Hans-Heinrich Jörgensen

Morbus Raynaud 
 

 

Die Geschichte ist uralt, dennoch hat die Frage nach einer sicheren Therapie bis heute keine schlüssige Antwort gefunden. Versuchen wir doch einmal, die einigermaßen überzeugenden Denkansätze zu den Ursachen, und damit natürlich auch zur Vorbeugung und Therapie unter die Lupe zu nehmen. 

Es war der Pariser Internist Maurice Raynaud, ein Zeitgenosse des Biochemie-Gründers Dr. Schüßler, der 1862 erstmals die Symptome beschrieb, und nach dem dann die Krankheit benannt wurde: Morbus Raynaud oder zu deutsch Raynaudsche Erkrankung.  

Aus heiterem Himmel ohne erkennbaren Grund, manchmal allerdings unter Kälteeinwirkung, sterben die Finger ab, werden leichenweiß und schmerzen, unverkennbar eine lokale Durchblutungsstörung. Durch den herabgesetzten Sauerstoffgehalt im Blut der betroffenen Region kommt es schließlich auch zur Zyanose (Cyan-Blau), einer blau-violetten Verfärbung der Haut. Hält der Zustand länger an, kann es sogar zum geschwürigen Absterben der Fingerspitzen kommen, Rattenbiss-Phänomen genannt, was tiefe Einblicke in die damaligen Wohnverhältnisse zulässt.  

 

 

Dieser Zustand der abgestorbenen Finger kann sich auf wenige Minuten beschränken, aber auch mehrere Stunden anhalten. Klingt der Anfall ab, versucht der Körper kompensatorisch besonders viel Blut in die Finger zu schwemmen, was oft schmerzhafter ist, als der vorhergehende Mangelzustand. Kribbeln, jucken, brennen, stechen, pochen.... so ziemlich alle Missempfindungen passen zum Morbus Raynaud. Seltsamer Weise sind die Daumen meist nicht mit betroffen. 
 

 

So selten, wie die therapeutische Ratlosigkeit vermuten lässt, ist die Krankheit gar nicht. Die Literatur spricht von 3%, einige gar von 16% der Bevölkerung, Frauen sind ungefähr vier bis fünf Mal so häufig betroffen wie Männer. Schlanke, "asthenische", sensible Frauen mit niedrigem Blutdruck trifft es besonders oft. Mit zunehmendem Alter jenseits der Wechseljahre klingen die Anfälle ab, was den Gedanken an eine hormonelle Mitbeteiligung nahe legt. 
 

 

Ziemlich einig ist sich die Medizin, dass es sich um eine "funktionelle" Störung handelt, dass also keine organische Veränderung der Nerven oder Gefäße vorliegt, sondern ein Fehlsteuerung. Das würde auch das Auslösen durch Kälteeinwirkung erklären. Bei Kälte ziehen sich die Gefäße an der Körperoberfläche und in der Peripherie zusammen, ein Schutzmechanismus, der das Blut im Inneren bewahrt um ein Erfrieren zu verhindern. Schießen diese Schutzinstinkte übers Ziel hinaus, kann es einen Raynaud-Anfall auslösen. Auch Stress wird oft angeschuldigt, auch hier kommt es physiologisch zur Gefäßverengung, um den Blutdruck zu erhöhen. Im Streß brauchen wir einen höheren Blutdruck, um vor der manchmal nur vermeintlichen Gefahr fliehen zu können. Und in der Tat wird ein Weißfinger-Anfall oft von erhöhtem Blutdruck begleitet.  
 

 

Umgekehrt allerdings kann ein niedriger Blutdruck wie auch zu abrupte therapeutische Blutdrucksenkung solche Anfälle auslösen. Klar: um genügend Blut in die herzferne Peripherie zu pumpen bedarf es eines gewissen Drucks im Pumpsystem. Zu wenig Druck vermindert in der Peripherie das Blutangebot. Denken wir den Gedanken zu Ende, wirft das die Frage auf, ob Gleiches nicht für die Fußspitzen und Hirngefäße gilt, und ob das nicht unsere ganz Blutdruck-Senkungs-Philosophie auf den Kopf stellt. 
 

 

Vom Gedanken beseelt, beim Stress sei das Gleichgewicht zwischen den beiden Zweigen unseres vegetativen Nervensystems, Sympathikus und Parasympathikus (Vagus), gestört, kam man auf die Idee, den Stressnerv oder besser Aktivitätsnerv, also den Sympathikus, einfach operativ zu durchtrennen. Der liegt wie eine Strickleiter bauchseits der Wirbelsäule. Um dorthin zu gelangen, muss man also den Brustkorb öffnen. Heute ist man von der Operation abgerückt. Statt dessen unterdrückt man dessen Signale per Medikament an den Empfangsantennen, den Rezeptoren, die wir nach dem griechischen Alphabet in alpha- und beta-Rezeptoren eingeteilt haben. Rezeptorenblocker heißen diese Medikamente - und nun lesen Sie noch einmal den vorherigen Absatz. 
 

 

Lange Zeit hat man versucht, den offensichtlichen Gefäßkrampf mit gefäßerweiternden Medikamenten (Vasodilatatoren) anzugehen. Auch davon ist man heute wieder abgekommen, weil sich herausgestellt hat, das die gesunde Region hervorragend auf das Medikament anspricht, die betroffene aber nicht, mit dem Ergebnis, dass alles verfügbare Blut in den erweiterten gesunden Teil abfließt und dass in der Schmerzzone noch weniger Blut- und Sauerstoffangebot zur Verfügung steht. Steal-Effekt nennt man das. 
 

 

Auch hat man versucht, die Fließeigenschaften des Blutes zu verbessern, indem man die Viskosität - Sie kennen den Begriff von der Zähflüssigkeit Ihres Auto-Öles her - senkt. Marcurmar und ASS vermindert zwar die Blutgerinnung, "verdünnt" das Blut aber nicht. Das erreicht man nur mit intravenösen Infusionen von Volumenauffüll-Lösungen. Einfacher noch, allerdings nur kurzfristig wirkend, indem man einfach viel trinkt. Beides senkt den Hämatokritwert, jene Messzahl, die prozentual den Anteil von Feststoffen, also vor allem roten Blutkörperchen, im Blut angibt. Stimmt das, müssten Blutarme vom Raynaud verschont bleiben.  
 

 

Eine gewisse Viskositätsverminderung hat man auch mit dem Schlangengift der malayischen Grubenotter und der südamerikanischen Lanzenotter erzielen können. Aber das Zeugs ist so giftig, dass eine solche Therapie nur stationär unter ständiger Kontrolle der Blutgerinnung durchgeführt werden kann. Zudem entwickelt der Körper schnell Abwehrmechanismen. Aber vielleicht liegt hier die Erklärung für die Erfolgsberichte über die homöopathische Anwendung von den Schlangengiften Lachesis oder Naja. 

Zu einer Verschlechterung der Fließeigenschaften des Blutes kommt es auch bei einer Übersäuerung. Die roten Blutkörperchen verlieren ihre Elastizität und schlüpfen nicht mehr ungehindert durch die feinen Haargefäße. Diese Stoffwechselstörung wird durch eine zu eiweißreiche Ernährung, aber auch durch sauren Medikamente wie Antirheumatika ausgelöst. Hier bietet die Schüßlersche Biochemie Hilfe mit den basischen Salzen Calcium phosphoricum (Nr.2), Kalium phosphoricum (Nr.5) und Magnesium phosphoricum (Nr.7), alle in der homöopathischen Potenzierung D6. Das Spurenelement Zink (Nr.21) bringt die Säure über die Niere raus, Mangan (Nr.21) hilft, Milchsäure wieder zu Glucose zu verstoffwechseln. Aber auch nicht homöopathisierte basische Mineralien wie Basica oder Neukönigsförder Mineraltabletten können helfen. 
 

 

Der Neurologe wiederum vermutet eine mechanische Beeinträchtigung der Nerven, z.B. durch ein Halswirbelsäulen- oder Karpaltunnelsyndrom, eine Verengung im Bereich der Handwurzel, durch die der Medianus-Nerv eingeklemmt wird. Dagegen spricht allerdings, dass dieser Nerv den Daumen, der ja gerade beim Raynaud fast nie betroffen ist, und die ersten drei Finger versorgt, nicht aber den mit befallenen kleinen Finger. Drum sollte eine anempfohlene Operation gut überlegt sein. 
 

 

Eine entzündlich-rheumatische Form, die Endangiitis obliterans (Winwarter-Bürger-Krankheit) geht über das funktionelle hinaus, hier sind tatsächlich entzündliche Veränderungen der Gefäße nachzuweisen, die leider nicht selten eine Amputation der Fingerspitzen erforderlich machen. Die wichtigste Empfehlung bei dieser Krankheit - und logischerweise auch beim Raynaud - lautet, auf Nikotin zu verzichten. Unstrittig verengt Nikotin die Gefäße, was dazu führt, dass jedes Jahr zigtausend Beine wegen der nikotinbedingten Durchblutungsstörungen amputiert werden. Im Zweifelsfall lebe ich lieber mit Raynaud-Fingern als ohne Finger, die zuvor unappetitlich nikotingelb waren.  
 

 

Einen ähnlichen die Gefäße zusammen ziehenden Effekt hat das Mutterkorn-Alkaloid Ergotamin, ganz früher als Hexenrauschmittel verwendet, bis in die jüngste Vergangenheit als Migränemedizin. Die Symptome einer Mutterkornvergiftung ähneln dem Raynaud sehr. Also bitte einmal die Hausapotheke auf verdächtige als mögliche Ursache in Frage kommende Medikamente inspizieren. Und natürlich nicht beim Sommerspaziergang an ausgerupften Getreideähren kauen. Dort wuchert der Mutterkornpilz. 
 

 

Bei den selteneren Erkrankungen der Männer geistert durch die Literatur als mögliche Ursache immer die Vibrationsverletzung, z.B. durch den Gebrauch eines Presslufthammers. Beim Zurückverfolgen der Quellenangaben kann ich mich des Verdachtes nicht erwehren, dass es vielleicht einmal in grauer Vorzeit einen Presslufthammer-Arbeiter mit Raynaud gegeben hat, und dass seitdem ein Autor vom anderen abschreibt. 
 

 

Und sollte unter den Lesern zufällig ein Raynaud-kranker Chemiearbeiter sein, sei mir der Hinweis erlaubt, dass das giftige Gas Chloräthylen (Vinylchlorid) neben anderen schweren Schäden auch einen sekundären Morbus Raynaud erzeugt. Vinylchlorid ist der Rohstoff, aus dem der viel verwendetet Kunststoff Polyvinylchlorid (PVC) hergestellt, wird. Nicht ganz ohne Grund gibt es Bedenken gegen die Verwendung von PVC als Lebensmittelverpackungsmaterial.  
 

 

Und schließlich darf, wie bei jeder funktionellen Störung, die Empfehlung zu gesunder, natürlicher Lebensweise nicht fehlen: mäßige und abwechslungsreiche Ernährung, Verzicht auf zuviel "Genussgifte", seelisches Gleichgewicht und viel Bewegung, insbesondere hier natürlich der Finger. Gezielte Fingerfertigkeitsübungen, wie zum Beispiel Klavierspielen, auch wenn's nicht immer so schön klingt, bieten sich. Und bitte stets auf warme Hände achten. 
 

 

Damit ist nicht die Wunderwaffe gegen Raynaud-Anfälle gefunden, aber sie sollten weniger häufig und weniger heftig kommen.