Hans-Heinrich Jörgensen 
Die Prostata – erst Lust, dann Last

(erschienen in "Der Naturarzt" Dezember 2008)

 

Erst kommt die Lust, denn das ist ihre ureigenste Aufgabe. Schließlich wurde uns die Prostata nicht mit auf den Weg gegeben, um uns mit Krebsangst und der Altherrenkrankheit zu ärgern, sondern um den Erhalt der Art zu sichern. Und ohne Lust würden wir uns der äußerst anstrengenden und folgenschweren Beschäftigung des Kinderzeugens sicher nicht immer wieder unterziehen. Jenes Sekret, das den männlichen Samenzellen Beweglichkeit, Nahrung und Überleben beschert, und das diese dann mit Schwung auf den gefährlichen und beschwerlichen Weg zu ihrem Ziel, den hoffnungsvoll wartenden weiblichen Eizellen, schickt, wird in der Prostata erzeugt, gespeichert und schließlich mit eindrucksvollen Lustgefühlen ausgeschleudert.

Und da der Penis sich nicht nur zum Wasserlassen eignet, sondern auch trefflich zum Zielen auf dieses Ziel, sitzt die Prostata unmittelbar am Blasenausgang mit direkter Mündung in die Harnröhre. Unmittelbar darunter sitzt noch die kleine Cowpersche Drüse, die bei entsprechender Signalgebung den Vorschleim erzeugt. Diese manchmal sehr individuell geprägte Signalwahrnehmung löst dann auch über Nervenzentren im Rückenmark und auch in der Prostata die Versteifung des Gliedes aus, was uns nachdenken lässt, ob „pro stata“ nun vorstehen heißt oder für’s Stehen.

Man kann sie vom Darm her ertasten, was diagnostisch genutzt wird. Man kann sie dabei aber auch reizen, in manchen Gegenden der Welt als Tantrismus gepflegt. Jede Reizung der Prostata, ob durch den diagnostischen Finger, den Fahrradsattel, eine Entzündung, durch Krebs oder eine Ejakulation, lässt sie vermehrt ein Enzym, das prostataspezifische Antigen (PSA), erzeugen. Dieses PSA wird zur Früherkennung von Prostatakrebs benutzt. Dabei muss man sich aber immer der obigen Fehlerquellen bewusst sein. 

In jungen Jahren ist sie kastaniengroß, besteht aus 30 bis 40 in Muskel- und Bindegewebe eingelagerte Einzeldrüsen, diese wiederum aus unzähligen kleinen Röhrchen für das Ejakulat, das außerordentlich mineralreich ist. Neben Natrium, Kalium und Magnesium enthält es auch reichlich Zink, was für die Beweglichkeit der Spermien wichtig ist. Manche Ehe blieb unfruchtbar, weil die Spermienbeweglichkeit aufgrund eines Zinkmangels nicht ausreichte. Und schließlich enthält es das Enzym Spermin mit seinem typischen Geruch, der schon manchen Überstundenmacher beim Heimkommen entlarvt hat.

Übrigens: auch Frauen haben eine Prostata. Die unmittelbar neben der Harnröhrenmündung im Scheidengewölbe liegende Para-Urethraldrüse heißt heute in der internationalen Nomenklatur Prostata femina und ist identisch mit dem berüchtigten „G-Punkt“, der bei Berührung ungeheure Lust vermitteln soll. Die Prostata femina kann auch ejakulieren, das ist kein unwillkürlicher Harnabgang, wie manche Frau erschreckt meint.  

Damit die Wechseljahre der Frau mit all ihren Beschwerden nicht allzu sehr als ungerecht empfunden werden, beschert die Natur dem Manne die BPH, die benigne Prostata-Hyperplasie, zu Deutsch gutartige Prostata-Vergrößerung. Je größer die Drüse wird, desto kleiner wird das Fassungsvermögen der Blase und desto enger wird der Durchlass für den abfließenden Urin. Den ersten Preis beim Knabenspiel, wer wohl die Blechwand am höchsten oder am lautesten trifft, wird man nicht mehr gewinnen. Irgendwann trifft man nur noch die Stiefelspitzen, was Putzfrauen zu vielerlei Wunschzetteln im Herren-WC inspiriert. Irgendwann werden dann der Harndrang und das Tröpfeln statt eines Strahles so lästig, dass man beginnt, der viel versprechenden Fernsehwerbung „Harndrang?“ Aufmerksamkeit zu schenken. Kein ICE der Deutschen Bahn ohne das gleichlautende Plakat, woraus man auf die Alterstruktur der ICE-Nutzer schließen kann.

Wenn dann die Blasenentleerung so unvollständig ist, dass sich im Restharn Bakterien ausbreiten, landet man beim Urologen, der digital (mit dem Finger) untersucht, mit Ultraschall von der Bauchdecke oder auch vom Darm her, der das Blut auf den PSA-Spiegel hin kontrolliert, und mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit zur Stanzbiopsie raten wird.  

Auch ohne jegliche Beschwerden raten die Krankenkassen – und bezahlen das sogar – dass sich doch jeder Mann ab 45 Jahren vorsorglich dem Urologen vorstellen möge, um mögliche bösartige Veränderungen so früh wie möglich zu erkennen. Das klingt einleuchtend. Kritische Stimmen warnen jedoch, dass durch ein solch flächendeckendes Screening aller Männer „ein Tsunami an Prostatakrebsen“ über uns herein brechen würde. Nicht jeder entdeckte Krebs sei wirklich operationsbedürftig. Je älter der Mann, desto größer die Wahrscheinlichkeit, bei ihm einen Krebs zu entdecken, mit dem er irgendwann stirbt, aber nicht durch ihn. Der Schaden durch falsch positive Befunde oder zu eifrige Therapien sei größer als der Nutzen. 

Die Stanzbiopsie liefert zwar sehr präzise Befunde über das Ausmaß und den Bösartigkeitsgrad eines Krebses, aber der verstorbene Julius Hackethal warnte wegen der Gefahr der Metastasenausstreu  immer wieder eindringlich davor, in einen möglichen Tumor zu stechen. Zum PSA-Test titelte die „Zeit“ am 14.8.2008 nicht zuletzt wegen der oben erwähnten Fehlerquellen „Test oder Tombola?“   

Aber jeder kennt einen, der einen kennt, der am Prostatakrebs gestorben ist. Die Entscheidung zwischen intensiver Früherkennungsfahndung und „watchfull waiting“, beobachtendes Abwarten, muss darum auch jeder für sich allein treffen.

Selbst wenn man frei von Krebsangst ist bleibt das Ärgernis der gutartigen Vergrößerung, die einen fünfmal pro Nacht aus dem Bett treibt. Die Suche nach einer hilfreichen Therapie beginnt mit der Frage nach dem Wesen und der Ursache der Vergrößerung. Es ist kein Adenom, wie man lange annahm, auch keine Vergrößerung der Kapsel auf Kosten des eigentlichen Drüsengewebes, es ist das Drüsengewebe selbst, das sich vergrößert. Diese unendlich vielen Röhrchen und Kanäle, die ständig Ejakulat erzeugen, es aber leider mit zunehmendem Alter nicht mehr so oft – manchmal auch gar nicht mehr – ausschleudern. Daraus resultiert auch jene meist schamvoll verschwiegene Therapieempfehlung, die Prostata öfter an ihre ureigenste Aufgabe zu erinnern, nämlich zu ejakulieren. Und das eher täglich als quartalsweise.

Die meisten setzen eher auf Medikamente, denen wir zutrauen, jede Unbill des Lebens zu beheben. Zwei Ansatzpunkte gibt es da aber leider nur, der eine: den Schließmuskel der Blase erschlaffen lassen, indem man die dort sitzenden alpha-Rezeptoren ausbremst, in der Hoffnung, dass dann der Urin besser abfließt. Darum sind Medikamente gegen den niedrigen Blutdruck, mit denen die alpha-Rezeptoren in den Venen angeregt werden, um so den Blutdruck zu steigern, bei der BPH auch fehl am Platze. Umgekehrt können sie jedoch bei der inkontinenten Frau hilfreich sein. Nur wird der Harnfluss ja nicht durch einen verkrampften Schließmuskel behindert, sondern durch die vergrößerte Prostata. 

Setzt man doch auf die Alpha-Rezeptoren-Antagonisten, ist zu bedenken, dass die den Blutdruck senken, zusammen mit anderen Blutdrucksenkern manchmal gefährlich weit.

Auf die vergrößerte Prostata zielt hingegen der 5-alpha-Reduktase-Hemmer, eine Substanz, die die Umwandlung von Testosteron in das erst wirksame Dihydrotestosteron verhindert, also das typisch männliche Hormon unterbindet. Davon erhofft man sich eine Wachstumsverzögerung der Prostata, die mit viel Optimismus allerdings erst nach Monaten eintritt – wenn überhaupt. 

Die Leser des „Naturarztes“ möchten aber lieber etwas Pflanzliches. Der Markt bietet ein breites Spektrum: Kürbiskerne, Sägezahnpalme, Brennnessel, Roggenpollen und Mischungen aus allen. Etwa ein Viertel aller gekauften Prostata-Medikamente gehören diesem Sektor an, eine sinnvolle Ergänzung für den, der die Naturmedizin den synthetischen Produkten vorzieht. Die Angriffspunkte sind jedoch mit wenigen Ausnahmen die gleichen. Einige Pflanzen greifen mit ihren Inhaltsstoffen in die Hormonumwandlung ein, andere lassen den Schließmuskel erschlaffen und manche tun sogar beides. 

Hinzu kommt bei einigen Produkten ein gewisser entzündungshemmender oder das Immunsystem stimulierender Effekt, der vor allem bei der bakteriellen Infektion des Restharnes hilfreich sein kann. Das gilt auch für die Schüßler-Salze Ferrum phosphoricum (Nr.3) und Zincum chloratum (Nr.21). Die Prostata ist das Körperorgan mit dem höchsten Zinkgehalt. Schon darum würde ich immer – auch prophylaktisch – für eine ausreichende Zinkversorgung plädieren.

Auch über die Verhaltensweise lässt sich das Wasserlassen erleichtern. Faustregel: nie die Blase zu voll werden lassen. Dann lässt die Kontraktionskraft des Blasenmuskels nach und der verschließende Druck der Prostata zu. Also auch wenn‘ nur noch 50 km bis nach Hause sind, lieber einmal öfter auf den Parkplatz und in die Büsche.

Und wenn denn gar nichts mehr geht stellt sich die Frage nach der Operation. Bei der BPH geht es ja nicht darum, eine Zeitbombe zu entfernen, sondern „den Weg frei zu machen“. Darum wird die Ausschälung der Prostata von der Harnröhre aus (transurethrale Prostataresektion = TURP) heute auch am häufigsten angewendet. Dabei geht auch jener Teil der Harnröhre drauf, der im Prostatabereich ohnehin nur aus Schleimhaut besteht, die sich jedoch in wenigen Tagen neu bildet. 

Mit viel Werbeaufwand umgarnen die Spezialkliniken den googelnden Patienten, der für sein gutes Stück natürlich den schonendsten Weg sucht. Konventionell „gehobelt“ verspricht es die saubersten Schnittränder. Mit Greenlight-Laser weg „geschmurgelt“ verspricht den geringsten Blutverlust. Der Erfolg hängt weniger vom Verfahren als von der Erfahrung des Urologen ab.

Die Potenz, wenn sie denn noch da ist, wird bei beiden Verfahren in der Regel nicht beeinträchtigt. Um die frischen Wunden nicht aufzusprengen, sollte allerdings für zwei Wochen auf sexuelle Betätigung verzichtet werden, auch auf’s Radfahren, Reiten, schwer heben, Autofahren oder ähnliche Belastungen.

In wenigen Fällen klagen die Patienten nun über das Gegenteil ihrer bisherigen Beschwerden: die Blase hält nach dem Eingriff nicht mehr ganz dicht, Inkontinenz. Häufigste Nebenwirkung ist die retrograde Ejakulation, bei der diese nicht mehr nach außen sondern in die Blase erfolgt. 

Geht es jedoch um eine Krebsvergrößerung, fließen viele Faktoren in den Entscheidungsprozess ein: Größe des Tumors, Grad seiner Aggressivität, Beschaffenheit der umgebenden Lymphzellen, bereits vorhandene Metastasen – aber auch die Einstellung des Patienten zu naturwissenschaftlicher oder alternativer Medizin, zur Gewichtung zwischen Lebensdauer und Lebensqualität. 

Statt oder im Gefolge einer Operation steht hier auch immer die Frage nach Chemo- und/oder Strahlentherapie im Raum. Naturheilfreunde neigen hier manchmal etwas zu dogmatisch zu einer grundsätzlichen Ablehnung, die im Ernstfall dann allerdings oft auch wieder kippt. Aber ob stattdessen oder ergänzend, alles was die Naturheilkunde zur Verbesserung der Immunkompetenz zu bieten hat, kommt in Betracht. Erfahrene und selbstkritische Naturheilkundler sprechen lieber von Komplementärmedizin statt Alternativmedizin. Jede Entscheidung sollte unter sechs Augen getroffen werden: Onkologe, Naturheilkundler und Patient, wobei das letzte Wort immer der Patient hat.

Chemotherapie ist nicht gleich Chemotherapie. Manche Tumoren werden durch das männliche Testosteron in ihrem Wachstum beschleunigt. Senkt man den Testosteronspiegel, z.B. durch Kastration oder relativ durch die Gabe weiblicher Hormone, lässt sich auch das Krebswachstum hemmen. Das macht nicht die typischen Nebenwirkungen einer zytostatischen Chemotherapie, wie Brechreiz und Haarausfall, wohl aber Hitzewallungen und Schweißausbrüche, wie bei einer klimakterischen Frau.

Jede Krebsoperation dokumentiert einen TGNM-Befund, der für die Frage der nötigen und sinnvollen Nachsorge hilfreich sein kann. T1-3 steht für die Größe des Tumors, G1-4 für seinen Aggressivitätsgrad, N12/0 (von Nodula = Knoten) besagt, dass von 12 entnommenen Lymphknoten keiner Krebszellen enthielt, und M0 oder 1 gibt Auskunft über möglicherweise bereits bekannte Metastasen. 
  
 Mit allzu eifrigen Nachuntersuchungen belasten wir den Patienten oft mehr als dass wir ihm nützen. Bei einem Befund mit N0 und M0 kann man davon ausgehen, dass wirklich kurativ (heilend) operiert wurde. Dann genügen ein oder zwei Nachuntersuchungen. Nach zwei Jahren ist das Risiko einer erneuten Erkrankung dieses Patienten nicht größer als das aller anderen Männer. Allemal sind etwas weniger Panik und etwas mehr Gelassenheit für die Lebensqualität von Nutzen.