Der Patient zwischen Arzt und Heilpraktiker

von Hans-Heinrich Jörgensen

(Vortrag auf dem Deutschen Heilpraktikertag Karlsruhe 1997)

Irgendeine deutsche Heilpraktiker-Ausbildungsstätte, vielleicht gar mehrere, bläut ihren Schülern ein, es sei dem Heilpraktiker verboten, an der ärztlichen Vortherapie seiner Patienten etwas zu ändern. Diese abstruse These ist mir in letzter Zeit mehrfach begegnet, und sie erschreckt mich. Wenn das so wäre, würde ich noch heute meine "Erlaubnis zur Ausübung der Heilkunde ohne ärztliche Bestallung", so heißt das schlichte schöne Papier, zurückgeben, und morgens Brötchen austragen, oder einem ähnlich verantwortungsvollen Beruf nachgehen. 

Natürlich ist diese These absoluter Unsinn ! Der Heilpraktiker darf nicht nur, er muß Diagnostik und Therapie seiner anbehandelten Patienten stets in Zweifel ziehen, denn wäre alles eitel Sonnenschein, dann wäre der Patient nicht bei ihm, sondern dem Hausarzt treu geblieben. Und - wenn nötig - muß er auch korrigierend eingreifen. 

Natürlich nicht, wie einst 1961, als ich noch Heilpraktikeranwärter war, die als "Engel von Südtondern" apostrophierte Kollegin, die ihren Patienten das Insulin mit einem Heilungsversprechen wegnahm, Haßtiraden gegen die Ärzte verbreitete, und schließlich in der Heilanstalt endete, sondern in gründlicher Kenntnis der Möglichkeiten, aber auch der Risiken der ärztlichen Verordnung. Und unter sorgfältiger Abwägung, ob denn der eigene Weg besser ist. 

Wir beziehen die Legitimation zur Anwendung von Außenseitermethoden nicht daraus, daß uns die Schulmedizin mit ihrem riesigen Fundus an immer speziellerem Wissen zu kompliziert ist, sondern weil wir sie kennen, gut kennen, weil wir auch ihre Grenzen kennen, und weil wir über diese Grenzen hinaus etwas tun wollen, mehr tun wollen. Wir wenden unsere Methoden nicht statt der Schulmedizin an, sondern sie ergänzend, wo nötig aber auch korrigierend. 

Das allerdings setzt ein profundes Wissen um Pharmakokinetik und -dynamik schulmedizinischer Medizin voraus. Ich will nicht verhehlen, daß ich an allen mir bekannten Heilpraktikerausbildungsstätten einen Mangel an Ausbildung in klinischer Pharmakologie beklage. Der Heilpraktiker therapiert täglich mit verschreibungspflichtigen Medikamenten. Nicht, daß er sie verordnet, aber er entscheidet über absetzen oder weiternehmen. Und wenn er an der Vormedikation drehen will, muß er wissen, was ist ein Betablocker, was tut ein ACE-Hemmer, wie wirkt ein Calcium-Antagonist ? 

Zur Anamnese und Befunderhebung gehört auch die Vordiagnostik. Auch hier muß der Heilpraktiker imstande sein, die Laborbefunde zu lesen und richtig zu deuten. Aber bitte nicht einfach kritiklos übernehmen. 

Die Vormedikation umfaßt insbesondere bei älteren Patienten, ein buntes Sammelsurium von oft mehr als einem Dutzend verordneter und freihändig hinzugekaufter Medikamente. Darunter sind mit Sicherheit einige, die sich gegenseitig addieren oder gar potenzieren, einige, die sich in der Wirkung gegenseitig aufheben, und mit ebenso großer Sicherheit ein oder zwei Kunstfehler. Es gilt zu sortieren: 

1.  Welche Medikamente sind von vitaler Bedeutung ? Sie müssen auf jeden Fall weiter eingenommen werden.  
2.  Welche Medikamente  haben weder sonderlich Nutzen noch stiften sie Schaden ? Sie können uns schnurzpiepegal sein.  
3.  Welche Medikamente sind gar die Ursache der Beschwerden ? Sie müssen abgesetzt oder in der Dosierung verändert werden. 

Etwa 30 - 40% der zur Behandlung kommenden Krankheiten - auch beim Arzt - sind iatrogene Krankheiten, vom Arzt erzeugte Krankheiten, und nicht vom Himmel gefallenes Schicksal. Je länger ich Heilpraktiker bin, desto mehr Zeit verwende ich darauf, meinen Patienten erst einmal ihre alten Medikamente auszureden, nicht so sehr, ihnen neue einzureden. 

Ich hab's einmal als Scherz gesagt: Heilpraktiker bräuchten gar keine Ausbildung, sie hätten schon riesige Erfolge, wenn sie ihren Patienten nur alle Medikamente wegnehmen würden. Ich hoffe, Sie verstehen das auch als Scherz und nicht als Freibrief, aber auch den traurigen Hintergrund dieses Scherzes. 

Wenn Patienten zum Heilpraktiker wechseln, dann tun sie das meist zusätzlich. Nur wenige Patienten haben ihren Heilpraktiker, wie andere den Hausarzt. Das ergibt sich schon aus unserem Versicherungssystem. In dem Moment aber wird der Heilpraktiker zum "Herrn des Verfahrens", ein Terminus aus der Juristerei. Die Verantwortung für die Gesamttherapie geht auf den Heilpraktiker über, denn er hat in der Regel einen beträchtlichen Wissensvorsprung. Er weiß um das ärztliche Tun im Vorfeld, ihm erzählt der Patient alles, was bislang geschah. Der Arzt hingegen weiß vom "Fremdgehen" seines Patienten nichts, ihm verschweigt der Patient den "Seitensprung", braucht er doch das Wohlwollen seines Arztes, wenn er morgen von der Trittleiter fällt. Außerdem ist der wundersame ehrfurchtsvolle Respekt vor dem weißen Kittel nicht auszurotten. 

Leider baut sich dadurch zwischen Ärzten und Heilpraktikern ein gegenseitiges Feindbild auf. Der Heilpraktiker sieht naturgemäß nur die Mißerfolge der Ärzte, die ja keineswegs nur immer falsche Diagnosen oder Kunstfehler waren. Manches, was den Patienten unbefriedigt läßt, ist einfach auch unheilbar. Viele ärztliche Erfolge sieht der Heilpraktiker nicht. Und ebenso sieht der Arzt nur die Pannen und Pleiten des Heilpraktikers. Wenn's schief ging, dann kehrt der Patient reumütig zu seinem Arzt zurück und beichtet. 

Bitten Sie Ihre Patienten, daß sie in das "beichten" ein kleines "r" einfügen und daraus ein "berichten" machen, daß sie auch die Erfolge des Heilpraktikers berichten. Zum eigenen Nutzen für den zukünftigen Fortgang der Therapie, und zum Nutzen für andere. Oft weiß der Arzt ja gar nicht, wodurch sein Patient Besserung erfuhr - und darum schätzt er unsere Methoden oft gering. 

Ich will nicht Gräben aufreißen zwischen Arzt und Heilpraktiker, es bestehen gerade genug. Ich möchte aber eines unmißverständlich deutlich machen: Die "Erlaubnis zur Ausübung der Heilkunde ohne ärztliche Bestallung" gibt die Berechtigung, Heilkunde auszuüben, ohne Bestallung und mit allen Konsequenzen. Es gibt keine Einengung dieser Erlaubnis, nur weil ein anderer die Erlaubnis hat, Heilkunde mit ärztlicher Bestallung auszuüben. Es sind andere Werdegänge, aber kein Über- oder Unterordnungsverhältnis. 

Die Einengung ergibt sich aus Sekundärgesetzen, vor allem aus der Schadenshaftung. Die Zeiten, da Gerichte Heilpraktiker von jeglicher Schadenshaftung frei hielten, weil sie mangels geregelter Ausbildung ja unter "denn sie wissen nicht, was sie tun" fielen, sind längst vorbei. Die Rechtsprechung läßt keinen Zweifel daran, daß der Heilpraktiker jene Therapien, die er anwendet, genau so beherrschen muß, wie der Arzt, und daß er voll für Kunstfehler einstehen muß. Sein Tun muß also Hand und Fuß haben, es muß begründbar sein, wenn er von lehrbuchgemäßen Therapien abweicht. 

Begründbar auch gegenüber dem vorbehandelnden Arzt. Denn in der Praxis sieht das doch nicht selten so aus, daß der Patient sich im Konflikt sieht, wem er denn nun glauben und folgen soll, wenn der eine Hüh und der andere Hott sagt. Und dann befragt er auch noch einmal seinen Arzt, der im Zorn nicht nur all Ihr Tun für "baren Unsinn" erklärt, sondern auch noch zum Telefonhörer greift, um Sie "zusammenzufalten", ob Ihrer Unverfrorenheit. Dann müssen Sie imstande sein, nicht nur Lieschen Müller Ihr Tun zu erklären, sondern auch dem aufgebrachten Arzt aus der Nachbarschaft. Und das in seiner Sprache ! 

Wir sollten das Gespräch mit den benachbarten Ärzten auch nicht scheuen, sondern eher suchen, vorausgesetzt, wir beziehen unsere Diagnosen nicht gerade aus dem Kaffeesatz oder den Sternen. Wenn wir ihre Sprache sprechen, dann sind in der Regel auch die Ärzte gesprächsbereit. Ich jedenfalls bin selten auf Ignoranz und Ablehnung gestoßen. Zumindest sollte jeder Heilpraktiker aus gutem Grunde etwas Kontakt zu einem Röntgenologen, Gynäkologen und einem Augenarzt halten, und tunlichst zu einem Labor, denn eigene Labordiagnostik macht nur noch dann einen Sinn, wenn man ganz spezielle Verfahren anzubieten hat. 

Die ärztliche Standesordnung mit ihrem Verbot der Zusammenarbeit von Ärzten mit Nichtärzten ist hier kein Hindernis. Sie bezieht sich nur auf das Konsilium, das Zusammenwirken am Krankenbett in gemeinsamer Verantwortung, das selbst Ärzte untereinander kaum noch pflegen, und das übrigens schon seit langem den Psychologen zuliebe durchlöchert ist. Das gegenseitige Zuweisen von Patienten ist hierdurch nicht berührt. Und wenn Ihnen ein Arzt aus Angst vor seinen Kammer-Oberen etwas anderes sagt, dann klären Sie ihn ruhig auf. 

Auch hier macht der Ton die Musik. Wenn Sie mit einem netten Begleitbrief " Ich bitte um die röntgenologische Beurteilung des rechten Hüftgelenks" einen Patienten zum Radiologen schicken, dann bekommen Sie auch einen ebenso korrekten Brief mit dem Ergebnis zurück. Und wenn nicht, schicken Sie Ihre Patienten in Zukunft zu einem anderen. Natürlich funktioniert das nicht mit der Chipkarte, es sei denn, viel, viel guter Wille ist im Spiel. Ihr Privatpatient ist natürlich auch beim Facharzt Privatpatient. Verlieren Sie deshalb die Finanzen nicht aus dem Auge. 

Es kann auch Sinn machen, den Hausarzt zu bitten, solche Überweisung vorzunehmen. Oft liegen die benötigten Befunde auch dort schon vor, manche Patienten haben gar eine sorgfältig gepflegte Krankheitsakte. Andere scheuen sich, den Arzt um die Unterlagen zu bitten, aus Angst, er können ablehnen, oder strinrunzelnd fragen: "Wozu?". Erläutern Sie dem Patienten, daß er ein Recht auf seine Befunde hat, sie sind sein Eigentum, er hat sie mit dem Blankoscheck "Krankenschein" bezahlt. Auf die subjektive Beurteilung des Arztes hat er jedoch keinen Anspruch. 

Aber wer spielt schon gern gegenüber dem Hausarzt sein Recht aus, oder klagt gar ? Wir müssen eines deutlich machen, ich Ihnen,  Sie dem Patienten und dieser seinem Arzt: wenn der Arzt wichtige Befunde zurückhält, nur um den Heilpraktiker in's offene Messer laufen zu lassen, dann schadet er dem Patienten und setzt sich zivil- wie strafrechtlich in die Nesseln. 

Hausärzte verkennen gern, daß es das gute Recht des Patienten ist, auch eine andere Dienstleistung als die seine in Anspruch zu nehmen. Das sieht der Arzt nicht gerne. Mein Tankwart sieht auch nicht gerne, wenn ich gegenüber bei der anderen Farbe tanke. Zugegeben, ein wenig ist das ja auch ein Mißtrauensvotum, ein Wink mit dem Zaunpfahl: "So ganz zufrieden bin ich nicht." Aber diese Kröte muß der Arzt schlucken, oder seinen Patienten ganz verlieren. 

Nicht selten verweise ich auch Patienten zur Durchführung einer von mir für nötig erachteten Therapie an den Arzt. Sei es, weil er diese Maßnahmen besser kann, als ich, sei es auch nur, weil er näher dran ist. Was macht es für einen Sinn, daß ein Patient von außerhalb zweimal wöchentlich 50 km zu mir fährt, um sich eine i.m.-Spritze abzuholen, außer daß es meinem Umsatz dient ? Lassen Sie den Patienten ruhig wissen, daß Sie die Therapie zu seinem Nutzens und nicht zu Ihrem empfehlen. Und bei der Gelegenheit ein ganz praktischer Hinweis: Nur der Patient bleibt Ihnen dauerhaft treu, dessen Behandlung Sie selbst irgendwann abschließen. Wer abbricht, weil er sich über Gebühr (buchstäblich) behandelt fühlt, kommt nie wieder. 

Auch hier gilt das schöne Sprichwort vom in-den-Wald-hineinrufen. Auch wir tun uns ja schwer, Dinge zu machen, die nicht "auf dem eigenen Mist gewachsen sind". Es gilt, den Arzt mit der gebührenden Höflichkeit davon zu überzeugen, daß er die von mir empfohlene Therapie zu seiner eigenen Idee macht, und sie in eigener Verantwortung durchführt. dann bezahlt es nämlich auch noch die Kasse. 

Zugegeben, manch Patient traut sich nicht, weil er fürchtet, sein Arzt würde sich mit hochrotem Kopf dem Schlaganfall nähern und um die Lampe fliegen. Sagen Sie dem Patienten, er soll mehr Selbstbewußtsein haben, den Arzt an den Füßen wieder auf den Boden der Wirklichkeit zurückholen. Weder ist der eine Stabsarzt noch der andere Rekrut. Der Arzt ist Dienstleister, und es gibt auch andere. Der Patient tut nichts Verbotenes, wenn er zum Heilprakiker geht, und dieser auch nicht, wenn er die Behandlung übernimmt. 

Wir Heilpraktiker beklagen oft, daß unser Freiraum immer mehr beschnitten wird. Etwas mehr Optimismus stünde uns gut zu Gesicht. Noch nie hatten Heilpraktiker so viele Möglichkeiten und so viele Sicherheiten wie heute. Vor vierzig Jahren in der alten Hälfte, noch vor zehn Jahren in der neuen Hälfte unseres Landes gab es keine Ausbildungsstätten für Heilpraktiker, Nachwuchs war verboten. Daß der Heilpraktiker-Beruf als Zweitberuf ausgeübt werden darf, mußte erst vor dem Bundesverfassungsgericht erfochten werden. Es gab Anläufe, den Heilpraktikern das Injizieren zu verbieten, die abgeschmettert werden konnten. Nur jener eingetragene Verein, der sich hochtrabend "Bundesärztekammer" nennt, ohne jedoch wirklich eine Kammer zu sein, beklagt stereotyp in jedem Jahresbericht, daß der deutsche Heilpraktiker eine Kulturschande sei. 

Heilpraktiker sind heute abgesichterter denn je. Private Krankenkassen erstatten ihre Rechnungen, die staatlichen Beihilfestellen auch, das Finanzamt erkennt ihre Rechnungen als "außergewöhnliche Belastung" an. Ich hoffe, sie sind nicht immer so ganz außergewöhnlich. Sekundärgesetze räumen dem Heilpraktiker Rechte ein, er darf MTA's beschäftigen, röntgen, wenn er den Strahlenschutz beherrscht, und das Arzneimittelgesetz billigt ihm mit der 8. Novelle erstmals offiziell die Abgabe medizinischer Gase zu. Inzwischen leidet die Ärzteschaft und dem Trauma, die Heilpraktiker seien in Bonn besser angesehen als sie selbst. 

Wir genießen - obwohl nicht staatlich ausgebildet - einen riesigen Freiraum mit nur ganz wenigen Einengungen. Ich habe es nie sonderlich vermißt, daß ich keine Babys und Backenzhäne ziehen durfte, und daß ich Pest und Pocken nicht behandeln durfte. Ich habe es aber immer sehr begrüßt, nicht in das enge Korsett von EBM und Budget der Ortskrankenkassen gezwungen zu sein. Was - liebe Kollegen - würde uns denn dann noch vom Kassenarzt unterscheiden ? Wir sind doch nicht von Natur aus bessere Menschen, wir haben nur die Freiheit, mehr zu tun, als Dreiminutenmedizin. Seien Sie darüber froh ! Trotzdem fordern immer wieder Heißsporne unter unseren Funktionären die Kassenzulassung. Es kann und wird sie nicht geben. 

Ach ja, die Verschreibungspflicht engt uns ein. Zugegeben, als junger Heilpraktiker habe ich da auch gern ein wenig getrickst und genascht. Verjährt ! Je älter ich werde, desto weniger. Und ein kompetenter und umsatzträchtiger Heilpraktiker bekommt von seinem Apotheker so manches. Aber wir sollten uns doch immer fragen, ob denn das, was verschreibungspflichtig ist, auch in unser naturheilkundliches Konzept paßt. Wer auf dem Klavier der verfügbaren Medikamente zu spielen versteht, kommt gut ohne aus. Wo nötig, sind sie ja in der Regel auch schon vom Arzt verordnet, und wenn nicht, kann man ja den Arzt drauf stoßen. Es hat mir in meiner Kieler Praxis diebische Freude bereitet, bei rezidivierenden Harnwegsinfektionen Resistenzbestimmungen zu machen, und dann dem Urologen gezielt zu sagen, welches Antibiotikum er verordnen soll. 

Was ist uns den eigentlich in den letzten Jahren im Bereich des Arzneimittelmarktes wirklich schmerzhaft genommen ? Aristolochia ? Vielleicht wirklich überzogen. Rauwolfia ? Das darin enthaltene Reserpin erzeugt Depressionen. Ist das die Therapie, die wir meinen ? Procain war einmal Zielscheibe, das konnten wir durch ernsthafte Recherche abwenden. Huflattich ? Ist auf bedenkliche Konzentrationen von Pyrolizidin beschränkt und tut niemandem weh. Chinin ? Begrenzt auf die Indikation "Malariaprophylaxe", in gleicher Dosierung mit der Indikation "Wadenkrämpfe" weiterhin frei. DMPS ? Ein selbst  toxisches Mittel zur Bekämpfung akuter Intoxikationen, von einigen Kollegen zur Behandlung von Mini-Intoxikationen reklamiert, aber sicher kein Heilpraktiker-typisches Medikament. Cimicifuga stand auf dem Plan, das dürfte mit Hilfe der Industrieverbände abgewendet sein. 

Wir sollten die "böse Pharmazie" nicht immer verteufeln. Ohne die Arzneimittelherstellerverbände BAH und BPI stünden wir mit unseren Wünschen weitaus schlechter da. Die sind nicht unsere Gegner, sie sind unsere Stütze. 

Es muß auch darauf hingewiesen werden, daß die Verschreibungspflicht sich nicht gegen den Heilpraktiker richtet. Sie soll eine unkontrollierte Selbstmedikation mit risikobeladenen Medikamenten verhindern. Es gibt kein Verschreibungsrecht mit Einschränkungen für Heilpraktiker, wie es das für Hebammen und Dentisten gibt. Etliche Anläufe unserer Verbandsfunktionäre, das zu erreichen, sind gescheitert. 

Wir müssen auch aufpassen, daß wir unsere Vertreter in der Verschreibungspflicht-Kommission (darin sind Heilpraktiker vertreten) nicht unglaubwürdig oder gar lächerlich machen, indem wir sie mit nicht durchsetzbaren Forderungen belasten, oder mit Forderungen, die zu spät kommen, weil das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist. Wollen sie in diesem Gremium ernst genommen werden, müssen sie maßvoll und klug agieren. Oft macht es Sinn, eine geplante Verschreibungspflicht auf Indikationen und Dosierungen zu beschränken. Damit haben unsere Vertreter in letzter Zeit Erfolge erzielen können. 

Übrigens, in der "Gesundheitspolitischen Umschau" 6/97 stand eine Forderung der Rest-Kooperation nach der Verschreibungspflicht für alle Medikamente zu lesen, also das Ende jeglicher Selbstmedikation und die totale Entmündigung der Patienten. Das Verschreibungsrecht sollte dann allerdings Ärzten und Heilpraktikern zustehen. Diese Idee ist fern jeglicher Wirklichkeit und geeignet, uns lächerlich zu machen. 

Das größere Übel ist die außerordentlich restriktiv gehandhabte Nachzulassung, die bis zum Jahre 2004 viele, viele uns lieb gewordene Medikamente vom Markt gefegt haben wird. Davon ist in erster Linie die Pharma-Industrie gebeutelt, und manch vertrautes Gesicht auf unseren Kongressen werden wir dann nicht mehr sehen. Den Heilpraktiker trifft das nur indirekt. Aber wir werden umdenken und umlernen müssen. Es werden Fertigarzneien verschwinden, die Pflanzen wachsen weiter. Wir werden manches rezeptieren müssen. Auch das bedeutet: pharmakologische Ausbildung verbessern. Wir müssen das Wirkprinzip der Ingredienzen unser Rezeptur kennen, und das ist mehr, als Beipackzettel lesen. 

Den riesigen Freiraum, von dem ich spreche, genießen wir, obwohl wir keine staatlich reglementierte Ausbildung haben, was ja über die Qualität der Ausbildung überhaupt nichts sagt, und obwohl wir keinen Beruf im Sinne des Berufsbildungsgesetzes mit staatlich vorgegebenen Inhalten ausüben. Man muß es immer wieder sagen: der Staat beschränkt sich bei der Heilpraktiker-Zulassung auf den Risikoausschluß. Er läßt uns gewähren, ohne daß er Verantwortung für unser Tun trägt. Damit können wir gut leben, und wir sollten uns gelegentlich auf diesen unseren Standort besinnen, um uns vor Überheblichkeit zu bewahren. Prestige und Ansehen kann man nicht von einem pauschalen Ansehen ableiten, das muß sich jeder selbst schaffen. 

Aber solange ich denken kann, gibt es immer wieder Bestrebungen, den Stand durch eine staatliche Ausbildung und Prüfung abzusichern. Zwangsläufig taucht dann aber die Frage nach dem Ausbildungslevel auf. Vor der eigenen Prüfung möchte jeder ihn möglichst niedrig sehen, um ihn danach drastisch anzuheben. Wenn der Staat hier einen Rahmen schafft, wo soll er dann liegen ? Bei 100% des ärztlichen Staatsexamens ? Dann gibt es keine Heilpraktiker mehr. Bei 70% oder 55% ? Das muß dann aber zwingend ebenfalls eine Beschneidung des Freiraumes auf den gleichen Level zur Folge haben. Das ist nicht das, was ich möchte ! In diesem Zusammenhang bleibt mir auch der Eifer einiger Funktionäre unverständlich, die das inzwischen gescheiterte Europa-Papier so euphorisch forciert haben. Dieses Papier sah vor, Homöopathie, Anthroposophie, traditionelle chinesische Medizin und Naturopathie, was immer das sein mag, dem Arzt oder Diplommediziner vorzubehalten. 

Andere, die sich nicht als autonome Praktiker sehen dürfen, die die gesamtmedizinische Betreuung und Diagnostik dem Arzt überlassen und ihre Kompetenzen entsprechend beschränken, dürfen dann Reflexzonentherapie, Aromatherapie, orientalische Massagen und Iridologie betreiben. 

Ob das der Heilpraktiker ist, den wir meinen ? 

Wie stelle ich mir den Heilpraktiker vor ? Souverän, autonom, mit Selbstbewußtsein aus Sachkenntnis und Wissen, auch mit Selbstbeschränkung in Kenntnis der eigenen Grenzen, fähig und bereit zur Kooperation mit Ärzten und Kliniken. 

Und wie stelle ich mir den Patienten vor ? Selbstbewußt, eigenverantwortlich, unabhängig, gesundheitsbewußt, den Heilpraktiker und Arzt  nach eigener Wahl als Partner und Helfer seiner Eigenverantwortung sehend.