Hans-Heinrich Jörgensen 
Weder Gesundheit noch Reform 
(Kolumne in "Naturarzt" 4/2007)

Ein Berg hat gekreißt und eine Maus ward geboren. Mit großem Getöse hat die große Koalition den vermeintlich großen Wurf getan: Jenes "Gesetz zur Stärkung des Wettbewerbs in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV-WSG)", das unter Etikettenschwindel als "Gesundheitsreform" fast ein Jahr lang die Politik in Atem hielt, ist am 1. April in Kraft getreten. Es ist der fünfte Anlauf, das Perpetuum mobile zu erfinden, jene sich aus eigener Kraft stets in Bewegung haltende Wundermaschine. Eine immer besser werdende Gesundheitsversorgung zu immer niedrigeren Beiträgen für immer mehr Menschen, bezahlt von immer weniger Beitragszahlern.... Das kann nicht funktionieren, schon gar nicht, wenn heiß verteidigte Weltanschauungen dabei aufeinander prallen. 

Die Lohnnebenkosten sollten sinken. Sind sie auch, aber nicht über den Krankenkassenbeitrag, der Anfang 2007 nahezu überall erhöht wurde. Spätestens mit dem gesetzlichen Einheitstarif, der 2009 kommt, werden weitere Erhöhungen ins Haus stehen. Das Kernstück, der Beitragsfond, ist eine Lachnummer. Bisher mussten Kassen mit vielen gesunden und wenig kranken Mitgliedern einen Risikoausgleich an andere Kassen mit ungünstiger Mitgliederstruktur zahlen. Jetzt fließen gleich alle Beiträge in einen Gesamttopf, der dann auf die Kassen verteilt wird. Sicher kein Patentrezept zur Geldvermehrung. Wenn die Zuteilung der Kasse nicht reicht, kann sie einen Aufschlag erheben, das soll den Wettbewerb fördern. Diesem Ziel folgend wird der  Gesündere in die billigere Kasse wechseln, und damit das Strukturgefälle verschärfen. 

Das ideologische Schreckgespenst einer Zwei-Klassen-Medizin sollte bekämpft werden. Eine Fata morgana! Wir leben in einer Vielklassengesellschaft mit ebenfalls einer Vielklassenmedizin. Wer sich ein größeres Auto leisten kann, wird sich auch eine Medizinversorgung leisten, die von der gesetzlichen Krankenkasse nicht angeboten wird. Jetzt aber wird genau das, was man verhindern wollte, sogar in das Gesetz geschrieben. Wer mit dem Einheitsbrei der Sozialgesetzbuchversorgung (ausreichend, zweckmäßig, wirtschaftlich) nicht zufrieden ist, kann sich für zusätzliche Leistungen extra versichern - wenn er sich das leisten kann! Dann darf er gegen Aufpreis aus der zweiten Klasse in die erste umsteigen.

Der Wettbewerb im Angebot der Leistung erbringenden Ärzte und Krankenhäuser sollte gefördert werden, allerdings weniger hinsichtlich der Qualität, sondern vor allem der Wirtschaftlichkeit. Schon bisher sind alle Medikamente in einem aufwändigen Zulassungsverfahren auf Qualität, Wirksamkeit und Unschädlichkeit geprüft. Nun wird noch einmal aufwändig prüft, ob denn die geprüfte Qualität auch für den Kassenpatienten gut genug ist. Und um allzu kräftig hinlangende Ärzte und überteuerte Arzneien auszubremsen, können die Krankenkassen in Zukunft Verträge mit einzelnen Anbietern direkt abschließen. Wettbewerb adé, ich kann in Zukunft nicht mehr zum Arzt meines Vertauens gehen, sondern muss zu dem gehen, der das Vertrauen der Kasse genießt, weil er das billigste Angebot gemacht hat - oder ich muss zuzahlen.

"Vorsorge"untersuchungen werden zur Pflicht, wohl wissend, dass manche dieser gut gemeinten Früherkennungen durch die hohe Zahl der falsch positiven Befunde unnötige Operationen und Behandlungen auslösen und dadurch mehr Schaden als Nutzen stiften können. Natürlich schleppt man mich nicht mit der Polizei zur Prostata-Untersuchung, aber ich muss später mehr zuzahlen, wenn ich nicht dran teilgenommen habe.

Die privaten Krankenversicherungen sind den Solidaritätsmachern ein Dorn im Auge, obwohl sie weniger die Zuflucht einiger Großkopfeter sind, sondern mittelständische Handwerker und Beamte absichern. Den ersten Knüppel, der jegliche Kalkulation unberechenbar macht, hat man ihnen in ideologischer Verblendung mit der Pflicht zur Schaffung eines Basistarifes auf dem Niveau der gesetzlichen Krankenversicherung zwischen die Beine geworfen. "Holzklasse" hat man das schon genannt, das war bei der Reichsbahn die dritte.

Was uns in der Naturheilkunde vor allem bewegt, nämlich die Kassenfähigkeit naturheilkundlicher Medikamente, ist wiederum auf der Strecke geblieben. Arzneien, die als wirksam zugelassen wurden und über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte ihre Unschädlichkeit bewiesen haben und deswegen von der ärztlichen Verordnungspflicht frei gestellt wurden, sind damit auch von der Kassenleistung ausgeschlossen. Die Kasse zahlt nur für jene Medikamente, die verschreibungspflichtig sind, weil sie noch neu und relativ unerforscht oder äußerst nebenwirkungsreich sind, dafür aber der imaginären Vorstellung von "evidenzbasiert" entsprechen. Dieser unglücklich übersetzte Begriff gaukelt "bewiesene Wirkung" vor. 
Naturheilkundliche Arzneien muss der Patient weiterhin aus eigener Tasche bezahlen.