Hans-Heinrich Jörgensen 
Organische Mineralien und destilliertes Wasser ?

Seit einiger Zeit geistert die tollkühne Idee durch die Lande, anorganische Mineralien könne der Mensch nicht verwerten, es müßten organische Mineralien sein, und die Schäden der anorganischen Mineralien könne man durch Trinken von destilliertem, durch Umkehrosmose entmineralisiertem oder ähnlich aufbereitetem Wasser wieder beheben. 

Um der Klarheit willen: Organische Mineralien sind ein Widerspruch in sich. Mineralien sind immer anorganisch. Als Chlorate, Phosphate und Sulfate werden die Kationen Natrium, Calcium, Kalium, Magnesium und einige Metalle seit 120 Jahren in der Biochemie wirksam eingesetzt. 

Mineralien behalten ihre "anorganische" Eigenschaft auch dann, wenn sie in Pflanzen oder den menschlichen Körper eingebaut sind. Das tut ihrer lebenswichtigen Wirkung auch keinen Abbruch, denn gerade die damit verbundenen elektrophysikalischen Eigenschaften sind es ja, die an den Nerven- und Muskelzellen das Ruhe- und Aktionspotential steuern, den Wasserhaushalt über die Osmose regeln, die Energiebereitstellung durch die Phosphorylierung ermöglichen. 

Richtig ist jedoch, daß die Mineral-Kationen sich als Anion auch eine organische Säure suchen können, z.B. liegen sie dann als Laktat, Orotat, Gluconat oder ähnlich vor.

Es gibt jedoch bislang keinen ernsthaften Beleg dafür, daß sie in dieser Form besser resorbiert würden. Der Anschein spricht eher dagegen, denn ein solches Molekül ist ungleich größer und die chelatähnliche Einbindung des Kations ist oft so fest, daß es nicht wieder freigegeben wird. Auf jeden Fall aber ist die mineralische Ausbeute einer solchen Arznei infolge des großen Anions deutlich geringer. Calciumhydrogenphosphat mit einem Molekulargewicht von 172 enthält 23% reines Calcium, Calciumlaktat (MG 308) noch 13% und Calciumgluconat (MG 448) nur noch 9% Calcium. Sie müssen sich also entscheiden, ob Sie mit Calcium oder Laktat therapieren wollen.

Die Resorption durch die Darmschleimhaut wird vielmehr von der Versorgungslage gesteuert. Bei einem Mangelangebot steigt die prozentuale Resorptionsrate, bei einem Überangebot sinkt sie bis auf wenige Prozent.

Die Vorstellung, eine solche Verbindung mit einem organischen Anion würde nun besser in die Zelle einwandern oder intrazellulär anders wirken, widerspricht allen physiologischen Erkenntnissen, um die sich die Medizin seit Schüßlers Zeiten bemüht. Wir wissen um Natrium- und Kaliumkanäle, durch die eben nur das Kation allein wandern kann, und um die Bedeutung eben dieser Ionisierung für das Ruhe- und Aktionspotential. Für das sicht- und meßbar machen dieser Vorgänge wurde der Nobelpreis für Medizin 1991 verliehen. 

Alle biochemische Aktivität, die ein Elektrolyt in unserem Stoffwechsel entwickelt, entsteht nur dadurch, daß es von seinem bisherigen Reaktionspartner dissoziert (ionisiert) wurde und nun auf der Suche nach einer neuen Bindung die gewaltigen  lebenspendenden Kräfte entwickelt. Und dabei ist es ihm ziemlich  schnurzpiepegal, mit wem es zuvor verheiratet war.

Die Behauptung, anorganische Mineralien könne der Körper nicht ausscheiden, würde uns alle wie Lot's Weib zur Salzsäule erstarren lassen, träfe sie zu. Aber dafür hatte besagtes Weib jedenfalls keine Nierensteine, denn die Niere ist die natürliche und gut funktionierende Auslasspforte.

Und was nun das - ob durch Destillation oder wie auch immer -entmineralisierte Wasser anbelangt: Ihre Waschmaschine mag weiches Wasser, Ihr Herz hingegen hartes, sprich mineralreiches, und zwar reich an "anorganischen" Verbindungen. Wenn Sie unbedingt wollen, daß Ihre Waschmaschine Sie überlebt, sollten Sie dem Rat folgen, und nur noch destilliertes Wasser verwenden. Ansonsten haben Sie die Möglichkeit, einen beträchtlichen Teil Ihres Calcium- und Magnesiumbedarfs mit dem Trinkwasser zu decken - ganz anorganisch - und damit dem Herzinfarkt vorzubeugen. 

Der Calcium- und Magnesiumgehalt des Wassers bestimmt dessen Härte und wird in ° d ausgedrückt. Ein Härtegrad (1° d) entspricht einem Gehalt von 10 mg CaO oder 7,19 mg MgO pro Liter Wasser. Bei einer Wasserhärte von 12° d, wie sie im Trinkwasser im Mittel vorliegt,  führen Sie sich mit dem Tagesverbrauch an Trink- und Speisenwasser etwa 130 mg reines Magnesium zu. Der Tagesbedarf liegt zwischen 100 - 300 mg. Und wenn Sie acht Monate lang auf dieses Angebot verzichten, dann ist einmal Ihr gesamtes Magnesiumdepot verbraucht.

Die elektrische Leitfähigkeit des Wassers wird durch diese darin gelösten Mineralien bestimmt. Die Leitfähigkeit wird geringer, der Widerstand (in Ohm gemessen) entsprechend größer, je mineralärmer das Wasser ist. Diese Mangeleigenschaft wird aber nicht besser, wenn wir sie verschleiernd "hochohmig" nennen. 

Wäre die zitierte Nonsenstheorie richtig, dann wären weite Bereiche der Homöopathie, die Schüßler'sche Biochemie und die gesamte Mineralstofftherapie der modernen Medizin auf dem Irrwege und alle Lehrbücher der Physiologie nur noch Makulatur.