Hans-Heinrich Jörgensen, Jahrgang 1933, ist seit 1962 Heilpraktiker und hat mit seinem Wirken und seinen provokativen Thesen wie kaum ein anderer den Berufsstand geprägt. Er hat einen der wichtigsten Übersäuerungs-Tests entwickelt, war neben seiner therapeutischen Arbeit bereits in der Pharma-Industrie, in Kommissionen des BGA und der Heilpraktikerverbände tätig und hat nie ein Blatt vor den Mund genommen. DHZ-Redakteur Christian Zehenter sprach mit ihm über statistische Blutdruck-Spielchen, erfundene Volksseuchen und "böses Cholesterin".


 

DHZ:  Was halten Sie von der Blutdruck-Leitlinie?

Jörgensen: Es gibt nicht nur eine, sondern ein gutes Dutzend Leitlinien zu dem Thema. Die können ja auch nützlich sein, weil sie Informationen transportieren. Aber in dem engen Gitterwerk von verbindlichen Richtlinien und wegweisenden Leitlinien bleibt die individuelle Medizin auf der Strecke. Entfernt sich der Arzt zu weit von den Leitlinien, handelt er sich möglicherweise einen Kunstfehlerprozess ein. Und vor allem kommt die Naturheilkunde dabei zu kurz, weil alle Leitlinien dogmatisch auf der so genannten Evidenz basieren.

DHZ:  Sollten tatsächlich alle Menschen, die nach dieser Voraussetzung Hypertoniker sind, medikamentös behandelt werden? Welche Nebenwirkungen hat dies zur Folge und stehen sie in einem vernünftigen Verhältnis zur Wirkung?

Jörgensen: Die Kontroll- und Behandlungsbedürftigkeit beginnt in den meisten Leitlinien schon bei 130-140 mmHg systolisch. Angestrebtes Ziel ist 120 mmHg. Das sind kerngesunde Menschen, die keiner Therapie bedürfen. Mit statistischen Spielchen erzeugen wir Ängste und behandeln keine Krankheiten, sondern die Angst der Menschen, sie könnten krank werden, weil irgendein Messwert aus einer sehr willkürlichen Norm fällt. Die Liste der Nebenwirkungen und Kontraindikationen ist lang und in jedem Beipackzettel nachzulesen. Teilweise liegt die Häufigkeit der Nebenwirkungen über 10%, während der absolute Nutzen oft nur unter 1% liegt, manchmal auch überhaupt nicht valide belegt ist. Das ist natürlich ein krasses Missverhältnis.

Die entscheidende "unerwünschte Wirkung" ist ja aber gerade die angestrebte therapeutische, nämlich die Senkung des Blutdrucks. Wir verwechseln dabei allzu gern Ursache und Wirkung. Ein erhöhter Blutdruck ist in der Regel ja nicht die Krankheit, sondern zeugt von dem Bemühen des Körpers, mit mehr Druck immer noch genügend Blut an irgendwelchen Strömungshindernissen vorbei zu pumpen. Die Blutdrucksenkung – also Kosmetik an den Messwerten - schont vielleicht das Herz, mindert aber die Durchblutung im großen Zeh und im Gehirn.

DHZ:  Ist Hypertonie Ihrer Meinung nach eine „Volksseuche“?

Jörgensen: Natürlich nicht, aber durch ständiges Basteln an den Grenzwerten machen wir sie dazu. Ein paar andere "Krankheiten" übrigens auch, zB. die Hypercholesterinämie, die Osteoporose und die Depression. Früher hat man Grenzsteinversetzern die Hände abgehackt.

DHZ:  Welches sind für Sie die wichtigsten Therapieschritte bzw. Maßnahmen gegen Bluthochdruck? 

Jörgensen: Lebensberatung und Relativierung der Ängste. Die Angst vor dem Blutdruck treibt ihn schon hoch. Aufklärung über die vielen Messfehler, mit denen  Gesunde zu Patienten gemacht werden. Absetzen der meisten Arzneien, dazu muss man natürlich auch in der klinischen Pharmakologie zu Hause sein. Schüßlersalze oder allopathische Mineralien, um die Schäden der Vortherapie auszubügeln. 

DHZ: Wie behandeln Sie Betroffene in Ihrer Praxis?

Jörgensen: Wenn, dann überhaupt erst ab 180 mmHg und mehr. Es macht wenig Sinn, energisch gegen die Senkung zu fechten, um dann nach einem senkenden Homöopathikum zu suchen. Wenn's unbedingt sein muss, behalte ich einen in der Regel ja schon vorher verordneten ACE-Hemmer oder Angiotensin-Antagonisten bei. 

DHZ: Die Hypotonie kommt deutlich seltener vor, und es wird weniger Augenmerk auf sie gerichtet. Welchen Krankheitswert sehen Sie in dieser Störung, und wie bzw. nach welchen Kriterien beginnen Sie die Behandlung?

Jörgensen: Die Hypotonie verursacht mehr Arbeitsausfalltage als die Hypertonie, sie trifft ja auch eher Jüngere, die im Beruf stehen. Dennoch würde ich sie weniger als "Krankheit" sehen, sondern eher als Konstitutionsproblem. Man muss einige Spielregeln im Tagesablauf beachten. Schlimm wird es, wenn die Hypotonie fälschlich als Depression angesehen wird. Immerhin hat der klassische Hypotoniker jeden Morgens zwischen Aufstehen und Frühstück seine suizidale Phase.

Und noch schlimmer ist die hypotone Krise des Hypertonikers, die geradenwegs in den weißen Apoplex führen kann. Nachts, im Urlaub und am Wochenende passieren die meisten Apoplexien, also immer dann, wenn zu der medikamentösen Blutdrucksenkung noch der physiologische Abfall kommt. Ich behaupte kühn, dass wir mit zu abrupter und unüberlegter Blutdrucksenkung mehr Schlaganfälle erzeugen und deren Folgen verschlimmern, als wir sie verhindern. Damit ich nicht gleich gelyncht werde: es gibt Studien, die darauf hindeuten.

DHZ:  Was hat der Säure-Basen-Haushalt mit dem Blutdruck zu tun, welche therapeutischen Konsequenzen ergeben sich daraus?

Jörgensen: Wir sollten nicht den gleichen Fehler machen, und nun die "Übersäuerung" zur Volksseuche hochstilisieren. Niemand ist "übersäuert", er hat allenfalls zu viel an seiner 20fachen Basenreserve geknabbert. Richtig ist aber, dass die lokale Kumulation saurer Valenzen die Fluidität des Blutes mindert und damit zum Stillstand des Flusses mit einer Thromboembolie als Folge führen kann. Ganz schlau setzen wir dann noch einen drauf und versuchen, das mit Acetylsalizylsäure zu verhindern. Und damit die Kritik gerecht verteilt wird: Wir sind auch nicht viel besser, sondern setzen noch eines obendrauf: Ascorbinsäure. Besser wäre eine Anreicherung mit basischen Mineralsalzen, und natürlich die Suche nach der Ursache, z.B. in der Ernährung. 

DHZ:  Wie und wann haben Sie den mittlerweile viel zitierten Säure-Basen-Test entwickelt?

Jörgensen: In den Siebziger Jahren. Wir wollten wissen, warum das Leistungslimit von Hochleistungssportlern steigt, wenn sie sich im Training mit Mineralien versorgen. Ich gebe zu, ich war damals selbst überrascht, dass das, was ich theoretisch ausgetüftelt hatte, dann auch wirklich in der Praxis funktioniert.

DHZ:  Cholesterin ist ein Reizwort für Sie. Warum?

Jörgensen: Das Zeugs heißt korrekt Cholesterol, und das meiste davon erzeugt der Körper selbst. Ich kenne keinen Stoff im Körper, der so vielschichtig und wichtig ist, wie Cholesterol. Alle Hormone, die Geschlechtshormone, das Cortisol für die Immunlage, das Aldosteron für den Blutdruck, werden aus Cholesterol gemacht. Ebenso das Vitamin D3, das ja eigentlich ein Hormon und kein Vitamin ist. Da senken wir ein Leben lang den Cholesterolspiegel und später behandeln wir die Osteoporose. Alle Zellmembranen, z.B. der Phagozyten, werden aus Cholesterol aufgebaut und repariert. Cholesterol ist der Rohstoff für den Gallensaft, und da wir ja kein Fett essen dürfen, produziert die Leber keine Galle. Was Wunder, wenn der Rohstoff vor den Toren der Fabrik, nämlich im Blut, angereichert wird.

Welche Arroganz legen wir doch an den Tag, wenn wir ehrfurchtvoll unser Haupt neigen und sagen: "Ich danke Dir, lieber Schöpfer, dass Du mich über viele Entwicklungsstufen und durch immer optimal austarierte Anpassungsstrategien vom Pantoffeltierchen zur Krone der Schöpfung hast werden lassen. Aber an einer Stelle hast Du gepfuscht: Mein Cholesterolspiegel entspricht nicht der Leitlinie!"

Nur 2% unseres Gesamtcholesterols schwimmen im Blut und versetzen uns in Panik wenn es 2,01% werden. Die anderen 98% stecken im Gehirn, in den Drüsen, in den Zellen. Die Homöostase ist stets bemüht, jenen  Spiegel im Blut zu erhalten, den unser Körper für richtig hält. Essen wir weniger, erzeugt er selbst mehr  und umgekehrt.

Auch die Mär vom guten und bösen Cholesterol ist Unsinn. Cholesterol hat eine klar definierte chemische Formel und ist nicht 'mal gut und 'mal gefährlich. Damit es nicht als Fettauge im Blut obenauf schwimmt, ist es in Eiweiß verpackt: Lipoprotein. Und da gibt es gut mit hoher Dichte verpacktes (HDL), und schlampig mit niedriger Dichte verpacktes (LDL), und letzteres wird schneller ranzig. Tun wir nun mit Diät und Medikamenten alles, um den Spiegel zu senken, dann sorgt die Homöostase dafür, dass auf Teufel komm' raus neues produziert wird. Arbeitet eine Fabrik auf Hochtouren, kommt die Verpackungsabteilung nicht nach und verpackt schlampig.  
Sie sehen, wie schnell gut gemeinte Empfehlungen ins Gegenteil umschlagen können.

Ist denn wirklich bei extrem hohen Werten eine Therapie nötig, muss sie nicht mit 70 Jahren erfolgen sondern in den 40 Jahren davor. Und da wir alle wissen, dass Diät nicht viel bringt, bleiben nur Lipidsenker, die im Dauergebrauch wiederum die Leber belasten. Ich kenne ein paar Methoden, die Leber kaputt zu kriegen, die viel fröhlicher sind.

DHZ: Sie sind als Kritiker des Gesundheitswesens bekannt. Was halten Sie von der Gesundheitsreform?

Jörgensen: Ich kritisiere weder das Gesundheitswesen noch die offizielle Medizin, ich zeige nur mit dem Finger auf deren Irrtümer und Irrlehren. Das tue ich aber ebenso bei der Naturheilkunde – zum Ärger mancher Kollegen. Ich verstehe mich vielmehr als Mittler zwischen den Fronten.

Das "Gesetz zur Stärkung des Wettbewerbs in der gesetzlichen Krankenversicherung" ist weder eine Reform noch hat es sonderlich viel mit Gesundheit zu tun. Es ist nunmehr der fünfte verzweifelte Versuch, das Perpetuum mobile zu erfinden, jene sich aus eigener Kraft stets bewegende Maschine, mit der man eine immer aufwändigere medizinische Versorgung zu immer geringeren Kosten für immer mehr Menschen, bezahlt von immer weniger Zahlern, schaffen möchte. Da man um Dogmen statt um Lösungen gestritten hat, kann das nicht gehen.

DHZ:  Was würden Sie anders machen?

Jörgensen: Auf jeden Fall die verschreibungsfreien Arzneien wieder in die Krankenkassenleistung einbinden. Dieser Rauswurf verstößt klar gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (Antidiskriminierungsgesetz). Das weiß man höheren Orts auch und hat darum gleich eine Freistellungsklausel eingebaut.

Die Zuzahlung zu Arzneien sollte besser prozentual statt pauschal erfolgen, damit sich der Bürger bewusst wird, wie viel er oft für Nonsens ausgibt. Das kann ja sozial gedeckelt sein.

Wenn wir von Solidarität sprechen, und damit die Gesellschaft und nicht nur die Arbeitnehmer meinen, müssen natürlich mehr Steuergelder ins Gesundheitssystem fließen. Allerdings sehe ich die Gefahr, dass zu viel Solidarität die Eigenverantwortlichkeit dahin schmelzen lässt, auch im Gesundheitswesen.

Schließlich sollte die Nutzenbewertung sich frei machen von der sehr einseitigen Kaninchen-Schlangen-Blickrichtung auf die "evidenzbasierte Medizin", es gibt auch andere Kriterien für den Nutzen einer Arznei oder Therapie. Wenn zum Beispiel alle die, die an ihrem Blutdruck und Cholesterolspiegel teuer herumfummeln, ohne das wirklich zu müssen, auf diesen Unsinn verzichteten, wären die Kassen saniert.

DHZ: Was würden Sie sich von den Heilpraktikern berufspolitisch und in ihrer Praxisausübung wünschen?

Jörgensen: Berufspolitisch dass wir den ungeheuren Freiraum, den wir heute als "geduldete" Heilpraktiker genießen, nicht selbst gefährden, indem wir nach irgendwelchen staatlichen Anerkennungen rufen. In der Praxis manchmal etwas mehr Bescheidenheit, solide Sachkunde, auch des schulmedizinischen Wissensgutes, und öfter etwas Besinnung auf den Heilpraktiker