Verpackung und dem Namen des Herstellers. Zum Wahnwitz artet der Schönheitsdrang aus, wenn man sich ein Lebensmittelgift unter die Haut spritzen lasst, dass die Nerven lähmt. Man kann dann nicht mehr die Stirn in zornige Falten legen und behält ein simples nichtssagendes Teenagergesicht. An anderer Stelle habe ich einmal geschrieben: „Ich liebe die freundlichen Lachfältchen meiner Frau – und auch die Sorgenfalten, an denen ich sicher nicht immer ganz unschuldig war.“

Die nächste Panikattake kommt dann, wenn Schweißausbrüche und Hitzewallungen signalisieren, dass es nicht mehr ganz sinnvoll erscheint, mit der Aufzucht der Nachzucht nun noch zu beginnen. Das Fruchtbarkeitshormon Östrogen geht in den Keller und die von diesem Hormon geprägten sekundären Geschlechtsmerkmale nehmen andere Formen an. Die Angst, der Ehemann könne sich dann einer jüngeren noch fruchtbaren Frau zuwenden, hat weniger mit deren Fruchtbarkeit zu tun, als mit der Tatsache, dass die jüngere noch nie seine Soccken waschen musste und ihn uneingeschränkt anhimmelte. Tun Sie’s doch auch! Den physiologischen Wechsel in einen anderen Lebensabschnitt mit Hilfe von Hormonpflastern vor sich herzuschieben, stiftet mehr Schaden als Nutzen. Und das süße Locken der Kirschen in Nachbars Garten verblasst schnell. Wenn nicht, sollten Sie sich fragen, ob er es denn wert ist.

Über viele Jahre haben wir dem Östrogen zudem eine der Osteoporose vorbeugende Wirkung zugeschrieben. Die ist zwar nur minimal, aber um eine belegbare Indikation für die Verordnung von Östrogen zu schaffen, werden jeder klimakterischen Frau inzwischen Knochendichtemessungen angeboten. Die Aussagekraft einer solchen Messung ähnelt dem Kaffeesatzlesen, denn den Standardwert, an dem sich die Diagnose orientiert, gibt es überhaupt nicht. Mit Sicherheit hat der Schmiedemeister eine andere Knochendichte, als ein Bürohänfling. Und weil sich herumgesprochen hat, dass Östrogen kreislaufschädlich ist, wären die teuren Knochendichte-Apparate nutzlos, wenn man nicht flugs ein neues Medikament im Angebot hätte: Biphosphonate, die ursprünglich zur Festsigung des Knochens bei Knochenkrebs gedacht waren, haben sich die Osteoporose erobert. Sie verhindern den Calciumabbau, allerdings auch den Calciumeinbau und legen den Knochenstoffwechsel weitgehend tot. Dass sie die Speiseröhre verätzen und sogar Speiseröhrenkrebs verursachen, steht der breiten Verordnung nicht im Wege.

Nun beginnt auch die Zeit, in der sich der Rücken meldet, oder die Hüfte, die Schulter, die Knie…Das kollagene Bindegewebe, also Bandscheiben, Gelenkknorpel, Sehnen, Bänder, Kapseln, verliert an Elastizität, ist besonders nach längerer Ruhepause auch schmerzhaft und weist röntgenologisch nicht selten „Verschleiß“ auf. Hier kann in der Tat Silicea hilfreich sein. In der Schüßlerschen Biochemie, in der Homöopathie, in der Anthroposophie und auch in der Pflanzenheilkunde zeichnen sich allkePflanzen, die wir mit solchen Indikationen anwenden, durch einen extrem hohen Silicea-Gehalt aus.

Arthrosen haben nichts mit „Rheuma“ zu tun. Darum sind so genannte Antirheumatika und Schmerzmittel auch fehl am Platze. Sie betäuben für kurze Zeit den Schmerz, verschlechtern dauerhaft aber die Struktur des Bindegewebes. Auch die Gicht ist etwas anderes und bedarf nur dann einer Behandlung, wenn der Harnsäurespiegel im Blut weit über der Norm liegt, wohlgemerkt: weit!

Über den Blutdruck und den Cholesterinspiegel habe ich mich oft genug ausgelassen. Dass der Blutdruck steigt, wenn Ärger und Gefahr mich in Fluchtbereitschaft versetzt, ist normal und sinnvoll und bedarf keiner Behandlung. Ist er dauerhaft hoch, genügt es nicht, ihn zu senken, es gilt die Ursache zu finden und zu beseitigen. Nur allzu leicht wird ein über Gebühr gesenkter Blutdruck mit einer Depression verwechselt. Zeigt das Herz erste Erschöpfungserscheinungen traut sich niemand mehr, es zu fordern und zu fördern. Mit Betablockern, Calciumantagonisten, Entwässerungsmitteln und Blutdrucksenkern wird das Herz geschont, anstatt es zu kräftigen und instand zu setzen, seine Arbeit wieder ordentlich zu erledigen. Das Herz schlägt nicht um seiner selbst willen, sondern um genügend Blut ins Gehirn und in den großen Zeh zu pumpen.