120 Jahre Biochemie


(Festvortrag zum Bundeskongreß des BBD 1994 in Hahnenklee)

von Hans-Heinrich Jörgensen

Vorsitzender des Biochemischen Gesundheitsvereins Oldenburg

Als der in Oldenburg tätige homöopathische Arzt Dr.med. Wilhelm Heinrich Schüßler 1873 in einer medizinischen Fachzeitschrift seine Idee von einer gezielten Mineralstofftherapie der Fachwelt vorstellte, wollte er die medizinische Forschung bereichern. Daß er statt dessen - oder besser: darüber hinaus - eine weltweite Volksgesundheitsbewegung ins Leben rief, hat er nicht geahnt - und zunächst auch nicht gewollt.

Erst das Unverständnis seiner Ärztekollegen, die beharrlich der historisch-mystisch tradierten Medizin-Philosophie des vergangenen Jahrhunderts anhingen und Schüßlers, der Zeit vorauseilende, naturwissenschaftlich, rational und analytisch geprägte Idee verlachten, war für ihn Anlaß, ein Jahr später dann seine Gedanken über eine "abgekürzte Therapie" in Form eines kleinen Heftchens einer breiteren Öffentlichkeit, und damit auch dem Publikum und den Patienten vorzustellen.

Je mehr der leicht verletzliche, und dann mit spitzer Feder und scharfer Zunge äußerst agressiv reagierende Oldenburger Bullerkopf sich mit der medizinischen Fachwelt anlegte, desto enger scharte sich ein Freundeskreis von zufriedenen Patienten um ihn und bedrängte ihn, die Pflege und Erhaltung seiner Lehre durch einen Laienverein zu unterstützen. Widerstrebend gab er schließlich seine Zustimmung. Im Jahre 1885 schließlich gründete der Eisenbahnrechnungsführer August Meyer zusammen mit einer Handvoll Freunden und Schüßlers Unterstützung den ersten Biochemischen Verein in Oldenburg.

Die Vereinsgründer hatten sich hohe Ziele gesetzt. So schufen sie eine Stiftung zum Bau eines Krankenhauses, die jedoch in den Inflationswirren wieder zugrunde ging. Erst nach dem Kriege konnte dann hier in Hahnenklee dieses frühe Ziel verwirklicht werden.

"Auswandernde" Oldenburger trugen den Gedanken der Biochemie in ihre neue Heimat. Der Fabrikant Schlömann gründete in Clausthal-Zellerfeld einen neuen Verein, Lage folgte bald danach, Altenau, Metjendorf, Wilhelmshaven, Neu-Südende veröffentlichten schon 1902 in der Oldenburger "Zeitschrift für Biochemie" ihre Vereinsnachrichten.

Im gleichen Blatt lese ich die Nachricht, daß der Oldenburger Verein für 10 Mark "eine erhebliche Zahl" von Gipsabdrücken einer Schüßler-Büste, modelliert vom Bildhauer Boschen, verkauft. Wir in Oldenburg besitzen noch ein Exemplar, ich fürchte, eines der  letzten. Es bereitet mir Albträume, sie könnte mir aus der Hand fallen.

Nach dem 1. Weltkrieg gibt es in Deutschland ca. 70 Vereine, zusammengeschlossen in drei Verbänden, dem Jade-Verband, dem Schüßlerbund und dem Verband der Biochemischen Vereine, die dann 1922 zum "Biochemischen Bund Deutschlands" mit gut 70 000 Mitgliedern und dem Oldenburger Wilhelm Töllner als Präsidenten verschmelzen.

Seine Blütezeit erlebte der Biochemische Bund Deutschlands Ende der zwanziger Jahre. In einem eigenen Verwaltungsgebäude in Potsdam-Babelsberg, das heute die Brandenburgische Forstverwaltung beherbergt, betrieb der Bund eine zentrale Organisation mit über 20 hauptamtlichen Mitarbeitern, eigenen Labors, einem eigenen Verlag, einer regen Werbeabteilung und einem Hörsaal für die Fortbildung der "Propaganda-Redner".

Ich wünschte, wir würden den Biochemischen Bund heute so stärken, daß wir uns wenigstens einen hauptamtlichen Mitarbeiter leisten können.

Im 3.Reich widerfuhr dem Biochemischen Bund dann das Schicksal nahezu aller freien Organisationen: Er wurde "gleichgeschaltet" in der Reichsarbeitsgemeinschaft der Volksverbände, in der Reichsärzteführer Dr.Wagner alle Bünde zusammenfaßte. Übrigens hieß er damals wieder "Schüßlerbund" mit einem Bundesleiter Löchl aus Berlin. Zeitgemäß jubelte man zum 50. Jahrestag des Oldenburger Vereins im Jahre 1935, daß weite Kreise der Ärzteschaft der Biochemie nicht mehr so fremd gegenüber stünden, und daß nicht nur die Arbeiter der Faust, sondern auch die sogenannten Intellektuellen in die Reihen der Anhänger der Biochemie getreten seien. Mit einem Sieg-Heil auf den Führer (Zitat) und dem Horst-Wessel-Lied schloß dann Parteigenosse und Vereinsvorsitzender Hartwig die Jubiläums-Veranstaltung.

Über diese Jahre und die erste Zeit nach dem Kriege liegt mir sonst kaum Material vor. Meine Bitte an alle alten Freunde der Biochemie, dem Bund oder mir mit Archivmaterial unter die Arme zu greifen, wenn Sie denn welches haben.

1946 gab es dann einen Neuanfang. Der erste Präsident von 1924,  Wilhelm Töllner, übernahm wieder die Leitung des 
neugegründeten Biochemischen Bundes. Die älteren von uns erinnern sich des Mangels an allen Dingen in dieser Zeit, auch an Papier. Es war ein für damalige Begriffe schneller Erfolg, als 1949 die erste Nummer einer neuen Verbandszeitung erscheinen konnte, Nummer 1 noch unter dem etwas überholten Titel "Gesundes Volk", Nummer 4 aber schon mit dem uns vertrauten Titel "Weg zur Gesundheit". Der Papiermangel zwang damals zu zweimonatigem Erscheinen. Wie ich höre, gibt es heute Überlegungen, den Erscheinungsabstand noch mehr zu strecken. Ich empfände das als einen fürchterlichen Rückschritt. Wir wollen unser Anliegen doch in die Welt hinaus rufen. Papiermangel kann heute kein Grund sein, Personal- oder Geldmangel darf kein Grund sein, uns selbst den Mund zuzuhalten.

Nach langem Ringen gelang es schließlich 1949 auch, das einst bundeseigene Kurheim in Hahnenklee wieder in Besitz zu nehmen und unter der Leitung von Chefarzt Dr. Jaedicke zu einem Sanatorium mit biochemischer Behandlung und von gutem Ruf zu machen.

Die Biochemie und Ihre Männer

Pardon, aber die Leitung des Biochemischen Bundes lag bislang stets in den Händen von Männern. Nach der ersten Satzung konnten sogar nur Männer Mitglied werden.

Das tragende Fundament der Biochemie jedoch waren von Anbeginn die Frauen. Mütter, in Sorge um die Gesundheit ihrer Familie, Hausfrauen, die in Zeiten der Not und Armut mit kargem Etat haushalten mußten. Frauen haben die Schüßlersche Idee gepflegt und gehegt. Frauen sind in großer Zahl Mitglieder in den örtlichen Vereinen und ihren Vorständen. Ohne die Frauen wäre die Biochemie nicht zum lebendigen Element der naturheilkundlichen Selbstmedikation geworden.

Gesundheitsvereine und die Kirche haben zumindest zwei Dinge gemeinsam: Um ihr Anliegen kümmert man sich meistens erst dann, wenn es eigentlich zu spät ist. Und die Last der Arbeit liegt auf den Schultern der Frauen, während die Männer das Ruder führen. 
Aber wer sagt denn eigentlich, daß nicht eines Tages eine Frau die Präsidentschaft (mit weiblichem Pronomen) übernehmen kann ?

Aber nun doch zu den Männern, deren Namen in die Geschichte der Biochemie eingegangen sind. Einige habe ich schon genannt, z.B. 
Wilhelm Töllner, Sohn eines der engsten Freunde Schüßlers und als Kind noch von Schüßler selbst behandelt, leitete den Bund bis zu seinem Tode 1961 im Alter von über 80 Jahren. Wer den Kongreß zu einem kleinen Spaziergang nutzen will, findet sein Grab hier auf dem Friedhof in Hahnenklee. Für die Freunde der Musik: Paul Lincke liegt nahe bei ihm.

Sein Nachfolger, Hans Möller aus Kiel, hat im "Weg zur Gesundheit" nur wenig Spuren hinterlassen. Aber immerhin genoß er mehr als 10 Jahre das Vertrauen der Delegierten, bis er 1972 um Entlastung bat.

Und dann kam Heinz-Dierk Schildt, den wir vor wenigen Wochen in Dormagen zu Grabe getragen haben. Er war Oldenburger, wie Schüßler. Und er war eigenwillig, wie Schüßler. 22 Jahre lang hat er die Geschicke des Biochemischen Bundes gelenkt. Und dabei hat er einiges bewegt. Neue Vereinsgründungen, Schlichtung mancher persönlicher Querelen, die Erweiterung des Sanatoriums zu einem repräsentativen Großunternehmen, dessen Aufsichtsratvorsitzender er war. Ich habe selten einen Menschen erlebt, der mit soviel Hingabe und Eifer für eine Idee gekämpft hat.

Wir alle sehen ihn noch vor uns, stattlich, schlohweiß, ein selbstbewußter und manchmal bis zur Peinlichkeit beharrlicher Vertreter der Biochemie. Er hat drei Jahre lang seiner bösartigen Krankheit getrotzt, getragen von der Besessenheit seiner Idee, und wohl auch gestützt vom Vertrauen auf die unterstützende Hilfe der biochemischen Salze. Als ich ihm das letzte Mal kurz vor Weihnachten in der gemeinsamen Sitzung von Vorstand, Beirat und Satzungskommission begegnete, war er körperlich nur noch ein Schatten seiner einstigen Stattlichkeit. Aber mit eiserner Energie leitete er die zweitägige Mammutsitzung, getrieben von seinem Ziel: die Zukunft der Biochemie zu sichern.

Ich habe bewundernd zur Kenntnis genommen, daß er neben seiner Aktivität im Biochemischen Bund und der Deutschen Volksgesundheitsbewegung noch Zeit fand, in Kirche, Sportverein und Politik aktiv zu sein. Heinz-Dierk Schildt, so habe ich in einem Nachruf geschrieben, gehörte zu den wenigen Menschen, zu den ich aufblicken mußte. Und das nicht nur wegen seiner einsneunzig.

Die Biochemie und ihre Mittel

Je einfacher eine umwälzende Idee ist, desto schwieriger scheint es, sie zu begreifen. Schüßlers geniale Idee bestand darin, zu erforschen, was denn eigentlich die anorganischen Mineralien im menschlichen Stoffwechsel tun. Organische Chemie, das wissen wir alle, besteht aus den Elementen Stickstoff (N), Sauerstoff (O), Kohlenstoff (C) und  Wasserstoff (H), merken Sie sich NOCH. Und heute wissen wir auch alle, daß ein Leben aus diesen Stoffen allein nicht möglich ist, daß eine Vielzahl anorganischer Elemente die chemischen Umsetzungen dieser vier Stoffe steuert und erst ermöglicht. Die Chemie des Lebens, die Bio-Chemie, ist das kunstvolle Ineinandergreifen von steten Auflösungen und Neueingehen elementarer Verbindungen.

Wilhelm Heinrich Schüßler war einer der ersten, die versucht haben, dieses geheimnisvolle Zusammenspiel aufzuschlüsseln, in eine Ordnung zu bringen, herauszufinden, welche Elemente denn was bewirken, und welche Krankheiten entstehen, wenn eines dieser lebensnotwendigen Elemente fehlt. Der von ihm geprägte Begriff "Biochemie" ist mittlerweile in den medizinischen Sprachgebrauch eingegangen und steht für jene Wissenschaft, die genau das nachvollzieht, was Schüßler begonnen hat: die Erforschung des Zellstoffwechsels. Nur - leider ist den modernen Biochemikern der Name Schüßler aus dem Gedächtnis gekommen. Wir aber brauchen nicht verschämt immer wieder zu betonen, daß es neben der naturwissenschaftlichen Schulrichtung Biochemie noch so ein etwas zu kurz gekommenes Kind "Schüßlers Biochemie" gibt. Jene tun genau das, was unser Ziehvater wollte: sie erforschen, wer wann wo wie was in unserem Stoffwechselgeschehen tut.

Die Reihe der anorganischen Salze, die Schüßler als lebensnotwendig herausfand, entspricht sehr genau dem, was die moderne Medizin als essentielle, sprich unersetzliche, Mineralien bezeichnet. Es sind die Elemente Calcium, Kalium, Magnesium, Natrium, Eisen und Silicium in Verbindung mit den Anionen Phosphor, Schwefel und Chlor, im Ausnahemfall bei der Nummer eins auch Fluor. Schüßler war ein exzellenter Beobachter. Wenn auch seine Erklärungsversuche für Zusammenhänge heutigen Erkenntnissen nicht immer standhalten, die Ergebnisse und die Schlußfolgerungen, die er zog, waren ausnahmslos richtig. Es ist faszinierend, zu beobachten, wie moderne naturwissenschaftliche Forschungsergebnisse mit arger Verspätung bestätigen, was Wilhelm Heinrich Schüßler vor 120 Jahren beschrieb.

Bis zu seinem Tode 1898 hat Schüßler seine Erstschrift immer wieder überarbeitet, erweitert und verbessert. Dabei ist erkennbar, daß er sehr aufmerksam die Fortschritte der Medizin seiner Zeit verfolgt und in seine Lehre eingebaut hat. Wie ein Vermächnis mutet es an, wenn er in seinem Schlußwort zur 22. Auflage schreibt, "Wenn Ärzte, die auf dem Gebiet der physiologischen Chemie sich gründliche Kenntnisse erworben haben, mir beim Aufbau meines Werkes behilflich sein wollen, so würden ihre Beiträge mir sehr willkommen sein."

Wir sollten bemüht sein, auch heute so zu verfahren, wie er selbst es tat: Im Zusammenspiel mit der modernen Medizin die Wirksamkeit und den Wirkmechanismus der biochemischen Salze zu erforschen und anzuwenden.

Nach Schüßlers Tod hat es noch etliche Auflagen seiner kurz vor dem tödlichen Schlaganfall fertiggestellten Endfassung der "Abgekürzten Therapie" gegeben. Und es hat auch viele Autoren gegeben, die Eigenes hinzugefügt haben. Manchmal nicht nur zum Wohle der Biochemie, sondern zum eigenen Profit. Nicht alles, was in Nachfolgewerken steht, dient selbstlos der Schüßlerschen Idee.

Da gibt es zum Beispiel 1930 den Herrn Schöpwinkel aus Angermund, der in einem umfangreichen Buch über die "Polarbiochemie" die Ergänzungsmittel in die Biochemie einfügt. Das war nicht einmal verkehrt, denn zu Schüßlers Zeiten konnte man mangels technischer Möglichkeiten die heute so genannten Spurenelemente noch nicht präzise analysieren. Da sie zum größten Teil ebenso wichtig sind, wie die oben aufgelisteten Funktionsmittel oder Mengenelemente, ist es sicher eine sinnvolle Bereicherung der Biochemie, auch hierüber zu forschen und zu berichten. Herr Schöpwinkel schießt aber sicherlich, wie so viele prominente Außenseitermediziner, weit übers Ziel hinaus, wenn er von der "Polarbiochemie als Weltgesetz" schreibt.

Da gibt es auch die biochemischen Sommer-, Frühjahrs- oder Winterkur-Empfehlungen, in denen irgendwelche Autoren ihre ganz subjektiven Erfahrungen über die zu bestimmten Jahreszeiten besonders bedürftigen Mineralien niedergelegt haben. Sicher ist die umfassende Vorbeugung vor möglichen Mängeln sinnvoll, aber nicht für jedermann gleichermaßen notwendig. Die Gedankengänge, die einer solchen Kur-Zusammenstellung zugrunde lagen, bleiben meist im Dunkeln und sind darum auch jederzeit variierbar.

Und da gibt es in jüngster Zeit eine von früher her gut beleumundete Schule, die Rezepte von 60 bis 100 Tabletten pro Tag für sinnvoll hält. Bitte, wenn Sie denn all den Milchzucker vertragen. Aber logischer wäre es dann sicher, von der obligatorischen D6 auf D3 zurückzugehen oder gar die Ursubstanz zu geben, wenn es denn auf die substantielle Menge ankommen soll. Schüßler selbst war keineswegs auf die D6 eingeschworen. Er hat ausweislich überlieferter Apothekenrezepte von ihm mit verschiedenen Potenzen gearbeitet und seinen Nachahmern empfohlen, die für den Einzelfall richtige Potenz zu suchen. Man sollte schon irgendwann diskutieren, ob denn für alle Salze die D6 wirklich optimal ist. Könnte nicht für die "heiße Sieben", Magnesium mit dem schnellen spasmolytischen Effekt, nicht auch eine D3 angebracht sein ? Oder für Natrium als homöopathisches Simile bei der heute häufigen Natrium-Intoxikation mit Bluthochdruck besser eine D9 ?

Für homöopathische Neulinge: D6 heißt 6.Dezimalpotenz und bedeutet, daß die Reinsubstanz 6 x nacheinander im Verhältnis 1:10 durch verreiben oder verschütteln verdünnt wurde. Die D6-Arznei enthält also noch ein Millionstel der ursprünglichen Menge. Die Homöopathen nennen das nicht verdünnen, sondern potenzieren, weil sich mit immer feinerer Aufschließung des Stoffes seine Wirkung verstärkt.

Genau das war auch der Grund, warum Schüßler für die Zubereitung seiner Mineralstoffgaben die homöopathische Aufbereitung gewählt hat. Er hat damit einen ganz modernen Begriff, der in der heutigen Pharmazie fast übermächtig geworden ist, vorweggenommen: die Bioverfügbarkeit. Was nützt denn eine geschluckte Arznei, wenn sie geradenwegs durch den Darm auch wieder verloren geht und dem inneren Stoffwechsel, der Bio-Chemie, garnicht zur Verfügung steht ? Die wiederholte feine Verreibung zerkleinert die Teilchen und vergrößert damit die wirksame Oberfläche.

Und mit der Empfehlung, das Salz nicht zu schlucken, sondern auf der Zunge zergehen zu lassen, umgehen wir den Pfortaderkreislauf und die Um- und Abbauprozesse der Leber. Pharmakokinetik heißt die Lehre vom Weg, den eine Arznei in unserem Körper vom Schlucken bis zu ihrem endgültigen Abbau nimmt. Selbst darüber hat Schüßler sich in prophetischer Vorausschau naturwissenschaftlicher Überlegungen Gedanken gemacht.

Als homöopathische Therapie im Sinne der Hahnemannschen Ähnlichkeitsregel hat Schüßler seine Mineralstofflehre nie verstanden, wenngleich er bei der Beschreibung der Mangelsymptome seine lange Erfahrung als homöopathischer Arzt nicht verleugnen konnte. Seine Jünger und viele heutige Biochemiker ordnen hingegen die Biochemie der Homöopathie zu. Beides ist möglich und funktioniert auch, denn schließlich sind die Salze ja nach den Regeln der Homöopathie aufbereitet. Aber die Indikationsansprüche, die Zielrichtung, die Erscheinungen, die behandelt werden sollen, sind andere, ob ich mit meiner Arznei schlicht Mineralmämgel beseitigen will, oder ob ich entsprechend dem homöopathischen Arzneibild Konstitutionen verändern will.

Joachim Broy, langjähriger Leiter des Arbeitskreises für praktische Biochemie, schrieb in den 70er Jahren im "Weg zur Gesundheit" wörtlich: "Womit hat es Schüßler, dieser aufrechte Kämpfer und Begründer einer im Kern doch revolutionären Idee, verdient, daß seine Lehre so simpel in den großen Topf der Homöopathie geworfen wurde, zusammen mit vielen anderen Dingen, die auch nicht dahinein gehören ?"

Der Biochemische Bund und die Kollegen, die ihn fachlich begleiten und beraten, sind ganz dringlich aufgerufen, in unser offizielles Schrifttum Ordnung zu bringen. Wir müssen  unsere Therapieempfehlungen gliedern in

    a) mangelbedingte Anwendungen und 
    b) homöopathische Anwendungen.

Unser heutiges Arzneirecht hält diese beiden Therapierrichtungen streng getrennt. Eine Vermischung der Ideen führt mit Sicherheit zum Versagen der Zulassung für ein Medikament, und das entspricht einem Verbot. Diese Hausarbeit müssen wir schnell und konsequent tun, wenn wir unser biochemisches Repertoire auch im Jahre 2000 noch glaubhaft verteidigen wollen.

Bei der Gelegenheit kann es dann auch nicht schaden, wenn wir ein paar überholte oder aus fragwürdigen Motiven später hinzugeschriebene Indikationen ausmerzen und zugleich auf andere bewährte aber wissenschaftlich noch nicht belegte unser verstärktes Forschungsbemühen richten.

Wenn wir Schüßlers Auftrag ernst nehmen, dann müssen wir seine Lehre nicht nur sakrosankt bewahren, wir müssen sie weiterentwickeln. Der Biochemische Bund Deutschlands ist eine Laienbewegung. Er hat die Biochemie 120 Jahre lang sorgsam gehütet und bewahrt, allen Fährnissen zum Trotz. Zum Weiterentwickeln aber bedarf es medizinischen und pharmakologischen Sachverstandes. Die Installation eines Fachbeirates, der dem Vorstand des Bundes beratend zur Seite steht, ist nach meinem Dafürhalten längst überfällig, wenn wir den Anschluß an die Medizin des kommenden Jahrhunderts nicht verlieren wollen.

Bei der Gelegenheit möchte ich kurz auf einen Brief eingehen, der mir und wohl allen Biochemischen Gesundheitsvereinen in der letzten Woche zuging. Von hohen ethischen Idealen getrieben kämpft die Schreiberin für ein Gedankengut, daß in unseren Ohren gut klingt, für "lebendige Arznei". Wie nützlich und erfolggekrönt könnte soviel Idealismus doch sein, wenn er auch noch mit Sachverstand gekoppelt wäre.

Nur die Quellsalztabletten, so der Brief, seien lebendig und heilsam, die "synthetischen toten" Mineralsalze der DHU und anderer Firmen seien Müll und würden die Zelle verschlacken. Nun denn, die von Schüßler beschriebenen Mineralsalze sind niemals "synthetisch", unsere Elemente Calcium, Kalium, Magnesium sind Ur-Elemente, Atome, aus denen man im Labor zwar vielerlei neues stricken kann. Sie selbst aber kann man nicht "synthetisieren", zusammensetzen, der liebe Gott hat sie uns geschenkt, so wie sie sind. Wo immer wir sie finden auf dieser Erde, sind sie zuvor vom Regen, von den Flüssen, den Meeren aus dem Gestein herausgewaschen, und schließlich nach dem Eintrocknen der Meere als Salz zurückgeblieben. Wir brauchen sie nur aufzuheben. Das Eindampfen von Mineralquellen zu ihrem Salzgemisch verkürzt diesen langen natürlichen Weg zwar im Dampfkessel um ein paar tausend Jährchen, aber es macht das Salz weder lebendiger noch heilsamer.

Schüßler hat - im Gegensatz zur Behauptung des Briefes - keine Quellsalztabletten verwendet. Das konnte er auch nicht, denn es gab sie damals garnicht. Mir liegt ein Brief von ihm an seinen Apotheker Marggraf in Leipzig vor, in dem er schreibt:" Außerdem wünsche ich noch einige Verreibungen, und zwar von der 3ten bis zur 6ten (Potenz) von Chlorkalium (nicht chlorsaures Kali) sondern KCL nämlich eine Verbindung von Kaliummetall und Chlor."

Quellsalztabletten verwenden wir in den Biochemischen Vereinen erst seit Anfang der 60er Jahre, und zwar aus einem ganz pragmatischen Grund. Sie sind nach § 44 (2) Arzneimittelgesetz nicht apothekenpflichtig und können daher in Reformhäusern, Drogerien und den Abgabestellen der Vereine abgegeben werden. Es war den Vereinen schon immer ein wichtiges Anliegen, den Mitgliedern auch den preiswerten Zugang zu den Biochemischen Mitteln zu verschaffen. Übrigens: Entgegen der weit verbreiteten Ansicht bedarf es für die Abgabe dieser Mittel keiner Sachkenntnisprüfung. Das ergibt sich aus den §§ 50 und 51 des obigen Gesetzes.

Bis vor wenigen Wochen noch mußten wir darum bangen, ob unsere Quellsalztabletten die nach dem neuen Arzneimittelgesetz vorgeschriebene "Nachzulassung" überleben würden. Nachzulassung bedeutet, daß alle am Markt befindlichen Altmedikamente in einem Zulassungsverfahren ihre Qualität, Wirksamkeit und Unschädlichkeit nachweisen müssen. Homöopathische Arzneien genießen dabei wesentliche Erleichterungen weil jedermann weiß, daß die Wirkung von homöopathischen Arzneien sich mit naturwissenschfatlichen Methoden nicht belegen läßt. Unsere Quellsalze sind aber keine Homöopathika und unterliegen darum den gleichen strengen Kriterien wie ein Antiobiotikum oder Betarezeptorenblocker. Jeder Insider weiß, daß es nicht möglich sein wird, für unsere vielfältigen Anwendungsgebiete diesen Nachweis zu erbringen. Es sah ganz danach aus, als würden die Tabletten sterben.

Seit einigen Wochen dürfen wir wieder etwas hoffen. Im Zuge der spektakulären Auflösung des Bundesgesundheitsamtes hat Minister Seehofer von einem "Befreiungsschlag" gesprochen, mit dem er die Nachzulassung beschleunigen will. Aus Gesprächen läßt sich zumindest vermuten, daß damit auch eine Erleichterung für so bekanntermaßen harmlose Mittel, wie unsere Quellsalztabletten verbunden sein werden. Ein Hoffnungsschimmer zumindest ....

Die Furcht vor den "synthetischen" Mineralien ist einem Buch von Wandmaker nachempfunden, in dem die Verwendung von "organischen" Mineralien empfohlen wird. Auch das klingt so schön biologisch und darum überzeugend in unseren Ohren. Nur - es gibt keine "organischen" Mineralien. Wo immer sie eingebaut sind, in die Pflanze oder den menschlichen Organismus, Mineralien sind und bleiben anorganisch. Wohl aber können wir das anorganische Kation Calcium an ein organisches Anion, z.B. Orotat oder Laktat binden. Das allerdings bietet uns die Natur nicht frei Haus als Arznei an, es muß sehr künstlich im Labor zusammengebastelt werden. Ein Gewinn ist damit nicht erzielt, es sei denn für den Hersteller einer solchen Arznei, denn

  1. sind diese Moleküle sehr groß und schwer resorbierbar, 
  2. sind sie oft so fest chelatförmig miteinander verbunden, 
     daß das benötigte Calcium garnicht wieder zur freien 
     Verfügung gestellt wird, und 
  3. wirkt unser Kation überhaupt erst, wenn es ionisiert, 
     dissoziiert, aus seiner Verbindung freigesetzt ist. 
     Und wenn es denn frei ist, dann ist es ihm ziemlich einerlei, 
     mit wem es zuvor verheiratet war.

Könnten wir keine anorganischen Mineralien verwerten, wir wären alle wie Lots Weib zur Salzsäule erstarrt. 120 Jahre medizinische Forschung und 120 Jahre Biochemie wären Makulatur. Und wiederum zitiere ich Schüßler im Original: 
"Die organischen Stoffe dienen den zu bildenden Zellen als Grundlage, die anorganischen bestimmen die Form und die Funktion."  Und etwas weiter: 
"Ich lasse jedem Heilverfahren sein Recht; ich protestiere aber gegen die Einführung organischer Substanzen in meine Biochemie."

Die Biochemie und die Schulmedizin

Durch die Literatur der 120 Jahre Biochemie-Geschichte zieht sich wie ein roter Faden die wiederkehrende Klage, unsere Lehre würde von der Schulmedizin bekämpft. Das ist so nicht richtig. Sie wird nicht bekämpft, sie wird ignoriert. Wie sehr die Ignoranz der offiziellen Medizin iun alle anderen rechtsbereiche durchschlägt, zeigt sich aus einem Schriftwechsel des Hamburger Vereins mit dem Finanzamt. Die Steuerbehörde beruft sich noch 1952 auf ein Urteil von 1937, in dem es heißt "Für die Bildung der Volksanschauung ist die jeweils herschende wissenschaftliche Erkenntnis maßgebend." Damit wird die Gemeinnützigkeit abgelehnt. Glücklicherweise ist das "Schnee von gestern". Heute ist die Gemeinnützigkeit bei korrekt gestalteter Satzung kein Streitpunkt mehr.

Ignoranz ist nicht immer eitler Hochmut, oft nur Unwissenheit. 
So wie der prinzliche Reiter im Wald nicht ahnt, daß hinter der hohen Dornenhecke ein Schloß versteckt liegt, in dem ein Dornröschen aufs Wachgeküßtwerden wartet, so ahnt die Schulmedizin nicht, welches riesige Publikumspotential im Biochemischen Bund schlummert, und nur auf den Versöhnungskuß wartet. Aber wenn wir die Dornenhecke nicht von innen her abholzen, dann reitet der Prinz vorbei und wir bleiben ungeküßt.

Als Wilhelm Heinrich Schüßler seine Theorie vorstellte, war er der etwas angestaubten Medizin seiner Zeit weit voraus. Seine Kollegen taten sich schwer, der überhaupt nicht außenseiterischen sondern sehr naturwissenschaftlich analytisch geprägten Idee zu folgen. Und Schüßler war auch nicht gerade der Mann, der sich sachlicher Kritik zu stellen bereit war. Als sich dann auch noch eine Laienbewegung der Sache vehement annahm, war die Schüßler-Lehre für die offizielle Medizin nicht mehr hoffähig.

Das heißt aber noch lange nicht, daß die Medizin sich nicht der Mineralstoffe angenommen hätte. Die Erforschung des Stoffwechsels, die Biochemie, ist zu einem eigenen Wissenschaftszweig geworden. Speziell mit den Mineralien und Spurenelementen befassen sich mehrere Fachgesellschaften, eine Fülle von Literatur zu diesem Thema überschwemmt die Ärzte und jedes Jahr finden mindestens 5 Fachkongresse statt, die sich ausschließlich mit unserem ureigensten Thema beschäftigen - und das auf hohem wissenschaftlichen Niveau. Wieso stehen wir dabei eigentlich draußen ?

Die moderne Medizin hat Schüßlers Beobachtungen längst bewiesen. Über all den Fortschritt aber ist ihr der Name Schüßler aus dem Bewußtsein geraten. Im Ausland weiß man offenbar mehr mit dem Namen anzufangen, als in seiner Heimat. Die EG-Richtlinie über Homöopathie erwähnt in ihrem englischen Urtext ausdrücklich die "biomedicine" (following Dr. Schussler), was die deutschen Medizinalbürokraten nicht besser zu übersetzen wußten, als eben auch "Biomedizin" (Theorie nach Dr. Schüßler).

Wer ist nun dran, die Axt an die uns trennende Dornenhecke zu legen ? Die drinnen oder die draußen ? Ich denke, es stünde uns gut zu Gesicht, einen ersten Schritt zu tun. Unser langjähriger Präsident Heinz-Dierk Schildt war von Hause aus doch Brückenbauer. Er hat die Theodor-Heuß- und die Rheinknie-Brücke in Düsseldorf mit projektiert. Sollten wir nicht auch in diesem Punkt seinem Vermächtnis folgen und Brücken schlagen ? Es würde der biochemischen Bewegung gut tun, wenn wir verstärkt die Erkenntnisse moderner medizinischer Forschung in unser Bemühen um gesunde und natürliche Lebensweise einbauen - und im Gegenzug sollten wir der Schulmedizin die historische Erinnerung an unseren Lehrmeister Dr.Schüßler wieder ins Gedächtnis bringen.