"Dr.Schüßlers Biochemie und die moderne Medizin"


(Festvortrag zum 110jährigen Bestehen des  Biochemischen Gesundheitsvereins Oldenburg e.V.)

von Hans-Heinrich Jörgensen

Leichtfertigerweise habe ich das Motto der heutigen Feier "Dr.Schüßlers Biochemie in der modernen Medizin" und das spezielle Thema meines Vortrages "Dr.Schüßlers Biochemie und die moderne Medizin" selbst ausgesucht und vorgeschlagen - und im Nachhinein Angst vor der eigenen Courage bekommen. Mein alter Deutschlehrer hat uns vor 50 Jahren - ich hab's bis heute nicht vergessen - stets eingehämmert, streng das Thema zu beachten. Und eingedenk dieser Mahnung wird mir der feine, aber bedeutsame Unterschied so richtig bewußt. 

110 Jahre lang hat sich die Schüßlersche Biochemie als Außenseitermethode verstanden, ausgegrenzt, verlacht, ignoriert, von der Medizin nicht anerkannt. Die 110 Jahre waren geprägt von Konfrontation, von Nebeneinanderherleben, es waren zwei Welten, die wenig Gemeinsames fanden: Schüßlers Biochemie auf der einen Seite, und die moderne Medizin auf der anderen Seite. 

Daß die Idee, mit einer guten Handvoll von Mineralsalzen die Medizin revolutionieren zu wollen, ausgerechnet von einem als Außenseiter geltenden Homöopathen kam, und daß dann auch noch ein Laienverein, mit Eisenbahnern, Sattlern, Buchdruckern, sich vehement dieser von den Ärzten ignorierten Idee annahmen, hat sicher nicht gerade zum gegenseitigen Verständnis beigetragen. Und daß der Oldenburger Knurrhahn Wilhelm Heinrich Schüßler in der Diskussion eine scharfe Klinge führte, und selbst wohlgesonnene Kritik mit beißender Ironie und verletzendem Sarkasmus zu beantworten pflegt, hat ihm die mitstreitenden Kollegen auch nicht gerade in Scharen zugetrieben. 

Der Enthusiasmus, mit dem die Laien im ersten Biochemischen Verein der Schüßler-Idee huldigten, und das Unverständnis der Ärzte für die naturwissenschaftlichen Grundlagen dieser Idee führte zu dieser Konfrontation, in der die Laien die Ärzte als Ignoranten beschimpften, und die Ärzte die Laien als Kurpfuscher und Scharlatane. 

An diesem Wochenende haben wir hingegen versucht, das Miteinander zu finden, den Standort der Schüßlerschen Biochemie im Chor der Gesamtmedizin zu orten, der Integration den Vorrang zu geben, wir sehen die Biochemie nicht mehr außerhalb, wir sehen sie in der modernen Medizin - was immer das auch sein mag. 

Und hier liegt die eigentliche Schwierigkeit des Themas: Was ist denn das, die moderne Medizin ? Zu Schüßlers Zeiten sicher etwas ganz anderes als heute. Und lassen Sie mich mit der damals modernen Medizin des vergangenen Jahrhunderts beginnen, die jene hier in Oldenburg geborene Lehre des homöopathischen Arztes Wilhelm Heinrich Schüßler zu unserem Leidwesen nicht begreifen konnte und wollte. 

Alles, was wir heute als charakteristisch für moderne, zeitgemäße, fortschrittliche Medizin ansehen, gab es damals noch nicht. Lokalanästhetika wurden 20 Jahre nach Schüßlers Büchlein "Eine abgekürzte Therapie" entdeckt. Bis dahin mußte man beim Zahnziehen die Zähne zusammenbeißen - sinnbildlich. Die Chirurgie, der die Medizin heute einen großen Teil ihrer Achtung verdankt, wurde von Badern und Friseuren ausgeübt. Der erste Lehrstuhl für Chirurgie an der Münchener Universität wurde 4 Jahre nach Schüßlers Tod eingerichtet. Die durchschnittliche Lebenserwartung betrug 40 Jahre, heute fast 80 Jahre. Die Menschen starben an Tuberkulose, an Diphtherie und an der Cholera, mit 16 am vereiterten Backenzahn und mit 18 am Kindbettfieber. Es gab keine wirksame Infektionsbekämpfung, keine Sulfonamide, kein Penicillin, statt dessen "purgierte" (reinigte) man die Menschen mittels Aderlaß und Abführmittel bis zur Bettlägrigkeit und nicht selten auch zu Tode.  
Von der wundersamen Wirkung des Opiums war man fasziniert und hielt sie für heilsam. Und bis heute bleibt offen, ob denn die Menschen an den Spätfolgen der Syphilis oder des draufgeschmierten Quecksilbers schlimmer litten. 

Religion, Philosophie, Mythen und Mystik beherrschten die Denkmodelle und Theorien der damaligen Medizin. Robert Koch ging noch zur Schule, als Schüßler schon als Arzt praktizierte. Rudolf Virchow, im gleichen Jahr geboren wie Schüßler, versuchte neues Gedankengut in die Medizin einzuführen. Er schuf den Begriff "Zellularpathologie" und wollte damit das Augenmerk auf die Lebensvorgänge - und ihre Störungen - innerhalb jeder einzelnen kleinen Zelle des Körpers hinlenken. Wie schwer ein solches Umdenken anzuschieben ist, wird erkennbar aus der Tatsache, daß Virchow sich schließlich der Politik zuwandte und die Deutsche Fortschrittspartei mitgründete. 

Die Alchimie hatte sich zur Chemie gemausert, und auf diese griff man in der damaligen modernen Medizin begierig zu. Meist zu begierig - und daran hat sich bis heute nicht viel geändert. So wie das lernende Kind nur das glaubt, was es sieht und anfassen kann, so bewegte sich der Versuch, chemisch synthetische Arzneien zu nutzen, in einem Dosisbereich, der massiv grobschlächtig und meist viel zu hoch und giftig war - eben in Größenordnungen, die man sehen und anfassen konnte. Analytische Methoden wie heute, die bis zur 18 Stelle hinter dem Komma noch was finden, kannte man nicht. 

Es gab aber auch einen Gegenpol zu dieser die Menschen ängstigenden Massivmedizin: die Homöopathie. Der Dresdner Arzt Samuel Hahnemann hatte gelehrt, daß man Krankheitsbilder mit ganz kleinen Mengen eben jenes Mittels heilen kann, das in hoher Konzentration gerade diese Erscheinungen hervorruft. Das Mittel muß zuvor "potenziert" werden. Die Ursubstanz wird - meist 1:10 - mit Milchzucker oder Alkohol verrieben oder verschüttelt, und dadurch - so die Homöopathie - in ihrem Umkehreffekt nach der Ähnlichkeitsregel verstärkt, trotz der stofflichen Verdünnung. Mit dem Produkt einer solchen Verschüttelung läßt sich der Vorgang beliebig oft wiederholen. Achtzehn mal 1:10 verschüttelt oder verrieben ist die Ursubstanz stofflich zur 18. Stelle hinter dem Komma verdünnt, homöopathisch zur D18 potenziert. Ob Homöopath oder nicht - niemand verlacht heute mehr solche Konzentrationen. In der Urinprobe des Olympioniken reicht diese Menge zur Sperre. 

Wilhelm Heinrich Schüßler war Homöopath. Er ist auf dem "zweiten Bildungsweg" Arzt geworden. Über seinen ursprünglichen Schulabschluß und seine ersten Berufsjahre können wir nur spekulieren. Fest steht jedoch, daß er erst relativ spät, mit 34 Jahren, in dieser ungewöhnlichen Reihenfolge zum Doktor der Medizin promovierte, das medizinische Staatsexamen machte und schließlich zur Erlangung der ärztlichen Approbation sein Abitur nachholen mußte. Und wie bei fast allen Menschen, die nicht auf gerader Schiene in eine sichere Berufslaufbahn gerollt sind, sondern sich auf Umwegen ihr Ziel erschwitzt und erkämpft haben, gewinnt die Berufung mehr Gewicht als der Beruf. Der Seiteneinsteiger tendiert immer mehr dazu, Althergebrachtes und Überliefertes, selbstverständlich Hingenommenes zu hinterfragen und in Zweifel zu ziehen, und vielleicht auch anders zu machen. 

Schüßler war begeisterter Homöopath. Fünfzehn Jahre hat er außerordentlich erfolgreich als homöopathischer Arzt in Oldenburg gewirkt, sein beträchtliches an die Stadt Oldenburg vererbtes Vermögen belegt das. In zahlreichen Aufsätzen und Leserbriefen in homöopathischen Fachzeitungen hat er zur Entwicklung und Verbesserung der Homöopathie beigetragen. Aber auch allen anderen Gebieten der Medizin galt sein oft streitbares Interesse. Virchow, Liebig, Moleschott, Bunge - Zeitgenossen, die andere Wege gingen, die forschten, suchten, nachdachten, wichtiger: vordachten, die analytisch, naturwissenschaftlich, rational vorgingen, die Ursachenforschung betrieben, das war seine Lektüre, das war sein Metier. Und durch sie fühlte er sich getrieben und bestärkt, sich von einer symptombezogenen Homöopathie immer mehr einer ursachenbezogenen Biochemie zuzuwenden. 

Er wollte wissen: was geht in der Zelle, in ihrem Stoffwechsel vor, welche Stoffe finden sich in der Zelle, welche braucht sie, was tun sie dort, was passiert, wenn sie fehlen ? Schwerpunkt seines Suchens und Forschens waren die Grundelemente der anorganischen Chemie. Daß die Elemente der organischen Chemie, Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff und Stickstoff Träger des Lebens sind, war allgemein bekannt, daß aber auch die anorganischen Elemente, Steine, Erden und Metalle, also Mineralien, ganz wesentlich in die Funktionen des Stoffwechsels eingreifen, und daß ihr Fehlen zu erheblichen Störungen führt, das war neu und erforschenswert. 

Durch Literaturrecherche und eigene Experimente stellte Schüßler  schließlich eine Reihe von 12 Mineralsalzen auf, die er überall im menschlichen Gewebe fand, die er für unentbehrlich hielt, deren Fehlen zu Krankheiten führte, und die er "Funktionsmittel" nannte. Es ist faszinierend, wie präzise Schüßler beobachtet hat, und wie klug er schlußfolgerte. Für den Kenner der heutigen Medizin muten seine Beschreibungen manchmal schon fast hellseherisch an. Die Reihe seiner Salze entspricht ziemlich genau dem, was die heutige moderne Medizin als "essentielle" Mineralien bezeichnet. Essentiell bedeutet, der Körper kann den Stoff nicht selbst erzeugen, er muß ihn von außen zugeführt bekommen, und kein anderer Stoff kann dessen Funktionen ersetzen. 

Mit der Zufuhr der fehlenden Stoffe wollte Schüßler die durch den Mangel gestörten Funktionen wieder normalisieren. Nichts anderes, als schon Justus von Liebig in der Agrarökonomie gelehrt hatte. Und siehe da, es funktionierte. Fortan therapierte der klassische Homöopath nur noch mit der kleinen Zahl seiner ausgewählten Mineralsalze - und das nicht minder erfolgreich. Aber zugleich saß er nun zwischen zwei Stühlen. Seine homöopathischen Ärztekollegen mochten ihm nicht so ohne weiteres folgen, zu einfach schien sein Konzept, auch wandte er nicht die Ähnlichkeitsregel an, sondern setzte auf die stoffliche Ergänzung nach den Regeln der physiologischen Chemie. Und die offizielle Medizin seiner Tage nahm ohnehin nicht ernst, was aus dem homöopathischen Lager kam. Auch hat sie nicht erkannt, daß Schüßlers Lehre viel moderner, viel fortschrittlicher war, als ihre eigene. 

Wenn denn 1874 ein Vergleich der Schüßlerschen Biochemie mit der damaligen offiziellen Medizin angestellt werden soll, dann war es Schüßler, der eine moderne, fortschrittliche Medizin betrieb. Die andere, die klassische, die Schulmedizin hinkte weit hinterher. 

Aber zwischen zwei Stühlen sitzt die Biochemie bis heute. Sie hat sich nie klar orientieren können, ob sie denn Teil der Homöopathie sein will, oder klinisches Supplement. Schüßler nutzte seine Erfahrungen des homöopathischen Herstellungsprozesses, um seine biochemischen Salze zu verreiben, aufzuschließen, der Lösung und Resorption näher zu bringen, sie schneller und besser bioverfügbar zu machen. Auch damit hat er einen gewichtigen Begrif der heutigen Pharmakologie vorweggenommen, die Bioverfügbarkeit. Was nützt denn eine Arznei, die zwar geschluckt wird, nicht aber an den Ort ihrer Wirkung gelangt ? 

Als homöopathische Therapie hat Schüßler seine Biochemie nicht verstanden. Es sei daran erinnert, daß der vollständige Titel seines ersten Büchleins hieß: "Eine abgekürzte Therapie - gegründet auf Histologie und Cellular-Pathologie". Und er hat immer wieder unmißverständlich auf den Unterschied zwischen der homöopathischen Ähnlichkeitsregel und seiner Ergänzungstheorie hingewiesen. Heutige Biochemiker hingegen verstehen ihre Therapie vielfach als Kind der Homöopathie, als Steuerelement, nicht als stoffliche Auffüllung. Schüßlers Herkunft und die Herkunft ihrer Arzneien aus klassisch homöopathischen Apotheken und Herstellungsbetrieben hat das so geprägt. 

Das wäre auch nicht weiter schlimm, wenn sich in unserem biochemischen Schrifttum eine klare gedankliche Trennung der stofflichen und der homöopathischen Anwendungsgebiete widerspiegeln würde. Daß beides in unserer Literatur kunterbunt durcheinandergewürfelt wurde, trägt bis heute dazu bei, daß sowohl die klassichen Homöopathen wie auch die Schulmediziner oft Verständnisprobleme haben - und daß wir immer noch zwischen den zwei Stühlen sitzen. 

Wir haben gestern ausführlich erfahren, wie sehr die uns liebgewordenen Medikamente in Gefahr geraten sind, einem Verbot anheimzufallen, weil es nicht gelungen ist, einer unverständigen Bürokratie deutlich zu machen, daß Wirksamkeit nicht allein an instrumentalen Zeigern und Skalen abzulesen ist, sondern auch am Wohlbefinden des Patienten. Das Gesetz, auf das diese Bürokratie sich beruft, unterscheidet zwingend zwischen homöopathischer und allopathischer Medizin und ihren Zulassungsspielregeln. Ein Zwitter ist von vornherein durchgefallen. Und darum reklamiere ich erneut eine kritische Sichtung unserer Literatur und Lehre, eine klare Trennung unserer Anwendungsgebiete in homöopathisches und allopathisches Gedankengut - und sicher wird es auch nicht schaden, wenn wir im Zuge dieser Sichtung die eine oder andere Indikation ganz fallen lassen. Sonst werden wir fallen gelassen. 

Und damit wären wir auch schon bei der modernen Medizin von heute, die wir mit einer seltsamen Mischung aus Ehrfurcht und Furcht betrachten. Kein Zweifel: Niemand möchte heute auf die Segnungen der modernen Medizin verzichten. Das Wissen um eine funktionierende Intensivstation, die Gewißheit, nicht jeder banalen Infektion zum Opfer zu fallen, das Vertrauen in den erfahrenen Operateur - wer möchte das missen ? Und doch beschleicht uns immer wieder ein Gefühl der Hilflosigkeit, des Ausgeliefertseins, wir fühlen uns der Persönlichkeit beraubt, zum Fall degradiert. Wir fürchten aber auch den Übereifer einer alles umarmenden Medizin, die um des sicht- und meßbaren Effektes willen  weit übers Ziel hinausschießt und uns vielleicht gar kranker entläßt, als wir uns ihr anvertraut haben. 

Unzweifelhaft: Die Medizin hat im Zusammenspiel mit Physikern, Chemikern, Biologen, Technikern, Mathematikern Forschungsfortschritte erzielt, die uns Bewunderung abverlangen. Oft allerdings auch ein Schaudern. Das böse Wort von den "nützlichen Idioten" stammt nicht von uns. Es macht aber deutlich, daß ein Blick, allein auf die Ausweitung des Wissenshorizontes gerichtet, ethischen Fragen oft nicht mehr zugänglich ist. Muß denn - und diese Frage stellt sich auch in der Medin - alles Machbare auch gemacht werden ? 

Der amerikanische Biochemiker Erwin Chargaff, der mit seiner Erforschung der Nucleinsäuren mit die Grundlagen für die heutige Gen-Technologie gelegt hat, stieg aus der Forschung aus und begründete das: "Zwei verhängnisvolle wissenschaftliche Entdeckungen haben mein Leben gekennzeichnet: erstens die Spaltung des Atoms, zweitens die Aufklärung der Chemie der Vererbung. In beiden Fällen geht es um die Mißhandlung eines Kerns, des Atomkerns, des Zellkerns. In beiden Fällen habe ich das Gefühl, daß die Wissenschaft eine Schranke überschritten hat, die sie hätte scheuen sollen." 

Naturheilkundler tragen immer so ein bißchen das Image der Fortschrittsfeindlichkeit, des verstaubten, ewig gestrigen mit sich herum. Ich jedenfalls nehme für mich in Anspruch, sehr zukunftsorientiert und jeder Neuerung gegenüber aufgeschlossen zu sein. Aber so, wie ich kritisch mit dem Finger auf Mißstände in den eigenen Reihen zeige, so nehme ich auch für mich in Anspruch, die Schulmedizin, oder das was unter ihrer Flagge segelt, aufzuspießen, wenn sie denn als Fortschritt verkauft, was der Ethik oder der Logik entbehrt. 

Die Suche der Menschen nach einer sanften Medizin, nach Homöopathie und milden Pflanzen, nach Natur und richtiger Diätetik rührt ja nicht aus Ignoranz und Aberglauben. Sie wird genährt und getrieben von Entwicklungen innerhalb der Medizin, die nicht nur den unkundigen Patienten schrecken, sondern die auch immer mehr Ärzte aller Generationen veranlassen, sich anderen als "schulmedizinischen" Therapien zuzuwenden. Die Naturheilkunde und was alles unter diesem Begriff subsummiert werden kann, hat in den Praxen der Ärzte vor Ort längst ein ungleich größeres Gewicht erlangt, als die Lehre an den Universitäten, das Schrifttum der Verbände, die Erstattungspraxis der gesetzlichen Kassen und das Zulassungswesen der Arzneibürokratie ahnen läßt. 

Wenn wir mit "modern" denn "fortschrittlich" meinen, dann zeichnet sich hier ein ganz klarer Weg ab, auf dem fortzuschreiten es gilt, weil die Menschen es so wollen. Und hier haben die vier eben genannten "Säulen" der modernen Medizin, Lehre, Verbände, Kassen und Bürokratie, die sich als Gralshüter der Medizinmoral verstehen, einen beträchtlichen Lernbedarf nachzuholen. 

Wenn wir in der Naturheilkunde von "ganzheitlicher" Medizin sprechen, und wenn wir darauf bestehen, daß das Ganze mehr ist, als die Summe der Teile, dann bedeutet das nicht Forschungs- und Fortschrittsfeindlichkeit. Dann richtet sich das nicht gegen analytisch, rational, naturwissenschaftliches Denken und Suchen. Wie könnten zumindest die Schüßler-Anhänger dagegen sein, war doch Schüßler der Prototyp des analysierenden, suchenden, ins Detail bohrenden Forschers, der selbst die Zelle, die als kleinstes Teil galt, noch in ihre Funktionen zerlegte. Wenn wir "Ganzheitlichkeit" reklamieren, dann wollen wir, daß das Ergebnis solcher subtilen Forschung nicht isoliert, mit Röhrenblick, entmenschlicht, zur Zielscheibe des ärztlichen Handelns wird, sondern richtig gewichtet in das Gesamtbild des Kranken eingebaut wird. 

Nicht die Quecksilbersäule des Blutdruckmeßgerätes ist behandlungsbedürftig, sondern der Mensch, dem wir die Manschette um den Arm gelegt haben. Nicht der Computerausdruck des Laborautomaten ist krank, sondern der Mensch, mit dessen Blut wir den Automaten gefüttert haben. Nicht der Bypass liegt unter dem Messer, sondern der Handelsvertreter, der unter dem Erfolgsdruck zu ersticken drohte. Alle erforschten Erkenntnisse der modernen Medizin und alle detaillierten Parameter unserer Meßgeräte sind nur Mosaiksteinchen, die sich zum Bild des leidenden Menschen formen. Dieser will behandelt sein, unter Einbeziehung auch jener Sorgen, Veränderungen, Abweichungen, die außerhalb des jeweiligen Fachgebietes liegen.  
 

Ich würde nicht wagen, die moderne Medizin zu kritisieren, würde ich sie nicht lieben. Daß ich sie oft und heftig kritisiere, zeigt, wie sehr ich sie liebe. Drei Kritikpunkte, die vor allem den Insidern Sorge bereiten, seien hier angesprochen. 

Das eine ist die zunehmende Kommerzialisierung der Medizin und ihrer Informationskanäle. Forschung, Lehre und Publikation geraten immer mehr in den Klammergriff einer hungrigen Industrie. Universitätsinstitute verkaufen ihre Unabhängigkeit, indem sie ihren Etat durch zweckgebundene Auftragsforschung für pharmazeutische Unternehmen aufbessern. Und: "Des Brot ich ess, des Lied ich sing." Wenn sie denn das, was dabei ausgebrütet wurde, ihren Studenten beibringen und es wissenschaftlich publizieren, dann prägt das eine "Lehrmeinung", die "wissenschaftlich allgemein anerkannt" zum Inbegriff moderner Medizin wird, zur sogenannten Schulmedizin, in Wirklichkeit jedoch nur der Ausfluß sehr subjektiver monetisierter Lohnarbeit ist. 

Man findet kaum noch einen Aufsatz in medizinischen Fachzeitschriften, der nicht zum Ende hin das Ergebnis seiner Ausführungen in die Empfehlung eines bestimmten Produktes münden läßt. Da nehme ich auch unsere naturheilkundlich orientierten Zeitungen nicht aus. Wenn ich den Namen des Autors gelesen habe, dann weiß ich schon, wofür er wirbt. 

Und der zweite Kritikpunkt: Was draußen den Praxen landauf, landab als das Nonplusultra fortschrittlicher Medizin angepriesen wird, zielt zunehmend darauf, Symptome zu verschleiern, nicht aber Krankheitsursachen zu beseitigen. Beispiel: Wenn das Herz nur noch so schwächlich pumpt, daß sich das Wasser in den dicken Beinen staut, dann bedarf das Herz der Kräftigung, nicht nur der entwässernden Entlastung durch Öffnen des Wasserhahnes an der Niere. Und wenn der Blutdruck steigt, um die verkleisterten Adern immer noch hinreichend zu durchfluten, dann ist es zu kurz gedacht, die zentrale Pumpe mittels Betablockern zu bremsen, wenn ich nicht zugleich die Wege freiputze. Es ist auch keine ursächliche Therapie, wenn ich den in seiner Seele gepeinigten Patienten unter die Käseglocke eines Tranquilizers sperre, was ihn erst recht daran hindert, sein soziales Umfeld zu bereinigen - oder zu verlassen. 

Es wäre vermessen, zu sagen, all diese Dinge könne man mit der Schüßlerschen Biochemie einfach und sicher in den Griff bekommen. Aber im großen Strauß der wirksamen Möglichkeiten ist dessen Idee eine gewichtige: zunächst einmal nach gestörten Stoffwechselfunktionen und Steuerelementen zu fahnden, nach Ursachen zu suchen, und wenn es denn geht, sie zu korrigieren. 

Und zum Dritten: eine entartete Normwert-Philosophie stempelt Millionen kerngesunder Menschen zu kontroll- und behandlungsbedürftigen Patienten. Wir schüren zielstrebig Angst. Angst vor zu viel Cholesterin, zu hohem Blutdruck, Harnsäure in den Gelenken, Radikale nicht nur in Kreuzberg, sondern in unserem Immunsystem. Wir verlagern unsere individuelle Verantwortung auf den Laborbericht. Hat der Computer hinter irgendeinem Wert sein Pluszeichen ausgedruckt, haben wir guten Grund zu therapeutischen Interventionen. Und Therapie bringt Umsatz. Läßt der Umsatz zu wünschen übrig, dann haben wir auch keine Hemmungen, die Normwerte zu verschieben. Setzen wir - natürlich mit dem Segen der bereits kritisierten Wissenschaftlichkeit - die Obergrenze des erlaubten Cholesterins um 25 mg% ab, dann entstehen aus dem Nichts zwei Millionen Patienten. Grenzsteinversetzern hat man früher die Hände abgehackt. 

Das wichtigste Instrument, das wir in der Praxis haben, ist nicht das Photo-, pH-, Tono- oder sonstige -meter. Es ist der Patient mit seinem ganz subjektiven Wohlbefinden oder Leidensdruck. Und wir sollten nicht unnötigerweise ein Krankheitsgefühl züchten, das schließlich vom Krankheistbewußtsein her auch krank macht, und schlimmstenfalls gar durch eine überzogene Therapie, deren Nebenwirkungen oft zur Ursache neuer, schlimmerer Krankheiten werden. Ein Großteil der heute zu behandelnden Krankheiten sind nicht vom Himmel gefallenes Schicksal, sondern "iatrogene" Krankheiten, vom Arzt erzeugte. Oft besteht die wirksame Therapie nicht im Verordnen neuer Medikamente, sondern im Absetzen der alten. Je älter ich als Heilpraktiker werde, desto mehr nehme ich mir die Freiheit, den Patienten Therapien aus- und nicht einzureden. Oft natürlich auch nur, den therapeutischen Anspruch und Aufwand herunterzufahren. 

Ein ausgewogenes Verhältnis zwischen den Risiken eines Medikamentes und seinem Nutzen, das ist das, was der Patient verlangt. Das ist übrigens auch das, was das Gesetz bei der Zulassung der Arzneien verlangt, was aber vom Berliner BfArM auf seltsame Weise interpretiert wird. Wenn nur der Wirkmechanismus am Erfolgsorgan präzise und punktuell nachgewiesen ist, dann darf die Logik und Moral dieser Zielrichtung auf noch so tönernen Füßen stehen, man nimmt für eine Zeile "Anwendungsgebiete" zwei Seiten "Nebenwirkungen" und "Kontraindikationen" in Kauf. Sie kennen alle diese Beipackzettel, die oft Anlaß sind, das teure Medikament dem Müllschlucker anzuvertrauen. 

Fehlt aber dieser experimentelle Wirknachweis am isolierten Kaninchenherzen oder der pseudowissenschaftliche Beweis des Doppelt-Blindversuches, dann wiegen hundert Jahre nebenwirkungsfreie Anwendung das nicht auf. Man ist nicht bereit, für die Schadensfreiheit eine schwächere Wirkung, oder auch nur einen schwächeren Beleg für die Wirkung hinzunehmen. Wer im Innersten seines Herzens Naturheilkunde mit Schamanentum und Scharlatanerie gleichsetzt, ist zu solcher Bewertung offenbar auch nicht imstande. 

Und damit wären wir wieder bei der Biochemie, der Schüßlerschen wie auch jener, die in Universitätslabors betrieben wird. Die Schulmedizin ist ja nicht im vergangenen Jahrhundert stehengeblieben. Sie hat sich des Themas Mineralstoffe längst bemächtigt. Wenn ihr auch der Name Schüßler aus dem Gedächtnis gekommen ist, sie befaßt sich intensiv forschend und anwendend mit Mineralstoffen. Und etliche der ursprünglich verlachten, von Schüßler beschriebenen Anwendungsgebiete finden längst ihre Bestätigung durch naturwissenschaftliche Forschungsergebnisse. Wir sollten sie nutzen und in unsere Lehre und Literatur einbauen. Das, was wir in den Datenbanken und Veröffentlichungen der Institute finden, richtet sich nicht gegen die Biochemie, es bestätigt sie. 

1991 erhielten die deutschen Forscher des Max-Planck-Institutes Erwin Neher aus Göttingen und Bert Sakmann aus Heidelberg den Nobel-Preis der Medizin, weil sie mit Mikroelektroden das Ein- und Auswandern von Natrium und Kalium durch die Zellmembran sicht- und meßbar gemacht haben. Über diese Vorgänge weiß man heute viel. Es im einzelnen zu belegen und zu brauchbaren Dokumentationen zusammenzufassen, ist nicht so sehr ein wissenschaftliches Problem, sondern mehr ein finanzielles. Für eine allgemeinzugängliche und von jedermann zu nutzende Substanz, wie Magnesium, im Reigen der Schüßlerschen Biochemie die "heiße Sieben", ist niemand bereit oder imstande, den immensen Aufwand zu betreiben, wie er denn für einen patentgeschützten Calcium-Antagonisten, z.B. Nifedipin, obligatorisch ist. Schließlich erlaubt der Patentschutz 18 Jahre lang, alleine dran zu verdienen. Die Forschung zu Magnesium hingegen kann jeder nutzen. Vielleicht ist ja der Biochemische Bund Deutschlands eines Tages stark und potent genug, solches in Angriff zu nehmen. Erfahrene Biochemiker wissen schon heute, daß die "heiße Sieben" so ziemlich das gleiche bewirkt, wie das oben genannte Syntheseprodukt. Nur kann der Beipackzettel viel kleiner ausfallen, weil das ganze Kapitel "Nebenwirkungen" fehlt. 

Und noch etwas trübt das Bild einer modernen, omnipotenten Medizin: sie wird unbezahlbar. Die Frage nach der Kosten-Nutzen-Analyse zu stellen gilt in diesem Zusammenhang als unsozial. Aber da Ärzte nicht weniger gern Geld verdienen als Juristen, da Pharmaproduzenten nicht von vornherein wohltätiger sind als Autofabrikanten, da das Prestige-Denken großer Kliniken zu kostentreibenden Investitionen animiert, wird die Frage nach der Bezahlbarkeit immer drängender. Wie auch immer die wahren Kosten geschamig verschleiert werden, ob durch Verlagerung in den Steuerhaushalt, ob durch das scheinheilige Arbeitnehmer-Arbeitgeberanteil-splitting, ob durch Selbstbeteiligungsmodelle verschiedenster Art - bezahlen muß der Gesunde wie der Kranke. Alle füllen sie den Topf der Solidargemeinschaft, der zum Faß ohne Boden verkommen ist. Es rechnet sich nicht - zumindest nicht finanziell - vorbeugend die Gesundheit zu pflegen, ehe die Krankheit das Geld verschlingt. 

Und weil die Krankheit immer teurer wird, klammert man immer mehr Medizin, die man für geringwertig erachtet, aus der allgemeinen Erstattung aus. Jene Krankenkasse, die sich gern Gesundheitskasse nennt, mag nicht mehr die Mittel bezahlen, die der Gesundheitspflege dienen, lieber trägt sie den Aufwand der Krankheitsreparatur. Paradox aber wahr. 

Das Paradoxon wird aber zur Perversion, wenn eine Behörde, die für Arzneimittelsicherheit zuständig ist, sich diesen Gedanken zu eigen macht, und die gesetzlichen Krankenkassen zu entlasten trachtet, indem sie unter dem Vorwand, der Sicherheit zu dienen und den Verbraucher zu schützen, eben jene Medikamente verbietet, die sie - sehr subjektiv - nicht für wirksam genug hält. Und in dieser Gefahr schweben derzeit unsere Biochemischen Quellsalzpastillen und mit ihnen ein großer Bereich der Naturheilkunde. Damit ich nicht falsch verstanden werde: eine Arznei, die wenig Nutzen, aber große Gefahren in sich birgt, soll getrost verschwinden. Für Medikamente, die erwiesenermaßen keinen Schaden anrichten, darf die Entscheidung über den Nutzen jedoch getrost dem Verbraucher überlassen bleiben. Er braucht keine Bevormundung aus dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, das sich BfArM abkürzt, was nichts mit Erleuchtung zu tun hat. 

Es gibt Resolutionen, Schweigemärsche, Protestaktionen, Briefkampagnen zum Erhalt der Naturheilkunde. Immer wieder werden die Politiker angegangen - obwohl das die falsche Adresse ist. Die Politiker, die dieses Arzneimittelgesetz gemacht und fünfmal nachgebessert haben, haben immer wieder deutlich gemacht, daß die Naturheilkunde in ihrer Vielfalt erhalten bleiben soll. Die ausführende Behörde, das BfArM, vormals Bundesgesundheitsamt, stellt sich taub. Selbst der zuständige Minister beißt sich an seiner nachgeordneten Behörde die Zähne aus. Die beamteten Mediziner und Pharmakologen des Amtes berufen sich auf ihre wissenschaftliche Unabhängigkeit, machen allenfalls zähklebrig kleine Alibi-Zugeständnisse, treiben ihre Marktbereinigungsstrategie aber unbeeindruckt vom Willen der Bürger und des Gesetzgebers munter fort. 

Offenbar ist das Bundesgesundheitsministerium allzulange zur Spielkiste für wahlkampfverdiente Politiker, die mit einem guten Job belohnt werden mußten, mißbraucht worden. Wie sonst kann eine subalterne Behörde sich so hartleibig über alle Zielvorgaben hinwegsetzen ? 

Und wenn es denn einem sonst so resoluten Minister, wie Herrn Seehofer, nicht gelingt, diese obstinate Behörde in ihre Schranken zu weisen und ihr den erklärten Willen des Gesetzgebers nach dem Erhalt der Naturheilkunde und Medizinvielfalt nahe zu bringen, dann muß die Entscheidung über die Marktfähigkeit der die Gesundheit pflegenden und erhaltenden Mittel eben dieser Behörde entzogen werden. 

Die von Dr.Schüßler in die Medizin eingeführten Mineralsalze sind lebensnotwendige Substanzen. Sie sind Lebens-Mittel, und doch passen sie nicht in unser Lebensmittelrecht. Zwischen Lebensmittel und Arzneimittel klafft eine Lücke, in die unsere Biochemischen Salze gut hineinpassen würden. Wir wollen die Freiheit behalten, das, was unserer zivilisationsveredelten Kost zuvor der Schönheit willen entzogen wurde, jederzeit kaufen und ergänzend schlucken zu können. Wenn's sein muß, auch auf eigene Rechnung. 

Ich weiß, daß manch Hersteller solcher Produkte und manch Verordner von dieser Idee nicht sehr angetan ist. Sie fürchten, ihre Medikamente zur "Arznei zweiter Klasse" zu degradieren. Warum eigentlich soll das, was traditionell angewandt wird und der Gesundheitspflege dient, zweitklassig sein ? Es bleibt doch jedem Hersteller überlassen, wenn er's kann, mit einer aufwendigen Dokumentation den hohen Ansprüchen und der Wirksamkeitsphilosophie des BfArM Genüge zu tun und die Zulassung als kassenfähiges Arzneimittel zu ergattern. Es bleibt ihm auch überlassen, ob er sein Produkt über die Apotheke oder den Supermarkt vertreiben will. Fällt er mit seiner Dokumentation aber durch, dann heißt die Frage nicht mehr erst- oder zweitklassig, dann wird das Mittel sang- und klanglos beerdigt. Dagegen wehren wir uns. Für solche  beim BfArM in Berlin gering geachtete, von uns aber hoch geschätzte Mittel wollen wir ein Auffangnetz schaffen, auf daß sie nicht ins Bodenlose fallen, sondern uns erhalten bleiben. Das ist das Ziel unserer Resolution, die zu unterstützen unsere Bitte gilt.