Hans-Heinrich Jörgensen 
Die sieben größten Irrtümer über den Säure-Basen-Haushalt

Ein unerschöpfliches Thema, der Säure-Basen-Haushalt. Und wenn wir über die Irrtümer reden, dann schauen wir doch gleich einmal kritisch auf den Titel: Die Säure in der Einzahl, die Basen in der Mehrzahl. Das ist kein Irrtum, denn in der Tat kommen in unserem Blut auf ein Säure-Molekül gleich zwanzig Basen-Moleküle. Das zeigt, dass die Gefahr nicht von der Base her lauert, wie eine Denkrichtung der Medizin uns weismachen will, sondern von der Säure. Nur mit Hilfe der immer wieder optimal austarierten Anpassungs- und Gefahrenabwehr-Strategien hat der Schöpfer es uns ermöglicht, vom einzelligen Pantoffeltierchen in der Ursuppe des Erdballs zum Homo sapiens sapiens aufzusteigen. Ein zwanzigfacher Schutzwall macht unmissverständlich deutlich, wo der Feind steht, vor dem wir geschützt sein sollen und wollen.

Es macht aber auch deutlich, dass der Schöpfer es gut mit uns meint, wenn er einen solchen mächtigen Schutzwall aufbaut. Aber kein Deich hält ewig, wenn ständig an ihm genagt wird. Im ursprünglichen Bauplan der Natur war ein Ernährungsmuster vorgesehen, dass zwar ständigen Schwankungen der Säure- und der Basenzufuhr unterliegt, aber immer nur in dem Umfang, wie dieser Schutzwall das auch kompensieren kann. Von diesem Ernährungsplan haben wir uns inzwischen ziemlich weit entfernt. Es stünde uns gut zu Gesicht, hin und wieder darüber nachzudenken, ob wir den Wall nicht kontinuierlich untertunneln. Wenn wir Schritt für Schritt aus den 20:1 ein 19:1, ein 18:1, ein 17:1 machen, dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn eines Tages das beste System zusammenbricht. 
1. Wir sind nicht alle übersäuert 
Das allerdings ist dann eine Katastrophe, die uns mit Blaulicht ins Krankenhaus bringt, und dort gleich auf die Intensivstation. Eine akute Azidose nennen wir das in der Medizin. Azidose heißt zu Deutsch Übersäuerung. Wenn wir in der naturheilkundlichen Literatur ein bisschen Furcht einflößend immer wieder den Eindruck erwecken, wir Zivilisationsmenschen seien alle - oder fast alle - "übersäuert", dann ist das natürlich nicht richtig, wir lägen sonst alle auf der Intensivstation. Aber zwischen kerngesund 
und akuter Azidose muss es ja eine Entwicklung gegeben haben, nämlich diesen schleichenden Abbau unserer schützenden und puffernden Basenreserven. Die korrekte Bezeichnung dieser Fehlentwicklung wäre: "Verringerung der Pufferkapazität". Das ist sogar mit einer relativ einfachen Blutuntersuchung messbar. Betroffen davon sind auch nicht, wie manchmal der Eindruck erweckt wird, 70% der Menschen, sondern eher ca. 7%. 
2. Urinmessungen lügen 
Nun wüsste ja jeder gern: "Wie steht's um mich?". Und das möglichst ohne Piekserei und für wenig Geld. Also erfreuen pH-Mess-Streifen, die man in den Urin taucht, und die den so genannten pH-Wert des Urins durch Farbindikatoren anzeigen, sich größter Beliebtheit. Nur können sie die Frage, die wir ihnen stellen, leider nicht beantworten.

Von den rund 100 mg = mmol Säure, die wir bei halbwegs vernünftiger Ernährung an jedem Tag mit dem Urin ausscheiden, erkennen die Teststäbchen knapp ein Tausendstel. Unsere Niere ist freundlich genug, die aggressiven Säureträger vorher zu puffern und so zu binden, dass wir uns nicht die Blase verätzen. 

Aber selbst wenn auf diese Weise die Säureausscheidung gemessen werden könnte, spiegelte das ja nur das wieder, was wir gerade gegessen haben und nun wieder ausscheiden. Was aber, wenn die Niere keine Säure herauslässt, eine der häufigsten Ursachen für Säure-Störungen? Dann messen wir einen herrlich basischen Urin, erfreuen uns der vermeintlich so tollen Gesundheit, und sind doch in Wirklichkeit ein gefährlich überquellender Speicher der nicht ausgeschiedenen Säure. 

Mehr noch: erfährt ein solcher Patient eine sinnvolle Therapie, die die Niere veranlasst, nun die Säure auszuscheiden, dann wird der Urin sauer, der Patient schlägt entsetzt die Hände über dem Kopf zusammen und zweifelt am Können seines Therapeuten. Teil einer solchen wirksamen Therapie ist immer auch die Umstellung von fleisch- und eiweißreicher Ernährung zu mehr pflanzlicher Kost, wie zum Beispiel Getreide. Merken Sie etwas? Getreide säuert nicht, Getreide entsäuert. Immer dran denken: Die Säure im Nachttopf tut niemandem mehr weh! Wohl aber die Säure, die nicht im Nachttopf erscheint. 
3. Ein Kaliummangel macht das Blut nicht basisch 
So steht es jedoch ignorant in den meisten Lehrbüchern der inneren Medizin. Kalium ist ein lebenswichtiges Mineral, das im Inneren unserer Zellen ungefähr vierzigmal so hoch konzentriert ist, wie in der Umgebungsflüssigkeit. Dieses Konzentrationsgefälle bewirkt an den Nervenzellen das so genannte Ruhepotenzial, also die Fähigkeit der Nervenzelle auch einmal "Nein" zu sagen zu den vielfältigen Informationen, die pausenlos auf sie einfeuern. Die Stabilität unserer Nerven ist von einer ausreichenden Kaliumversorgung abhängig. Kalium ist in Pflanzen und Getreide reichlich vorhanden. 

Fehlt im Zellinneren Kalium, dann wandern stattdessen Wasserstoff-Ionen, das sind die Träger der Säure, in die Zellen ein. Taucht nun der Arzt seine pH-Mess-Sonde in das Blut des Patienten, dann wird die nur noch die Säure der Extrazellulärflüssigkeit erfassen und ein basisches Milieu erkennen. Die Säure, die sich im Inneren der Zellen versteckt hat, wird nicht erkannt, denn die Zellen schwimmen um die Sonde herum. Richtig ist also: Das Plasma wird basisch, die Zellen werden sauer.

Und so wie sich die Messsonde des Arztes betrügen lässt, so irren auch die Messfühler der Niere, die eigentlich einen Säure-Überschuss erkennen und ausscheiden sollten. Diese durch den Kaliummangel bedingte intrazelluläre Säurespeicherung wird weder diagnostiziert noch hilft sich der Körper selbst, es sei denn, er bekommt reichlich Kalium, um die Säure wieder aus ihrem Versteck zu vertreiben und der Niere erkennbar zu machen. Und dann: siehe oben unter Nachttopf.  
4. Die Nahrungsmittel-Tabellen sind falsch  
Hat man denn ein Säureproblem, oder fürchtet es auch nur, dann möchte man natürlich gegensteuern. Mit guten Vorsätzen, auch wenn die meist nicht lange anhalten, am besten über die Nahrung. Da bieten sich etliche durch die Literatur geisternde Tabellen an, die etwas über den Säure- oder Basengehalt von Lebensmitteln vermitteln wollen - und alle in den Papierkorb gehören. Sie sind genau so sinnlos, wie jene durch alle Ernährungsvorträge geisternde Folie, die uns weismachen will, dass der Mineral- und Vitamingehalt der Lebensmittel in den letzten zwanzig Jahren rapide gesunken sei.

Grundsätzlich kann eine Analyse - ob auf Säure, Mineralien oder was auch immer - nie etwas über ein Lebensmittel schlechthin aussagen, sondern nur über diese Sorte, von diesem Acker, unter diesen Düngungs- und Wetterbedingungen, von diesem Erntezeitpunkt, bei dieser Lagerung...Und das kann von Jahrgang zu Jahrgang mehr schwanken als von Tomate zu Banane. Jeder weiß, dass die kleine hässliche Tomate, wild wachsend im griechischen Bergtal, ganz anders schmeckt, als die wunderhübsche große runde Tomate aus dem holländischen Treibhaus. Warum wohl?

Hinzu kommt, dass wir die beiden für eine Basen spendende Eigenschaft wichtigen Messwerte, pK und pH, überhaupt nur im flüssigen Medium ermitteln können.

Und schließlich: Alle Tabellen gehen auf eine Analyse von Ragnar Berg im Jahre 1910 zurück, bei der er den damaligen Vorstellungen entsprechend nicht den Säurewert sondern Kationen und Anionen bestimmt hat. Und das auch noch unvollständig, denn wenn elektrisch positive Kationen und elektrisch negative Anionen auf Ihrem Teller nicht genau eins zu eins vorhanden sind, dann würde der Braten leuchten, zischen oder explodieren. Guten Appetit! 
5. Was macht denn eigentlich sauer? 
Was Säure wirklich ist, das wissen wir erst seit 1923 durch den Dänen Broenstedt, nämlich die Konzentration von Wasserstoff-Ionen, die aus ihrer Verbindung herausgelöst (dissoziiert) sind. H+ heißt der Feind, und der ist so aggressiv, dass unser Blut ihn nur in extremer Verdünnung duldet. Die Konzentration dieser reinen aggressiven Säure beträgt pro Liter Blut gerade einmal 0,000 000 039 Gramm oder 39 Nanogramm. In der Chemie pflegen wir heute mit Mol statt Gramm zu rechnen, da aber das Wasserstoff-Mol ziemlich genau 1 Gramm wiegt, läuft das auf das gleiche hinaus. Zum besseren Verständnis: 1000 Nanogramm sind ein Mikrogramm, 1000 Mikrogramm sind ein Milligramm, 1000 Milligramm sind ein Gramm. Steigt der Säurespiegel nur um wenige Nanogramm, ist das schon tödlich. Den Spöttern der Homöopathie ins Stammbuch: Da die obigen Mengen auf den Liter bezogen sind, entspricht das einer homöopathischen D12, an die man angeblich glauben muss, damit die wirkt.

Ach ja, Sie vermissen den pH-Wert? Da es ja ziemlich umständlich ist, mit so vielen Stellen hinter dem Komma zu arbeiten, schreiben wir den Logarithmus zur Basis 10. Sie erinnern sich? Die kleine hochgestellte Zahl hinter der Zehn, die besagt, wie oft wir die 10 mit sich selbst multiplizieren sollen. 10 hoch 2 ist 100 usw. Nun wäre 10 hoch 7,4 (das ist der allgemein bekannte pH-Wert des Blutes) ja schon im zehnfachen Tonnenbereich, also setzen wir ein Minuszeichen davor. Und nun fragen Sie Ihren PC, was denn 10-7,4 ist! Ich sag's Ihnen: 39 Nanogramm. 
6. Der Neutralpunkt des Blutes ist nicht pH 7 
Wir bezeichnen uns immer als "schwach basisch", ausgehend von dem Wissen über den Neutralpunkt pH 7 und unserem leicht darüber liegendem Blut-pH von 7,4. pH 7 ist jedoch nur der Neutralpunkt für absolut reines mehrfach destilliertes Wasser, in dem absolut nichts mehr herumschwimmt. Jede andere Flüssigkeit hat ihren eigenen Neutralpunkt, bei dem Basen und Säuren genau eins zu eins freigesetzt wurden. Diesen Punkt nennen wir auch pK-Wert, abgeleitet von der Dissoziationskonstanten. Im menschlichen Blut liegt der bei 6,1. Zehn hoch Minus 6,1 entspricht 794 Nanogramm, in der Tat das Zwanzigfache der Säure-Konzentration. Ergo sind wir nicht schwach sondern massiv basisch. Und das ist gut so. 
7. Die Lunge regelt nicht den Säure-Basen-Haushalt, sondern nur den pH-Wert 
Wir haben früher auf dem Schulhof ein nicht zur Nachahmung empfohlenes Spielchen gespielt. Einer hat solange gehechelt, bis ihm schwarz vor Augen wurde. Drei hatten dann frei, der Plümerante und zwei, die ihn heimbringen mussten. Das Opfer hatte eine akute Alkalose.

Hier schlug eine sinnvolle Kompensation ins Gegenteil um. Bei heftiger Muskelarbeit ist schnell der Sauerstoff verbraucht. Für die Verbrennung, das heißt Kohlenstoff (C) zu Kohlendioxid (CO2) zu verwandeln, wird dann einfach der Sauerstoff aus dem Körperwasser genommen, wobei jedes Wassermolekül (H2O) nun zwei potenzielle Säure-Ionen zurück lässt. Damit wir nicht bei kleinster Anstrengung tot umfallen, wird jedes dieser H+-Ionen an eine Base namens Bikarbonat (HCO3-) gebunden. Keine Angst: Chemie ist ganz einfach. Würfeln Sie einfach die Buchstaben zusammen und sortieren Sie neu. Dann wird aus H+ + HCO3- einfach H2CO3. Und neu sortiert bietet sich folgendes Puzzle an: in den beiden Formeln H2O und CO2 sind alle Buchstaben wieder vertreten. Beide Formeln kennen Sie. Das eine hecheln wir nach der Anstrengung ab, das andere schwitzen wir aus, oder so.

Die Säure ist weg, übertreiben wir das, wie auf dem Schulhof, wird das Blut sogar alkalisch, sprich basisch. Aber ist Ihnen aufgefallen, dass wir mit jeder abgeatmeten Säure auch eine Base verloren haben? Und darum kann die so leistungsstarke Atmung auch nur den aktuellen pH-Wert korrigieren, nicht aber den Säure-Basen-Haushalt im Lot halten.

Alle diese Umsetzungen werden von hochempfindlichen Enzymen gesteuert. Zum Training des Sportlers gehört darum nicht nur die Entwicklung von Herz, Lunge, Blut und Muskulatur, sondern auch die Entwicklung und Unterstützung dieser biochemischen Enzymsysteme. Es genügt nicht, ein Basendefizit kurzerhand mit Infusionen oder massiven Bikarbonatgaben aufzufüllen, es gilt, die Ursachen der Störung zu finden - und natürlich abzustellen.