Hans-Heinrich Jörgensen 
Paragraph paradox
 Um Sie nicht bis zur letzten Zeile auf die Folter zu spannen: gemeint ist der § 34 des 5. Sozialgesetzbuches, der den Krankenkassen vorschreibt "Nicht verschreibungspflichtige Arzneimittel sind von der Versorgung ..... ausgeschlossen". Dieser Paragraph hat in seiner kurzen Lebenszeit das Gegenteil dessen bewirkt, was er eigentlich erreichen sollte. In der Fehlannahme, dass diese Arzneien ja vorwiegend für kleinere "Wehwehchchen" eingesetzt würden, meinte man, es sei dem Publikum zuzumuten, sie aus eigener Tasche zu bezahlen, wenn doch damit eine Erhöhung der Krankenkassenbeiträge zu vermeiden wäre. Das Gegenteil wurde erreicht, die Ausgaben für Arzneimittel sind nicht zurück gegangen sondern gestiegen. Nicht nur, aber auch wegen dieser fatalen Fehleinschätzung.

Wenn man erkennt, in die falsche Richtung gesteuert zu haben, dann muss man den Kurs ändern, oder man setzt sich dem Gespött der Leute aus - günstigsten Falls. Schlimmer noch, man zieht den Zorn weiter Bevölkerungskreise, die sich zu Recht  betrogen fühlen, auf sich. Im Zuge der angestrebten "Gesundheitsreform" wäre trefflich Gelegenheit, den Fehler wieder auszubügeln. Grüße nach Berlin!

Verschreibunsgfrei sind Arzneimittel, die in einem akribischen Zulassungsverfahren ihre Wirksamkeit bewiesen haben, die ständig aufs Neue und sehr aufwändig ihre Qualität belegen und die bei der Prüfung auf Unschädlichkeit so gut abgeschnitten haben, dass man sie getrost den Menschen zur freien Verfügung überlassen kann, ohne Schäden und Nebenwirkungen fürchten zu müssen. Diese Medikamente werden von 80% aller Bürger gewünscht - nicht nur, aber auch. Sie erfreuen sich insbesondere im Bereich der Naturheilkunde großer Beliebtheit und sie sind preiswert, manchmal gar spottbillig.

Verschreibungspflichtig sind Arzneien, die neu oder gefährlich oder beides sind. Neue Arzneien deswegen, weil man mögliche Spätschäden oder Risiken erst bei breitem Einsatz erkennen kann. So schnell und fatal, wie bei dem Menschenversuch kürzlich in England, sind Schäden meist nicht spürbar. Man braucht also eine größere Zahl von "Probanden", die natürlich ärztlich überwacht werden müssen, um zu erkennen, wie denn wirklich das Nutzen-Risiko-Verhältnis ist. Diese Versuchskaninchenzeit bezahlt die Krankenkasse.

Darüber hinaus sind Arzneien verschreibungspflichtig, weil sie eben in dieser Nutzen-Risisko-Relation nicht so gut abgeschnitten haben, wie die naturheilkundlichen, und weil dem erwarteten Nutzen immerhin ein nicht unbeträchtliches Risiko unerwünschter Wirkungen gegenüber steht. Wenn im Beipackzettel bei einer Nebenwirkung "gelegentlich" steht, können immerhin bis zu 10% der Anwender betroffen sein, deutlich mehr, als es meist Nutznießer gibt. Auch hier macht die sorgsame ärztliche Überwachung Sinn. Darum die Verschreibungspflicht. 

Dass Medizin teurer wird, hat nicht nur die Bundeskanzlerin kürzlich gesagt, es liegt auch auf der Hand. Ärztliche Kunst bietet heute diagnostische und therapeutische Möglichkeiten an, von denen man vor wenigen Jahren nicht zu träumen wagte. Computertomografie, Hüftprothesen, Tranplantationen..... Das gibt es nicht zum Nulltarif. Zudem werden die Menschen immer älter mit immer mehr Altersgebrechen. Nach dem Faux pas des Herrn Mißfelder wagt niemand mehr zu fragen, ob denn die Endoprothese für den 75Jährigen noch wirtschaftlich ist. Immer mehr Kosten entstehen, und immer weniger arbeitende zahlende Mitglieder hat die Krankenkasse. 

Drum denkt die Politik verzweifelt darüber nach, wie man diese auseinander klaffende Schere wieder schließen kann. Mehr Menschen hinein in die Krankenkasse bedeutet ja nicht nur mehr Zahler, sondern auch mehr In-Anspruch-Nehmer. Steuerliche Zuschüsse bringen die Stabilität in Gefahr. Also muss an den Ausgaben gespart werden. Aber bitte sinnvoll! Die Verschreibungspflicht kann kein Kriterium für die Verschreibungsfähigkeit sein.

Mit Abstrichen am Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen werden wir leben müssen. Bezogen auf die Indikation, bezogen auf den Preis - wie auch immer, aber doch nicht bezogen auf die Weltanschauung der Patienten. Immerhin ist derzeit sogar ein Antidiskriminierungsgesetz in Vorbereitung. Der Ausschluss der nicht verschreibungspflichtigen Arzneien trifft aber die Menschen nach ihrer Weltanschauung. Ausgerechnet jene, die Naturheilkunde vorziehen, die mit ihrer Lebensweise, Ernährung und Gesundheit pfleglich umgehen und damit Krankheit und Kosten vermeiden, sperrt man aus der Solidargemeinschaft aus. Dabei ist es medizinisch unstrittig, dass der banale Infekt besser mit einem Stoß ins Immunsystem angegangen wird, als mit einem Antibiotikum. Das aber darf der Arzt nur auf Selbstzahlerprivatrezept verordnen, was wiederum den Patienten verärgert, was wiederum der Arzt fürchtet, was wiederum ihn veranlasst, eben doch das teure Antibiotikum zu verordnen, was er zwar nicht darf, aber eben doch dem Patienten zu Liebe immer wieder tut.

Nun gibt es inzwischen noch ein neues Spargesetz, das Arzneimittelversorgungswirtschaftlichkeitsgesetz, das eigentlich schon am 1. April (kein Aprilscherz) in Kraft treten sollte, aber vom Bundesrat ein wenig verzögert wurde und erst am 1. Mai 2006 in Kraft trat. Dieses Gesetz tut alles, um Arzneipreise zu senken. Festbeträge, abgesenkte Festbeträge, Zuzahlungserleichterung wenn der Preis selbst noch darunter liegt, Kassenrabatt, Preismoratorium - das Schlimmste aber, eine Bonus- und Malusregelung, die den Arzt belohnt, wenn er recht billig verordnet und ihn bestraft, wenn seine Patienten zu teuer werden. Damit ist der "schwarze Peter" wieder beim Arzt, der sich schwer tut, seinen Patienten zu erklären, dass er nicht wegen einer Bonuszahlung auf das Billigprodukt ausweicht.

Wie paradox ist es doch, dem Arzt lautstark zu trompeten "Doc, verschreibe billig!" und ihm zugleich die wirklich preiswerten Arzneien aus der Hand zu schlagen.

Wie ungerecht ist es doch, ausgerechnet jene aus der Leistung auszuperren, die mit ihrer Lebensführung schon kräftig zum Sparen beitragen.

Wie unanständig ist es doch, einer bestimmten Patientengruppe zwar den Beitrag zur Kasse abzunehmen, ihnen aber die Leistung zu versagen. Im Privatrecht läge das hart an der Grenze zum Betrug.

Und wie unwirtschaftlich ist es doch, Arzneimnittelpreise um jeden Preis absenken zu wollen, und die wirlich preiswerten Arzneien zu streichen. 

Als der Gedanke erstmals im Raume stand, die "umstrittenen Arzneien" nicht mehr zu erstatten, hoffte man auf phantastische Einsparungen im Milliardenbereich. Das Gegenteil ist erfolgt, der Arzneimittelsektor frisst mehr Geld denn je. Auch die Politiker und Ministerialen wissen, dass es nicht die verschreibungsfreien Medikamente sind, denen ein nennenswertes Sparpotenzial innewohnt, sondern die "Innovationen", die ich bewusst in Anführungszeichen setze, weil das meiste so neu nicht ist. Aus patenrechtlichen und zulassungsstrategischen Gründen wird allzu oft eine lukrativ vermarktete Substanz geringfügig verändert und dann als ganz tolle Verbesserung angepriesen. Mit dubiosen Statistiken, in denen ein groß herausgesteller relativer Nutzen den Blick auf den tatsächlich oft kümmerlichen absoluten Nutzen verstellt, wird Ärzten und Patienten suggeriert, eben dieses Medikament sei nun der Königsweg zu ewigem Wohlbefinden. Hier liegt die wirkliche Sparmöglichkeit. Aber dazu muss man die Faszination einer "bewiesenen" Medizin hinterfragen. Auch gegen die breite Phalanx einer wissenschaftsgläubigen Pharma-Industrie und Medizin.

(Zum Verständnis: wenn ein Krankheitsrisiko von 2% auf 1% gesenkt wird, dann ist das ein relativer Nutzen von 50%, ein absoluter von 1%)