Wer war dieser Schüßler eigentlich ?

von Hans-Heinrich Jörgensen 
(Vortrag zum BBD-Bundeskongreß 1998 in Oldenburg)


Eigentlich müßte nicht ich, sondern Jürgen Ulpts, hier oben stehen. Niemand hat so aufwendige und gründliche Forschung  betrieben wie er. Er war mehr in der Landesbibliothek und im Staatsarchiv zuhause als bei seiner Frau, um rechtzeitig zum Bundeskongreß sein Buch "Die Geschichte der Naturheilweise Biochemie" vorlegen zu können. Damit hat er sich nicht nur würdig in die Reihe der Schüßler-Biographen eingereiht, er hat sie an Gründlichkeit der Recherche und an Materialfülle alle übertroffen. Ich hoffe zutiefst, daß seine riesige akkurate Dokumentensammlung dem Bund erhalten bleibt. 

"Wer war dieser Schüßler eigentlich ?" - bewußt und despektierlich ohne den Doktor, auf den wir immer so stolz sind. Es geht heute um den Menschen Schüßler, und der fängt lange vor dem Arzt und Doktor an, prägt doch die Kindheit den Menschen fürs ganze Leben. So schön und gepflegt, wie Sie gestern auf unserer Bus- und Dampferfahrt Bad Zwischenahn gesehen haben, war der kleine Ort vor den Toren Oldenburgs im Jahre 1821, als Schüßler dort geboren wurde, sicher noch nicht. Aber immerhin wurde er in ein gepflegtes Zuhause hineingeboren, sein Geburtshaus zeugt davon, die Familie gehörte dem gehobenen Mittelstand an. Vater Schüßler war Amtseinnehmer, etwas mehr als Steuersachbearbeiter, etwas weniger als Stadtkämmerer, der Onkel Arzt, der große Bruder Studiosus der Rechte. Es kann als sicher gelten, daß der kleine Wilhelm Heinrich nach der Grundschule auch aufs Gymnasium geschickt wurde. Eine Kindheit, rundum zufrieden. 

Und dann schlug eine Bombe ein, mitten in die frühe Pubertät, jene Präge-Phase, die tiefgreifend die Weichen fürs Leben stellt. Als der Knabe Wilhelm Heinrich 12 oder 13 Jahre alt war, nahm Amtseinnehmer Schüßler nicht nur fürs Amt ein, sondern auch in die eigene Tasche. Das Ergebnis: fünf Jahre Zuchthaus in Vechta. 

Die Familie fiel ins Bodenlose. Es gab damals kein soziales Netz, wie heute. Mutter Schüßler zog mit Wilhelm Heinrich und den kleinen Geschwistern Emma und Adolf nach Oldenburg ins Armenviertel. Mit putzen, nähen, plätten, waschen hielt sie die Familie notdürftig über Wasser. Der studierende Bruder konnte sicher nichts beitragen, eher bedurfte auch er der Unterstützung. Unser Schüßler mußte die Schule verlassen und Muttern zur Hand gehen. Jedes Stückchen Brot wurde zur Kostbarkeit. 

Aber nicht nur die Armut, vielmehr der tiefe Bruch im Lebenslauf, der Verlust der Freunde, der Heimat, der Geborgenheit, plötzlich mit dem Kainsmal "der Sohn des Zuchthäuslers" gebrandmarkt, das gräbt tiefe Spuren in die Seele eines Kindes. Es macht wachsam, kämpferisch und empfindsam. Und eben das sind die Eigenschaften, die aus allem Wirken unseres Schüßlers ein Leben lang erkennbar sind. 

Die frühen Erwachsenenjahre bleiben im Dunklen. Aus dem Einwohnerverzeichnis Oldenburgs ist ersichtlich, daß er mit 27 Jahren schließlich als Sprachlehrer tätig war, der inzwischen heimgekehrte Vater als Musiklehrer. Beides waren nicht feste Anstellungsverhältnisse, sondern Hungerjobs, Nachhilfeunterricht, einzelne Privatschüler. Die Verhältnisse bleiben ärmlich, immer wieder mußte die Familie umziehen, vielleicht auch zeigt sich darin eine kleine Spur des Vorankommens. 

Auf dem zweiten Bildungsweg

So etwas wie einen "zweiten Bildungsweg", heute gefordert und gefördert, gab es damals nicht. Seiteneinsteiger hatten es ungleich schwerer, selbst erfolgreich geworden haftete ihnen der "Parvenü", der "Emporkömmling" an. Auch Wilhelm Heinrich Schüßler mußte recht verschlungene Wege gehen, ehe er sich in Oldenburg als Arzt niederlassen konnte. Es zeugt von wachem Blick und es ist keine Schande, daß er im Wege stehende Formalien geschickt zu umschiffen verstand, immer aber legal. 

Sein handicap war das fehlende Abitur, Maturiat, wie das Reifezeugnis damals hieß. Aber nicht überall war es die zwingende Voraussetzung zum Studium, insbesondere bei Ausländern drückte manche Universität ein Auge zu. Also begann er sein Studium 1852 in Paris. Von dort wechselte er 1853 nach Berlin, dort allerdings wäre das Abitur Voraussetzung gewesen. Bleibt offen, ob er als Gasthörer immatrikuliert war, oder ob das Vorstudium in Paris den Zugang ermöglichte. 1854 ging Schüßler nach Gießen, wo er dann 1855 auch zum Doktor der Medizin promovierte. 

Eine Doktorarbeit existiert nicht, hat es wohl auch nie gegeben. Man konnte damals seine Prüfung absolvieren und den Doktorhut in Empfang nehmen, mit dem Versprechen, die Arbeit nachzuliefern, insbesondere wenn gute Gründe drängten. Und unser aufstrebender Schüßler hätte allzugerne seinen alternden Eltern bewiesen, daß er den Sprung schafft. Beide haben ihn jedoch nicht mehr als Arzt erleben dürfen. Und wieder hat der Oldenburger, in Gießen als Ausländer eingeschrieben, ein wenig getrickst. Obwohl die vorgeschriebenen vier Jahre Studium nicht erreicht waren, begündete er sein Gesuch auf Zulassung zur Promotion mit einer in Aussicht gestellten Stellung als Militärarzt im Krimkrieg, der damals Europa erschütterte. Zukünftige Chirurgen hatte die damalige Medizin sowieso nicht so ganz auf der Rechnung, also bekam der Ausländer den begehrten Doktorhut auch ohne Dissertation. Damit befindet er sich übrigens in bester Gesellschaft. An der gleichen Universität haben unter den gleichen Bedingungen Justus Liebig und ein gewisser Johann Wolfgang Goethe ihren Doktorhut in Empfang genommen. 

Damit aber war Schüßler noch lange nicht Arzt. Das ist auch heute noch so, für akademische Grade ist die Universität zuständig, für die Approbation zum Arzt der Staat. Ich kenne einen Dr.med., der nicht Arzt ist, und Sie alle kennen heute viele Ärzte, die nicht Dr.med. sind. Der Titel hat an Bedeutung verloren. 

Um die begehrte Zulassung als Arzt zu bekommen, hat es dann ein langes Hin und Her von Schriftsätzen gegeben. Zunächst wurde ihm auferlegt, das fehlende Abitur nachzuholen. Wie jeder hatte auch der erwachsene Doktor einen Bammel vor dieser Prüfung. Aber weder sein Antrag, ihm das zu ersparen, noch ihm in einigen Fächern Erleichterung zu gewähren, fand Gehör. Das war auch überflüssig, er hat bestanden. Wie gut oder wie schlecht, darüber gibt es nur Gerüchte. 

Die nächste Klippe, das fehlende 4. Studiumsjahr verzögerte das Ziel weiter, Schüßler holte es in Prag nach. Und schließlich stand er vor dem gestrengen Ärztekollegium, das die ärztliche Prüfung abnehmen sollte. Auch über dieses Prüfungsergebnis kursierten alsbald abenteuerliche Gerüchte. Seine Gegner setzten in die Welt, man habe alle Augen zugedrückt, weil er ohnehin versproden hatte, sich "nur" als homöopathischer Arzt niederzulassen. Seine Anhänger lobten und loben ihn in den Himmel. Beides ist falsch, über die Benotung durch die Prüfer gibt es Protokolle. 

Schüßler hat ein ganz mittelmäßiges Examen abgelegt, und auch damit befindet er sich in guter Gesellschaft, macht es doch deutlich, daß Examina, wie wichtig sie auch sein mögen, wenig über die spätere Qualifikation aussagen. Der Abiturient mit der Durchschnittsnote 1,2 muß nicht unbedingt ein guter Arzt werden. Fortbildung ist wichtiger als Ausbildung. Und wir dürfen getrost ein wenig unsere Ehrfurcht vor sogenannten "Experten" verlieren. Jeder Experte hat sein Expertenwissen auch irgendwann erworben unnd nicht in die Wiege gelegt bekommen. 

Auch mit dem so menschlichen Durchschnittsexamen wurde Schüßler offenkundig ein guter und erfolgreicher Arzt. Sein Testament weist den einstigen Armenviertler als vermögenden Mann aus, und in einer Diskussion in einer Fachzeitung schreibt er selbst, daß er ca. 12 000 Konsultationen im Jahr hätte. Davon träumt mancher Kassenarzt heute nur noch. 

Der Homöopath Schüßler

Im Chor einer sehr martialischen Medizin, die mit Aderlaß, Purgieren, Morphium und überzogener Chemie oft mehr Schaden als Nutzen stiftete, blühte die sanfte Medizin der Homöopathie. Schüßler wirkte 17 Jahre lang als angesehener homöopathischer Arzt. Aber anhand seiner Veröffentlichungen in verschiedenen homöopathischen Publikationen läßt sich schon früh erkennen, wie gern er "wider den Stachel löckt". Obwohl er viel geschrieben hat, eine eigene Reihe von Arzneimittelbildern als Serie veröffentlicht hat, sogar ein Lehrbuch der Homöopathie in Angriff genommen hat, wird schon sehr früh deutlich, daß ihn das gedankliche Fundament der Homöopathie nicht befriedigt. Er hält sich nicht streng an die Hahnemannsche "Simile"-Lehre, Ähnliches mit Ähnlichem, sondern therapiert "Contraria contrariis". Er gibt die Arznei nicht nach dem Arzneimittelbild des kranken Menschen, er sucht immer wieder nach Spezifika für bestimmte Krankheiten. 

Das tun auch heute unendlich viele Homöopathen, sie geben diese Abweichung vom Grundprinzip der Homöopathie nur nicht offen zu. Schüßler hat darüber offen diskutiert. So ist ein Wissenschaftsstreit dokumentiert, ob denn bei Arzneimittelprüfungen an Gesunden, die Symptome, die später in das Arzneibild einfließen, mit der Substanz erzeugt werden, oder, wie Schüßler behauptet, hervorgebracht werden. Ein Sakrileg in der Homöopathie, heißt das doch, die Krankheit ist schon da, sie wird durch das Mittel aktiviert. 

Und schon 1862, lange vor der Entwicklung  seiner Biochemie, sucht er nach Mangelerscheinungen: 

    "Welches ist die Substanz, durch deren Mangel oder Verminderung die Krankheit veanlaßt oder erhalten wird ?" 

Hier wird schon erkennbar, daß er eine andere Auffassung vom Wesen der Krankheit und folgerichtig von der Therapie hatte, eine Auffassung, die fast zwingend zu seiner späteren Neuorientierung führen mußte. Die Abwendung vom strengen homöopathischen Arzneibild zur Physiologie und Pharmakodynamik einer Substanz ist auch aus folgendem Zitat abzulesen: 

    "Der Grundcharakter der Magnesiasalze ist gleich, Magnesia phosphoricum wirkt aber rascher ...." 

Ein Zitat, durch das ich mich in der Art, wie ich die Wirkungen der Biochemischen Mittel stets darstelle, bestätigt fühle. Im Vordergrund steht, was denn Kalium, Calcium, Magnesium usw. im Körper tut. Die Unterschiede zwischen der Nummer 4, 5 und 6 sind bedeutsam, aber sekundär. 

Wegen der steten Querelen ist Schüßler schließlich aus dem Verein homöopathischer Ärzte ausgetreten, was ihn nicht gehindert hat, für die Einrichtung eines Lehrstuhles für Homöopathie an der Universität Berlin einen ansehnlichen Betrag zu spenden. Dabei schlugen die Erinnerungen an den eigenen schweren Weg durch. Er plädierte dafür, auch Laien ohne Abitur und Vollstudium die Möglichkeit zu geben, ein Diplom für eine ausschließlich homöopathische Tätigkeit zu erwerben. Ein Gedanke, der auf Anhieb bestechend erscheint, in der Form, wie er jüngst im Europa-Parlament aufgrund des verhängnisvollen Lannoye-Papiers diskutiert wurde, aber das Ende des deutschen Heilpraktikers bedeutet hätte. 

Die Biochemie

Je mehr Schüßler den Mangel-Gedanken in den Vordergrund stellt, desto mehr entfernt er sich von seinen homöopathischen Wurzeln, mit einer der Gründe, der der Anerkennung seiner Lehre später im Wege stand. Er hat sich kräftig zwischen zwei Stühle gesetzt: Die Homöopathen konnten seine Biochemie nicht nachvollziehen, sie enstprach nicht ihrer Lehre. Und die Schulmediziner mochten den Homöopathen Schüßler nicht ernst nehmen. Wir diskutieren ja noch heute: Hat Schüßler sich von der Homöopathie nur deshalb gelöst, weil sie seine Lehre nicht akzeptierten ? Die obigen Zitate machen deutlich: Er konnte gar nicht anders, seine Gedanken und Veröffentlichungen weisen eine ganz klare Entwicklung zur neuen Therapie Biochemie auf. 

Schüßler ist nicht unschuldig daran, daß seiner Biochemie die Anerkennug lange versagt blieb, daß sie vielmehr angefeindet und lächerlich gemacht wurde. Er war zwar nicht das kauzige Unikum, das Stadtoriginal, wie uns die gern zitierte Geschichte von dem mit Schirm, Schiffermütze und dicken Handschuhen grußlos durch die Stadt stapfenden alten Manne suggeriert, aber er war fraglos knorrig und dickschädelig. Selbst Befürwortern seiner Lehre ist er bei kleinsten Unterschieden in der Meinung über den Mund gefahren. Er hat eine scharfe Zunge und eine spitze Feder geführt, symptomatisch für die Empfindsamkeit des früh verletzten Aufsteigers. 

Von seinen Gegnern stammt auch die bis heute nachklingende Nonsens-Theorie, anorganische Mineralien könne der Mensch überhaupt nicht verwerten, es müßten organische sein. Zugegeben, in unseren naturheilkundlich orientierten Ohren klingt die Idee einleuchtend, daß organisches, also pflanzlich gebundenes, dem Menschen näher steht und bekömmlicher ist. Nichtsdestotrotz ist das Unsinn. Mineralien sind immer anorganisch, auch in der Pflanze, auch im Menschen. Das ist keine Frage der Eigenschaft, sondern allein der Definition. 

Auch der lange Streit um seinen Absolutheitsanspruch hat mehr geschadet als genützt. Schüßler  hat ja nicht behauptet, daß er jede Krankheit mit seinen 12 Salzen heilen könne. Das oft kritisierte Zitat spricht einschränkend von "jeder heilbaren Krankheit". Aber auch darüber können wir uns getrost hinwegsetzen. Er selbst hat das durch sein Handeln relativiert. Heute bezweifelt niemand, auch kein eingefleischter Biochemiker,  daß ein gebrochenes Bein zur Heilung Calcium sulfuricum braucht, aber nicht als Biopastille Nr. 12, sondern als Gipsverband um die Fraktur. Schüßlers Stolz auf die neue Therapie ist verständlich und berechtigt und verzeiht manch Wortgeplänkel. 

Außenseiter oder Naturwissenschaftler ?

Bei der Entwicklung seiner Mineralsalzlehre, der Biochemie, hat Schüßler seine homöopathische Herkunft nicht verleugnen können. Die homöopathische Erfahrung ist insbesondere in die Aufbereitung seiner Salze eingeflossen, die ja - auch als stoffliche Ergänzung gedacht -  homöopathisch potenziert werden. Nicht der homöopathische Gedanke der Informationsübertragung auf das Trägermedium stand Pate, sondern die Verbesserung der Bioverfügbarkeit, ein Begriff, der in der modernen Pharmazie zu großer Bedeutung gelangt ist. Die stoffliche "Verdünnung" wird durch die Aufschließung in kleinste Teile mehr als wettgemacht. Eine "D6" kann mehr als ein Millionstel Gramm des Ursalzes. Und wenn wir denn Zweifel an der ausreichenden stofflichen Ergänzung mit unseren Biochemischen Salzen haben, wie zum Beispiel bei der Anwendung der "heißen Sieben", dann hindert uns niemand, auf eine "D3" zu gehen oder auf die Ursubstanz. Schüßler war keineswegs auf die "D6" fixiert, er hat auch mit tieferen Potenzen gearbeitet. 

In Schüßlers Indikationsbeschreibungen zu seinen Salzen sind auch vereinzelt homöopathische Arzneimittelbilder mit eingeflossen. Niemand kann sich von seiner geistigen Entwicklung freimachen. Umgekehrt finden wir in heutiger homöopathischr Literatur auch Mangelsymptome wieder. Es gibt beim Bundesgesundheitsamt eine Kommission, besetzt mit lauter hochkarätigen Homöopathen, die in sogenannten Monographien festschreibt, was denn ein Mittel alles kann - homöopathisch. Schmunzeln weckt das Studium der Monographie zu Calcium phosphoricum, in der als klassische homöopathische Indikation der "Calciummangel" festgeschrieben ist. Anti-Homöopathie pur ! 

Wie schon früh erkennbar, hat Schüßler sich immer mehr und immer deutlicher dazu bekannt, daß er seine Mineralsalzgaben als Ergänzung fehlender Stoffe und nicht als homöopathische Informations-Therapie betrachtet. Mit dieser klaren Aussage tun sich auch heutige Biochemiker häufig schwer. Günther Lindemann bezeichnete das als "Schüßlers schweren Irrtum", und die Diskussion in den beiden letzten Ausgaben des "Weg zur Gesundheit" zeigen, daß dies eine unendliche Geschichte ist. In unserer Biochemischen Literatur gehen homöopathische und allopathische Indikationen kunterbunt durcheinander, was dem Verständnis nicht gerade dienlich ist. 

Ich plädiere seit langem und immer eindringlicher dafür, daß wir uns daran machen, Klarheit und Ordnung zu schaffen, wo wir Steuertherapie und wo wir Ergänzung meinen. Das ist kein Grundsatzstreit, ob das eine oder das andere. Beides ist möglich, denn immerhín sind unsere Salzpastillen ja homöopathisch aufbereitet. Wir müssen aber deutlich sagen, welche Indikation, welche Anwendung wir als homöopathische und welche als ergänzende betrachten. 

Das ist notwendig, wenn wir denn der Biochemie endlich die ihr gebührende Anerkennung in der Medizin verschaffen wollen. Das ist aber vor allem notwendig, wenn wir unseren Medikamenten zur Zulassung nach dem Arzneimittelgesetz verhelfen wollen. Dieses Gesetz  kennt nur Homöopathie oder Allopathie. Dazwischen gibt es nichts, und Arzneien, die nicht ganz eindeutig zuzuordnen sind, verschwinden vom Markt. 

Noch heute sehen sich viele Biochemiker in die Ecke der Außenseitermedizin gedrängt. Zu Unrecht. Daß Schüßlers Idee von seinen zeitgenössischen Ärztekollegen ins Abseits gestellt wurde, lag nicht zuletzt daran, daß sie jener Zeit eher voraus war, als hinterher zu hinken. Die Schulmedizin des vorigen Jahrhunderts hatte wenig mit der von heute zu tun. Sie war mystisch-mythisch, religiös-philosophisch orientiert, und begann teils zaghaft, teils weit übers Ziel hinausschießend sich an den Naturwissenschaften zu orientieren. Die heutige Schulmedizin verdankt ihren Ruhm weithin der Kunst der Chirurgen, eine Kunst, die zu Schüßlers Zeite noch von Badern und Friseuren ausgeübt wurde. Ein kurioses Bonbönchen: Im Arbeitsvertrag des ersten Lehrstuhlinhabers für Chirurgie im Jahre 1902 an der Münchner Universität stand noch die Klausel, daß er einmal im Monat seinen Professorenkollegen die Haare zu schneiden hätte. So jung ist die moderne Schulmedizin. 

Schulmedizin ist kein Schimpfwort, auch wenn manches, was sie tut, der Kritik wert ist. Niemand von uns wollte heute auf die Errungenschaften einer modernen Medizin verzichten, wenn es denn ernst wird. 

Und Schüßlers Medizin war moderne Medizin, seiner Zeit voraus. Er war einer von jenen, die wie Liebig, Virchow, Moleschott, die Medizin aus ihrer historischen Zwangsjacke befreit haben und auf den Weg zu suchender, forschender Naturwissenschaft geführt haben. Er hat gefragt, was geht in der Zelle vor ? Was braucht sie für ihren Stoffwechsel ? Welche Stoffe wirken wann, wo, wie ? Er war ein Anhänger der Virchowschen Zellularpathologie, die ja kein Gegensatz zu einer naturheilkundlichen Ganzheitsbetrachtung ist, sondern ein Teil davon. 

Schüßler schuf den Begriff "Biochemie", die Chemie des Lebens, um treffsicher deutlich zu machen, wo seine Therapie greift. Dieser Begriff ist heute an jeder Medizinischen Fakultät zuhause. Das, was dort heute als Biochemie gelehrt wird, hieß zu Schüßlers Zeit noch "physiologische Chemie". Man hat den Begriff Biochmie flugs okkupiert. Aber Schüßlers Biochemie und die Universitäts-Biochemie tun beide dasselbe: sie fragen, suchen, erforschen den Stoffwechsel bis ins Detail, mit dem Ziel, kranken Menschen zu helfen. Wir haben keinen Grund, etwas verschämt von unserer "nur der Schüßlerschen Biochemie" zu sprechen. Unsere Biochemie ist keine Außenseitermedizin, sie ist längst integrierter Bestandteil der modernen Medizin mit ihrem Teilgebiet Biochemie. 

 Und das ist das faszinierende: Wenn man die Forschungsergebnisse moderner Biochemie abfragt, dann findet man zu jeder der von Schüßler beschriebenen Indikationen den Beleg, was man von später und anderen Autoren Hinzugeschriebenem nicht immer sagen kann. Es läßt sich heute belegen, warum denn Ferrum phosphoricum 125 Jahre als Entzündungsmittel fiebernden Knaben dazu verholfen hat, am nächsten Tag wiederum mit nassen Füßen und der Angelrute am Bach sitzen zu dürfen. Und warum denn Calcium phosphoricum bei einer bestimmten Form der Bleichsucht, der Perniziosa, zumindest lindern konnte.

Das macht deutlich, daß Schüßler ein exzellenter Beobachter war. Seine Erklärungsversuche entsprachen dem Wissensstand seiner Zeit und müssen weithin als überholt gelten. Wir sollten uns auch langsam von mancher uralter Argumentation trennen. Seine Indikationen aber stimmen alle. Bis heute ! 

Sein ganzer Lebensweg war vom Suchen nach dem richtigen Weg bestimmt. Er hat sich selbst und seine Erkenntnisse immer wieder infrage gestellt und korrigiert, wie aus den Veränderungen seiner 25 Auflagen der "Abgekürzten Therapie" zu ersehen ist. Er hat immer wieder um die Mitarbeit, Hilfe und Weiterentwicklung seiner Idee durch Kollegen gebuhlt. Deswegen sollten wir auch heute seine Lehre nicht sakrosankt wie eine Reliquie betrachten, sondern sie weiterentwickeln, im Konsens mit der modernen Medizin. 

Außenseiter und solche, die sich so fühlen, neigen dazu, sich hinter der schützenden Hecke eines Schongärtchens zu verstecken. Dabei merken sie nicht, wie die Zeit an ihnen vorüberrauscht. Das ist schon Dornröschen nicht bekommen. Und manch Biochemiker hat nicht bemerkt, daß  die moderne Medizin den Laienbund der Biochemiker im D-Zug-Tempo überholt hat, daß Schüßlers Idee, die Therapie mit Mineralien, längst Bestandteil ärztlichen Grundwissens geworden ist, beim einen mehr, beim anderen weniger. Wir sollten mehr Brücken bauen. Der modernen Medizin täte es gut, auf die 125jährige Erfahrung der Patienten zu lauschen, dem Schüßlerbund täte es gut, moderne Forschungsergebnisse zu verfolgen und zur Kenntnis zu nehmen. 

"Wer war dieser Schüßler eigentlich ?"

Um diese Frage zu beantworten, habe ich sogar das Landeskriminalamt um Hilfe gebeten. Aus dem Nachlaß von Günther Lindemann ist mir ein Bild in die Hände gefallen, über dessen Herkunft nichts bekannt ist, das Lindemann auch nie benutzt hat, offenbar, weil er sich der Bedeutung selbst nicht sicher war. Es könnte sich dabei um ein bisher unbekanntes Bild von Schüßler handeln. Bei den bekannten Bildern, das Bild am Schreibtisch, der Kopf allein, Schüßler mit Mütze im Wald, handelt es sich in Wirklichkeit immer um dasselbe Bild, das Gesicht ist offenkundig in die anderen Motive hineinretuschiert worden, achten Sie einmal darauf. Und niemand weiß, ob die Büste nach dem Bild geformt wurde, oder ob das Bild die Büste zeigt. 

Es wäre interessant, wenn wir ein neues Bild entdeckt hätten. Dafür spricht die Mundpartie, die Nasolabialfalte, die Ohrläppchenform, vor allem aber das akribische Nachlaßverzeichnis, das ausdrücklich "zwei Mützen und einen hohen Hut" auflistet. Dagegen das rasierte Kinn. Aber kann es nicht sein, daß er nach dem ersten Schlaganfall, siehe das linke Auge, der leichten Pflege zuliebe den Bart opfern mußte ? Aber auch die Kriminologen, die sonst mit Phantombildern Kindermörder fangen, konnten nicht schlüssig sagen, ob er es nun ist oder nicht. Es wäre peinlich, wenn wir es als Schüßler ausgeben, und irgendwann erkennt jemand das Bild seines Urgroßvaters aus dem Familienalbum wieder. 

Ich frage mich immer wieder, wenn ich sein Bild sehe "Schaut er eigentlich gütig oder grimmig drein ?" Ich sehe ein kampfgewohntes Gesicht, geprägt von einem Hauch Trotz, ihm aufgezwungen in der Kindheit, ihn ein Leben lang begleitend. ich sehe aber auch das Gesicht eines Menschenfreundes, dessen Leben vom Helfen geprägt ist. 

Und das über den Tod hinaus. In seinem Testament (Woraus Sie den erfreulichen Schluß ziehen können, daß ich mich dem Ende nähere) bestimmt er, 

"daß dasjenige, was aus diesem meinem Testamente der Stadt Oldenburg über die in Punkt 1 erwähnten dreitausend Mark zufällt, das Grundkapital einer Stiftung sein soll, deren Einkünfte bestimmt sein sollen zur Unterstützung würdiger und dürftiger Personen ohne Unterschied des Glaubens und der Confession ....." 

Ein paar mehr Biochemie-Ärzte von diesem Format, und das Sozialhilfeproblem in Oldenburg wäre gelöst. Und weiter steht in seinem Testament 

"Aus meinem Krankenjournale sollen Rechnungen nicht extrahiert werden, weil niemand imstande ist, daraus zu ersehen, wer bezahlt hat, wer nicht." 

Nicht das Abrechnen stand im Vordergrund, sondern das Helfen. Auch daran könnte die moderne Medizin sich manchmal ein Beispiel nehmen. 

So war dieser Schüßler eben !


Nachtrag zum Aufsatz "Wer war dieser Schüßler eigentlich ?"

Wie gut, daß wir zweifelnd das vermeintlich neu entdeckte Bild nicht gleich euphorisch als Schüßler-Porträt vereinnahmt haben. Inzwischen konnten wir aufklären, wen das Bild darstellt. Leider nicht Dr. Schüßler, sondern seinen damaligen Hauptlieferanten, den Apotheker Dr. Willmar Schwabe, der 1866 die nach ihm benannte Arzneimittelfirma gründete. 

Hans-Heinrich Jörgensen