Hans-Heinrich Jörgensen 
Sterben dürfen - und die Patientenverfügung
 

Solange es Menschen gibt, haben sie Angst vor dem Sterben, vielleicht auch nur vor der Ungewissheit, vor dem "nicht mehr hier sein". Einst versprachen Religionen ewiges Leben, heute die Medizin - fast. Mit Prävention und Provitaminen verheißt sie zumindest eine deutliche Verlängerung des Lebens - und natürlich eine Verbesserung der Lebensqualität. Ein grünes Monatsmagazin spekulierte kürzlich, ob es denn nicht möglich sei, irgendwelche Gene, die das Altern verzögern, vom hundertjährigen Wal oder tausendjährigen Eichen auf den Menschen zu übertragen. Eine Horrorvision für jeden, der über die gesellschaftlichen und sozialen Folgen nachdenkt.

Die Medizin ist stolz darauf, die durchschnittliche Lebenserwartung ins 9. Lebensjahrzehnt verschoben zu haben. Das haben wir vornehmlich mit der Kontrolle von Hunger und Seuchen, der Eindämmung der Säuglingssterblichkeit und dem Verzicht auf Kriege erreicht. Zumindest hier. Die Tage, Wochen oder auch Monate, die wir am Ende das Ende hinauszögern, haben dazu nicht beigetragen.

Dem Einzelnen nützt dieser Durschschnitt wenig, ihm verlängern wir das Leben am Ende ein wenig, indem wir ihn um jeden Preis am Sterben hindern. Oft verlängern wir damit auch nur das Sterben, selbst jener Menschen, die sich nichts sehnlicher wünschen, als eben sterben zu dürfen.

Es ist gut, wenn man jenseits der Siebzig – ich darf das schreiben, denn ich bin jenseits der Siebzig – die innere Bereitschaft mitbringt, zu gehen wenn es denn sein soll. "Ich wäre ja so gerne noch geblieben, aber der Wagen der rollt." Ich bin sicher: Mutter Erde dreht sich in der gleichen Richtung und in der gleichen Geschwindigkeit weiter, ob ich nun da bin oder nicht.

Die Natur oder der liebe Gott hält für uns eine barmherzige Art des Sterbens bereit: den Verlust des Durst- und Hungergefühls am Ende einer erfüllten Zeit. Die damit verbundene Austrocknung und der Energieverlust bringen ein schmerz- und leidensfreies Einschlafen mit sich. "Verdursten" klingt für uns so schrecklich und ist doch in Wirklichkeit so gnädig, wenn ich keinen Durst mehr wahrnehmen kann.

Wir aber drängen den Abschied nehmenden zum Essen und Trinken. Das Pflegepersonal muss genau Buch über die Trinkmengen führen und mit der Schnabeltasse nachhelfen. Und wenn das Drängen nicht mehr hilft, greifen wir zur Infusion und Magensonde, der Sterbestatistik zu Liebe. 

Die Angst davor treibt den einen und anderen in die Schweiz, vielleicht demnächst nach Hannover, wo Dignitas sich niergelassen hat. Über die Ethik dieses Weges wird ja derzeit heiß diskutiert, bis hin zu vorgeschlagenen Gesetzesänderungen. Die, die es wirklich betrifft, haben den Zeitpunkt längst verpasst und sind ihren Helfern hilflos ausgeliefert. 

Es sei denn, man hat beizeiten durch eine "Patientenverfügung" festgelegt, was denn getan werden soll, und was nicht. Und: es sei denn, die verantwortlichen Ärzte und Pfleger halten sich daran. Das nämlich ist der Schwachpunkt. Eine solche Verfügung ist allzu oft nicht bindend. Es gibt ungezählte Entwürfe und Vorschläge, wie denn eine solche Verfügung aussehen muss, damit sie auch befolgt wird. Juristen, Ärzte, Priester .... jeder hat andere Vorstellungen. Und es gibt ebenso viele Gerichtsurteile, die den Überblick nicht einfacher machen.

Das Bundesministerium der Justiz gibt eine "Formulierungshilfe Patientenverfügung" heraus, die allein 14 Seiten lang ist und deutlich macht, wie schwierig es schon sein kann, den eigenen Willen zu ergründen und dann so zu formulieren, dass auch keine Auslegungsfragen mehr offen bleiben. Eher ist diese Hilfe geeignet, den Mut zur selbstbestimmenden Patientenverfügung zu nehmen.

Seit Jahren flackert im Deutschen Bundestag der Wunsch auf, diese Frage gesetzlich zu regeln. Ein entsprechender Gesetzesentwurf wird immer wieder vor sich her geschoben. Aber Klarheit ist dringend nötig.

Ich jedenfalls wünsche mir, dass wenn mein Geist mich schon verlassen hat, man meinen Körper nicht mit Gewalt daran hindert, ihm zu folgen. Aber ebenso wünsche ich mir, dass das erst in weiter Ferne liegt. 

Patientenverfügung richtig gestalten 
Jeder ärztliche Eingriff ist rechtlich gesehen zunächst einmal eine Körperverletzung, es sei denn, der Patient hat ausdrücklich seine Zustimmung dazu gegeben. Das wiederum ist oft nicht möglich, zum Beispiel, wenn der Patient bewußtlos nach einem Unfall oder Schlaganfall in der Notaufnahme der Klinik landet. Dann zählt der "mutmaßliche Wille" des Patienten, und getreu seinem hippokratischen Eid geht der Arzt davon aus, dass der Patient alles getan haben möchte, um am Leben gehalten zu werden - egal, wie dieses Leben hernach aussieht.

Und eben das fürchtet jeder von uns und möchte sicherheitshalber für diesen Fall seinen Willen dokumentieren. Das geht mit einer Patientenverfügung, die jedoch leider den Nachteil hat, meist so unklar formuliert zu sein, dass der Arzt sich nicht daran gebunden fühlen muss - oder kann. Wie soll er zum Beispiel verfahren, wenn der Patient einerseits äußert, möglichst lange leben zu wollen, andererseits aber bestimmte lebenserhaltende Maßnahmen ablehnt? Oder der Patient verbietet lebensverlängernde Maßnahmen für den Fall einer altersbedingten Hirnschädigung mit Dauerkoma - aber gilt das auch für die Bewußtlosigkeit nach einem Autounfall?

Damit die Patientenverfügung überhaupt rechtliche Bedeutung erlangt, sollte dokumentiert werden, dass es auch wirklich der eigene Wille im Zustand der Entscheidungsfähigkeit ist, und nicht von der ungeduldigen Erbnichte diktiert wurde, auch, dass man sich der Tragweite und der Folgen bewusst war. Dazu macht es Sinn, sich sachkundig, zum Beispiel vom Hausarzt, beraten zu lassen, diese Beratung in die Patientenverfügung aufzunehmen und vom Arzt, einem Notar oder auch zwei (!) Vertrauenspersonen bestätigen zu lassen. Mit der Wahrnehmung des Selbstbestimmungsrechtes über Leben und Tod nimmt man auch eine beträchtliche Selbstverantwortung auf sich.

Wenn Sie Formulierungen wählen, wie "keine Apparatemedizin" oder "kein unwürdiges Dahinvegetieren" oder "kein qualvolles Leiden", dann machen Sie schon damit Ihre Patientenverfügung unwirksam, denn natürlich will niemand Sie qualvoll leiden lassen, sondern Ihnen mit allen Möglichkeiten der Medizin helfen. Die Abgrenzung, welche Schmerzen oder Leiden Sie zur Verlängerung Ihres Lebens oder zur Heilung einer Krankheit in Kauf nehmen wollen, muss viel präziser gefasst sein, um Beachtung zu finden. Auch sollte deutlich erkennbar sein, ob Ihr Wille nur für bestimmte Situationen gilt, zum Beispiel das Alterssiechtum, oder auch für bestimmte Erkrankungen wie Krebs oder Unfallschäden.

Klar formulieren sollte man, ob man Bluttransfusionen oder Organtransplantationen erhalten möchte oder aus religiösen Gründen grundsätzlich ablehnt. Aber auch, ob man denn selbst bereit zu einer Organspende ist. 

Und wenn man denn nicht mehr aus eigener Kraft essen und trinken kann, welche Hilfe will man dann in Anspruch nehmen? Gar keine? Oder Fütterung mit Schnabeltasse, Flüssigkeitsinfusionen, intravenöse Ernährung, Magensonde durch Mund oder Nase oder gar durch die Bauchdecke? Und noch einmal: gilt ein Nein auch für den akuten Unfall,  oder für den Schlaganfall bei dem noch nicht erkennbar ist, ob Schäden bleiben oder vergehen werden?

Schmerzlinderung wird wohl jeder wollen. Aber auch, wenn das das Leben verkürzen kann? Oder vielleicht gerade darum? Die hart an der Grenze liegende Morphiumdosierung wie auch das Abstellen von Beatmunsgeräten oder der Abbruch künstlicher Ernährung ist als legale Sterbehilfe nur dann erlaubt, wenn eben dieser mutmaßliche Wille des Patienten unmißverständlich bekannt ist. Andrerseits sind selbst wohlwollenden Angehörigen und dem Arzt die Hände gebunden.

Auch die Frage bewusstseinsdämpfender Maßnahmen, die Sie möglicherweise am Abschiednehmen und Beten hindern, wäre zu klären. Möchten Sie sehend gehen, oder hinüber schlafen?

Oft treffen wir so gewichtige Entscheidungen aus akutem Erleben heraus. Wer das kümmerliche Hinsiechen eines Angehörigen miterlebt hat, entscheidet oft "So nicht mit mir!". Aber ob diese Meinung mit verblassender Erinnerung immer noch steht? Darum macht es Sinn, eine bestehende Patientenverfügung von Zeit zu Zeit neu zu durchdenken, und wenn sie denn weiterhin gelten soll, diese Aktualisierung mit Datum und neuer Unterschrift zu dokumentieren.

In der Literatur und im Internet geistern hunderte von Vorschlägen, Formulierungsempfehlungen und auch vorgefertigte Formulare herum, oft von weltanschaulichen oder religiösen Ansichten geprägt. Hüten Sie sich davor, allzu pauschal einen solchen Vordruck zu verwenden. Allzuschnell wird unterstellt, es sei ja erkennbar nicht Ihr Wille, sondern der des Autors oder der Religionsgemeinschaft. 

 Kommt aber irgendwann der Tag, an dem man nicht mehr selbst entscheiden kann, weil die Altersdemenz überhand nimmt, dann wird ein Betreuer eingesetzt, der die  Bankgeschäfte erledigt und schließlich auch den Aufenthaltsort bestimmt. Den alten unschönen Begriff "Entmündigung" gebrauchen wir nicht mehr. Besser ist es, vorsorglich selbst eine Betreuungsverfügung zu erlassen, mit der man den Betreuer seines Vertrauens selbst aussucht und dem eine Vorsorgevollmacht erteilt. Natürlich sollte der oder die informiert und einverstanden sein. 

Und schließlich: die beste Patientenverfügung nützt wenig, wenn niemand weiß, dass es sie gibt und wo sie verwahrt ist. Man muss sie ja nicht ständig in der Brieftasche tragen, aber eine kleine Notiz mit einem Hinweis auf den Aufbewahrungsort zum Personalausweis gelegt trägt zu Beachtung bei.