Hans-Heinrich Jörgensen 
Kleine Menge - große Wirkung

Seit Generationen schwelt die Diskussion um das Wirkprinzip der Biochemie nach Dr. Schüßler. Ist es das homöopathisch-informative Regulationssystem oder eine  stoffliche Mangelbeseitigung?  Diese immer wieder aufflackernde Diskussion rührt aus den eigenen Zweifeln, ob denn die winzige Stoffmenge einer homöopathischen D6 oder gar D12 wirklich ohne geheimnisvolle Mächte so viel Gutes tun kann.

Ich gehe davon aus, dass wir gemeinsam über Dr. Schüßlers Biochemie sprechen, und nicht über eine der von zweifelnden Jüngern verbogene Variante.  Darum zitiere ich zunächst einmal einige Sätzen von Dr. Schüßler selbst aus der letzten von ihm selbst redigierten Ausgabe seiner "abgekürzten Therapie":

Ausführlich beschäftigt sich Schüßler mit den schon damals laut werdenden Zweifeln, ob denn die kleine Gabe ausreicht, um Defizite zu decken. 

"Die Natur arbeitet nur mit Atomen und Atomgruppen oder Molekülen."

"Daß verschwindend kleine, unwägbare Stofftheilchen im Organismus wirken können, läßt sich ... nicht bestreiten...."

"Der Gehalt einer Zelle an Mineralstoffen ist verschwindend klein..... Auch allopathische Mittel sind in kleinen Gaben wirksam."

"....und ein dem winzigen Manco entsprechender Ersatz ..... kann die Resorption ... bewirken."

"....wie klein darf dann die Magnesia-Gabe sein, mittels welcher man eine Neuralgie curiren will, die durch ein verschwindend kleines Deficit an genanntem Salze in einem winzigen Theile des Nervengewebes bedingt ist?"

Das macht deutlich, dass wir nicht riesige Mengen brauchen, um einem Mangelsymptom zu Leibe zu rücken. Jedes Defizit beginnt mit einem Quentchen, einem minimalen Defizit, und um das zu decken, müssen wir ja nicht den gesamten Tagesbedarf auffüllen, sondern eben nur dieses Quentchen. Es ist der berühmte kleine, letzte Tropfen, der ein Fass zum Überlaufen bringt, und es ist die winzige kleine Fehlmenge,  die - ersetzt - eine Zelle wieder funktionieren lässt. 

Wenn wir denn nicht das ganze Fass mit Biopastillen zu füllen versuchen, sondern diese Aufgabe einer vernünftigen Ernährung überlassen, und uns darauf beschränken, einen minimalen Mangel, der sich ja schon bei einem Prozent bemerkbar machen kann, zu ersetzen, und wenn wir dann noch zur D6 statt zur D12 greifen, dann brauchen wir gerade 'mal eine Dose Ferrum phos. - oder zwei.

Schüßler hat uns ja nicht auf die heute üblichen Potenzen D6 und D12 eingeschworen: "....möge jeder Arzt, der biochemische Mittel anwenden will, nach seinem Ermessen die Dosis wählen." Ausweislich seines Schriftwechsels mit seiner Lieferapotheke hat er selbst oft auch mit tieferen Potenzen gearbeitet. Hier stellt sich tatsächlich angesichts der heute ausgeprägten Versorgungslücken die Frage, ob wir nicht mit tieferen Potenzen und damit höheren Mengenkonzentrationen manchmal besser fahren würden. 

Wenn wir statt zur tieferen Potenz zur "heißen Sieben" mit 10 Tabletten greifen oder - wie mancherorts üblich - sogar ....zig Tabletten verordnen, dann vermehren wir damit aus Zweifeln geboren die Wirkstoffmenge - und vor allem die Milchzuckermenge. Wollten wir den homöopathischen Informationsgehalt verstärken, müssten wir zur höheren oder zur Hochpotenz greifen. 

Obwohl erfahrener Homöopath macht Schüßler immer wieder deutlich, dass er sein Verfahren nicht als homöopathisches versteht. Nach der Hahnemannschen Ähnlichkeitsregel müssten wir dann ja auch völlig andere Indikationen zu Grunde legen. Der Calciummangel kann dann kein Anwendungsgebiet für Calcium phosphoricum sein, sondern es wäre die Calcium-Intoxikation, wenn es sie denn gibt. Genauer noch: Erscheinungen, die wie eine Calcium-Vergiftung aussehen. 

Schüßler macht ganz deutlich, dass die homöopathische Aufbereitung nicht dem homöopathischen Signalprinzip dient, sondern lediglich der besseren Bioverfügbarkeit:

"Alle in Wasser unlöslichen Stoffe müssen bis auf mindestens die sechste Stufe der decimalen Verdünnungs-Scala gebracht werden; die in Wasser löslichen können auch in niedrigeren Verdünnungen durch die erwähnten Epithelzellen treten."

Schüßler war stets bemüht, sich an den neuesten physiologischen Erkenntnissen seiner Zeit zu orientieren und hat dieses Wissen von Auflage zu Auflage seines Büchleins eingearbeitet. Mit dem heutigen Wissensstand über die Physiologie hätte er manchen Erklärungsversuch sicher anders formuliert. Seinen Schlußfolgerungen tut das keinen Abbruch. 

Wenn wir uns frei machen von der irritierenden Vorstellung (die er mit seinem Rachitis-Beispiel provoziert hat), es müsse jeweils das gleiche Salz sein, das in kleiner Menge die Bewegung der großen Menge anstößt, dann hat Schüßler fast prophetisch vorhergesagt, was die Physiologie und Neurophysiologie erst seit ca. 30 Jahren weiß, dass nämlich die verschiedenen Salze sich gegenseitig beeinflussen und in ihrer Bewegung steuern.

"....kann aber ...in der zwischen den Zellen befindlichen Ernährungsflüssigkeit ein Deficit an einem Salze mit consecutiver (nachfolgender) Störung der Molekularbewegung vorhanden sein. Diese Störung kann den Eintritt eines Ergänzungssalzes aus dem Blute in die betr. Interzellulärräume verhindern."

Wir wissen heute, dass eine winzige Menge Magnesium als Kern der "Kalium-Natrium-Pumpe" (ATPase) große Mengen Kalium in die Zelle hinein und Natrium aus der Zelle hinaus befördert, und dadurch das Ruhepotential der Nerven aufbaut. Wir wissen, dass eine winzige Menge Calcium an der Zellmembran deren Durchlässigkeit steuert, und damit den Zusammenbruch der nervlichen Stabilität verhindert. Wir wissen, dass die  Umsetzung eines Nervenimpulses in Muskelarbeit an der motorischen Endplatte durch die Freisetzung winziger Calciummengen vermittelt wird und durch ebenso winzige Magnesiummengen verhindert werden kann. Allein die Anwesenheit winziger Mengen freier Eisen-Ionen ermöglicht der Freßzelle erst das Killen eines Bakteriums.

Die Übertragung eines Nervenimpulses am Ranvierschen Knoten geschieht durch 1 x 10-18 mol Natrium-Ionen. Eine Tablette unserer Nr. 8 enthält 0,25 x 10-6 Gramm Natrium. Sie reicht also, um rund 250 Milliarden Nervenimpulse weiter zu leiten. Damit kann man schon eine ganze Menge bewegen.

Zweifelsohne ist die Biochemie ein Regulationsverfahren, aber nicht mit Hilfe geheimnisvoller Informationssysteme, sondern ganz materialistisch und naturwissenschaftlich erklärbar. Wenn wir uns von diesem "materialistischen" Weltbild lösen wollen, lösen wir uns von Dr. Schüßler.