Hans-Heinrich Jörgensen 
Schlaflosigkeit gibt es nicht

Ich höre die Leser schon murmeln: „Der hat ja keine Ahnung“. Und auch meine Patienten schwören Stein und Bein: „Ich habe seit Tagen kein Auge zugetan!“ Natürlich stimmt das nicht. Selbst wer die Kirchturmuhr alle Viertelstunde schlagen hört, hat zwischen den Schlägen geschlafen, minutenweise, viertelstundenweise, aber immerhin. Völlig ohne Schlaf wäre er ein Fall für die Intensivstation. Es ist nicht der fehlende Schlaf, es ist die Schlafqualität, mit der wir nicht zufrieden sind. 

Um Auswege zu finden müssen wir untersuchen, warum wir überhaupt schlafen. Die Tiefschlafphase, in der wir nichts hören und träumen, ist relativ wenig erforscht. Nur wissen wir, dass der erste Schlaf nach dem Einschlafen eben Tiefschlaf ist. Nicht der Schlaf vor Mitternacht ist der sprichwörtlich gesündeste, sondern der erste Schlaf ist der tiefste. Darum sollten Sie auch der Versuchung der Sleeptaste am Wecker, die Ihnen noch einmal 8 Minuten schenkt, widerstehen, denn aus dem ersten neuen Tiefschlaf gerissen wachen Sie total zerschlagen auf.

Hingegen gut in etlichen Schlaflabors erforscht ist die REM-Phase, die ihren Namen vom „rapid eye movement“, den sich heftig bewegenden Augen hat. Wir folgen mit den Augen unseren Traumbildern. In dieser Phase wird unsere Großhirnrinde aufgeräumt. Alle Tageserlebnisse, die unerledigt auf die Schnelle in eine Art Ablagekorb gelegt wurden, werden nun in wieder auffindbare Ablagekästen einsortiert. Dabei entstehen oftmals Verknüpfungen zwischen längst vergessen geglaubten und ganz aktuellen Erlebnissen. Mit etwa Glück kann daraus sogar eine lang gesuchte Problemlösung oder Erfindung resultieren.

Unterdrücken wir dem ersehnten Tiefschlaf zuliebe diese so wichtige Traumphase – und nahezu alle Schlafmittel tun das – bleibt der Ablagekorb ungeleert , und der Aufräumbedarf ist in der Folgenacht um so größer, was übrigens eine der Hauptursachen der „Schlaflosigkeit“ ist. Treiben wir dieses Unterdrückerspiel allzu lange, quillt der Ablagekorb aus allen Nähten und drückt auf das autonome Nervensystem, das ohne unser bewusstes Dazutun unsere inneren Organe steuert. Herz-, Kreislauf- und Magenprobleme können die Folge sein.

Was können Medikamente denn überhaupt tun? Barbiturate sind out, der Schadfaktor ist zu groß, Chloraldurat verliert schnell an Wirkung, Brom kumuliert im Körper. Also wird zunehmend auf Tranquilizer, Produkte der Valiumgruppe, die gleichgültig und leger machen, zugegriffen. Die aber stehen international auf der Suchtmittelliste, und obwohl in jedem Beipackzettel steht, dass die nur kurzfristig verordnet werden dürfen, versichert jeder Arzt immer wieder die Harmlosigkeit. 

„Haben Sie denn nichts Pflanzliches für mich?“ folgt nach der obigen Aufklärung immer wieder die Frage. Nein – denn allein die pflanzliche Herkunft garantiert keine bessere Verträglichkeit. Wenn denn eine Pflanze beruhigt oder „einschläfert“, dann tut sie es mit den gleichen Wirkmechanismen wie chemisch definierte Schlafmittel und Psychopharmaka. Es ist allenfalls ein quantitativer aber kein qualitativer Unterschied. „Aber Baldrian...?“ Auch Baldrian! Baldrian heißt auf lateinisch Valeriana und ist in allen Ärzte- und Patientenköpfen als absolut harmlos verankert. Und nun raten Sie mal, warum die Firma Hoffmann-La-Roche ihren ersten Tranquilizer ausgerechnet Valium getauft hat. Wenn doch Valeriana so harmlos ist, kann doch Valium nichts Schlimmes sein.

Sieben gut Gründe sprechen gegen alle Medikamente zum Schlafen: Unterdrückung der REM-Phase, Wirkungsverlust und Dosiserhöhung, Suchtpotenzial, Schäden an Herz, Niere und Leber, bei Älteren oft paradoxe Wirkung, der Teufelskreis Schlafmittel – unterdrückte REM-Phase – wiederum Schlaflosigkeit, und schließlich das allgegenwärtige Risiko noch unbekannter Langzeitschäden. 

Es gab einmal ein ganz harmloses Beruhigungsmittel, so harmlos, dass wir es unbesorgt auch  Schwangeren gegeben haben. Es hat lange gedauert, bis wir die Stummelärmchen dem Mittel zuordnen konnten. Und fast jeder hat die paradoxen Wirkungen bei Alten schon im eigenen Umfeld erlebt. Der etwas verwirrte Schwiegervater, der nachts herumirrt, flippt völlig aus, nachdem er ein Schlafmittel bekam.

Aber bitte werfen Sie die Mittel, die Sie bisher hatten, nun nicht einfach in den Müllschlucker. Ein Verzicht führt zu Entzugserscheinungen, und dieses Tal der Entzugserscheinungen durchschreitet man nicht ohne Hilfestellung.

Wie lange „muss“ man denn eigentlich schlafen? Das ist individuell sehr verschieden. Je älter man wird, desto geringer ist meistens das Schlafbedürfnis. Napoleon sagt man nach, er wäre mit vier Stunden Schlaf ausgekommen. Sicher in den Nächten vor großen Schlachten, aber dafür hatte er ja dann auf Elba Zeit genug zum Ausschlafen. Die Medizin sagt, für 65-jährige seien 5-7 Stunden Schlaf ausreichend. Wer also um 22 Uhr in die Falle kriecht und den Wecker auf 7 Uhr stellt, hat sein Schlafbedarfskonto schon schamlos überzogen. Und weil er sich dann ruhelos im Bett herumgewälzt hat und fürchterlich schlecht geschlafen hat, legt er sich mit „gutem Recht“ mittags noch einmal ein oder zwei Stunden auf’s Ohr.

Unendlich viele Menschen aber versuchen, dem leidigen Alltag in den Schlaf zu entfliehen. Zwar tun sie alles, um möglichst lange zu leben, wissen aber dann mit dieser gewonnenen Lebenszeit nichts anzufangen und flüchten in Stunden des vorweg genommenen Scheintodes. Wenn dort Ihr Problem liegen könnte, füllen Sie Ihr Leben mit neuen Inhalten. Tun Sie etwas völlig Neues, lernen Sie ein Musikinstrument zu spielen, malen Sie, nehmen Sie ein Studium auf. Aber machen Sie das Neue so intensiv, als müssten Sie ein Examen ablegen – und Sie haben weder Zeit noch Lust zu schlafen. Ich erinnere mich eins 65-jährigen Zollinspektors, der nach der Pensionierung ein Jurastudium begann, mit 81 Jahren zum Dr. jur. promoviert wurde – und sechs Wochen später gelassen und zufrieden starb. Jetzt nicht „ooooh“ sagen, sondern „toll“. Ganz am Rande: manche Kliniken behandeln Depressionen gezielt und erfolgreich durch Schlafentzug.

„Ich bin ja so sensibel“ beklagen viele sich – zu Unrecht. Schließlich ist Sensibilität das Leben. Eines Tages sind wir überhaupt nicht mehr sensibel, dann legen alle Blumen auf uns drauf und versichern, was für ein feiner Mensch wir doch waren. Sensible leben reicher. Reicher an Ärger aber auch reicher an Freuden. Wer seine Sensibilität mit einem Medikament bremst, nimmt der Rose nicht nur den Dorn, auch den Duft und die Farbe

 Und kommt man vor lauter Grübeleien nicht zum Schlafen, muss man jene Probleme, um die sich die Gedanken im Kreise drehen, lösen. Mit Bleistift und Papier, so wie ein Kind eine Rechenaufgabe aufdröseln muss und jeder Kaufmann eine Bilanz erstellt. Vielleicht muss man dabei auch fremde Hilfe in Anspruch nehmen: Eheberater, Steuerberater, Bauberater, Bankberater (na ja…). Hat man eine Lösung auf dem Papier gefunden, muss man sie auch in die Tat umsetzen. Und wo es wirklich keine machbare Lösung gibt, muss man lernen, mit dem Problem zu leben, ohne Gram und ständiges Hadern.

Träume kann man – bedingt – steuern. Lassen Sie Ihre Albträume nicht einfach über Sie kommen, denken Sie vor dem Einschlafen ganz gezielt und intensiv an irgendeine besonders schöne Erinnerung. Die Chance davon zu träumen wächst.

Das berühmte „sanfte Ruhekissen“, nämlich das gute Gewissen, ist nicht zu unterschätzen. Bereinigen Sie jene heimlichen Sünden, die am guten Gewissen kratzen. Graben Sie vorhandene Kriegsbeile und Fehdehandschuhe ein, vertragen Sie sich mit der Schwiegermutter oder wem auch immer. Aber wägen Sie Ihre Worte dabei sorgsam ab, um nicht wider Willen noch Öl ins Feuer zu gießen.

Schauen Sie einmal in Ihre Hausapotheke. Viele Medikamente, die aus ganz anderen Gründen gegeben werden, machen munter und hindern am Schlafen: Schilddrüsenmittel, auch iodiertes Speisesalz, Antidepressiva, Asthmamittel, Diuretika, manch Blutdruckmittel. Lässt der Hexenschuss, die Hüftarthrose, die Blasenentzündung oder was auch immer Sie nicht schlafen, dann bedarf es keines Schlafmittels, sondern einer sinnvollen Behandlung dieser Krankheiten.

„Der Schlaf ist wie eine Taube auf der Hand – wenn man nach ihr greift, fliegt sie davon“. So ist es auch mit dem Schlaf. Man kann ihn nicht herbei zwingen, nicht erkämpfen. Wer kämpft, wer um Schlaf ringt, gar im Bett mit dem Fuß stampft, der kann nicht schlafen. Der Schlaf kommt über uns! Stellen Sie sich ganz gezielt eine Situation vor, in der Sie dankbar wären, endlich schlafen zu dürfen. Sie dürfen schlafen, sie müssen nicht schlafen.

Leider können wir nicht wie Hund und Katze schlafen, wenn uns danach ist, unsere Gesellschaft zwingt uns Lebensrhythmen auf, die nicht mit den individuellen synchron sind. Die alberne Sommer-/Winterzeit-Umstellung wird hoffentlich irgendwann begraben. Aber im Urlaub müssen wir uns solche Zeitverschiebungen nicht auch noch selbst antun, nur um festzustellen, dass das Wasser in Florida genau so nass ist wie in Mecklenburg. 

Schwierig wird es, wenn „Frühtypen“ mit „Spätzündern“ verheiratet sind. Während der eine frühmorgens trällernd mit Geschirr klappert, trägt sich der andere mit Mordgedanken. Und abends entschuldigt sich der Frühtyp mit Migräne. Mein Rat an junge Leute, nicht nur zu probieren, ob man miteinander beischlafen kann, sondern auch ob man miteinander schlafen kann.

Schnarcht der Partner unerträglich, ist das fest und dauerhaft aufs Gesicht gepresste Kopfkissen keine Lösung. Der Zellengenosse, mit dem man dann den Rest des Lebens teilen muss, schnarcht vielleicht noch viel mehr. Außer Ohropax oder getrennten Schlafzimmern fällt mir da nichts ein.

Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, kann ich mir vorstellen, dass wir mit unserer krankhaften Fürsorge „Jetzt ist aber höchste Bettzeit“ auch den Keim zukünftiger Schlafprobleme anerziehen. Wenn doch das Bett ein unliebsamer Zwangsaufenthaltsort ist, bleibt das im Unterbewusstsein haften. 

Hinsichtlich der Schlafumgebung lassen Sie sich nicht von irgendwelchen Gesundheitssektierern einreden, das was jenen gut getan hat, müsse allgemeingültig sein. Warm oder kalt, hell oder dunkel, Fenster auf oder zu, Brett im Bett oder Schlummerkuhle, abends essen oder hungern, Kaffee oder Tee oder gar nichts… machen Sie es so, wie es Ihnen gefällt – und natürlich Ihrem  Partner.  
Apropos Partner: es sei nicht verschwiegen, dass es kein besseres Schlaf- und Entspannungsmittel gibt, als ein zufrieden stellendes Liebeserlebnis. 

„Wann kommt denn endlich die Biochemie?“ wird der WzG-Leser fragen. Nachdem ich mich energisch gegen alle Medikamente ausgesprochen habe, fällt es mir schwer, nun doch eine Pille zu empfehlen, und sei es die Kombination der Schüßler-Salze Nr. 5 und Nr. 7. Ich möchte die Weiche so gestellt haben, dass jeder bei der Erkenntnis ankommt, nicht das Medikament, sondern die Ordnung im Kopfe macht es. Man ist nicht gereizt, nervös und unausgeglichen, weil man schlaflos war, sondern man ist „schlaflos“, weil man gereizt, nervös und unausgeglichen ist.

Zum Schluss ein Goethezitat aus Egmont: „Süßer Schlaf, du kommst wie reines Glück, unerbeten, unerfleht am willigsten.“