Hans-Heinrich Jörgensen  
Vom Heil und vom Heilen 
Weihnachten 2002 

Ein neues Jahr beginnt, der nadelnde Tannenbaum wird entsorgt und dabei denken wir ein bisschen wehmütig zurück an die Weihachtstage, an das Fest der Heiligen Nacht, jener Nacht, in der ein Knabe geboren wurde, den sich dann die Welt zum Heiland erkoren hat. Zum Heiland, der ewiges Heil schenken soll, wenn man's denn schon nicht durch eigene Werke erwerben kann. 

Den Heilsbegriff als spirituelle Zukunftsvision für das gefürchtete Jenseits, wie wir ihn heute sehen, hat man mit Sicherheit in jener Nacht, in der ein Kometenschweif die Hirten gen Bethlehem lockte, nicht so weltentrückt und durchgeistigt gesehen wie wir, sondern sehr pragmatisch als politische Erwartung des Friedensfürsten, der in das ewig von Kriegen und Machtkämpfen zerrissene Land zwischen Mittelmeer und Totem Meer endlich Ruhe bringen sollte. 

Die Erwartung des zukünftigen Heils im Jenseits, zu dem diese Botschaft und Hoffnung in unserer Kultur geworden ist, hat über fast zweitausend Jahre den Menschen Kraft und Halt gegeben, um alle Unbill dieses Erdenlebens zu ertragen - in der Erwartung eines besseren nach dem Tode. Sie wurde aber auch missbraucht, um Macht und Reichtum und sehr irdische Schätze zu erobern und zu verteidigen. 

Heute suchen immer weniger Menschen hierzulande Halt und Stärke in der fernen Heilshoffnung. Zwar sind am 24. Dezember jene Häuser, die dem Friedensfürsten zu Ehren mit himmelwärts weisendem Turm-Zeigefinger gebaut wurden, überfüllt, doch 364 Tage im Jahr stehen sie gähnend leer. 

Aber ohne bangendes suchendes fragendes Hoffen bleiben die Menschen auch heute nicht. Sie kasteien sich nicht mehr um das Heil im Jenseits, sondern um das heil sein und heil bleiben im Diesseits. Ärzte und Heilpraktiker sind in die Rolle der Priester geschlüpft. Für jede Krankheit sei ein Kraut gewachsen, versprechen sie. Und das Leben währet nicht mehr 80 Jahre, wenn's hoch kommt, sondern ein jeder habe den einklagbaren Anspruch auf das Erreichen der durchschnittlichen Lebenserwartung - und mehr. Und das ohne Hüfthumpeln und bei immerwährender geistiger Frische. 

Auch hier wird die verschobene Heilserwartung allzu oft missbraucht, um Macht und Reichtum und sehr irdische Schätze anzuhäufen. Die Angst vor dem Fegefeuer, die einst das Geld im Kasten klingen ließ, wurde abgelöst von der Angst vor Alzheimer und Osteoporose, vor einem alt werden, das auch alt aussehen lässt. 

Vom heil sein und heil bleiben habe ich oben geschrieben, nicht vom heil werden. In der Tat behandeln wir ja heute immer seltener Krankheiten, wir machen nicht zerbrochenes wieder heil, sondern wir betreiben einen riesigen Medizinapparat mit dem Versprechen, das Zerbrechen schon vorher zu verhindern, mit der geschürten Angst vor den Folgen des älter Werdens und der Verheißung, man könne steinalt werden und dabei ewig jung bleiben, wenn man nur gehorsam den Heilslehren der Medizinpäpste folgt. 

Da lassen sich tausend Frauen zehn Jahre lang regelmäßig mammografieren, damit eine einzige einen Nutzen davon hat. Da misst die halbe Bevölkerung jeden Morgen den Blutdruck und erschrickt über jede physiologische Schwankung auf's neue. Da fürchten wir nicht mehr den Leibhaftigen sondern das in Wirklichkeit so lebensnotwendige Cholesterin. Da stürzen wir uns auf jede obskure Pflanze, die ein findiger Geschäftsmann uns als heilsam anpreist, oder auf ein Wundersalz von den Bergen, oder ein anderes, das den Kropf verhindern soll. 

Wir bedienen nicht mehr den Ablasshändler zu Luthers Zeiten, sondern zahlen ein Siebentel unseres Bruttolohnes in jene Solidarkasse, die uns vor aller Unbill bewahren soll - und doch nicht kann. Nicht nur, weil sie finanziell ausgepowert ist. Mehr noch, weil sie an ihrer eigenen Struktur krankt. Eine Struktur, die zwar von mehr Eigenverantwortlichkeit spricht, sie aber im Keime erstickt. 

Eigenverantwortlichkeit heißt nicht nur, selbst entscheiden, ob und was ich selbst bezahlen will, es heißt auch selbst entscheiden, wie ich leben will. Von der Angst vor dem Fegefeuer getrieben nach dem Heil suchend? Von der Hoffnung alt zu werden und dabei doch von der Angst vor dem alt werden getrieben, nach jedem Strohhalm greifend - oder mit der Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die mir bestimmt sind.