Hans-Heinrich Jörgensen

Schüßlers Biochemie in der Tiermedizin 
 

 

Als der in Oldenburg tätige homöopathische Arzt Dr.med. Wilhelm Heinrich Schüßler 1873 in einer medizinischen Fachzeitschrift seine Idee von einer gezielten Mineralstofftherapie der Fachwelt vorstellte, war er seiner Zeit weit voraus. Auf dem zweiten Bildungsweg Arzt geworden, zudem noch erfolgreicher Homöopath, genoss er jedoch nicht gerade das ausgeprägte Wohlwollen seiner Kollegenschaft. 
 

 

Das Unverständnis seiner Ärztekollegen, die beharrlich der historisch-mythisch tradierten Medizin-Philosophie des vergangenen Jahrhunderts anhingen und Schüßlers der Zeit vorauseilende naturwissenschaftlich-rational und analytisch geprägte Idee verlachten, war für ihn Anlass, ein Jahr später dann seine Gedanken über eine "abgekürzte Therapie" in Form eines kleinen Heftchens einer breiteren Öffentlichkeit, und damit auch dem Publikum und den Patienten vorzustellen. 
 

 

Schon früh begriffen auch die Tierärzte, dass die Therapie mit homöopathisch aufbereiteten Mineralsalzen nicht nur dem Menschen gut tut, sondern auch dem lieben Vieh. Im Oldenburger Land der Tierarzt Grashorn und schon sehr früh in der Geschichte der Biochemie der Tierarzt Meinert in Bünde wurden zu engagierten Anwendern und Verfechtern der Biochemie. Schon 1902 gründete Meinert in Bünde einen Biochemischen Verein, der inzwischen über 100 Jahre, zwei Kriege, fünf Staatsformen und fünf Währungen überstanden hat.  
 

 

Nach tiefer Frustration über "die oft wiederkehrenden Mißerfolge bei der sorgfältigsten Behandlungsweise" (Meinert) wandte er sich suchend anderen Heilmethoden zu und stieß dabei auf Schüßlers Schrift und stellt fest: "Dieses kleine Werk studierte ich fleißig, und was mir besonders auffiel, war die Klarheit und Einfachheit der Methode". Nach Erfolgen bei eigener Krankheit und in der Familie wandte er die Biochemie auch bei den Tieren an, was seine Begeisterung zum tierärztlichen Beruf wiederkehren ließ, wie er schreibt. 
 

 

Schließlich fasste er seine Erfahrungen in einem "Leitfaden zur Biochemischen Behandlung unserer kranken Haustiere" zusammen, der damals in etlichen Auflagen und in mehreren Ländern Verbreitung fand und nach langer Verschollenheit 1996 wieder von Friedrich Bartelmeyer ausgegraben und als Neuauflage nachgedruckt wurde. Das lesenswerte Büchlein ist über den Biochemischen Bund Deutschlands, Kuhtrift 18, 41541 Dormagen, zu beziehen. (www.biochemie-net.de) Ebenso das von ihm gelobte Originalbuch von Dr. Schüßler "Eine abgekürzte Therapie". 
 

 

Je einfacher eine umwälzende Idee ist, desto schwieriger scheint es, sie zu begreifen. Schüßlers geniale Idee bestand darin, zu erforschen, was denn eigentlich die anorganischen Mineralien im menschlichen und tierischen Stoffwechsel tun. Organische Chemie, das wissen wir alle, besteht aus den Elementen Stickstoff (N), Sauerstoff (O), Kohlenstoff (C) und Wasserstoff (H), Merksatz: NOCH. Und heute wissen wir auch alle, daß ein Leben aus diesen Stoffen allein nicht möglich ist, dass eine Vielzahl anorganischer Elemente die chemischen Umsetzungen dieser vier Stoffe steuert und erst ermöglicht. Die Chemie des Lebens, die Bio-Chemie, ist das kunstvolle Ineinandergreifen von steten Auflösungen und Neueingehen elementarer Verbindungen.  
 

 

Wilhelm Heinrich Schüßler war mit einer der ersten, die versucht haben, dieses geheimnisvolle Zusammenspiel aufzuschlüsseln, in eine Ordnung zu bringen, herauszufinden, welche Elemente denn was bewirken, und welche Krankheiten entstehen, wenn eines dieser lebensnotwendigen Elemente fehlt. Der von ihm geprägte Begriff "Biochemie" ist mittlerweile in den medizinischen Sprachgebrauch eingegangen und steht für jene Wissenschaft, die genau das nachvollzieht, was Schüßler begonnen hat: die Erforschung des Zellstoffwechsels. Nur - leider ist den modernen Biochemikern der Name Schüßler aus dem Gedächtnis gekommen.  
 

 

Natürlich hat sich auch die Schulmedizin inzwischen der Mineralien angenommen. Speziell mit den Mineralien und Spurenelementen befassen sich mehrere Fachgesellschaften, eine Fülle von Literatur zu diesem Thema überschwemmt die Ärzte, und jedes Jahr finden mindestens 5 Fachkongresse statt, die sich ausschließlich mit unserem ureigensten Thema beschäftigen, der Biochemie - und das auf hohem wissenschaftlichen Niveau. Den ersten Anstoß zur intensiven Beschäftigung mit Mineralien und Spurenelementen gab die Veterinärmedizin, die früh erkannte, dass die Leistungsfähigkeit von Tieren und die Wirtschaftlichkeit der Viehhaltung ohne Mineralien nicht denkbar ist. 
 

 

Die Reihe der anorganischen Salze, die Schüßler als lebensnotwendig herausfand, entspricht sehr genau dem, was die moderne Medizin als essenzielle, sprich unersetzliche, Mineralien bezeichnet. Es sind die Elemente Calcium, Kalium, Magnesium, Natrium, Eisen und Silicium in Verbindung mit den Anionen Phosphor, Schwefel und Chlor, im Ausnahmefall bei der Nummer eins auch Fluor. Schüßler nannte seine Salze Funktionsmittel weil sie für die physiologischen Funktionen des Stoffwechsels unentbehrlich sind. 
 

 

Das ist heute sehr präzise erforscht und belegt. Wir wissen um die Bedeutung des Kaliums für das Ruhepotential der Nerven. Natrium hingegen löst ein Aktionspotential aus. Um den Nervenimpuls in eine Muskelkontraktion umzuwandeln wird Calcium freigesetzt. Und Magnesium in Minimengen als Kern der wichtiger Enzyme stellt das alte Gleichgewicht wieder her. Dazu genügen oft winzigste Mengen, darum verwendet Schüßler die Mineralsalze in feinen homöopathischen Potenzierungen. 
 

 

Als homöopathische Therapie im Sinne der Hahnemannschen Ähnlichkeitsregel hat Schüßler seine Mineralstofflehre jedoch nie verstanden, sondern für die Zubereitung seiner Mineralstoffgaben die homöopathische Aufbereitung gewählt, um die Verwertung zu begünstigen. Er hat damit einen ganz modernen Begriff, der in der heutigen Pharmazie fast übermächtig geworden ist, vorweggenommen: die Bioverfügbarkeit. Was nützt denn eine geschluckte Arznei, wenn sie geradenwegs durch den Darm wieder verloren geht und dem inneren Stoffwechsel, der Bio-Chemie, gar nicht zur Verfügung steht? Die wiederholte feine Verreibung zerkleinert die Teilchen und vergrößert damit die wirksame Oberfläche, zumindest bei nicht wasserlöslichen Substanzen.  
 

 

Und mit der Empfehlung, das Salz nicht zu schlucken, sondern auf der Zunge zergehen zu lassen, umgehen wir den first-pass-effect, den Pfortaderkreislauf und die Um- und Abbauprozesse der Leber. Pharmakokinetik heißt die Lehre vom Weg, den eine Arznei in unserem Körper vom Schlucken bis zu ihrem endgültigen Abbau nimmt. Selbst darüber hat Schüßler sich in prophetischer Vorausschau naturwissenschaftlicher Überlegungen Gedanken gemacht. Nun können wir schwerlich Hund, Pferd und Katze beibringen, die biochemischen Tabletten langsam im Maul zergehen zu lassen. Folgerichtig müssen wir etwas höher dosieren, weil uns dieser besondere Resorptionseffekt zumindest teilweise verloren geht.  
 

 

Für den Menschen gilt als Standarddosierung 3 x tgl. 1 Tablette auf der Zunge zergehen lassen. Für den kleineren Hund und die Katze würde ich deswegen die gleiche Dosis wählen, für das Großpferd eher 3 x 7-10 Tabletten. Hund und Katze fressen die Tabletten in der Regel problemlos mit dem Futter, evt. zerbröselt ins Fressen gemischt. Pferde können sehr wählerisch sein, und wenn die Tabletten nicht mehr in der Krippe liegen, muss das nicht beweisen, dass sie auch gefressen wurden. Im Zweifel empfiehlt es sich, die Tabletten in etwas lauwarmem Wasser zu lösen und mit einer Einwegspritze (ohne Kanüle natürlich) hoch ins Maul auf die Zunge zu bringen - wie bei den Wurmkuren. 
 

 

Es gibt in der Humanmedizin eine Schule, die 7-8 Schüßlersalze für zwingend nötig hält, und von jedem 10 Tabletten, das ganze dreimal täglich. Richtig ist zwar, dass Schüßler die Salze nicht nach dem homöopathischen Ähnlichkeitsprinzip sondern zur Beseitigung von Mängeln gedacht hat. Dennoch ist obiges Procedere nicht sonderlich logisch. Wenn ich Zweifel an der ausreichenden Wirksamkeit der homöopathischen D6 (0,0000025 Gramm pro Tablette) habe, dann ist es einfacher auf eine D3 (0,0025 Gramm) auszuweichen als 10 und mehr Tabletten zu verabreichen. Jedes D weniger verzehnfacht den Wirkstoff. 
 

 

Nun haben selbst begeisterte Biochemiker oft ein bisschen Zweifel wegen dieser kleinen Mengen. Zu Unrecht, denn D3 im Milligrammbereich und D6 im Mikrogrammbereich sind ja durchaus auch schulmedizinisch übliche Dosierungen. Jeder Mangel beginnt klein, und die biochemische Tablette soll ja nicht den gesamten Tagesbedarf decken, sondern kleine mögliche Lücken schließen. Sie kann und soll ein mineralreiches Futter und eine vernünftige Weidedüngung nicht ersetzen.  
 

 

Aber aus dem Zweifel an der kleinen Menge heraus betreiben wir dann oft Argumentationsakrobatik, "die kleine Menge des Salzes an der Zellmembran bewirkt, dass die große Menge des gleichen Salzes in die Zelle gelangt" - was natürlich physiologischer Unsinn ist. Richtig ist - und dann steht die Biochemie wieder voll auf dem Boden einer naturwissenschaftlichen Medizin - "Die kleine Menge des einen Salzes bewirkt, dass die große Menge eines anderen Salzes richtig gesteuert wird." Beispiel: eine winzige Menge Magnesium als Kern der Kalium-Natrium-Pumpe (ATPase) transportiert Natrium aus der Zelle heraus und Kalium hinein. 
 

 

Dieser Aufsatz kann kein Komplettprogramm der biochemischen Behandlung der Tiere bringen, wohl aber ein paar Anregungen um Sie auf den Geschmack zu bringen, und zum eigenen Ausprobieren. Ich greife einfach ein paar Beispiele aus dem Pferdebereich auf, habe ich doch gut zwanzig solcher Kameraden im Stall stehen. 
 

 

Da Pferde häufig einer unregelmäßigen, dafür aber kurzzeitig hohen Beanspruchung ausgesetzt werden, haben Sie erhebliche Probleme im Bereich der Gelenke, Sehnen und Bänder. Die "Hufrolle" bei Springpferden, der Sehnenschaden ("Banane") bei Rennpferden und die vielfältigen Rückenprobleme bei Spazierpferden sind alles Schäden des kollagenen Bindegewebes: Knorpel, Kapseln, Sehnen, Bandscheiben. Das klassische Mittel der Biochemie ist hier die Nr. 11 (Silicea = Siliciumdioxid). Auch die Pflanzenheilkunde betreibt hier Biochemie, denn alle Phytotherapeutika mit dieser Indikation zeichnen sich durch einen extrem hohen Silicea-Gehalt aus. Eine ganz moderne Studie der Universität San Diego belegt, dass die Matrix, nach der der Körper Bindegwebe erzeugt, Silicea-abhängig ist und dass der Epiphysenschluss der langen Röhrenknochen durch Silicea beschleunigt wird. 
 

 

Der Kreuzverschlag - meist bei zu gutem Futter und nach einer Arbeitspause - bedarf unter Umständen einer Intensivbehandlung. Aber es gibt Pferde, die dazu neigen und das durch zögernden verkürzten Schritt nach der Arbeit signalisieren. Langfristig die Nummer 7 (Magnesium phosphoricum) und weniger Hafer stellen das ab. Gleiches gilt für Tiere, die häufig zu Koliken neigen. 
 

 

Kalium hat drei ganz wichtige Funktionen im Stoffwechsel. Die wichtigste: es bewirkt das Ruhepotenzial der Nerven, also die Stabilität der neuromuskulären Erregbarkeit. Für nervöse und hektische Pferde und solche, die zu Muskelverspannungen neigen, bietet sich darum die Nr. 5 (Kalium phosphoricum) an. Der Säure-Basen-Haushalt (al kali = arabisch Pflanzenasche) wird ganz wesentlich vom Kalium gesteuert. Milchsäure, die bei anaerober Verbrennung entsteht und die Leistung limitiert, wird schneller abgebaut und ausgeschieden, wenn eine ausreichende Kaliumversorgung gewährleistet ist. Also ebenfalls Nr. 5. Und schließlich ist Kalium der Gegenspieler des wasserbindenden Natriums, bei angelaufenen Beinen (auch eine Stehfolge) setzt man die Nummer 4 (Kalium chloratum) ein. Und die Nr. 6 (Kalium sulfuricum) ist das klassische Mittel bei allen schuppenden, schilfernden und juckenden Hautgeschichten, unter denen ja gerade die Robustpferde besonders zu leiden haben. 
 

 

Nr. 3 (Ferrum phosphoricum = Eisen) gibt die Biochemie nicht so sehr zur Blutbildung, sondern als "Entzündungsmittel", also zur Steigerung der Immunabwehr. Auch das ist physiologisch belegbar, denn die Phagozytose, die Fresstätigkeit der weißen Blutkörperchen, funktioniert nur, wenn freie Eisen-Ionen anwesend sind. Also bei Kontakt zu "schniefenden" Pferden oder prophylaktisch bei einem Stallwechsel die Nummer 3. 
 

 

Bei heranwachsenden Pferden sollte für den Knochenaufbau calciumreiches Futter im Vordergrund stehen. Die Nr. 2 (Calcium phosphoricum = Futterkalk) kann das allein nicht bringen. Aber ergänzend die Nr. 1 (Calcium fluoratum) trägt zur Härtung des Knochens bei. In der Humanmedizin gibt man Fluor bei der Osteoporose und gegen die Karies). 
 

 

Aller Anfang ist schwer. Aber ein suchender, fragender, forschender Einstieg in die 130-jährige Biochemie lohnt sich. Nur Mut! 
 

  
 
 

Zum Autor: Der Autor ist Heilpraktiker seit über 40 Jahren und hat vor gut dreißig Jahren für die Humanmedizin ein Multimineralgemisch entwickelt, das in die Gruppe der marktführenden Präparate geklettert ist (Neukönigsförder Mineraltabletten NE) und oft auch bei Tieren Verwendung findet. Er hat viele Jahre der wissenschaftliche Aufbereitungskommission für Mineralstoffe und Vitamine beim Bundesgesundheitsamt angehört. Heute ist er 1. Vizepräsident und Fachbeirat des Biochemischen Bundes Deutschlands e.V. 

Sein Hobby - wenn man noch von Hobby sprechen kann - er züchtet und trainiert in Großenkneten mit zwei Jockeys und zwei Lehrlingen zwanzig Galopprennpferde und gehört dem Prüfungsausschuss für Pferdewirtschaftsmeister bei der Landwirtschaftskammer an.