Nierensteine
(Aufsatz in "Der Naturarzt" 2013)

von Hans-Heinrich Jörgensen

 

Nierensteine
von Hans-Heinrich Jörgensen

Nicht nur die Steinlaus, jene Loriot-Karikatur, die es sogar in Pschyrembels seriöses Medizin-Lexikon geschafft hat, ist ein Steine-Fresser, ein Lithophage, auch der Mensch. Ständig essen wir Steine, Erden und Metalle, sprich Mineralien. Ohne die gäbe es kein Transport-System, keinen Energie-Haushalt und kein Nachrichten-System in unserem Körper. 

Um Mängel an diesen lebenswichtigen Nahrungsbestandteilen zu vermeiden, hat Dr. Schüßler schon vor nun 140 Jahren die vorsichtige Ergänzung durch homöopathisch potenzierte Mineralien empfohlen, heute werden Nahrungsergänzungsmittel mit manchmal extremen Überdosierungen vermarktet.

Vor einem unvernünftigen Überangebot schützt sich der Körper auf zweierlei Wiese: ist er mit einem Mineral gut versorgt, sinkt automatisch die Resorptionsquote im Darm. Steigt dennoch der Blutspiegel  im Übermaß, scheidet die Niere ein Zuviel aus.

Nun sollte man meinen, dass ein solcher Ausscheidungsprozess zur Steinbildung in der Niere führen könnte. Mitnichten: zwar sind Calcium-Oxalat-Steine mit etwa 65% die häufigste Form, aber das ist kein Calcium-Problem, sondern hat seine Ursache in einem fehlenden Enzym, das Oxalsäure abbauen sollte. Wie auch bei der "Arterien-Verkalkung" muss hier das so wichtige Calcium unschuldigerweise den Kopf hinhalten. Wer also aus schmerzlicher Vorgeschichte weiß, dass er zu solchen Steinen neigt, sollte sich nicht um zuviel Calcium sorgen, im Gegenteil, ein Mehr an Calcium kann Oxalsäure schon im Darm binden und unschädlich machen. Vielmehr gilt es, Oxalsäure-haltige Nahrungsmittel zu meiden, als da sind SchokoladeKaffeeColaNüsse,RhabarberSpinatErdbeeren und Tee.

Neue Forschungen weisen darauf hin, dass Patienten nach der durch eine Fernsehsendung populär gemachten Magen-Bypass-Operation, die gegen Übergewicht helfen soll, vermehrt zu Oxalat-Steinen neigen.

Die nächst häufige Gruppe sind dann mit ca. 15% die Harnsäure-Steine (Urat-Steine).
Harnsäure ist ein Produkt des Eiweißstoffwechsels und erzeugt neben den Nierensteinen Gicht. Eine zu eiweißreiche, sprich fleischhaltige Ernährung ist das Hauptübel. Die Gicht galt darum früher als die Krankheit der Könige, nur die konnten sich soviel Fleisch erlauben, wie es heute zum Alltag gehört. Und damit wäre die wichtigste Therapie schon erklärt: weniger Fleisch! - Aber wir alle wissen, wie kurz die Haltbarkeit jener hochheiligen Schwüre ist, die inmitten einer fürchterlichen Kolik gen Himmel geschickt  wurden.

Heute gehört die Bestimmung der Harnsäure im Blut zu den Standarduntersuchungen, insbesondere beim "metabolischen Syndrom" (Übergewicht, Diabetes, Hochdruck). Schon eine geringe Erhöhung des Harnsäurespiegels führt dann zur ebenso standardmäßigen therapeutischen Senkung mit Allopurinol (Zyloric® u.a.), was wiederum die Steinbildung begünstigt. 

Die Bildung von Urat-Steinen lässt sich zumindest einschränken, indem der Urin möglichst basisch gehalten wird (Uralyt U®) und indem das physiologische Gleichgewicht der Mineralien schon im Blut hergestellt wird (Neukönigsförder Mineraltabletten NE®). Sehr kleine Urat-Steine lassen sich möglicherweise durch die Alkalisierung des Urins sogar auflösen.

Mengenmäßig ins Gewicht fallen dann noch die Magnesium- und Calcium-Phosphatsteine. Ihnen liegt eine hormonelle Störung der Epithelkörperchen, auch Nebenschilddrüse genannt, zugrunde. Die haben nichts mit der Schilddrüsenfunktion zu tun, sie heißen so, weil sie verstreut in der Schilddrüse sitzen. Bei Schilddrüsenoperationen werden sie oft unbemerkt mit entfernt, mit dem Ergebnis eines gestörten Calcium- und Phosphat-Stoffwechsels. 

Wie aber werden Nierensteine diagnostiziert? Da sie im Gegensatz zu Entzündungen nur selten bleibende Schäden an der Niere hinterlassen, ist der diagnostische Eifer auch nicht allzu groß. Bildgebende Verfahren wie Ultraschall und Röntgen sind nicht bei allen Steinarten aufschlussreich, am sichersten zeigen noch die Computer- und Magnetresonanz-Tomografie Steine an. Manchmal wecken Blutspuren im Urin hier und da etwas Aufmerksamkeit.  Meist werden Steine erst dann erkannt, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist. Oder der Stein in den Harnleiter, die Verbindungsröhre zwischen Nierenbecken und Blase. Dazu muss er klein genug sein, um in den Harnleiter schlüpfen zu können, und groß genug, um an der ersten Engstelle stecken zu bleiben und die Röhre zu verschließen, wie ein Korken den Flaschenhals. Die Niere aber arbeitet munter weiter. Und weil sie nur den einen Ausgang hat, entstehen höllische Koliken.

Und die schreien nach einer möglichst schnellen Erlösung. Da ist alles willkommen, von Schüßlers heißer Sieben über die Spasmo-Cibalgin-Spritze bis hin zu Opioiden. Der Versuch, den Stein mit einer Schlinge zu greifen und ans Licht zu ziehen, hat sich nicht bewährt.  Wenn es gelingt, den Harnleiter zu erweitern, kommt der Stein ins Rutschen und landet in der Blase. Damit ist er noch nicht verschwunden, aber der zweite Weg von der Blase durch die Harnröhre ins Nachtgeschirr fällt etwas leichter.

Steckt der Bösewicht jedoch fest oder ist er so groß, dass er das Nierenbecken gar nicht erst verlässt, bleibt nur die Zertrümmerung. Mit Vorschlaghammer und Amboss wird das nichts, aber kluge Köpfe haben zwei Methoden ausgetüftelt: Mit Schall oder mit Licht. Dass die Operndiva ein Sektglas zum Zerspringen bringt, und die Glasschüssel besser nicht auf die Herdplatte gestellt wird, weiß jeder. Also nutzt man diese Binsenweisheiten zur Therapie.

Der Ultraschallsender muss nicht nur präzise auf den Stein zielen, er muss die Schallwellen auch ohne Unterbrechung durch reflektierende Flächen durch alle Gewebsschichten hindurch auf den Stein bringen. Früher musste der Patient dazu in die Wanne steigen, heute genügt ein Wasserbalg und eine Gel-Schicht, und die Schallwellen bringen den Bösewicht zum Zerplatzen. Das geschieht nicht mit einem einzigen riesigen Knall, sondern mit rund hundert Schallwellen in der Minute. War das Spiel erfolgreich, müssen die Splitter aber noch durch den Harnleiter, möglichst ohne ihn zu verletzen. Als Schutz kann man eine Art Stent einbringen, einen  Schlauch der die Harnleiterwände schützt.

Für die Laserzertrümmerung muss die Laserlichtquelle per Katheter durch Harnröhre, Blase und Harnleiter bis unmittelbar vor den Stein gebracht werden. Auch verlangt jede Steinart eine andere Wellenlänge des Lichtes. Es ist also gut, aus der Vorgeschichte zu wissen, zu welchen Steinen dieser Patient neigt. Ebenso ist klar: wer einmal Steine hatte, gilt sein Leben lang als steingefährdet.

Also die alten Analysen gut aufbewahren, bis zum nächsten Mal.