Angina pectoris 
    (Aufsatz in "Naturarzt" Nr. 8/2006)
Hans-Heinrich Jörgensen 
Angina pectoris

Wenn Sie Ihre Reiseverbindungen danach aussuchen, eine möglichst lange Übergangszeit beim Umsteigen zu haben, und wenn Sie schließlich Bahnsteig 12 erreicht haben und mit einem Gefühl, als zerreiße es Ihnen die Brust, in den Sessel des ICE fallen, dann spätestens sollten Sie einmal einen Kardiologen aufsuchen. Angina pectoris - zu deutsch die Brustenge - heißt diese Krankheit, bei der das Herz nicht mehr genügend Sauerstoff für die erwartete Arbeitsleistung bekommt, und vor Schmerz aufschreit. Sie schleicht sich ganz langsam heran, und man nimmt sie zunächst gar nicht recht wahr. Da war so ein kleines Ziehen in der Brust: "Ich habe mich wohl verlegen." - Oder die Puste wurde etwas knapp, als ich Schwiegermutter im 4. Stock besuchen wollte - "Na ja, die Erkältung ist ja gerade erst abgeklungen." -Sonntag zum Tennis? "Diese Woche 'mal nicht!" Und neulich, als ich mit Lisas Lehrer so richtig Zoff hatte, da war mir hinterher ganz "plümerant". Man verdrängt, man will es nicht wahr haben, aber irgendwann kommt die Stunde der Wahrheit.

Nun ist es in der Tat nicht so ganz einfach, eine Angina pectoris im Frühstadium richtig zu diagnostizieren. Die typischen Symptome, wie "Schmerzen und Engegefühl in der Brust, ausstrahlend in die linke Schulter und den linken Arm, vor allem an der Innenseite zum kleinen Finger hin" sind in der Wirklichkeit so typisch leider nicht. Aber je präziser die Beschwerden so beschrieben werden, desto mehr drängt sich der Verdacht auf, dass hier vom Patienten etwas dramatisiert wird und angelesene Symptome schließlich auch empfunden und überbewertet werden. Immer wieder ist zu beobachten, dass eine Arthrose oder Entzündung des Schultergelenks fälschlicherweise mit Herzmitteln behandelt wird. Selbst eine heftige Blähung im Oberbauch kann wie eine Angina pectoris oder gar ein Herzinfarkt aussehen. Aber auch umgekehrt können wir irren. Wenn denn die echte Herznot irrtümlich als Schulterproblem angesehen und mit Antirheumatika behandelt wird, ist es ebenso fatal.

Blutdruck messen, Puls fühlen, EKG - das Aufzeichnen der Herzströme -, auch unter Belastung, Ultraschall... alles kann Hinweise geben. Eine wirklich sichere Diagnose ergibt nach heutigem Stand nur die Herzkatheter-Untersuchung, bei der von der Leistenbeuge her über die Hauptschlagader ein Katheter ins Herz eingeführt wird, über den dann ein Kontrastmittel in die Herzkranzgefäße gespritzt wird, um diese präzise bildlich darzustellen. Sie können dabei auf dem Bildschirm zuschauen und nach der Untersuchung bekommen Sie - wenn die Klinik nett  ist - sogar eine CD oder Videokassette mit, auf der Sie alles zu Hause noch einmal in Ruhe nachvollziehen können. 

(Bild einer solchen Aufnahme und Übersichtsskizze anbei)

Ursache der Angina pectoris ist ein Engpass in den Herzkranzgefäßen, jenen Äderchen, die den Herzmuskel für seine Arbeit mit Nahrung und Sauerstoff versorgen. Und diese Arbeit ist enorm: gut 7000 Liter, also 7 Tonnen Blut bewegt das Herz jeden Tag, und das im Ruhezustand. Bei Belastung können das auch gut und gern 30 Tonnen werden. Solch Engpass kann mechanischer Art sein, durch Ablagerungen oder sklerotische Veränderung der Gefäßinnenwände wird der Querschnitt der Ader enger, es fließt weniger Blut hindurch, die Versorgung wird schlechter. Eine solche Einengung führt zu ziemlich konstanten und berechenbaren Beschwerden, immer wenn ein bestimmtes Maß an Belastung da ist. Wir nennen diese Form darum auch "stabile Angina pectoris".

Die "instabile" Form wird durch krampfartige Verengungen ausgelöst, die auch ohne körperliche Belastung aus heiterem Himmel kommen, oft durch Stress hervorgerufen. 
Die instabile Angina pectoris ist nicht nur schwerer zu therapieren, sie ist auch gefährlicher und führt öfter zum Herzinfarkt.

Ist eine Ader durch die Ablagerungen oder durch ein wanderndes Gerinnsel völlig verschlossen, oder hat sie sich so lange verkrampft, bis an der Verschlussstelle das Blut geronnen ist, dann fließt nichts mehr und das nicht mehr versorgte Herzmuskelgewebe ist akut gefährdet. Mit etwas Glück bekommt es noch gerade hinreichend Blut durch andere Gefäße. Bricht die Versorgung völlig zusammen, stirbt dieses Muskelareal ab, wir sprechen vom Herzinfarkt.

Der Erfolg einer Therapie beim beginnenden oder vollendeten Herzinfarkt steht und fällt mit der Schnelligkeit, mit der dieser Patient in der richtigen Klinik landet. Darum gilt bei aller diagnostischen Unsicherheit immer: "Lieber einmal zu viel den Notarztwagen rufen, als einmal zu spät."

Was führt denn nun zur Angina pectoris? Viele Theorien geistern durch die Literatur, manche davon haben sich schon so verfestigt, dass Zweifel daran nicht mehr erlaubt sind, obwohl es guten Grund gäbe. Im Vordergrund aller Warnungen steht das Cholesterin, korrekt eigentlich Cholesterol, eine fettartige Substanz, und da wiederum das LDL (low density lipoproteine). Das ist jenes Cholesterol, das mit geringer Dichte in eine Eiweißhülle  "verpackt" ist und darum im wässrigen Mileiu des Blutes ranzig wird. Lipidperoxydation nennt man das. Dieses Cholesterol findet man überall gehäuft, wo Gefäße geschädigt sind. Ob das aber nun der eigentliche Schadfaktor ist, oder eine Flicksubstanz, die vermehrt zum Schutze der geschädigten Adern angelagert wird, ist bis heute nicht ganz sicher zu beantworten. Wie auch immer, die Klinik empfiehlt, den LDL-Spiegel auf Werte zu senken, die so illusorisch sind, dass kein Mensch sie erreicht. 

Hoher Blutdruck ein Leben lang ist fraglos ein Risikofaktor. Diesen Mehrdruck muss schließlich das Herz durch Mehrarbeit erzeugen, braucht dazu auch mehr Sauerstoff und neigt zu Ermüdungserscheinungen. Zudem schädigt der jahrzehntelang anhaltende Hochdruck die Innenwände der Adern, was wiederum irgendwie geflickt werden muss. Also muss der dauerhafte Hochdruck des jungen Menschen sinnvoll behandelt werden. Ist der Mensch aber inzwwichen alt geworden und hat geschädigte Gefäße, dann ist der Hochdruck nicht mehr so sehr Verursacher, sondern der Versuch, die enger gewordenen Adern immer noch ausreichend zu durchspülen. Hier kann zu viel des Senkens auch schädlich sein.

Übergewicht, die Zuckerkrankheit und Bewegungsarmut - kein Zweifel, das gefällt dem Herzen nicht. Viel weniger noch mag das Herz, wenn ich meine Lunge dreißig Mal am Tag mit Teer und Russ bestäube und die Herzkranzgefäße mit Nikotin einschnüre. Das ist nicht der Duft der großen weiten Welt, das ist Dummheit.

Jüngster Schrei der Werbeleute, die sich in den Pharmafirmen so gern "Wissenschaftliche Abteilung" nennen: Homozystein, eine Aminosäure, die obige Lipidperoxydation beschleunigt und so zu arteriosklerotischen Erscheinungen führt. Das gehäufte Auftreten dieser Substanz im Blut ist eine genetisch bedingte Erbkrankheit oder auch die Folge eines extremen Folsäure- und Vitamin-B12-Mangels. Standardursache der Angina pectoris ist das kaum, aber ein gutes Verkaufsargument für die genannten Vitamine.

Interessant und kaum beachtet dürfte das Ergebnis einer relativ jungen Studie der kalifornischen Universität in San Diego sein. Dort hat man bei der Autopsie von Patienten, die an Arteriensklerose verstorben waren, stets extrem wenig Silicea (Silicium dioxid) in den Wänden der Aorta gefunden. Vielleicht hat der Urvater der Biochemie, der Oldenburger Arzt Dr. Schüßler, 1874 das schon erahnt, als er Silicea als Mittel gegen vorzeitiges Altern empfahl?

Angina pectoris und Herzmuskelschwäche (Herzinsuffizienz) gehören untrennbar zusammen. Das Herz ist ja, wenn man so will, ein Zweitaktmotor: Ansaugphase (Diastole) und Arbeitstakt (Systole). Während der Systole pressen die Herzmuskel auch die darin lagernden Gefäße zusammen, so das kaum noch Durchblutung stattfinden kann. Das meiste Blut fließt während der Diastole, dem Ansaugtakt. Ist das Herz geschwächt, verlängert sich der Arbeitstakt zu Lasten der Diastole, weil das Blutnicht mehr mit kräftigen kurzen Schägen ausgetrieben wird, sondern langsam und verzögert in die Schlagader "geschoben" wird. Verkürzte Diastole bedeutet aber verminderte Durchblutung. 

Was können wir therapeutisch tun? Selbstverständlich beginnt jede Therapie mit der Beseitigung der möglichen Ursachen. Also Zigarette weg, vernünftige Ernährung, ausreichende Bewegung und ein bisschen die Seele pflegen, damit man nicht wie das HB-Männchen ständig an die Decke geht. Wenn ich denn der Zu-viel- oder Zu-wenig-Theorie irgendwelcher Stoffe im Blut glaube, dann heißt das eben: weglassen oder ergänzen. Keine Frage, das erschließt einen riesigen Markt, und hilft sogar - in erster Linie dem Hersteller.

Natürlich muss sich jede Therapie am Schweregrad der Erkrankung orientieren. Zwischen der homöopathischen und pflanzlichen Medikation bis hin zur Bypass-Operation erschließt sich eine weite Spanne. Das schwerste Geschütz muss nicht am Anfang stehen. Homöopathie, so verstanden wie Hahnemann es sah, orientiert sich nicht an der Indikation, sondern an den individuellen Konstitutionsmerkmalen des Patienten. Darum kann es hier auch keine allgemeingültige Empfehlung geben. In Schüßlers Biochemie als Sonderform homöopathischer Arzneigaben empfiehlt 
sich in erster Linie eine Kombination der Nummer 5 (Kalium phosphoricum) zur Stabilisierung der Nerven und Aktivierung des Herzens mit der Nummer 7 (Magnesium phosphoricum) zur allgemeinen Entspannung.

Die Pflanzenheilkunde hat seit der Entdeckung einer Kräuterfrau, dass der Fingerhut Wasser treibt, in der Herztherapie immer eine hervorragende Rolle gespielt. Da ist in erster Linie der Weißdorn (Crataegus) zu nennen, jene Heckenpflanze, deren "Mehlbeeren" die Kinder naschen. Blätter und Blüten des Weißdorns verbessern die Herzökonomie und -durchblutung und gelten sogar in der kritischen Schulmedizin als anerkannt wirksam. Eine orientalische Zaunrübenart Khellakraut (Ammi visnaga) mit den Inhaltsstoffen Khellin und Visnadin wirkt krampflösend und gefäßerweiternd. Das hochwirksame Injektionspräparat Angifin? fiel jedoch schon vor 10 Jahren dem restriktiven Nachzulassungsverfahren zum Opfer und ist bedauerlicherweise nicht mehr zu haben. Die Königin der Nacht (Cactus grandiflorus), jene Kaktuspflanze, die über Nacht ein Treibhaus zur Blütenpracht bringt, wirkt ähnlich und ist das klassiche Phytotherapeuticum bei der Angina pectoris.

 Das Maiglöckchen (Convallaria), vor dem wir zu Recht mit erhobenem Zeigefinger die Kinder im Garten warnen, der Fingerhut (Digitalis) und Strophantus, alle mit einem Glykosid, das die Kontraktionskraft des Herzens verstärkt, sind bedauerlicherweise ein wenig aus der Mode gekommen. Die moderne Kardiologie setzt mehr auf Entlastung des Herzens statt auf Stärkung. Mit Blick auf die Herzmuskelschwäche, die pectanginöse Beschwerden verschlimmert, halte ich eine solche herzstärkende Therapie durchaus für sinnvoll, und beobachte auch, dass sie langsam aus der Versenkung wieder hervorkommt. Ganz wichtig, und leider oft nicht bekannt, ist die stark variierende Wirkzeit von einem Tag bis zu einer Woche der verschiedenen Inhaltsstoffe.

Der Klassiker einer schulmedizinischen Entlastungstherapie ist der Beta-Rezeptorenblocker, der wie der Name sagt, die nervlichen Empfangantennen am Herzen blockiert. Damit kommt der Befehl vom Gehirn "Herz, bitte mehr schlagen, ich möchte Treppen steigen!" nicht an. Ein Herz, dass sich so ausgebremst nicht zur Mehrarbeit provozieren lässt, braucht auch weniger Sauerstoff und schreit nicht so schnell "Au!". Die Beschwerden lassen nach, sonderlich heilsam ist diese Therapie jedoch nicht. Blutdruck senken, indem man die Adern durch Hemmung der Angiotensin-Bildung oder -Wirkung erschlaffen lässt, zielt in die gleiche Richtung und kann lindern, allerdings auch zu Gunsten der Herzentlastung die Hirndurchblutung vermindern. Und ob denn die als unabdinglich gepriesene Cholesterinsenkung wirklich den erhofften Nutzen bringt, wage ich zu bezweifeln. Nicht ganz ohne Grund hat das Arzneizulassungsinstitut für einen gängigen Cholesterinsenker als neue Gegenanzeige eingeführt "Nicht für Patienten über 70 Jahre".

Wenn denn alle Medikation vom Weißdorn bis zur ganzen Palette der Schulmedizin die Beschwerden nicht schwinden lässt, hat die Medizin invasive Maßnahmen entwickelt, die in der Tat Leben verlängern und erträglich gestalten können. Die verschiednenen Schulen wetteifern um den Ruhm, besser als alle anderen zu sein. Wie jede Therapie unterliegt die Entscheidung zwischen Stent und Bypass ebenfalls der Mode.

Bei der Ballon-Dilatation wird in der Leistenbeuge ein Katheter (Schlauch) in die Hauptschlagader eingeführt und bis in das Herz vorgeschoben. In dem Schlauch wiederum schiebt man einen Ballon bis in die verengten Herzkranzgefäße vor, alles unter ständiger Röntgenkontrolle. Richtig platziert wird dann der Ballon mit dem Druck eines Treckerreifens aufgeblasen, um das verengende Gewebe an die Wand der Ader zu pressen. Damit das ganze dann auch geöffnet bleibt, wird mit dem Ballon ein kleines Spreizröhrchen platziert, ein Stent. Das ganze kann man am Bildschirm verfolgen, und nach drei Tagen ist man wieder zu Hause. Der erste Tag dient der Vorbereitung und Untersuchung, am zweiten wird der Stent gesetzt, und den dritten verbleibt man in der Klinik, damit die Schlagader an der Leistenbeuge nicht wieder aufbricht. Aus eigener Erfahrung kann ich berichten, das vorher und nachher ein Unterschied wie Tag und Nacht sein kann.

Liegt der Schwerpunkt der Einengungen nicht so sehr an den größeren Herzkranzgefäßen, sondern an den kleinen und kleinsten, dann macht die Bypass-Operation mehr Sinn. Dabei wird ein kleines Venenstück, an anderer Stelle entnommen, als "Umleitung" in das Gefäßnetz des Herzens eingebaut, so wie wir es von der Autobahnsperrung her kennen. Dazu muss der Brustkorb geöffnet und der Patient an die Herz-Lungen-Maschine angeschlossen werden. Neuerdings wird diese komplizierte Operation auch als "Schlüsselloch-Chirurgie" etwas weniger aufwändig betrieben.

Wie auch immer die Beschwerden gelindert wurden, ganz wichtig ist, sich von den ständigen Ängsten zu befreien. Ein hoher Prozentanteil jener Patienten, bei denen ein Eingriff am Herzen oder auch nur eine Medikation notwändig war, betrachtet sich unsinnigerweise für den Rest des Lebens als gehandicapt und traut sich nicht mehr zur Arbeit und zur Liebe und verschenkt damit einen wesentlichen Teil der Lebensqualität. Drum: Kopf hoch und leben!