ans-Heinrich Jörgensen  
Biochemie im 21. Jahrhundert 
(Vortrag beim Bundeskongress 2000 des BBD in Freiburg) 

"Die Biochemie im 21. Jahrtausend" hieß der erste Themenvorschlag, der mir für diesen Kongress zuging.  Eingedenk der Erinnerung, dass das erste Jahrtausend mit Karl dem Großen und das zweite mit der großen Angst vor dem Computercrash endete, schien mir dieses Thema denn doch zu hohe Anforderungen an meine prophetischen Gaben zu stellen. Wer weiß denn, ob in weiteren 19 000 Jahren überhaupt noch Menschen auf diesem Globus leben können, oder ob wir ihn nicht längst zertrümmert oder unbewohnbar gemacht haben. 

Ich habe darum im Einvernehmen mit Dierk Schildt das Thema vom 21. Jahrtausend auf das 21. Jahrhundert reduziert. Und angesichts der Tatsache, dass das ausgelaufene Jahrhundert uns 5 Staatsformen, zwei Kriege und 5 Währungen beschert hat, die sechste, der Euro, steht vor der Tür, stellt das genug Anforderungen an meine Visionskraft. 

Da die Biochemie aber all diese Wirren und Veränderungen bis heute überstanden hat, bin ich recht zuversichtlich, dass sie auch im 21. Jahrhundert ihren Platz findet. Sicher nicht problemlos, sicher nicht ohne einige Dinge zu überdenken und vielleicht auch zu korrigieren. Und wenn ich vom Korrigieren spreche, dann denke ich nicht so sehr daran, Schüßler zu korrigieren, sondern einige Lehren, Meinungen, Statements, die hinterher in die Biochemie hinein gestolpert sind, mit Schüßlers Grundidee aber bitter wenig zu tun haben. 

Dabei werde ich sicher manches sagen müssen, was dem einen oder anderen gar nicht gefällt, und was unbequem ist. Sollte es zu schlimm sein, haben Sie ja morgen in der Delegiertenversammlung die Möglichkeit, mich als Vizepräsidenten abzuwählen. 

Man kann die zukünftige Entwicklung der Biochemie nicht ausleuchten, ohne auch einen Blick auf die zu erwartenden gesellschaftlichen Veränderungen zu werfen, und vor allem auf die Veränderungen der Medizin und Medizinalpolitik. Ich bin sicher, unser öffentliches Gesundheitswesen wird erhebliche Veränderungen erfahren, die sich trotz aller Beharrungsbemühungen unserer Medizinalpolitiker bereits jetzt deutlich abzeichnen. 

Aber lassen Sie mich mit den gesellschaftlichen Entwicklungen beginnen. Das kommende Jahrhundert wird ganz wesentlich von den veränderten Altersstrukturen unserer Bevölkerung gekennzeichnet sein. Wenn man eine Alterspyramide der Bevölkerung zeichnet, dann müsste sie logischerweise auch wie eine Pyramide aussehen. Viele Junge Menschen, und nach oben hin immer dünner werdend. 1910 war das auch so, aber inzwischen ist aus der Pyramide ein kopflastiger Pilz geworden, kopflastig, weil die vielen Jungen von damals inzwischen Alte geworden sind, aber keine oder deutlich weniger Junge nachkommen. Das hat übrigens nichts mit der Antibabypille zu tun, sondern mit dem Wohlstand, der das Auto interessanter macht als das Baby. Die Kerben, die die beiden Kriege in das Bild geschlagen haben, können wir hier vernachlässigen. 

Was hat das mit unserem Biochemie-Thema zu tun? Der Pilz wächst weiter hoch, und der breite Anteil alter Menschen wird in dreißig oder vierzig Jahren verschwunden sein. Dann wird unsere Bevölkerung auf 50-65% geschrumpft sein, oder türkisch und polnisch sprechen. 

Gesundheitsvereine und die Kirchen haben eines gemeinsam: Um die Gesundheit und den lieben Gott kümmern die meisten sich erst, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist. Naturgemäß entwickeln alte Menschen, die von Rheuma und Hochdruck geplagt sind, mehr Interesse an einem Gesundheitsverein. Und folgerichtig sind viele unserer Vereine auch gefährlich überaltert. Wenn ein Verein zudem seinen Schwerpunkt inhaltlich und thematisch vorwiegend auf die Interessen der alten Rheumatiker ausrichtet, dann fehlt ihm der Nachwuchs, dann steht er in einigen Jahren ohne Mitglieder da. Und das ist die eine Empfehlung, die ich der Biochemischen Bewegung zum Überleben im 21. Jahrhundert auf den Weg gebe: Überdenkt Eure Themen und Veranstaltungsstrukturen, bezieht junge Menschen, junge Mütter, junge Väter in Euer Angebot mit ein. Nur mit Klöhn-Abend und Kaffeetafel, nur mit Pflegebedürftigkeitsthemen allein gibt es keine Zukunft. 

Um nicht mißverstanden zu werden: die Alten Biofreunde sind uns lieb und wert. Wir haben im Oldenburger Verein 14 Mitglieder die über 90 Jahre alt sind. Und wir wissen zu schätzen, dass diese Mitglieder die Biochemie gepflegt und gehegt haben, sie durch die Kriege und Wirrnisse des vergangenen Jahrhunderts getragen und erhalten haben. Ihnen gebührt Dank, Anerkennung und Ehrfurcht. Wir brauchen aber auch die Jungen, die dieses Erbe übernehmen und ins begonnene Jahrhundert hinein und hindurch tragen. Ebenso stolz bin ich darauf, dass wir im Oldenburger Verein über 160 Mitglieder haben, die jünger als 40 Jahre sind. 

Und darunter eine ganze Reihe Heilpraktiker, Ärzte (jawohl: Plural), Tierärzte, MTA's, Krankenschwestern, Arzthelferinnen - sogenannte Multiplikatoren, Leute, die von Berufs wegen geeignet und berufen sind, unsere Idee weiter zu tragen und zu verbreiten. 

Natürlich genügt es nicht, im geschlossenen Zirkel über gemeinsame Erinnerungen zu plauschen und sich selbst immer wieder zu bestätigen, wie toll doch die heiße Sieben ist. Wir müssen raus an die Öffentlichkeit, und ihr deutlich machen, was denn die heiße Sieben überhaupt ist, und warum wir sie denn der Spasmo-Cibalgin-Spritze vorziehen. Für die Gäste heute abend: Das Biochemische Mineralsalz Nummer 7, Magnesium phosphoricum ist ein hochwirksames krampflösendes Mittel, preiswert und ohne einen 70 cm langen Beipackzettel mit Nebenwirkungen. 

Nach draußen an die Öffentlichkeit gehen, heißt aber auch, wirksame Pressearbeit zu betreiben. Wenn ein kleiner Verein 20 Zuhörer für einen Vortrag auf die Beine bringt, ist das nicht schlecht. Wenn aber übermorgen 20 000 Leser im Tageblatt lesen, was der Redner gesagt hat, ist das besser. Und wenn die 20 000 vorher in ihrem Tageblatt gelesen hätten, dass der Redner kommt, wären nicht 20 sondern 40 dabei gewesen. Und der eine oder andere hätte gar seinen Beitritt erklärt. 

Apropos Beitritt: von den stolzen 6stelligen Mitgliederzahlen der frühen Biochemischen Bewegung in den zwanziger Jahren zwischen den beiden Kriegen sind wir weit entfernt. Richtig, die Zeiten haben sich geändert, die Vereinsangebote sind vielfältiger, die Menschen weniger organisationsfreudig. Informationen saugen sie nicht mehr primär aus ihrem Verein, sondern aus der Presse, dem Fernsehen und zukünftig aus dem Internet. Trotzdem, auch von den Mitgliederzahlen einer bundesweiten aktiven Kneipp-Bewegung sind wir weit entfernt. Mitglieder aber sind nun einmal das tragende Element, das Aktivitäten, Informationen, Öffentlichkeitsarbeit erst durch seine Mitarbeit und auch Beiträge ermöglicht. 

Öffentlichkeitsarbeit muss auch vom Biochemischen Bund, unserer Dachorganisation,  ausgehen. Ob wir nun zu talk-shows Zugang finden, oder bei Hans Meiser oder Pastor Fliege unser Anliegen verbreiten können, ob wir Pressemitteilungen verbreiten oder den Politikern mit unseren Wünschen in den Ohren liegen, es erfordert Zeit, Mut und man-power. Es ist beachtlich, was unser Präsident Dierk Schildt neben seinem Beruf hier leistet, und welche Mühen er auf sich nimmt, um das Schiff Biochemie nicht nur zu steuern, sondern auch zu rudern. Einen Verband mit 80 angeschlossenen Vereinen zu leiten und voran zu bringen ist eigentlich ein full-time-job, nichts für jemanden, der voll im Berufsleben steht, und zudem seine bevölkerungspolitische Reproduktionsrate vorbildlich erfüllt hat, im Gegensatz zur vorhin gezeigten Statistik. Immerhin hat unser Präsident auch eine Familie, die ihn hin und wieder sehen möchte. 

Wirksam an die Öffentlichkeit gehen, setzt aber auch einen entsprechenden Etat voraus. Und nun schauen Sie einmal in die Kongressmappe, dort sehen Sie den mehr als bescheidenen Etat des Biochemischen Bundes. Wir werden ganz sicher nicht umhin kommen, den Bund langfristig personell und finanziell zu stärken, wenn er die Biochemie im Bewusstsein der Bevölkerung bundesweit verankern soll. 

Die Werbebranche hat in den letzten Jahren den Begriff Corporate Identity geprägt. Will heißen, das einheitliche Bild und Image, dass ein Produkt für jederman jederzeit wieder erkennbar macht. Coca-Cola erkennt jeder an der Flasche, ob in Washington, Wien, Wiesbaden oder Wladiwostok. Und McDonalds ist von Hamburg über Hongkong bis nach Hawaii zum Begriff geworden. Ernährungsmäßig sind die beiden nicht gerade unser Vorbild. Aber werbemäßig können wir von ihnen lernen, was Corporate Identity bedeutet. 

Die meisten dem Bund angeschlossenen Vereine heißen Biochemischer Gesundheitsverein oder Biochemischer Verein. Aber eine ganze Reihe Vereine hängen - verständlich - ihrem vor 75 Jahren geborenen, örtlich zur Tradition gewordenem Namen an, der den alten, treuen Mitgliedern ans Herz gewachsen ist, aber für den Neuling weder Aussagekraft besitzt, noch für den Hinzugezogenen einen Wiedererkennungswert hat. Von einem vom Bund aufzubauenden Corporate Identity profitieren sie nicht, und sie tragen auch nicht dazu bei, die Biochemie zur Weltmarke zu prägen. Vielleicht überlegt der eine oder andere Vereinsvorstand sich bei Gelegenheit, im Zuge einer oft auch längst überfälligen Satzungsmodernisierung auch den Namen der Idee anzupassen. 

Und da der Begriff Biochemie für sich allein für viele heutige Bundesbürger ganz anders assoziiert wird, als bei uns, und oft zu Missverständnissen führt, plädiere ich für den einheitlichen Namen Biochemischer Gesundheitsverein, um auch dem Fremden deutlich zu machen, was wir wollen, nämlich die Gesundheit pflegen und erhalten, und das mit Hilfe der Biochemie. Das muss nicht heute und sofort sein, das muss sorgfältig geplant und vorbereitet werden, dafür muss in der Mitgliederschaft geworben werden, sonst zieht die Mitgliederversammlung nicht mit. Aber sie wollten von mir kein Sofortprogramm hören, sondern eine Jahrhundertvision. 

Dabei fallen mir ein paar weitere Kröten ein, die schwer zu schlucken scheinen, uns aber von der Entwicklung irgendwann aufgezwungen werden. Auch nicht heute und sofort, aber mit großer Sicherheit, ehe ich den nächsten Vortrag über die Biochemie im 22. Jahrhundert halte. 

Warum müssen eigentlich 80 Vereinskassierer hinter den Beiträgen ihrer Mitglieder herlaufen, sich an einer immer komplizierter werden Buchführung versuchen, mit dem Finanzamt palavern und ständig unter dem Damoklesschwert einer Steuerprüfung sitzen? Um der Souveränität des Vereins willen? Warum müssen 80 Vereinsvorsitzende Mitgliederlisten führen und up-to-date bringen, jeden zweiten Monat auf den "Weg zur Gesundheit" warten, ihn eintüten, adressieren, frankieren, sich mit den komplizierten postalischen Bestimmungen der Streifbandzeitung oder Infopost herumschlagen, oder gar selbst das Blatt von Tür zu Tür tragen? 

Ich könnte mir gut vorstellen, dass eine zentrale Verwaltungsstelle des Bundes, professionell besetzt, diese Routinearbeiten für alle Vereine erledigt. Sicher effektiver, schneller und wirtschaftlicher. In der Zeit elektronischer Kommunikation und des schnellen Datenaustausches über den Draht kein Problem. Darunter muss die Souveränität eines Vereins nicht leiden. Aber der entlastete Vorstand könnte sich mehr seiner eigentlichen Aufgabe widmen, Informationsveranstaltungen zu organisieren. 

Ein visionärer Blick in die Zukunft unserer Gesellschaft zeigt auch, dass das Netz gesetzlicher Bestimmungen immer enger und immer undurchschaubarer wird. Welcher ehrenamtliche Vereinsvorstand, der ja oft in das Amt stolpert, weil kein anderer es machen will, ist denn absolut sicher, sich nicht irgendwann und irgendwie einmal in den Maschen der Abgabenordnung, des Umsatzsteuergesetzes, des 630-DM-Gesetzes, des Arzneimittelgesetzes, der Gewerbeordnung, der Heilmittel-Werbe-Verordnung zu verheddern? Ich habe ein Skript für die Vereine vorbereitet, in dem steht, was denn das 630-DM-Gesetz für die Vereine an zusätzlichen Prüf- und Meldeaufwand mit sich bringt. Ich traue mich gar nicht, das zu verschicken, weil ich fürchte, dass dann eine Welle von Rücktritten einsetzt. 

Auf längere Sicht gesehen, wird auch diese Problematik uns zwingen, darüber nachzudenken, ob denn unsere BBD-Strukturen mit einem finanziell schwachen Bund, den Landesverbänden und 80 sich weitgehend selbst überlassenen Vereinen auf Dauer Bestand haben kann, oder ob wir nicht irgendwann zu einer strafferen Organisation mit größeren Organisationseinheiten kommen werden - kommen müssen! 

Alle großen Vereine mit bundesweiter Bedeutung sind professionell geführt. Oder ist es umgekehrt? Erlangen nur die professionell geführten Vereine Größe und Bedeutung?  
"Wir werden neue Initiativen und neue Vitalität entwickeln müssen!" Das ist nicht von mir, das hat Herr Müntefering nach dem nordrhein-westfälischen Wahlausgang gesagt. 

Mit dem Wandel der Gesellschaft wird auch ein Wandel des Gesundheitswesens und der Strukturen im medizinischen Sektor einher gehen. Davon ist die Biochemie unmittelbar betroffen. Die bisherige Monopolstellung des Staates mit öffentlichen Kliniken und einer Pflichtversicherung wird aufgeweicht und weitgehend privatisiert. Ein Prozess, den wir vor einigen Jahren auch bei Post und Bahn für undenkbar gehalten haben. Auch wenn Andrea Fischer und Rudolf Dressler sich mit Händen und Füßen dagegen wehren: mit ihrer Vorstellung von Beitragsstabilität und Leistungsbegrenzung heizen sie diese Entwicklung kräftig an. Eine Entwicklung, die ja längst in vollem Gange ist. 

Für den Patienten läuft es auf's selbe hinaus, ob er nun höhere Beiträge zahlen muss, oder seine Wunscharznei selbst in der Apotheke bezahlen muss, weil die Kasse nein dazu sagt. Schon jetzt zahlen die Patienten durch die Zuzahlung 11,6% der verordneten Arzneien selbst und gut 40% aller überhaupt verkauften Arzneien werden außerhalb der Krankenversicherung von den Patienten auf eigene Faust gekauft und bezahlt. Das sind bereits jetzt über 50%, und der Anteil der Selbstmedikation wird weiter steigen. 

Was wir derzeit laut beklagen, den Hinauswurf unserer Medikamente aus der Kassenfähigkeit, das heißt der Verordnungsfähigkeit zu Lasten der gesetzlichen Krankenkassen, wird zunehmend zur Selbstverständlichkeit. Je mehr Medikamente ausgegliedert werden, je mehr der Patient sich daran gewöhnt - gewöhnen muss - dass er seine Medizin selbst bezahlen muss, desto geringer wird die Hemmschwelle, sich unseren Arzneien zuzuwenden. 

Was uns heute zum Nachteil gereicht, wird vielleicht in der Medizin des kommenden Jahrhunderts zum Vorteil: unsere Unabhängigkeit von der gesetzlichen Krankenkasse, unsere Freiheit, den Patienten direkt zu überzeugen, unser Preisvorteil und die Unschädlichkeit unserer Therapie. 

Es ist nicht meine Vision, sondern das Ergebnis einer Untersuchung, an der 27 Experten des Gesundheitswesens beteiligt waren: Das Gesundheitswesen der Zukunft wird weitgehend privatisiert. Die Krankenhäuser werden nicht mehr staatlich sondern privat sein, ein Viertel der gut 2200 Krankenhäuser wird vorher Pleite machen - der BBD kann ein Lied davon singen - 40% der Klinikbetten fallen weg. 

Und der Preis für medizinische Leistungen wird sich vervierfachen, von 500 Milliarden auf 2 Billionen im Jahr in Deutschland. Von 5000 DM pro Kopf auf 20 000 DM pro Kopf, vom Säuglinge bis zum Greis. Der Anteil, den Vater Staat oder seine gesetzliche Kasse davon trägt, wird schrumpfen. Gesundheit zurückzugewinnen wird für den einzelnen ungleich teurer, nicht über steigende Beiträge zur AOK, sondern durch mehr Eigenleistung. 

Gesundheit erhalten wird dadurch aber finanziell interessant - und hier liegt eine große Chance für die Biochemische Bewegung. Wir müssen sie nur nutzen. 

Biochemie - was ist denn das eigentlich. Ich will versuchen, das ein wenig zu untersuchen und so etwas wie eine Standortbestimmung zu wagen. Nicht nur für die Gäste des heutigen Abends, die von draußen gekommen sind und so gar keine Vorstellung haben. Auch für unsere Mitglieder, die zwar eine Vorstellung haben, aber sehr unterschiedliche und manchmal auch sehr verschwommene. 

Biochemie ist ein wissenschaftliches Fach, das heute an jeder Universität erforscht und gelehrt wird, und sich mit dem Stoffwechsel des menschlichen Organismusses auseinandersetzt, das wissen will, was denn in den einzelnen Organen und Zellen unseres Körpers eigentlich passiert, und was sich verändert wenn der Mensch krank wird, oder warum der Mensch krank wird, wenn sich etwas verändert. Zu Schüßlers Zeiten hieß dieses Fach in der Medizin noch "physiologische Chemie". Der Begriff "Biochemie" war unbesetzt und er konnte ihn guten Gewissens für seine neue Lehre in Anspruch nehmen. 

Was Schüßler wollte mit dieser neuen Lehre war genau das, was heute an der Universität Biochemie heißt. Er war einer der ersten, der immer wieder fragte, was denn in der Zelle vor sich geht, was sie braucht und wie sie reagiert, wenn ihr das fehlt, was sie braucht. Das war keine Außenseitermedizin, das war kein Kaffeesatz-Lesen und kein Sterne-Gucken, das war Schulmedizin, das war Wissenschaft, das war naturwissenschaftlicher Fortschritt pur. Dass seine Ärztekollegen das nicht anerkannten, lag an deren philosophisch-retardiertem Weltbild, nicht an Schüßlers Lehre. 

Schüßler hat sich bei seinen Forschungen auf die Wirkung und Bedeutung der Mineralstoffe für das Funktionieren der Zelle beschränkt. Inzwischen wissen wir, dass dazu auch Vitamine, Enzyme und viele andere Substrate nötig sind. Vieles davon wird heute in weit überzogener Begeisterung als "Orthomolekulare Medizin" hoch gepriesen und vermarktet, was ja oft die Motivation der Begeisterung ist. 

Schüßlers Lehre von den 12 Mineralsalzen, die für das Leben und Gedeihen jeder Zelle nötig sind, wurde von Laien aufgegriffen, gepflegt und erhalten, 125 Jahre lang. Parallel dazu begriff aber auch die offizielle Medizin, wie wichtig Mineralien und Spurenelemente sind. Und etliche Fachgesellschaften, Kongresse, Zeitschriften nehmen sich dieses Themas an. Etliche Präparate mit Mineralien und Spurenelementen tummeln sich in den Apothekenregalen und neuerdings auch Supermärkten. 

Die Biochemischen Vereine, die alle aus dem Oldenburger Mutterverein hervorgegangen sind, waren stets bemüht, das Wissen um die Nützlichkeit der Mineralien weiterzutragen und den Menschen nahe zu bringen. Sie waren auch bemüht, den nicht immer wohlstandsstrotzenden Menschen den Zugang zu diesen Mineralsalzen zu ermöglichen, und zwar zu erschwinglichen Preisen. Das stieß schon zu Schüßlers Zeiten auf rechtliche Schwierigkeiten, und heute mehr denn je. Derzeit bewegen wir uns in einer gesetzgeberischen Nische, die eingedampfte, naturbelassene Salze von Heilquellen freiverkäuflich hält, wenngleich sie als Arzneimittel gelten. "Frei verkäuflich" heißt, dass sie außerhalb von Apotheken gehandelt werden können, z.B. in den Vereinen. Es steht allerdings zu befürchten, dass diese Nische zugemauert wird - ein Stein wurde ja schon vor die Nummer 7 gesetzt -, und dann werden wir uns andere, legale Wege suchen müssen. Und wir suchen - aber auch dazu braucht es einen starken Bund. 

Das mit der Legalität betone ich deswegen, weil derzeit jeder auf eigene Faust versucht, eine Ersatzlösung zu finden und mancher dabei hart am Rande der Legalität entlang schrammt. Wenn wir vom Bund eine Lösung empfehlen, muss sie fraglos absolut korrekt sein. Wie aber kann die aussehen, wie kann sie nicht aussehen ? 

Vorab noch einmal zu Schüßler. Er war jahrelang homöopathischer Arzt und sein Herz schlug für die Homöopathie. Seine Biochemie verstand er jedoch nicht als homöopathische Therapie nach der Ihnen allen bekannten Ähnlichkeitsregel, sondern als schlichte Ergänzung fehlender Mineralstoffe. Dabei war er auch nicht auf bestimmte Dosierungen oder homöopathische Potenzierungen festgelegt, er hat mal mit Hochpotenzen experimentiert, und ausweislich seines Schriftwechsels mit Lieferanten ebenso oft die D 3 und D 4 benutzt. Die homöopathische Aufbereitung diente ihm eher als sinnvolle und gut bioverfügbare Darreichungsform, die ihm geläufig war. 

Ich zitiere Schüßler:  
"Die Biochemie wird von den meisten Leuten mit der Homöopathie irrtümlicherweise identifiziert. Die (biochemischen) Mittel werden auf Grund der physiologischen Chemie angewendet. Das Ähnlichkeitsprinzip kommt dabei nicht in Betracht" 

Also ein ganz eindeutig schulmedizinisches Prinzip, fehlende Mineralien zu ergänzen, damit der Stoffwechsel wieder physiologisch ablaufen kann. 

Nun hat sich aber in dem Denken und in der Vorstellung vieler biochemischer Therapeuten und Laien die Biochemie als eine homöopathische Therapie eingeprägt. Das hängt eben mit der homöopathischen Aufbereitung, aus welchem Grunde sie auch immer erfolgen mag, zusammen, und mit der Tatsache, dass die Biochemie über hundert Jahre hinweg und allen Fährnissen zum Trotz von homöopathisch ausgerichteten Arzneimittelherstellern, z.B. der Deutschen Homöopathie-Union (DHU), hochgehalten, hergestellt, bereitgestellt, beworben wurde. Dafür den Vertretern dieses Hauses, die heute hier sind, ein ganz herzliches Dankeschön. 

Natürlich kann man die 12 Schüßlerschen Mineralsalze genau wie jeden anderen Stoff nach schulmedizinisch physiologischen Gesichtspunkten einsetzen, potenziert aber auch nach der Hahnemannschen Ähnlichkeitsregel. Nur: homöopathische Indikationen, sprich Anwendungsgebiete, sehen halt anders aus als allopathische. Und das nehmen wir in unserer Literatur und in unseren Aussagen nicht so genau. Da ja beides funktioniert, würfeln wir diese unterschiedlich begründeten Anwendungen kunterbunt durcheinander. 

Mit dieser Nachlässigkeit stehen wir nicht alleine da. Die für die Zulassung von Homöopathika zuständige wissenschaftliche Aufbereitungskommission D des Bundesgesundheitsamtes, die mit lauter hochkarätigen Homöopathen besetzt ist, schreibt in ihre Monografie für Calcium phosphoricum z.B. den Calciummangel hinein, was ja nun alles andere als eine homöopathische Indikation ist. Die Symptome einer Calcium-Vergiftung, wenn es sie denn gibt, wären eine solche. 

Unser Arzneimittelgesetz will es - Gott sei Dank - so, dass die als Homöopathikum deklarierten Mineralsalze, ohne Indikationsangabe auf der Flasche, erhalten bleiben. Insofern ist dank dieses Zuordnungsirrtums - wenn man so will - die Biochemie im Schoße der Homöopathie gesichert und wohl auch für die Zukunft ungefährdet. Allerdings sind diese Mittel apothekenpflichtig, können in den Vereinen also nicht gehandelt werden. 

Wenn denn beides möglich ist, Anwendung nach der homöopathischen Ähnlichkeitsregel und nach den schulmedizinischen Mangelzeichen, was hindert uns denn eigentlich daran, das in unseren Schriften auch sauber zu trennen und zu ordnen? Genau mit dieser Ungenauigkeit stiften wir Verwirrung und stehen der angestrebten Anerkennung in der Medizin selbst im Wege. Ich zitiere noch einmal, diesmal den Brief einer Ärztin an unseren Herrn Koehn, der unermüdlich auf Mitgliederfang auszieht: 

"Ich trete erst dann in den Biochemischen Verein ein, dann aber sofort, wenn endlich die Aussagen Ihres Vorsitzenden Herrn Jörgensen im Verein umgesetzt werden, d.h. die elende Vermischung mit der Homöopathie aufhört, die mir über viele Jahre die Annäherung an die Biochemie außerordentlich schwer und undurchsichtig gemacht hat....." 

Wohlgemerkt, die Kritik richtet sich nicht an die Homöopathie, sondern an die verwirrende Vermischung der Aussagen. Und ich rufe mit Schüßlers Worten alle Sachkundigen auf, an einer sauberen Indikationsliste mitzuarbeiten: 

"Wenn Ärzte, die auf den Gebieten der physiologischen Chemie und pathologischen Anatomie sich gründliche Kenntnisse erworben haben, mir beim Ausbau meines Werkes behilflich sein wollten, so würden ihre Beiträge mir sehr willkommen sein." 

Das gilt auch heute noch! 

Wollen wir unsere Salze aber nicht homöopathisch sondern zur Mangelbeseitigung anwenden, dann stellt sich zu recht die Frage, ob denn die D6 oder gar D12 dazu geeignet ist. Schüßler war nicht auf diese Potenzen fixiert, sie haben sich einfach im Laufe der Jahre eingebürgert. Übrigens, die Quellsalzpastillen entsprechen entgegen unserer Aussage gar nicht diesen Potenzen, wie jeder mit einem Blick auf die Döschen nachrechnen kann. Und die DHU bietet jedes Salz ja nicht nur in blauen Dosen als D6 und D12 an, sondern auch in roten Dosen bis zur D1 herunter. Oder besser herauf, denn je tiefer die Potenz, desto mehr Salz im Milchzucker. 

Und wenn schon D1, warum dann nicht auch die Ursubstanz, wie sie in der Erdrinde in Lagerstätten auf den Abbau wartet, das heißt also das reine Salz, bis hin zu den - für meine Begriffe allerdings schon überdosierten - Brausetabletten von Sandoz oder wem auch immer. Auch das ist Biochemie im Schüßlerschen Sinne. Die Dosis bestimmt sich nicht nach der Weltanschauung, sondern nach der Zweckmäßigkeit und dem Bedarf. Wer sich von Milky Way und Coca-Cola ernährt braucht sicher größere Mengen zur Vermeidung von Mangelsymptomen als jemand, der auf Vollwertkost achtet. 

Die Arzneimittelgesetzgebung im 21. Jahrhundert zwingt uns, Farbe zu bekennen: Homöopathie? O.K.! Möglich nach Hahnemannscher Regel, aber kein Handelsobjekt in den Vereinen. 

Oder Allopathie? Auch möglich, aber mit Dosierungen, die fassbar sind, und den gesetzten Normen entsprechen, d.h. einen klinischen Wirkungsnachweis ermöglichen für die therapeutischen Aussagen, die wir machen. Ich kann mir sehr wohl vorstellen, dass hier auch Produkte zu finden sind, die den Vereinen bei der Finanzierung ihrer Arbeit helfen. 

Die kritische Frage nach der Dosierung stellt sich sogar im Lebensmittelrecht. Zunehmend drängen - vornehmlich und aus gutem Grunde aus dem Ausland - Mineralstoffpräparate, die als "Nahrungsergänzung" bezeichnet sind. Es wäre logisch, die Mineralien, die wir doch lebensnotwendigerweise mit der Nahrung aufnehmen müssen, auch in diesem Bereich anzusiedeln. Nur sieht das der Gesetzgeber anders, und unser Dr. Schüßler sah das auch anders. Für ihn war die Biochemie Therapie, Medizin, Arznei. Er war Arzt und nicht Diätköchin oder Ökotrophologin, wie das heute heißt. 

Der Bereich Nahrungsergänzung ist eine riesige Grauzone und viele der angebotenen Produkte sind illegal am Markt. Wer die handelt bewegt sich auf dünnem Eis. Nicht umsonst sitzen die Hersteller im Ausland. Nein, sie sitzen nicht, sie leben im Ausland. Wären sie im Inland, dann allerdings würden sie sitzen. 

Es gibt den Entwurf einer Richtlinie der EU, diese Grauzone zu schließen und rechtlich einheitlich für die europäischen Länder abzudecken und eine nachvollziehbare Grenze zwischen Nahrungsmittel und Arzneimittel zu ziehen. Diese Richtlinie, die mit großer Wahrscheinlichkeit noch in diesem Jahr kommen wird, sieht vor, dass mit dem Überschreiten bestimmter Dosierungen ein Vitamin oder Mineral zum Arzneimittel wird und einer Zulassung bedarf. Die Richtlinie sieht allerdings auch vor, dass beim unterschreiten bestimmter Mindestmengen das Zeug weder Arzneimittel noch Lebensmittel ist, sondern den Verbraucher irreführt. Damit ist es überhaupt nicht verkehrsfähig. Und damit ist dieses Tor für unsere Quellsalztabletten zu, sie liegen unter der Untergrenze. Zudem wird für Nahrungsergänzungen jegliche krankheitsbezogene Aussage verboten sein, und genau das tun wir ständig in unseren Vereinen. Es sei denn, wir verkaufen die Pastillen, weil sie so gut schmecken. Und in der Tat erstreckt sich unsere juristische Prüfung auf das sichere Marktsegment sogar auf die Frage "Genussmittel". 

Wie es jetzt aussieht, kann eine saubere Lösung nur im Arzneimittelbereich angesiedelt sein. Das setzt ein Überdenken der Dosisfrage voraus, und eine klare Zuordnung der Indikationen zur Homöopathie und zur therapeutischen Ergänzung. Wenn wir uns nicht selbst ideologisch einengen, sehe ich damit die Biochemie auch im 21. und auch noch im 22. Jahrhundert überleben. 

Der Mensch braucht Calcium für die Knochen, und Kalium für die Nerven, und Magnesium für die Muskeln, und Eisen für das Blut und Silicea für das Bindegewebe. Darüber zu reden, kann man uns nicht verbieten. Damit zu handeln, wird möglich sein, wenn wir uns im Rahmen des jeweils geltenden Rechtes unseren Platz suchen.