Der Weg durch die Hecke

von Hans-Heinrich Jörgensen

Einer meiner liebsten Spielplätze als ganz kleiner Junge war ein verwilderter Park, zwei Straßenzüge weiter. Vormals stand dort ein Hotel, das schon vor langem abgebrannt war. Dicht gewachsene Hecken zeugten von einer einstmals gepflegten Anlage.

Und gerade war in mein kindliches Bewußtsein gedrungen, daß es außer der vertrauten Heimat auch fremde, ferne Länder gab, weit, weit jenseits des großen Meeres, mit wilden Tieren und ebensolchen Menschen. Wer dort hinfuhr, kam entweder nie wieder, oder nach vielen Jahren als alter, reicher Onkel.

Aber ich war fest davon überzeugt, daß es einen Geheimgang dorthin geben müßte. Wenn ich nur das richtige Loch in einer der wuchernden Hecken finden würde. Schließlich gabs sowas auch im Märchen. Welch ungeheure Möglichkeit: Mal eben durch das Loch in der Hecke nach Amerika schlüpfen, und zum Abendbrot pünktlich wieder zurück. Ich würde es den Großen schon zeigen.

Zeitsprung nach heute.

Wenn ich mich durch die 39 medizinischen, alternativen und naturheilkundlichen Zeitungen hindurchlese, die ich von Berufs wegen zur Kenntnis nehmen muß, dann werde ich manchmal das Gefühl nicht los, daß der Traum von der Abkürzung durch die Hecke nach Amerika nicht nur ein Kindertraum war, sondern auch in den Köpfen der Großen zuhause ist.

Immer wieder werden diagnostische oder therapeutische Verfahren euphorisch angepriesen, die ohne Skrupel oder Selbstzweifel mit einfachsten Mitteln alle in der offiziellen Medizin bislang offen gebliebenen Fragen mit einem Schlag beantworten. Es muß nur das richtige Verfahren sein, dann gibt der geheimnisvolle Test alles über den gestörten Organismus preis - und natürlich auch gleich den richtigen Heilweg. Was die "Großen" in Monaten mit EKG, Röntgen, Labor und Computertomogramm nicht fanden - der Weg durch die Hecke schafft's.

Wohlgemerkt: Nichts gegen das suchende Forschen nach neuen Möglichkeiten. Eine Menge aber gegen die selbstherrliche, unkritische Monomanie, mit einer Methode alles erkennen und alles therapieren zu wollen. Und eine offene Kampfansage an jene, die versuchen, mit solchen dubiosen Methoden den Hoffenden, den Leidenden, den Enttäuschten das Geld unangemessen aus der Tasche zu ziehen. Die allzu Geschäftstüchtigen werden nicht ehrenwerter, nur weil sie sich unter die Fittiche der Naturheilkunde begeben.

Diagnostik ist ein schwieriges Geschäft, und Therapie noch mehr. Jedes Mosaiksteinchen ist willkommen, das geeignet ist, das Bild abzurunden. Wer aber meint, allein den Stein der Weisen, den Weg durch die Hecke zu besitzen, der ist ein Narr oder ein Scharlatan.