Hans-Heinrich Jörgensen
Reizmagen, Reizdarm, Reizblase
(Aufsatz in "Der Naturarzt" Nr. 6/2012)

 Oh heilige Schizophrenia, da ergoogele ich im Internet bei der Vorbereitung zu diesem Aufsatz, was sich denn so die leidvoll Betroffenen in Selbsthilfegruppen und Foren gegenseitig zu raten wissen. Zu Recht sind sich alle einig, dass sie mangels organischer Befunde allzu schnell auf das Psycho-Gleis geschoben werden  - aber dann beklatschen sie den Erfolg der ihnen verordneten Antidepressiva und sonstigen Psychopharmaka und empfehlen sie weiter. Da sträuben sich mir die Nackenhaare. Wenn denn wirklich psychische Probleme den Magen reizen, dann können diese Probleme nicht mit ein paar Milligramm irgendwelcher obskuren Chemikalien weggeblasen werden, die Reizübertragungen beschleunigen, bremsen oder sonst wie modulieren. Dann muss man die Probleme angehen. Dazu bedarf es nicht immer eines Arztes oder Psychotherapeuten, manchmal ist der Eheberater, Mietberater, Erziehungsberater, Steuerberater oder Rechtsanwalt besser am Platze. Manchmal aber muss man ganz einfach lernen, mit dem Problem zu leben, ohne das es "quer vor'm Magen liegt". 

Aber ebenso wichtig: ehe ich meinem Seelenleben die Schuld gebe, bedarf es einer gründlichen Differentialdiagnose. Da genügt es nicht, gebannt auf den Magen zu starren, nur weil ich den Schmerz und das Unwohlsein dort verorte, wo ich den Magen vermute. Eine ganze Reihe anderer Organe können bei sorgfältiger Beobachtung als Übeltäter ausgemacht werden. Wer je unter der Normaluhr auf die große Liebe gewartet hat, weiß wie schwer das zum Halse klopfende Herz vom zugeschnürten Magen zu unterscheiden ist. 

Auch am Magen selbst kann man immer nur das diagnostizieren, was der Medizin bekannt ist. Von der Ausheberung der Magensäure mittels Nasensonde über den Kontrastbrei, der im Magen das Geschwür oder schlimmstenfalls den Tumor sichtbar machte, über die Spiegelung, die jede Rötung der Magenschleimhaut zur Entzündung erhob bis schließlich zum Atemtest, der zeigt, dass nahezu die Hälfte aller Menschen in der lebensfeindlichen Magensäure einen Gast beherbergt, dessen Existenz man vor 25 Jahren noch strikt leugnete, das Helicobacter pylori, haben immer neue Erkenntnisse eben doch hinter dem "Reizmagen" eine Krankheit entlarvt. Danach kann nicht gründlich genug gefahndet werden. 

Nun ist aber selbst ein Reiz nicht immer etwas Schlimmes. Neben einigen sehr erfreulichen Reizen kenne ich auch ungezählte nützliche, am Magen vor allem zwei: den Hungerreiz, der signalisiert, dass es Zeit ist, zu essen, und den Sättigungsreiz, der signalisiert, dass es Zeit ist, das Essen zu beenden. Beide werden nicht etwa durch den leeren oder überfüllten Magen ausgelöst - auch wenn er manchmal zornig knurrt -, sondern auf sehr komplizierten Wegen vom Blutzuckerspiegel, den Hormonen und dem Zwischenhirn. Wir alle wissen, wie leicht dort die Weichen falsch gestellt sind, so dass dem Übergewichtigen ständig Hunger und dem Magersüchtigen der Überfüllungs- und Brechreiz signalisiert wird. 

Nicht nur die Überfüllung des Magens und der erhöhte Blutzuckerspiegel lösen Brechreiz oder Appetitlosigkeit aus, auch Ekel, also die empörte Ablehnung bestimmter Nahrungsmittel. Die aber ist weithin durch Erziehung und Umwelt bestimmt. Die Delikatesse des einen lässt den anderen erblassen. Da lohnt es sich schon, einmal zu überprüfen, wieweit denn allzu überzogene Warnungen vor "vergifteten" Nahrungsmitteln oder vor einem Zuviel an Zucker, Eiweiß oder Fett zu Esssperren führen. Nicht Zucker, Eiweiß oder Fett sind  schädlich, sondern dieses Zuviel davon. 

Ein Übermaß an Säure im Magen ist kein "Reizmagen", sondern ein Stoffwechselproblem des ganzen Körpers. Der Magen betätigt sich als Wohltäter, indem er dem Blut überschüssige Säure entzieht, um damit das Gleichgewicht zwischen Basen und Säuren ebendort wieder herzustellen. Dort nämlich liegt das Problem. Protonenpumpenhemmer verschließen dieses Notventil, können damit  zwar kurzfristig den Magen entlasten, lösen aber das Grundproblem nicht. Dazu bedarf es einer gründlichen Überprüfung und nötigenfalls Änderung der Essgewohnheiten, manchmal auch der täglichen Medikamente. Basische Mineralien können hier Abhilfe schaffen, ebenso Spurenelemente wie Zink und Mangan, die überschüssige Säure über die Nieren austreiben.. 

Es macht wenig Sinn, Entsäuerungspülverchen für den Magen zu schlucken, wegen der Schmerzen dann aber wieder stark säuernde Schmerzmittel, wie Aspirin, Diclofenac, Ibuprofen oder ähnlich ständig nachzufüllen. In der Kreislauftherapie ist heute der Aspirin-Wirkstoff Acetylsalicylsäure (ASS) gang und gebe. Zwar nur schwach dosiert, aber "steter Tropfen höhlt den Stein", und auch die Magenschleimhaut. 

Schmerzen durch eine Magenschleimhautentzündung oder ein Magengeschwür melden sich prompt nach dem Schlucken von Nahrung und immer genau am gleichen Ort. Entstehen sie erst mit Verzögerung nach der Mahlzeit, zudem wandernd mal hier, mal dort, tummeln sie sich eher im Darm, der über viele Meter durch den Bauchraum meandert. Damit wären wir dann auch schon beim Reizdarm, der wiederum zu Unrecht bezichtigt wird. Ursache ist meistens die Bauchspeicheldrüse, die nicht genügend Enzyme zur Verdauung der Nahrung bereitstellt, so dass es im Darm zu Gärungs- oder Fäulnisprozessen kommt. Die dabei entstehenden Gase quälen sich mühselig um jede Darmkurve und können kolikartige Schmerzen bereiten, bis hin zum imitierten Herzinfarkt. Zudem nach Belieben Durchfall oder Verstopfung. Auch hier kann der Mangel an Basen die Ursache sein, ebenso und allzu oft aber auch ein Zuviel an zu verdauender Nahrung. Gern greifen wir dann zu Enzympräparaten, die der Bauchspeicheldrüse die Arbeit abnehmen sollen, mit dem Ergebnis, dass sie immer träger wird, wie jedes Organ, das dauerhaft entlastet wird. 

Da die Bauchsspeicheldrüse keine Speicherblase wie die Leber hat, tropft sie ihren Saft kontinuierlich in den Zwölffingerdarm. Gibt es dort lange Zeit nichts zu verdauen, gehen die Enzyme ungenutzt verloren, kommt dann die große Schlemmermahlzeit, reichen sie nicht aus. Häufige aber kleine Mahlzeiten erleichtern ihr das Werk. Steht der Esser unter Stress und Angst ist die Bauchspeicheldrüse abgeschaltet. Darum muss beim Essen Frieden und Harmonie herrschen. 

Fängt es im Darm erst an zu gären, werden die dort hingehörenden Bakterien verdrängt. Keine Einwanderungsbehörde verhindert das. Aber auch der Versuch, das böse Helicobacter, das sich trefflich vor der tödlichen Säure zu schützen weiß, mit gleich mehreren Antibiotika auszuradieren, bekommt der physiologischen Darmflora nicht sonderlich, Antibiotika können schlecht zwischen guten und bösen Bakterien unterscheiden. In der Hoffnung, diese Flora zu rekultivieren blüht ein lukrativer Markt mit Kapseln und Yoghurts, Darmkeime beinhaltend. Schade nur, dass die meisten davon verdaut werden, ehe sie sich ansiedeln können. 

Ob denn eine gestörte Darmflora die Ausbreitung von Pilzen im Darm begünstigt, ist umstritten. Wenn die Schafe aussterben, vermehren sich darum die Ziegen nicht. Auch ein gesunder Darm beherbergt Pilze, vornehmlich Candida albicans. Zeigt eine Stuhluntersuchung einen solchen Befall über das Erlaubte hinaus, gibt es spezifische Antimykotika, die den Pilz umbringen. Nur bringt die übernächste Stuhluntersuchung dann häufig erneut einen pathologischen Befund. Sei es, weil es im häuslichen und familiären Umfeld immer wieder zu einer erneuten Infektion kommt, sei es, weil beim Versand der Stuhlprobe die wenigen und noch erlaubten Pilzmengen sich freudig in der Probe vermehren. Das gleiche Problem der steten Re-Infektion haben wir übrigens auch beim Helicobacter pylori. Also: Zahnbürste öfter erneuern! 

Auch der Reizdarm bedarf einer sorgfältigen Differenzial-Diagnostik, z.B. auf die Colitis ulzerosa, den Morbus Crohn oder die Zöliakie mit ihrer Glutenunverträglichkeit. Letztere sollte eigentlich schon beim Säugling erkannt werden. Die Gluten-Unverträglichkeit beim Erwachsenen ist ebenso wie die Lactose-, Fructose- oder sonstige -Unverträglichkeit allzu häufig zur Modediagnose mutiert. Natürlich gibt es solche Unverträglichkeiten, aber sie sind immer mengenabhängig. Im Gegensatz zu einer echten Allergie, bei der schon kleinste Mengen einen gefährlichen Schock auslösen können, machen diese Unverträglichkeiten nur beim Überschreiten eines individuellen Schwellenwertes Beschwerden. Im Machtkampf um Marktanteile sind sich einige Pharma-Firmen nicht zu schade, diese Unverträglichkeitsängste als Waffe im Marketing einzusetzen. 

Ehe wir uns über die Reizblase beklagen, stellt sich die Frage, welche Reize die Blase denn sinnvoller Weise vermittelt. Vor Allem die Wasserstandsmeldung, die dem Gehirn signalisiert "Es wird Zeit!". Als Kleinkind haben wir zwei Jahre gebraucht, dieses Signal zu begreifen und in eine gezielte Entleerung umzusetzen. Wenn bei älter werdenden Menschen diese Koordination nicht immer mehr so ganz klappt, müssen nicht immer die Signalwege schuld sein, oft sind es ganz schlicht organische Ursachen, wie eine Erschlaffung des Beckenbodens oder des Schließmuskels. Wenn gar mehrfach im Bauchraum ein dreikiloschwerer "Tumor" heranwuchs, um sich schließlich mit brachialer Gewalt den Weg nach außen zu bahnen, dann verwundert es nicht, wenn das Gewebe an Elastizität verliert und zur Inkontinenz führt. Bei jedem Hüpfen oder Husten gehen dann unkontrolliert ein paar Tropfen in die Wäsche.

Beim Manne ist das reizblasenmachende Gewächs nicht ganz so schwer, aber die vergrößerte Prostata des älteren Herren nimmt der Blase genügend Volumen weg, um dauern irritierend zu signalisieren, sie sei voll, was ja auch stimmt. Ist zudem die Entleerung so arg behindert, dass ständig Restharn zurückbleibt, siedeln sich dort liebend gern Bakterien an. 

Der Überfüllungsreiz der Blase wird durch Sensoren an ihrer Innenwand ausgelöst, manchmal schon durch Lageveränderung, die den Wasserspiegel gegen andere Sensoren schwappen lässt. Fast jeder kennt dieses Phänomen: Nach langer Autofahrt, bei der die Blase Sie nicht einmal belästigt hat, stehen Sie vor der Haustür, steigen aus - und nun kann es nicht schnell genug gehen… 

Häufiges Wasserlassen, insbesondere des Nachts, wirft drei Fragen auf: Blasenentzündung, Prostatavergrößerung oder Herzmuskelschwäche. Letztere ist leicht erkennbar, wenn Kurzatmigkeit beim Treppensteigen und Anschwellen der Unterschenkel gegen Abend sich mit dem nächtlichen Wasserlassen paaren. Da kann die Verordnung von Maiglöckchen- oder Fingerhut-Präparaten sinnvoll sein. Nur ist leider in der Medizin die Aktivierung des Herzens gegenüber der Herzentlastung in den Hintergrund getreten. Hier gilt auch das oben Gesagte: ständige Entlastung macht kein Organ besser. 

Die bakterielle Blasenentzündung entwickelt sich zum großen Sorgenkind. Nicht jede Infektion ist durch den Urintest-Streifen erkennbar. Faustregel: ein positiver Befund beweist  das Vorhandensein von Bakterien, ein negativer Befund beweist aber nicht, dass keine da sind. Und wenn denn welche da sind ist der schnelle Griff zum Antibiotikum aus dem Muster-Regal ein Kunstfehler. Vor einer antibiotischen Therapie steht immer die Resistenzprobe, mit der geprüft wird, auf welches der vielen Antibiotika die Bakterien denn überhaupt ansprechen. Bakterien, die eine nicht hinreichend wirksame Therapie überleben, vererben ihre Resistenz. Das ist der Grund, warum ungezählte Menschen am "Hospitalismus" sterben müssen, weil sie sich in der Klinik mit solchen Keimen infiziert haben. Eine Blasenentzündung nach lauschiger Mondscheinnacht auf der Parkbank geht schnell vorbei, die Blasenentzündung, die man sich in der urologischen Praxis einhandelt, bleibt einem lange treu. Diese Bakterien sind "mit allen Hunden gehetzt." 

Für jede antibiotische Therapie, wenn sie denn nötig ist, sei aber dem Patienten ins Stammbuch geschrieben: klotzen, nicht kleckern.  

Sie erwarten sicher nicht, dass dieser Aufsatz nun die Patentlösung für Ihr spezielles Reizproblem parat hat. Aber vielleicht konnte der eine oder andere Hinweis auf besonders oft verkannte Zusammenhänge Ihnen ein wenig helfen, zwischen diagnostischer Ignoranz und therapeutischer Arroganz Ihrer Lösung etwas näher zu kommen.