Hans-Heinrich Jörgensen 
Mit Magnesium entspannen 
(Aufsatz im "Naturarzt Nr. 8/2008)
 

Als die Photographen sich noch vorn und hinten mit ph schrieben, wussten sie gut Bescheid über die erleuchtende Wirkung des Magnesiums, denn die frühen Blitzlichter bestanden aus einem Magnesiumpulver, das mit leuchtend heller Flamme verbrannte und Familienfotos auch im heimischen Wohnzimmer ermöglichte. Und moderne Autos wären weniger schnell und sparsam, wenn nicht an vielen Stellen superleichte Magnesium-Legierungen, leichter noch als Aluminium, verbaut würden.

Die Medizin hat sehr viel länger gebraucht bis sie die unendlich große Bedeutung des Magnesiums für die Gesundheit erkannte, und vor allem, wie weit verbreitet in der Tat Mängel in der Versorgung sind. Am schnellsten waren die Veterinäre, die sich fragten, warum denn immer wieder die Rinder nach dem Frühjahrsauftrieb auf die fetten grünen Weiden mit Krämpfen verendeten. Als man der Ursache auf die Schliche kam, nämlich dem Magnesiummangel, und die Weiden zusätzlich mit Magnesium düngte, war der Spuk vorbei. 

Damit tut sich auch schon der wichtigste Wirkansatz des Magnesiums auf: es ist ein natürlicher Gegenspieler zum Calcium. Damit ein Nervensignal am Übergang vom Nerven zum Muskel auch in die Muskelkontraktion umgesetzt wird, muss Calcium aus den Mitochondrien im Zellinneren freigesetzt werden. Und damit dieser Impuls nicht unangemessen übers Ziel hinausschießt, hält der Gegenspieler Magnesium das Gleichgewicht im Lot. Besonders ausgeprägt ist dieser nützliche Effekt an der glatten Muskulatur, das sind jene Muskeln, die die Hohlorgane versorgen. Wenn ich als Musterbeispiel in Vorträgen dafür den Kopf erwähne, dauert es immer ein Weilchen, bis das Publikum – in weiser Selbsterkenntnis? – zu lachen beginnt. Ich meine natürlich die Adern und Venen im Kopfe, deren Krampf zur Migräne führt, womit Sie schon die erste sinnvolle Indikation für Magnesiumgaben haben.

Aber auch die anderen Hohlorgane sprechen bei Spasmen gut und zuverlässig auf Magnesium an: Gallenwege, Nierenwege, wenn nicht ein Stein fest eingeklemmt ist, Darm, Herzkranzgefäße … für alle diese kolik- und krampfartigen Ereignisse mag das Telefon für den Notarzt die erste Maßnahme sein, die zweite aber ist  Magnesium, und in vielen Fällen kommt der Notarzt vergebens weil der Krampf sich gelöst hat.

Eine weitere ganz wichtige Aufgabe zur Stabilisierung der Nerven und damit zur Vermeidung von Krämpfen und Schmerzen ist die Aktivierung jenes Enzyms, das im Volksmund als "Kalium-Natrium-Pumpe" bezeichnet wird, korrekt aber Adenosintriphosphatase heißt und ständig Natrium aus den Zellen heraus und Kalium hinein befördert. Das Natrium ist bei jedem Nervenimpuls hinein geraten, das Kalium strömt ständig heraus und hält dadurch das Ruhepotenzial der Nerven, also die neuromuskuläre Stabilität, aufrecht. Ausströmen aber kann es nur, wenn es zuvor hinein gelangt ist: Magnesium ist der Motor dafür. Ohne ausreichend Kalium im Inneren der Nervenzellen und ohne die Pumpzentrale Magnesium keine nervliche Ausgeglichenheit.

Mit diesem Doppeleffekt, Entkrampfung der Adern und Stabilisierung der Nerven kommt dem Magnesium eine besondere Wirkung bei allen Kreislauferkrankungen, insbesondere dem hohen Blutdruck zu. Auch verringert Magnesium die  Thrombozytenverklumpung und damit das Embolie-Risiko. Da ihm auch noch eine gewisse cholesterinsenkende Wirkung zugeschrieben wird, ist Magnesium ebenso wie Kalium das klassische Mittel aller Hypertoniker.

Wir alle wollen möglichst alt werden ohne dabei zu altern. Die Schäden, die beim Altern auftreten, hängen mit der nachlassenden Reparaturfunktion der DNA, also der Korrektur fehlerhafter Zellteilungsinformationen, zusammen. Es gibt Hinweise darauf, dass Magnesium diese Reparaturfunktion unterstützt.

Eine erhöhte Nervosität, oft auch als Depression fehlgedeutet, Krampf- und Kolikneigung, Herzrhythmusstörungen, Muskelverspannungen, Wadenkrämpfe sollten immer Anlass sein, einen Gedanken auf die Magnesiumversorgung zu lenken.

Dieses dran denken ist überhaupt die wichtigste diagnostische Maßnahme bei allen Überlegungen hinsichtlich einer ausreichenden Mineralversorgung. In unserer allgemeinen Meßgläubigkeit vertrauen wir nicht mehr auf unser Wissen um typische Symptome, sondern hätten liebend gern einen Laborbericht, der Sicherheit gibt und auf den man sich berufen kann. Nur ist diese Sicherheit allenfalls eine Scheinsicherheit, denn da die Mineralien sich nur zum Teil im Blut aufhalten, vielmehr jedes in seinem ganz spezifischen Aufenthaltsort, ist das Ergebnis einer Blutuntersuchung auch nie repräsentativ. 

Davon ganz abgesehen ist im Verdachtsfall ein therapeutischer Versuch mit einer vierwöchigen Magnesiumgabe einfacher, sicherer und billiger als aufwändige Blutuntersuchungen.

Zeigt denn der Versuch deutlichen Erfolg, haben wir noch keinen Grund, uns auf diesen Lorbeeren auszuruhen, denn die Frage, warum es überhaupt zu einem Mangel an einem so wichtigen Mineral gekommen ist, bleibt ja offen. Liegt es an einer falschen Ernährung, muss natürlich hier der Hebel angesetzt werden. Auf einen Nenner gebracht: mehr Pflanze, weniger Fleisch! Das Blattgrün hat immer einen zentralen Magnesiumkern.

Auch hier wird immer wieder in dubiosen Tabellen mit Angaben über den Mineral- oder Vitamingehalt bestimmter Nahrungsmittel gesucht. Und dann klammert man sich an die Angabe, dass Sonnenblumenkerne besonders viel Magnesium enthalten, oder den Naschkatzen zur Freude auch Schokolade. Nur kann ich meine tägliche Kost weder dauerhaft auf Sonnenblumenkerne noch auf Schokolade umstellen. Allen Nahrungsmittel-Untersuchungen haftet die Problematik an, dass jede Untersuchung immer nur für eben diese gerade untersuchte Pflanze gilt: von dieser Sorte, von diesem Acker, mit dieser Düngung, aus diesem Jahrgang, mit diesem Wetter, zu diesem Erntezeitpunkt, mit dieser Lagerung… - und damit niemals verallgemeinert werden kann. Darum ist auch jene beliebte Folie, die in allen Ernährungsvorträgen gezeigt wird und den fürchterlichen Abfall aller Wertbestandteile von den neunziger Jahren bis heute dokumentieren soll, sinnlos. Warum wohl sollten unsere Pflanzen ein anderes Wachstumsverhalten zeigen? Bei entsprechender Auslese und einem guten Erntejahr lässt sich ebenso das Gegenteil belegen.

Neben der magnesiumarmen Fehlernährung kommen auch ein paar moderne Medikamente als Verursacher in Frage, vor allem Entwässerungs- und Abführmittel. Ebenso natürlich eine Harnflut aus anderen Gründen  – z.B. die "honigsüße Harnuhr", Diabetes mellitus, – oder Durchfall auch ohne Abführmittelmissbrach. 

Muss Magnesium wegen des ausgeprägten Mangels wirklich medikamentös verabreicht werden, bieten sich eine ganze Reihe verschiedener Verbindungen an, von denen jeder Hersteller behauptet, seine sei die wirksamste und bekömmlichste. Überzeugende Belege kann keiner dafür liefern, zumal Magnesium, wie jedes Mineral, seine entscheidende Wirkung im Körper erst zeigt, wenn es nach der Resorption im Stoffwechsel dissoziiert, das heißt aus seiner bestehenden Verbindung herausgelöst wird, und nun auf der Suche nach neuen Partnern aktiv wird, oder als Kern in ein stoffwechselaktives Enzym, z.B. die oben erwähnte Natrium-Kalium-Pumpe, eingebaut ist.

Am Markt finden wir Magnesium als Aspartat, Carbonat, Citrat, Gluconat, Glutamat, Orotat, Oxid, Phosphat, Sulfat und möglicherweise einigen anderen Verbindungen, die meiner Aufmerksamkeit entgangen sind. Mir ist die Phosphat-Verbindung, die der Altmeister der Biochemie, Dr. Schüßler, vor 135 Jahren homöopathisch potenziert als Magnesium phosphoricum empfahl, immer noch die liebste. Zweifler halten die Schüßlersalzen zugeführten Mengen für zu gering und verkennen dabei zweierlei: erstens wollen wir damit ja nicht den gesamten Tagesbedarf decken, der im Wesentlichen über die Nahrung zugeführt werden muss, und zweitens steigert der Vorgang des Verreibens oder Verschüttelns, den die Homöopathen "potenzieren" nennen, die Zweifler "verdünnen", die Aufschließung des groben Salzes bis hin zur nahezu Molekülgröße und damit die Angriffs-Oberfläche und Wirksamkeit.

Aber selbst eingefleischte Schüßler-Fans haben immer wieder ihre Bedenken hinsichtlich der erforderlichen Menge und verordnen dann von den ausgeguckten Salzen sicherheitshalber mehrmals täglich 10 oder mehr Tabletten, was ja nicht sonderlich logisch ist, denn  eine Potenz tiefer gewählt hat man schon die 10fache Menge des Salzes in der Tablette. Bei ausgeprägten Mängeln macht es also Sinn, statt der üblichen D6 eine D3 zu wählen, g.F. sogar auf ein Supplement im Bereich des Tagesbedarfs, wie z.B. die Neukönigsförder Mineraltabletten NE, zuzugreifen.

Extrem hochdosierte Monopräparate, wie sie gerade beim Magnesium gern als Pülverchen im Grammbereich oder beim Calcium als Brausetablette gegeben werden, haben mit gezielter Therapie nicht mehr sehr viel zu tun, weil mit zunehmender Menge die Resorptionsquote rapide absinkt. Damit schützt sich der Körper automatisch gegen eine Überdosierung.