Hans-Heinrich Jörgensen

Die Mär vom vielen Trinken


Durch den naturheilkundlichen Blätterwald rauscht die Empfehlung: Trinken, trinken, trinken… je mehr, desto besser. Meine Töchter, wenn sie anderer Meinung sind als ich, sticheln darum auch gern „Papa, alte Menschen müssen viel trinken!“ - während mein Arzt nach jeder Blutuntersuchung drängt, ich solle doch endlich mit dem Trinken aufhören. Doch Spaß beiseite: was hat es mit dem Trinken wirklich auf sich?


Schon die immer wieder kolportierte Einleitung, der Mensch bestehe zu 70 % aus Wasser, ist falsch. Im Fettgewebe ist der Wasseranteil nur gering, so dass Übergewichtige deutlich weniger Wasser enthalten, teils unter 50 %. Aber für die Frage, wie viel man denn täglich trinken muss, ist das ohne Bedeutung. Auch ist es sinnlos, die Trinkmenge an der ausgeschiedenen Flüssigkeitsmenge festzumachen. Wer viel trinkt, scheidet auch viel aus. Richtig ist, dass der Mensch, der nicht schon im Zustand geistiger Verwirrung dahinsiecht, über ein natürliches Signal verfügt, das ihn zum Trinken animiert: den Durst.


Den aber kann man übertölpeln. Wer über Gebühr trinkt, weil er der Drei-Liter-Empfehlung auf dem bedruckten Papier kritiklos Glauben schenkt, bringt den Flüssigkeitshaushalt hoffnungslos durcheinander, bis er schließlich die falschen Signale setzt. Dazu muss man wissen, dass zwischen dem Zellinneren und der die Körperzellen umspülenden Außenflüssigkeit ein sorgsam ausgewogenes Verhältnis jener Mineralien herrscht, die den Wasserhaushalt steuern, und die Dr. Schüßler als Funktionsmittel bezeichnete. Osmose nennt man die Wasserbewegung, die schon durch winzige Verschiebungen in diesem Gleichgewicht zustande kommt.


Es zeugt schon von einer gehörigen Portion Arroganz, zu meinen mit Uhr und Wasserflasche könne man das besser steuern als es der Bauplan der Natur tut. Dass der Schiffbrüchige mit dem salzigen Meerwasser dieses Mineral- oder Elektrolyt-Gleichgewicht tödlich stört, weiß inzwischen jeder. Das viele Natrium zieht Wasser aus der Zelle heraus und führt schnell zur Austrocknung. Trinkt man hingegen natriumarmes Wasser oder auch Fruchtsäfte, tritt das Gegenteil ein. Man verdünnt man die Extrazellulär-Flüssigkeit, und das Zellinnere zieht zum Konzentrationsausgleich vermehrt Wasser an sich, bis hin zum „Ertrinken“ der Zelle. Wasser-Intoxikation nennt man das. Und das Fatale dabei ist, dass dieses nun extrazellulär fehlende Wasser sich durch verstärkten Durst bemerkbar macht – ein Teufelskreis, der zu völlig falschen Schlüssen und Diagnosen führt.


Anders ist das bei sehr alten Menschen, deren ablaufende Lebensuhr eine Vitalfunktion nach der anderen abstellt, was wir wiederum nicht hinzunehmen bereit sind. Zu den Dienstpflichten des Pflegepersonals in Altenheimen gehört darum auch das genaue Protokollieren der Trink- und Essmengen. Auch die Angehörigen drängen darauf. Schließlich will man ja „Oma nicht verdursten lassen“. Nur: durstet Oma überhaupt? Und wenn sie schon keinen Durst hat, kann sie dann verdursten? Ist dieses Nachlassen des Durstgefühls nicht vielleicht auch eine besonders barmherzige Art, die Zellen eintrocknen zu lassen, schmerz- und leid-unempfindlich zu machen, um einen sanften Übergang in eine andere Welt zu ermöglichen?


Niemand weiß wirklich, wie ein Sterbender das Endstadium erlebt. Wir tun so viel, um das Leben zu verlängern, verlängern aber in Wirklichkeit oft nur das Sterben. Ich für meinen Teil wünsche mir, wenn ich wegen Siechtums nicht mehr von mir aus nach Essen und Trinken verlange, dass man mich in Ruhe gehen lässt – ohne Schnabeltasse, ohne Infusionen, ohne Magensonde.

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