Hans-Heinrich Jörgensen  
Quo vadis, Naturheilkunde?

Wenn ich durch die Messehallen und Industrieausstellungen unserer naturheilkundlichen Kongresse und Fachfortbildungen schlendere, dann kommt mir unweigerlich die klassische römische Petrusfrage „Quo vadis? Wohin gehst du?“ in den Sinn. In den vielfältigen Angeboten stoße ich auf manches, was ich dem guten alten Begriff „Naturheilkunde“ nur schwer zuordnen kann. Irgendwelche aus der Steckdose gezogenen, wie auch immer gearteten, energetischen Signale in den Patienten hineinzupowern mag zwar nützlich sein, hat aber doch bitter wenig mit Natur zu tun. Und den Beleg des Heilens zieht – wie auch in der offiziellen Medizin – manch „naturheilkundliches“ Verfahren aus dem ergiebigen Zylinderhut statistischer Zauberei. An manchem Stand scheint mir der Kunde auch wichtiger zu sein als die Kunde von der Natur und vom Heilen. 

Alternativmedizin und Esoterik haben von unseren Veranstaltungen Besitz ergriffen. Beides ehrenwerte Denkweisen, aber nicht unbedingt Naturheilkunde. 

Eine alternative (die andere Entscheidung) Medizin ist ja nichts Verkehrtes. Nach anderen, die Grenzen der offiziellen Medizin sprengenden Methoden zu suchen, sie zu erforschen, auszuprobieren, auf einen kritischen Prüfstand zu stellen ist lobens- und förderungswert. Bauchgrimmen bereitet es mir aber, wenn die Protagonisten solcher noch heftig umstrittener Methoden den Eindruck zu erwecken versuchen, es handele sich um der Weisheit letzten Schluss und das Nonplusultra aller Wahrheiten. Als bräuchte man nur zuzugreifen, um alles das im Handumdrehen zu bewältigen, was allen Universitäten und Forschunseinrichtungen bislang nicht gelungen ist. 

Auch Esoterik (Geheimwissen der Eingeweihten) braucht sich nicht zu verstecken, wenn sie sich selbst und ihrem Wesen treu bleibt. Oft aber tarnt sie sich als high- tech-Medizin, gibt ihren „nur Eingeweihten zugänglichen“ fragilen Wahrheiten den Anstrich allgemeingültiger Naturgesetze, kleidet sie in eindrucksvolle Computerausdrucke, die mehr über die Kunst des Programmierers aussagen als über die Leiden und den Therapiebedarf des Patienten. 

Als kleiner Bub war ich felsenfest überzeugt, im Unterholz eines verwilderten Nachbarparks eine geheimnisvolle Abkürzung zum anderen Ende der Welt zu finden, die den mühseligen Umweg mit Bahn, Schiff und Flugzeug umgeht. Beim Schlendern durch unsere Ausstellungen kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, allzuviele Erwachsene, auch studierte, hängen diesem Kindheitstraum immer noch an. 

Naturheilkunde ist weder alternativ noch esoterisch. Sie ist fester Bestandteil der Schulmedizin, was immer das ist. Mehr noch: sie ist sogar die legitime Mutter der offiziellen Medizin. Und sie ist gut beraten, wenn sie nicht jeden von einer kritischem Medizin mit Misstrauen beäugten bunten Paradiesvogel unter ihre schützenden Fittiche schlüpfen lässt. Mit den jüngsten Reformen des Gesundheitswesens hat die Naturheilkunde eine Schlacht verloren, vielleicht nicht zuletzt, weil sie allzu großzügig eben diese Fittiche ausbreitet und sich zu unkritisch mit jeder Alternative solidarisiert. 

Auch Naturheilkunde hat mit Naturwissenschaft zu tun. Das Wissen von der Natur, mit dem wir kundig heilen können, ist das Fundament einer jeden Medizin. Die Suche nach dem Wissen beinhaltet aber auch den Irrtum, den zu korrigieren man jederzeit bereit sein muss. Auch die „moderne“ Medizin irrt – und korrigiert. Manchmal sehr zögerlich, aber immerhin. Mancher dieser Irrtümer hat die Menschen verschreckt und nach anderen Wegen Ausschau halten lassen. Oft nach dem Motto: je weiter weg von der modernen Medizin – zeitlich wie räumlich – desto besser. Aber Hand auf’s Herz, wenn es ernst wird, möchte niemand sie missen. Und darum ist Naturheilkunde auch nicht die Alternative sondern die Ergänzung.