Abwehrkräfte und Biochemie 
Aufsatz im "Naturarzt", Heft 10/2007 
von Hans-Heinrich Jörgensen

Eines der wichtigsten Unterscheidungsmerkmale zwischen der sogenannten Schulmedizin und der Naturheilkunde ist das Bemühen der Naturheilkundler, Warnsignale des Körpers, wie Schmerzen, Entzündungen und allergische Abwehrreaktionen nicht zu unterdrücken, sondern als Heilungsbemühen des Körpers zu sehen und zu unterstützen. Zugegeben, das ist nicht immer einfach, denn der Patient leidet ja zunächst nicht unter der eingeflogenen Bakterie, sondern unter dem Feuer seines Fiebers, das die Bakterien verbrennen will. Er leidet auch nicht unter der Blütenpolle, die in die Nase gelangt ist, sondern unter dem unaufhaltsamen Fließschnupfen und den Nies-Attacken. Diese hilfreichen aber lästigen von der Natur gewollten Abwehrreaktionen noch zu verstärken ist für den Patienten nicht immer leicht zu ertragen, und der Griff zur Cortisontablette oder -spritze, die schnell und prompt die Schwellung, das Naselaufen, den Juckreiz, den Schmerz abklingen lässt ist zwar verständlich, aber nicht sonderlich heilsam.

Stärkung des Immunsystems, so nennen wir etwas pauschal dieses Bemühen, dem Körper bei der Abwehr seiner Feinde unter die Arme zu greifen. Etwas zu pauschal, denn es gibt nicht das Immunsystem, sondern unsere Immunkompetenz setzt sich aus einer ganzen Reihe unterschiedlicher Mechanismen zusammen. Wir stärken auch nicht nur, sondern wir unterstützen, wir stimulieren, wir modulieren. Ein klein bisschen mehr Genauigkeit bei der Art und Zielrichtung unserer Anstrengungen täte dem Patienten gut - und auch dem Brückenschlag zwischen naturheilkundlicher und naturwissenschaftlicher Medizin.

Beginnen wir also mit den unterschiedlichen Möglichkeiten des Körpers, sich gegen Feinde zu wehren. Den ersten, wichtigsten und ganz simplen Schutz bieten Haut und  Schleimhäute, die uns gegen die böse Umwelt abschirmen. Manchmal ist diese mechanische Abwehr nicht stark genug, dann überwindet der Feind diese Barriere, dringt in den Körper ein und löst andere Immunreaktionen aus. Wir selbst sind nicht immer ganz unschuldig daran, denn in dem Bemühen, die Haut glatter, schöner, straffer, jugendlicher zu machen, muten wir ihr den Kontakt zu oft abenteuerlichen Ingredienzien viel versprechender Kosmetika zu, und wundern uns, wenn sie sich schon gegen diese unbekannten Stoffe unmittelbar wehrt, oder aber einfach auch durchlässiger für andere Substanzen wird. Und schließlich soll es Menschen geben, die ein so sensibles System, wie die Atemwege zwanzig, dreißig, vierzig Mal am Tag mit Teer, Russ und anderen schlimmen Dingen bestäuben, und sich dabei einbilden, das sei der Duft der großen weiten Welt.

Mir ist nie ganz einleuchtend erschienen, warum das schöne Geschlecht meint, mit Tag- und Nachtcremes die gesunde Haut stets anfeuchten oder fetten zu müssen. Fältchen sind doch nichts Schreckliches, sie projizieren die Seele aufs Gesicht und zeigen dem Betrachter, wer gerne lacht oder wer immer grimmig schaut. 

Wenn es denn unbedingt eine Creme sein muss, dann würde ich die erprobte biochemische Salbe oder Coldcreme den teuren und duftenden Kosmetika vorziehen. Klar, bei Entzündungen wie dem Sonnenbrand die Nummer 3 (Ferrum phosphoricum), der Straffung und Schönheit wegen die Nummer 11 (Silicea). 

Die Innenauskleidung des Magen-Darmtraktes spielt eine ganz wichtige Rolle bei der Immunabwehr. Sie ist in der Zwickmühle, fremdes Eiweiß, das wir ja stets für den Organaufbau brauchen, zwar aufzunehmen, jedoch ohne dass die fremde genetische Information dieses Eiweißes unsere eigene verändert. Hätten wir dieses System nicht, würde uns nach jedem Spanferkel-Essen ein Ringelschwänzchen wachsen. Da sich Allergien aber stets gegen fremdes Eiweiß und diese genetische Information richten, sind Allergien in diesem Bereich ganz unwahrscheinlich und äußerst selten. Das, was immer wieder als Nahrungsmittelallergie angesehen wird und im Bauch zwickt und zwackt, sind schlichte Unverträglichkeitserscheinungen - und allzu oft nichts anderes, als ein simples Überangebot an Nahrung.

Dringt nun, wo und wie auch immer, ein fremdes Eiweiß, ein Bakterium, ein Virus oder auch nur ein eingerammter Holzsplitter in uns ein, dann greift die innere Immunabwehr mit Fresszellen und Botenstoffen. Die Fresszellen, Phagozyten im Fachjargon, versuchen den Feind in sich aufzunehmen, also in der Tat zu "fressen" und dann zu vernichten. Schaffen sie das nicht allein, locken sie durch Signalstoffe eine Unzahl von Kollegen herbei. Dieses Gedränge von Fresszellen um den unverdaulichen Holzsplitter platzt als Eiterherd schließlich nach außen durch.

Die etwas dümmlichen Fresszellen werden unterstützt durch andere weiße Blutkörperchen, die durch die hohe Schule der Thymusdrüse gegangen sind und ein unauslöschliches Gedächtnis haben. Sie erkennen eingedrungene Feinde, merken sich deren "Duftmarke" und blasen spornstreichs zum Angriff, wenn dieser Feind ein zweite Mal eindringt. Manchmal so heftig, dass der Abwehrkampf an den Bronchien zu Schwellungen und Schleimabsonderungen mit erheblicher Atemnot führt: Asthma.

Die einfachen Fresszellen bringt das Baby schon mit auf die Welt, die Schulung und Ausrichtung auf spezielle Feinde braucht seine Zeit, denn erst muss das Neugeborene lernen, sein eigenes Körpergewebe als eigenes zu identifizieren. Die eigenen Zellen tragen eine Art Mitgliedsausweis mit sich herum, mit dem sie sich gegenseitig zu erkennen geben. Der fremde Eindringling ohne diesen Ausweis wird angegriffen. Dieses System ist entwicklungsgeschichtlich so alt, wie es Feinde gibt, die fremdes Leben anzugreifen versuchen, älter als Dinosaurier und Amphibien.

Der Lernprozess zur Erkennung des eigenen Körpers dauert mindestens ein halbes Jahr. In dieser Zeit fehlen die vom Thymus geschulten Informationszellen noch, ebenso die Botenstoffe, die Signale setzen. Darum ist der Säugling auf die Informationen und Antikörper angewiesen, die er mit der Muttermilch bekommt. Jeder Landwirt weiß, wie wichtig die erste Kollostralmilch für das Fohlen oder Kälbchen ist. Das Stillen ist für die Überbrückung der Zeit mit dem unfertigen Immunsystem ungemein wichtig. Verzichten wir darauf, zwingen wir dieses Informationssystem, Zellen als fremd und feindlich zu registrieren, nur weil sie noch nicht als eigen markiert und erkannt wurden. Ich stelle die Frage in den Raum, ob dort nicht die Quelle für die sogenannten Auto-Immunerkrankungen liegt, bei denen der Körper sich gegen sich selbst richtet.

Drei Störungen plagen dieses Immunsystem: einmal die oben genannte Auto-Immunkrankheit, dazu zählen wir den echten Diabetes, das echte Rheuma, die Multiple Sklerose und ein paar andere. Hier zerstört das schlecht informierte Immunsystem die eigenen Körperzellen. 
Dann haben wir ein aus vielerlei Gründen zu schwach oder garnicht reagierendes Abwehrsystem. Ganz unschuldig sind wir auch daran nicht. Das Erkennen von Feinden, das Weitergeben dieser Erkenntnis, das Anlocken von Fresszell-Kollegen, die Vernichtungsenzyme, die nach dem Fressen wirksam werden müssen, all dieses muss trainiert werden. Darum ist es auch ganz normal und für das spätere Leben hilfreich, wenn Kinder bei ihrem ersten Verlassen der schützenden heimischen Burg von der Straße, aus dem Kinderhort oder der Schule eine Infektion nach der anderen anschleppen und durchstehen. Sieben bis zehn "Erkältungen" im Jahr schaden nicht, sondern feien für später. Und es gibt Grund zu der Annahme, dass ein so trainiertes Immunsystem nicht nur vor Infektionen schützt, sondern auch vor Krebs. Auf dieses Traningscamp verzichten wir, wenn wir bei jeder banalen Infektion zum fiebersenkenden Zäpfchen oder zum Antibiotikum greifen.

Und schließlich kann die Abwehrschlacht beim Eindringen fremden Eiweißes übers Ziel hinausschießen, die Allergie. Hier gibt es guten Grund zu der Überlegung, dass diese überschießende Reaktion in Wirklichkeit Ausdruck einer Schwäche ist, so wie ein schwaches Herz zu jagen beginnt, ein seelisch angeschlagener Patient aggressiv wird. Auch hier würde ich immer einen Versuch der Stärkung machen, auch auf die Gefahr hin, die Beschwerden zunächst zu verstärken.

Wenn wir von Stärkung reden, sollten wir auch hier etwas präziser werden und zwischen Unterstützung und Stimulation unterscheiden. Die Stimulation der Immunabwehr erfogt durch einen gezielten maßvollen Angriff. Das kann ich durch alles erreichen, was der Körper eigentlich nicht mag und wogegen er sich wehrt, z.B. das fremde Eiweiß in der Mistel, im Ameisen- oder Bienengift oder mit Echinacea, dem kanadischen Sonnenhut. Ein kontrollierter Angriff, nützlich wie die oben erwähnten zehn "Erkältungen".

Die Schüßlersche Biochemie setzt hingegen mehr auf Unterstützung. Dabei spielt das Mittel Nr. 3 (Ferrum phosphoricum D12) und das später hinzugekommene Ergänzungsmittel Nr. 21 (Zincum chloratum) eine wichtige Rolle. "Ferrum phos." gilt in der Biochemie als das klassiche Entzündungsmittel. Im Oldenburger Land ist es seit eh und je fester Bestandteil einer jeden Hausapotheke. Wenn Klein-Herbert abends mit fieberroten Ohren heim kam, dann gab es alle Viertelstunde eine "Ferrum phos." zum Lutschen, und dann ab ins Bett. Am nächsten Morgen konnte Klein-Herbert wieder barfuß mit der Angelrute an der Hunte sitzen. 

Heute wissen wir, warum dieses alte Hausmittel so wirksam ist. Die Fresszellen schaffen es nur, ein Bakterium zu knacken, wenn zugleich freie Eisen-Ionen anwesend sind. Darum auch die hohe Wirksamkeit der gelutschten Tablette, weil die homöopathisch aufgeschlossenen Eisen-Moleküle direkt über die Mundschleimhaut ins Blut gelangen, und nicht erst den langen Weg über Magen, Darm und Leber zurücklegen müssen. Auch auf die Gefahr hin, anzuecken: es müssen auch freie Sauerstoffradikale zugegen sein. Nichts, was in unserem Blut herumschwimmt, ist nur böse!

Und Zincum chloratum D6, die Nummer 21, ist ein unerlässlicher Hilfsstoff für die lernfähigen weißen Blutkörperchen, den T-Lymphozyten, die durch die Schule der Thymusdrüse müssen. Nahezu alle Funktionen der Thymusdrüse, die im späteren Leben verkümmert, sind auf Zink angewiesen. 

Nicht unerwähnt lassen möchte ich die Nummer 2 der Biochemie (Calcium phosphoricum). Calcium war lange Zeit auch in der Schulmedizin das klassische Mittel zur Membran-Abdichtung und damit zur Linderung allergischer Beschwerden. Zu eben diesem Zweck gebe ich es gerne alllen Allergikern, und zwar in der homöopathischen Potenz D3 statt der ansonsten üblichen D6.

Immunkompetenz und nervliche Stabilität lässt sich nicht trennen. Ist der Mensch nervlich "am Boden", ist er auch anfälliger für Infektionen, Allergien und bösartige Erkrankungen. Darum sollte eine Stärkung der Immunabwehr auch die Stabilisierung der Nerven einbeziehen. Die biochemische Nr. 5 (Kalium phosphoricum D6) bietet sich hier an, weil Kalium im Inneren der Nervenzellen für das Ruhepotenzial der Nerven sorgt.

Abschließend ein Wort zur Dosierung. Schüßler empfiehlt die Standarddosierung von 3 x tgl. 1-2 Tabletten, diese im Munde zergehen lassen. In der vielfältigen Literatur zur Biochemie geistern Empfehlungen von bis zu hundert Tabletten am Tag herum, die eher dem Verkäufer als dem Patienten nützen. Wir halten uns an Dr. Schüßler, geben im akuten Stadium bei fieberhaften Infekten aber auch alle Viertelstunde eine Tablette. Alle Dosierungsempfehlungen lassen sich beliebig variieren, denn es kommt ja nicht darauf an, einen konstanten Blutspiegel des Mittels zu erzeugen, wie z.B. beim Insulinspiegel des Diabetikers. 

Drum merke:

Allergien:  
Nr. 2 Calcium phosphoricum D3  
und Nr. 21 Zincum chloratum D6

Infektionen: 
Nr. 3 Ferrum phosphoricum D12  
und Nr. 21 Zincum chloratum D6

Krebs (zur Vorbeugung und Nachbehandlung): 
Nr. 2 Calcium phosphoricum D3  
und Nr. 21 Zincum chloratum D6

Nerven und ergänzend zu allen obigen: 
Nr. 5 Kalium phosphoricum D6  
und Nr. 7 Magnesium phosphoricum D6