Neuraltherapie - Sekundenphänomen und Störfeldsuche


von Hans-Heinrich Jörgensen

Das Sekundenphänomen gilt gemeinhin als die Krone der Neuraltherapie. Zugleich aber ist sie ihre Achillesferse. Sie erinnern sich der griechischen Mythologie: Achilles ging durch den Pfeil des Paris an seiner verwundbaren Ferse zugrunde. Der Pfeil, der die Neuraltherapie verwunden kann, kommt allerdings nicht von Paris, sondern aus Berlin. 

Die Krone war schon immer eine unbequeme Kopfbedeckung. Je glänzender, desto mehr inspirierte sie Neider und Gegner. Manch Haupt mußte rollen, nur der Neider wegen. 

Vielleicht wäre auch die Neuraltherapie gut beraten, wenn sie etwas weniger ihre Krone putzen würde, sondern statt dessen etwas mehr die Stiefel. Sie hätte dann möglicherweise keine wundgelaufenen Hacken, sprich Achillesfersen. Ich will damit ausdrucken, daß wir etwas weniger hochtrabend, schwärmerisch von unseren Sekundenphänomenen jubeln sollten, und statt dessen etwas nüchterner pragmatische reelle Handwerksarbeit leisten sollten. 

Ich bin durch und durch ein Pragmatiker, für einen Heilpraktiker vielleicht manchmal sogar etwas zu sehr. Aber lassen Sie mich, auch auf die Gefahr in, als Nestbeschmutzer zu gelten, hier einmal bekennen, daß ich keineswegs an alle kolportierten Sekundenphänomene glaube. 

Die Väter der Neuraltherapie, die Brüder Huneke, haben 16 Jahre lang Heilanästhesie betrieben, ehe sie ihr erstes Sekundenphänomen erlebten. Manche Schüler sind da besser als die Meister, sie beschreiben ständig welche. Ich werde den Verdacht nicht los, daß manch Schüler sich im Zugzwang wähnt und deswegen normale und schöne neuraltherapeutische Erfolge etwas hoch ansiedelt.  
Jede richtig gesetzte Lokalanaesthesie schaltet jeden Schmerz sofort aus. Bei der gekonnten Leitungsanaesthesie braucht man dazu nicht einmal viel Procain. Aber das ist noch lange kein Sekundenphänomen. 

Dieses setzt voraus, daß  
  
 


a) die Injektion nicht am Ort oder an der Leitung des Schmerzes erfolgte, und  
b) die Schmerzfreiheit deutlich die Dauer der Procainwirkung, nämlich ca. 30. Minuten, übersteigt.

Beachten Sie bitte, daß diese Definition sich ganz wesentlich von der im Dosch'schen Lehrbuch unterscheidet. Dort wird die völlige Symptomlosigkeit für 20 Stunden, im Zahnbereich für 8 Stunden verlangt. Mir ist nie so ganz klar geworden, warum dem Störfeld Zahn diese mildernden Umstände zugebilligt werden. Wichtiger als eine doch recht willkürliche Zeitbestimmung scheint mir die deutliche Unterscheidung zum reinen Anaesthesie-Effekt zu sein. Sie erscheint mir logischer - und vor allem strenger. 

Ich betreibe jetzt 25 Jahre Neuraltherapie, aber Sekundenphänomene sind nicht mein täglich Brot. Sie bleiben Schlaglichter, Sternstunden. Zu den Sternen geht es bekanntlich auf rauhen Wegen -Ich zitiere das kollegialerweise auf deutsch - also heißt es doch, die Stiefel gut fetten. 

Theoretischer Unterbau 
Ehrliche Handwerksarbeit beinhaltet bei meinem Verständnis für Pragmatismus, sich auch um den theoretischen Unterbau seiner Therapie zu bemühen. Wer heilt, hat vielleicht Recht, manchmal sicher auch nur Glück Aber er bekommt nicht Recht, wenn er sich auf der Suche nach dem Recht nicht artikulieren kann. Ich leide manchmal unter der bei uns Außenseiter-Medizinern so gängigen Argumentation ,,Das läßt sich nicht erklären". Vielleicht läßt ich manches noch nicht erklären, aber das entbindet uns nicht von der Notwendigkeit, nach einer Erklärung zu suchen. 

Warum denn überhaupt erklären, werden Sie fragen. Nun, um des Patienten willen, und um der Sache willen. Um des Patienten willen, weil er bei einer nicht ,,wissenschaftlich allgemein anerkannten" Therapie aller Ansprüche an seine Krankenkasse und evt. Beihilfestelle verlustig geht. Er muß Ihr Bemühen voll aus der eigenen Tasche finanzieren. Wenn wir es ernst meine, mit unserer Fürsorge, sollten wir dem Patienten nicht nur den störfeldbedingten Kopfschmerz mit der Procain-Injektion nehmen, sondern auch den Kopfschmerz, den ihm die Sorge um Ihre nicht erstattungsfähige Rechnung bereitet. Dazu bedarf es der ,,wissenschaftlichen Anerkennung". Und um der Sache willen. Es wäre der Sache dienlicher, wenn wir Außenseiter - hier wir Neuraltherapeuten - aus dem selbstgebauten Gefängnis der Esoterik herauskämen und uns der allgemeinen Fachdiskussion stellen wurden. Aher dann müssen wir auch die Sprache der Fachdiskutanten sprechen, sonst bleiben wir unverstanden. 

Auch das ist Überheblichkeit und Ignoranz: den anderen Ignoranz vorzuwerfen, - und: sie würden uns nicht verstehen, weil sie uns nicht verstehen wollen. Wir sollten uns fragen: "Tun wir denn alles, um verstanden zu werden - und um zu verstehen?" Der Marsch durch die Institutionen war noch nie einfach - darum die gut gefetteten Stiefel. 

Doch zurück zum Kopf - auch ohne Krone. Es hat ja in den 60 Jahren Neuraltherapie - eigentlich sind es auch schon 80 - verschiedene Erklärungsversuche gegeben, die alle auch gar nicht einmal so sehr verkehrt waren. Sie krankten nur daran, daß wir sie zu wörtlich nahmen und zu vehement gegen alle Kritik verteidigten und darüber verabsäumten, weitergehende Erkenntnisse der Medizin zur Kenntnis zu nehmen und in unser, von diesem Erklärungsversuch geprägtes, Bild einzubauen. 

Historische  Modelle 
Ich denke da an Stöhr - 1946, gleich nach dem Kriege - mit seiner Idee vom terminalen Neuroretikulum, der Vorstellung, Nervenströme würden wie der Kreislauf des Blutes in den motorischen Nerven zur Peripherie fließen, sich dort im terminalen Neuroretikulum, dem Nervennetz am Ende, verzweigen, und sich schließlich wieder zu sensiblen afferent fließenden Strömen sammeln, um so zum Zentrum zurückzugelangen: ein in sich geschlossener Energiekreislauf. Wenn auch die Schlußfolgerung nicht ganz stimmt, richtig ist daran zumindest die unendliche synaptische Quervernetzung motorischer, sensibler und vegetativer Nervenfasem. Und damit sind wir der Lösung auch schon ganz nahe. 

Ich denke auch an Pischinger mit seiner Idee vom Zellmilieu und der Grundregulation und der dadurch funktionierenden - oder im Stöffall eben nicht mehr funktionierenden - Kommunikation der Zellen untereinander. Wir nennen das heute Elektrolytgleich gewicht, Ruhepotential, Aktionspotential und wir kennen die Gewebshormone und Rezeptoren, die solche Kommunikation auf synaptischem Wege bewirken. Aber eine historische Idee wird ja nicht falsch dadurch, daß wir inzwischen dank Dünnschicht- und Säulenchromatografie diese Transmitter identifizieren und benennen können, die Pischinger entsprechend den damaligen analytischen Methoden etwas unspezifischer als Zellmilieu bezeichnete. Aber wir müssen diese neuen Methoden und Erkenntnisse auch zur Kenntnis nehmen und in unser Gedankengebäude einbauen, wenn wir nicht im Elfenbeinturm der Außenseiterei eingemauert bleiben wollen. 

Synapsen 
Ich habe jetzt eben Ihre Gedanken auf dem Wege über Stöhr und Pischinger ganz zielstrebig zur synaptischen Kommunikation der Nervenzellen gebracht, und damit auf die richtige Bahn. Damit habe ich das Begreifen des Sekundenphänomens schon etwas angebahnt, und genau das ist das Stichwort: Die Bahnung! Bahnung ist ein Begriff aus der Neurophysiologie und für uns ein Schlüsselwort. Lassen Sie mich kurz Ihre Erinnerung auffrischen: Die neurale Impulsfortleitung erfolgt ja nicht wie in einem Telefon- oder Lichtkabel in einem geschlossenen, isolierten Rohr unmittelbar vom Lichtschalter zur Lampe, sondern in einem vieltausendfach quervernetztem Geflecht von Neuronen. Jede einzelne Nervenzelle ist im Bereich von Soma und kurzen Ausläufern, den Dendriten, von vielen tausend synaptischen Endknöpfchen anderer Nervenzellen bedeckt, die immer dann ein Signal auf die Empfängerzelle abfeuern, wenn ihre Mutterzelle selbst ein Aktionspotential erlebt. Konvergenz nennt man das. 

Und jede Nervenzelle wiederum verzweigt sich mit dem Neuriten, dem langen Ausläufer, in viele tausend Äste, die jeder in einem synaptischen Endknöpfchen enden. Diese Endknöpfchen wiederum bedecken Körper und kurze Ausläufer anderer Nervenzellen. Divergenz heißt das. 

Auf diese Weise korrespondiert jede Nervenzelle vieltausendfach, sowohl in Empfänger- wie auch in Senderfunktion, mit den Nachbarzellen. Diese Quervemetzung, Konvergenz und Divergenz, macht das Funktionieren und Dysfunktionieren nervlicher Reiz-Übertragungen so anfällig für Störungen - aber zugleich auch für den neuraltherapeutischen Heilreiz. 

Im Gegensatz zu dieser Quervernetzung ist die Längsschaltung(!) einzelner Nervenbahnen einfach und übersichtlich: Der motorische, efferente Reiz geht von der Großhirnrinde im  
  
 


1.  zentralen Neuron via Pyramidenbahn zum Vorderhorn, und von dort im  
2.   peripheren Neuron über das Spinalganglion zur motorischen Endplatte.
Ein kleiner diagnostischer Tip: Da in der Pyramidenbahn die den Muskeltonus hemmenden Impuls das Übergewicht haben, führt eine Pyramidenbahnschädigung zur Hyperreflexie und zu spastischen Lähmungen, eine Schädigung im peripheren Neuron hingegen zur schlaffen Lähmung. 

Der sensible, afferente Reiz hingegen benutzt längsgeschaltet drei Neurone:  
  
 


1. Von den Hautsensoren zum Spinalganglion.  
2. Von dort übers Hinterhorn zum Thalamus, wo sensorische oder  sensible Eindrücke lust- oder unlustbetont eingefärbt werden und  
3. von dort zum Großhirn, also in unser Bewußtsein.
Und immer hört das Vegetativum mit. Vom Spinalganglion aus sind motorische und sensible Nerven über die Rami communicantes, also die Verbindungsäste, mit dem vegetativen Nervensystem, dem sympathischen Grenzstrang, der strickleiterartig ventral der Wirbelsäule läuft, verbunden. Über den weißen Ast (Ramus communicantes albus) hat das Vegetativum teil an den sensiblen Signalen, die von der Peripherie in unser Bewußtsein geschickt werden. Und über den grauen Ast (Ramus communicantes griseus) schickt das Vegetativum sofort, ohne unser bewußtes Dazutun, seine Antwort in die Peripherie, z.B. eine vermehrte oder verminderte Durchblutung oder die Ausschüttung von Gewebshormonen. Wie eng schon in der simplen Längsschaltung die Vernetzungen zwischen Sensus, Motorik und Vegetativum sind, machen die direkten, indirekten und bedingten Reflexe deutlich. Wenn Sie den Mann Ihrer Träume erblicken - oder die Traumfrau - erröten Sie, haben ein seltsames Gefühlt in der Magengrube, oder wo auch immer, und beschleunigen den Schritt. Und wenn er oder sie dann bei näherer Betrachtung Mundgeruch hat, läßt die unlustbetonte Einfärbung im Thalamus die Hormonausschüttung sofort wieder zurückfahren. 

Wieviel störanfälliger wird das ganze nun durch die vieltausendfache  Quervernetzung? Es feuert pausenlos synaptisch auf eine jede Nervenzelle ein. Aber nicht jeder synaptische Impuls löst an der Empfängerzelle ein Aktionspotential aus. Es wäre schrecklich, es wäre das absolute Chaos. Eine im Ruhepotential schlummernde Zelle nimmt die synaptischen Signale einzelner Endknöpfchen zwar wahr, senkt als Reaktion darauf auch etwas sein Ruhepotential ab, aber zum postsynaptischen Aktionspotential kommt es erst, wenn genügend Impulse zusammenkommen. Das ständige Feuern und die damit verbundene Minderung des Ruhepotentials bringt die Empfängerzelle in einen Zustand der Bereitschaft, es bahnt ein Aktionspotential an, löst aber noch keines aus. Darum Bahnung! Erst wenn weitere synaptische Feuer das Ruhepotential unter eine bestimmte Schwelle gedrückt haben, kommt es zum eigenen Aktionspotential der Empfängerzelle, zum EPSP, dem exzitatorischen postsynaptischen Potential. 

Damit das ganze etwas komplizierter wird: Es gibt nicht nur exzitatorische (erregende) Synapsen, sondern auch inhibitorische (hemmende), die ihrerseits das Ruhepotential stabilisieren, also einer Zellerregung entgegenwirken. Erforderlich für die Auslösung eines postsynaptischen Aktionspotentials ist also eine Mindestanzahl exzitatorischer Impulse, abzüglich der inhibitorischen Impulse, und zwar in räumlicher und zeitlicher Nähe zueinander. Nehmen wir diese Zahl einmal etwas theoretisch mit 1000 Impulsen pro Millisekunde an. Biologische Systeme halten sich natürlich nicht an unser erdachtes metrisches oder Duodenzimalsystem. Diese Zahl schwankt abhängig von Nervenart und -ort und -zustand und anderen Faktoren. Aber 1000/ms kommt der Wirklichkeit ziemlich nahe und unserer eingeschränkten Merkfähigkeit entgegen. 

Bahnung 
Wenn 1000 die Reizschwelle ist, dann lösen 1100 exzitatorische Impulse, unmittelbar nebeneinander und innerhalb einer Millisekunde gefeuert, noch kein Aktionspotential aus, wenn gleichzeitig 200 inhibitorische Impulse dort ankommen. 900 bilanziert verbleibende exzitatorische Feuer genügen eben nicht, 999 auch noch nicht, erst der tausendundeinste Reiz überspringt die Hemmschwelle und löst lawinenartig ein EPSP aus. Die Empfängerzelle ist erregt. Der tausendundeinste Reiz ist wie der berühmte letzte Tropfen, der das Faß zum Überlaufen bringt. 

Auf diese Weise wird die Fülle der stets und überall entstehenden Reize sinnvoll gefiltert. Der Bahnungsmechanismus wirkt als Erregungsselektion und verhindert, daß unbedeutende Reize unsere zentralnervösen Zentren mit Informationen überfluten und unsinnige vegetative Antworten auslösen. 

Gleichzeitig jedoch hält die Bahnung das Leitungssystem in einem Zustand permanenter Übermittlungsbereitschaft. Wird die Summe der Nachrichten bedeutsam. muß der Telefonist nicht erst geweckt werden, er reagiert sofort. 

Und noch etwas: In dem vielgliedrigen Neuronennetz gibt es auch kreisende Erregungen. Synaptische Endknöpfchen einer erregten Zelle liegen dem Soma einer in Leitungsrichtung rückwärts liegenden Nervenzelle auf, die nun befeuert und synaptisch erregt wird. Diese wiederum feuert ihre Signale nach vorn, erneut auf die vor ihr liegende Zelle, von der sie eben erst ihren Impuls - rückwärts gerichtet - bekam. Auf diese Weise werden wichtige Informationen über eine gewisse Zeitspanne erhalten und schließlich als Erregung weitergeleitet. Das ist das Kurzzeitgedächnis. 

Dieses mächtige Instrument der quervernetzten Erregungsausbreitung, der Bahnung und der kreisenden Erregung verhindert also unsinnige und überschießende Reize, es verhindert aber zugleich auch den Untergang wichtiger und notwendiger Impulse.  
Wenn Sie mich jetzt fragen, wie denn die höhere Ordnung in diesem vielfältigen Feuerwerk zustande kommt, dann muß ich die Frage an Ihr Einstellung zur Religion zurückgeben. Ist die Schöpfungsgeschichte, der Werdegang vom Urknall zum Menschen, zufalls- oder gottgegeben? Wie auch immer - auch auf diesem langen Weg hat es ein paar Entgleisungen gegeben. Vielleicht entpuppt der Mensch sich als die schlimmste Entgleisung. 

Störfelder 
Auch in unserem Neuronennetz gibt es Entgleisungen. Die meisten bleiben ohne Folgen. Von irgendwoher kommt ein sinnloser tausendundeinster Reiz: von der Haut ins Vegetativum, vom Vegetativum in die Motorik, von motorischen Impulsen zum sympathischen Grenzstrang...... Ist das ein exzitatorischer Reiz, gibt es ein unerwünschtes Signal am Erfolgsorgan, ist das ein inhibitorischer Reiz, bleibt ein notwendiges Signal aus. Damit ist eigentlich auch schon die uralte semantische Streitfrage unter den Neuraltherapeuten beigelegt, ob wir denn nun etwas blockieren oder ob wir eine Blockade aufheben. Natürlich blockieren wir etwas, denn nichts anderes kann das Procain tun, als eine Signalfortleitung verhindern. Aber das Nebeneinander exzitatorischer und inhibitorischer Nervenzellen läßt uns mit ein und derselben Maßnahme beides tun. Blockieren wir ein exzitatorisches Neuron, verhindern wir eine Reizfortpflanzung, blockieren wir ein inhibitorisches Neuron,  
heben wir damit die Hemmung der Reizfortpflanzung auf. 

Und fließt jetzt der tausendundeinste Reiz in eine kreisende Erregung ein, dann hält er sich auch noch selbst am Leben, wie ein Perpetuum mobile. Er läßt den harmlosen Berührungsreiz zum unerträglichen Schmerz werden, stilisiert das flüchtige Wehwehchen zum nicht enden wollenden Dauerschmerz hoch, wandelt die hypersensible Hautzone in eine cardiale Extrasystole um, inhibiert von der Schulternarbe aus den Leberstoffwechsel...... 

Der unkontrollierte tausendundeinste Reiz kann von überall herkommen. Ich habe Ihnen die Querschaltung erläutert, um die Verbindung zwischen motorischen, sensiblen und vegetativen Bahnen deutlich zu machen. Auf diesem Weg kann in der Tat die Rachenmandel das Hüftgelenk blockieren, der devitale Zahn das Magengeschwür nähren, die Hühneraugennarbe die Migräne auslösen - ohne logischen anatomischen Zusammenhang, und darum auch so schwer zu begreifen. Die Quelle des tausendundeinsten Reizes ist das Störfeld. Und dies gilt es zu finden. Dann genügt schon ein winziges Tröpfchen Procain, um dieses Störfeld auszuschalten. Ein Sekundenphänomen ist erzeugt. 

Das ist der wesentliche Unterschied zur Anaesthesie: Wir müssen nicht tausend synaptische Feuer löschen, sondern nur eines, das tausendundeinste, jenes, das  
die 999fache Bahnung endgültig in ein PSP umwandelt. 

Darin liegt die Kunst des Neuraltherapeuten: Nicht ziellos jede Narbe, jede Veränderung mit Procain zu unterfluten, sondern mit Fingerspitzengefühl gerade den Herd ausfindig zu machen, bei dem die winzige Menge Procain genügt, den unerwünschten Schwarzsender stillzulegen. Um einen Schwarzsender zu orten, sind zwei Richtpeilungen erforderlich. So auch beim Störfeld. Peilen Sie es zeitlich und räumlich an, dann sparen Sie Procain. Wenn eine Migräne kurz nach einem Beinbruch begann, dann ist natürlich die Narbe am Bein hochgradig störfeldverdächtig. Verdächtiger jedenfalls, als der Zahn, der erst lange nach Migränebeginn gezogen wurde. Fahnden Sie also zunächst nach zeitlichen Zusammenhängen. Allerdings kann man dabei in eine Falle tappen. Manch Störfeld wird erst als Zweitschlag, im teamwork mit einem anderen, bis dahin stillen Störfeld, zum Übeltäter. Beispiel: Die alte Gallennarbe hat jahrzehntelang keinen Kummer bereitet. Sie war zwar Störfeld, aber unterschwellig. Sie hat immer nur den 999ten Impuls geschickt, der noch nicht reichte. Und nun kommt der linke letzte Backenzahn mit einer Wurzelbehandlung hinzu. Er schickt den tausendundeinsten. Und schon haben wir die Periarthritis humeroskapularis, die steife Schulter, die ja nun ihrerseits munter ihre Schmerzimpulse weiterfeuert. Als kreisende Erregung lodert nun ein synaptisches Feuerwerk. Der Zahn ist natürlich dringend verdächtig - und auch schnell geortet und ausgeschaltet. Aber die alte Gallennarbe ist nun mobilisiert, und jetzt heißt es, auch sie zu erkennen und zu entschärfen. 

Die zweite Peilung zielt auf die topografische Zuordnung. Ein potentielles Störfeld, das im zugehörigen Segment des er erkrankten Organs liegt, schiebt sich immer in den Vordergrund des Verdachtes, auch wenn der segmentale Zusammenhang nicht zwingend gegeben sein muß. Lassen Sie mich hier daran erinnern, daß  Hautsegmente, Unterhautzellgewebssegrnente, Muskelsegmente, Periostsegmente und Organsegmente sich nicht immer topografisch decken. Das gestörte Periost in der Tiefe kann sehr wohl einem anderen Segment zugehören, als die darüberliegende Hautnarbe. Auch sind die oberflächlichen Segmentzonen nicht scharf gegeneinander abgegrenzt, sie überlappen sich, weil sie in der Regel aus mehreren Rückenmarkssegmenten versorgt werden. Klammern Sie sich darurn nicht zu sehr an die hübschen Zebramännchen aus den Head'schen Zonentafeln einiger Lehrbücher. Halten Sie sich besser an die groben Gebietszuordnungen, wie Sie sie im Dosch finden. 

Richten Sie dabei besonderes Augenmerk auf die Halswirbelsäulen-, Nacken- und Rückenpartie, die segmental mit den besonders anfälligen Organen im Thorax und Oberbauch korrespondiert. Gallenkoliken ohne Steinverschluß, pectanginöse Schmerzen ohne Cholesterinpfropf, Nierenspasmen ohne organische Veränderung.... Das alles ist doch nichts anderes, als die Folge sinnloser, überschießender exzitatorischer Aktionspotentiale am Erfolgsorgan. 

Und was tut die moderne Pharmakotherapie? Sie hemmt diese Potentiale mit Betablockern an den postsynaptischen Rezeptoren oder mit Calciumantagonisten an der motorischen Endplatte. Aber nicht etwa selektiv am gestörten Organ, noch weniger selektiv an der Quelle der störenden Impulse, dem Störfeld, sondern grobschlächtig im gesamten Neuronennetz, von der Großzehe bis zum Großhirn. Da lob' ich mir doch die gezielte Kunst des Neuraltherapeuten. 

Segmenttherapie 
Mein Bemühen, Sie zu bahnen und schließlich mit synaptischem Feuer zu erhellen, hat hoffentlich jenes Aktionspotential gezündet, das Ihnen die Erleuchtung gibt, wie denn nun die einfache Segmenttherapie wirksam wird, auch ohne daß ein sekundenphänomenverdächtiges Störfeld zu finden war. Ganz einfach, logisch und folgerichtig: Wenn sie die Summe aller exzitatorischen Synapsen an einem Erfolgsorgan vermindern, indem Sie im zugehörigen Segment das hypersensible Hautareal beruhigen, dann können Sie auch zum Ziel kommen. Es muß ja nicht die tausendundeinste Synapse sein, die Sie unterbinden. Wenn Sie Synapse 225 und 743 ausschalten, sinkt die Summe auch von 1001 auf 999, - und das unerwünschte EPSP bleibt aus. 

Segmenttherapie muß auch nicht unbedingt mit der Procain-Spritze erfolgen. Jede Wärme- oder Kälteanwendung, Bestrahlung, Einreibung, Reiztherapie  
oder was immer Sie sich auf der Haut einfallen lassen, kann im Sinne der Segmenrtherapie die Zahl unerwünschter Synapsen verändern. Und schon geht Ihnen noch ein Licht auf: warum nämlich die Injektion an ein Ganglion oder einen Plexus oft so frappierende Wirkung zeigt. Sie schalten hier gleich ganz massiv gebündelt synaptische Impulse aus. Nicht gezielt Nummer 1001, auch nicht zart und bescheiden Nummer 743, sondern mit einem Hammerschlag Synapse 250 bis 480. Sicher mit Erfolg, denn die große Zahl der getroffenen Neurone kommt ja schon einer Anaesthesie gleich. Aber Sie merken schon an meinem Unterton, daß mir hier etwas mißfällt. Wir wollten eigentlich mit der Neuraltherapie eine sanfte, regulative, gefahrlose Therapie in die Medizin einführen. Die Procain-Injektion an die meisten Ganglien ist aber alles andere als gefahrlos, und wir sollten sie meiden, wo immer es geht. Ich weiß, manch Künstler unter uns fühlt sich großartig, wenn er abenteuerliche Injektionen, wie die zwischen 11. und 12. Rippe, mit 12 cm-Kanüle zwischen Niere und Lunge hindurch an den unteren Grenzstang, oder was immer er getroffen haben mag, zelebrieren kann. Zugegeben, vor 15 Jahren hat mich das auch beeindruckt und gereizt. Inzwischen bin ich bescheidener und weniger kühn geworden. 

Da, wo wir mit weniger Aufwand und Risiko den gleichen Effekt erzielen können, sollten wir den bescheideneren Weg gehen. Es zeugt von mehr Kunstfertigkeit, wenn wir mit einer halben Ampulle Procain ein Störfeld treffen, als wenn wir massiv und simpel wie Pseudoanaesthesisten eine Leitungsbahn unterbrechen. 

Procain 
Lassen Sie mich noch ein Wort zu der halben Ampulle Procain sagen. Es gab vor einem Jahr einen Aufruf des Bundesgesundheitsamtes, in dem vor der hohen Allergiegefahr des Procains gewarnt wurde. Ich bin der Sache ein wenig nachgegangen, indem ich mich um die Quellen dieser Warnung gekümmert habe. Es bleibt mir beim besten Willen unklar, wo in den zitierten Quellen das BGA Anlaß zu dieser Warnung gefunden hat. Ich habe dann weiter die einschlägigen  
toxikologischen Datenbanken online an-gezapft. Genauso Fehlanzeige.  
Procain in großen Mengen hat zwar eine gewisse Toxität. Der Neuraltherapeut, der im obigen Sinne weniger als 5 ml pro Sitzung benötigt, liegt immer sicher unter dieser Toxitätsgrenze. Wer mehr verbraucht, betreibt Infiltrationsanaesthesie, aber keine Neuraltherapie. Hinweise auf Allergien finden sich jedoch immer nur als warnender Zeigefinger in der Sekundärliteratur. Originalien, die eine Allergie oder Anaphylaxie belegen, sind äußerst spärlich. Oft handelt es sich bei näherem Hinsehen um Pseudoallergien, um die Anwendung von Procain-Penicillin oder ähnliche Irrlichter. Von einer besonders ausgeprägten Allergie-Tendenz kann angesichts der großen Zahl Procain-behandelter Patienten keinesfalls die Rede sein. 

Aber möglicherweise handelt es sich bei der Warnung vor der Procain-Allergie auch nur um die sinnlose synaptische Entgleisung eines Störfeldes. Dann allerdings sollten wir es - wie eben gelernt - gezielt ausschalten!