Angina pectoris - differentialdiagnostische Überlegungen

Von Hans-Heinrich Jörgensen

(in "Naturheilpraxis" 10/1987)


Lassen Sie mich mit einer Provokation beginnen: Trotz aller Fortschritte in der apparativen Medizin gibt es bis heute kein verifizierbares reproduzierbares Verfahren, die Angina pectoris wirklich objektiv zu diagnostizieren. Wir sind nach wie vor in erster Linie auf unsere fünf Sinne und auf die subjektive Schilderung des Patienten angewiesen. Dies gilt für die moderne Klinik mit all ihrem technischen Aufwand ebenso wie für uns. Sie hat trotz all ihrer Möglichkeiten keinen Vorsprung. Dabei zu irren ist nicht das Privileg der Heilpraktiker. So sehr wir bemüht sind, Irrtümer zu vermeiden, wir haben keinen Grund, in Sack und Asche zu gehen, wenn diagnostische Fragen offen bleiben, wenn Therapien nicht immer den erhofften Erfolg bringen, oder wenn unser prognostisches Urteil einmal daneben lag. 

Der herzchirurgische Krimi aus Berlin hat uns anfangs des Jahres deutlich gemacht, wie nahe Irrtum und Tod liegen. Da kommt ein Angina pectoris-Patient zu Fuß in die Klinik, wird zur Bypaß-Operation überredet und stirbt unter dieser Operation. Nur - man läßt ihn nicht. Innerhalb einer Woche setzt man ihm ein Kunstherz ein, transplantiert ein Spenderherz und amputiert zwischendurch sein Bein. Und erst dann darf er sterben. Ich konzediere, daß all diese Maßnahmen vom guten Willen zu helfen und zu retten getragen waren. Und doch drücken sie ein Mißverhältnis zwischen technologischer Euphorie und menschlicher Barmherzigkeit aus. Der schlimme Irrtum lag in der Fehleinschätzung der Bypaß-Chancen. Ich weiß nicht, wie lange dieser Patient noch hätte leben dürfen, wenn er seinen Fuß statt durch das Tor der Klinik in die. Praxis eines Heilpraktikers gesetzt hätte. Aber er hätte gelebt statt gelitten. 

Die Fähigkeit zur möglichst treffsicheren Diagnose, die Beurteilung der Prognose und vor allem die Einschätzung der eigenen Möglichkeiten zeichnet den guten Heilpraktiker aus. Dahin möchte ich Sie ein kleines Schrittchen näher bringen. 

Zum besseren Verständnis lassen Sie mich vorab drei pathophysiologische Phänomene erläutern, die noch nicht in jedermans Bewußtsein gedrungen sind. 

1. In den Koronargefäßen fließt das Blut nur während der Diastole, dem Ansaugtakt des Herzens. Während der Systole, dem Arbeitstakt, drücken die kontrahierenden Muskelzellen die Koronargefäße zusammen, und es kommt zum nahezu völligen Stillstand des Blutflusses.  
Je insuffizienter das Herz, desto länger dauert die Systole, weil das Herz nicht imstande ist, das Blut kraftvoll und mit Schwung auszutreiben. Es preßt das Blut langsam und mühselig aus den Kammern. Je länger aber die Systole dauert, desto kürzer und schlechter ist die Durchblutung der Koronarien. Darum sind Insuffizienz und Angina pectoris auch nicht voneinander zu trennen. Jede lnsuffizienz zieht eine Angina pectoris nach sich, weil der Herzmuskel nur unzulänglich mit Blut versorgt wird - wie auch der übrige Organismus. Und jede Angina pectoris hat eine lnsuffizienz im Gefolge, weil der mangelhaft versorgte Muskel an Kraft einbüßt. Auf den verhängnisvollen Trend der Medizin, diese Binsenweisheit zu verdrängen und mit Betablockern und Vollgas rückwärts zu fahren, komme ich noch zurück. 

2. Fast jeder Herzinfarkt beginnt mit einer spastischen Kontraktion der Gefäßmuskeln. Nicht die sklerotische Einengung und schon gar nicht die Thromboembolie sind die Ursache des Infarktes.  
Die sklerotischen, sprich fettig-bindegewebigen Degenerationen an der Gefäßinnenwand, die erst sehr spät calzifizieren, wachsen nur sehr selten zum kompletten, das ganze Lumen versperrenden Verschluß heran. Sie sind in der Regel auch nicht konzentrisch, die Gefäßwand im Querschnitt rundherum ausfüllend, sondern fast immer exzentrisch, die Gefäßwand in ihrem Umfang nur teilweise bedeckend. Die gesunden Wandteile können sich spastisch verengen. Darum sind sie aber auch einer spasmolytischen Therapie zugänglich. Im Präinfarkt, im beginnenden Stadium, im Zeitpunkt des Krampfes, ist die Spasmolyse darum auch die Therapie der Wahl. Kommt es infolge der spastischen Einengung zum Stillstand des Blutstromes, gerinnt das Blut, und es bildet sich eine Thromboembolie, die stets die Folge, aber nur ganz selten die Ursache eines Infarktes ist. In diesem Stadium ist allein die Thrombolyse mit Strepto- oder Urokinase lebensrettend. Die zusätzliche Gerinnungsaufhebung mit Cumarin-Derivaten ist nur in diesem akuten Stadium sinnvoll. Als Dauerprophylaxe über Jahre hinweg schadet sie jedoch mehr, als sie nützt. - Man setzt ja auch keinen Patienten prophylaktisch lebenslang unter Penicillin, um ihn vor einer möglichen Lungenentzündung zu bewahren. Diese künstliche "Bluter"-Therapie ist zu Recht umstritten und im Abklingen. 

3. Eine reine gefäßerweiternde, dilatatorische Therapie führt zum Steal-Effekt. Die gesunden Gefäßwände sprechen schneller und besser auf den dilatatorischen Effekt an als die sklerotisch verhärteten, so daß das Blut im gesunden Areal versickert, auf Kosten des ohnehin ischämischen Bezirks. Das gilt für Herz und Hirn gleichermaßen. Der Steal-Effekt läßt sich vermeiden, wenn zugleich das Schlagvolumen des Herzens erhöht wird, um den erweiterten Gefäßen auch mehr Blut anzubieten. 

Sie sehen: Herzinsuffizienz, Angina pectoris und Herzinfarkt sind nicht ihrer Natur nach unterschiedliche Erkrankungen, sondern nur verschiedene Stufen einer gleichartigen Störung.  
Unterscheiden müssen wir diese organischen Herzkrankheiten, die letztendlich immer das Leben bedrohen, jedoch vor allem von funktionellen Störungen, Krankheiten des Verdauungstraktes, orthopädischen Beschwerden, Elektrolytstörungen und iatrogenen - vom Arzt erzeugten - Krankheiten. 

Der Reihe nach, ohne daß damit eine Wertung der Häufigkeit oder Gewichtigkeit vorgenommen wird:  
 

1. Funktionelle Beschwerden

Funktionelle Beschwerden sind jene vermeintlichen Angina pectoris-Schmerzen, denen keine nachweisliche organische Veränderung zugrunde liegt, wobei ich an die Schwierigkeit oder Unmöglichkeit eines solchen Nachweises erinnern möchte. Wir tun uns mit diesem Begriff schwer und haben uns immer neue schöne Umschreibungen dafür einfallen lassen, daß wir den "schwarzen Peter" dem Patienten zurückschieben. Nach dem Motto: "Wenn ich nichts finde, kannst Du auch nichts haben." Herzneurose, vegetative Dystonie, psychosomatisch bedingt, larviert depressiv - sagen wir, zeigen Verständnis für die Seele als Quelle des Schmerzes - und denken still bei uns: "Der stellt sich an!"  
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Ein Irrtum ist fatal. Es ist gleichermaßen schlimm, ob nun der tatsächlich Herzkranke in die pharmakologische Zwangsjacke Benzodiazepin gesteckt wird, ob das seelenschmerzgepeinigte Herz mit Digitalis oder Betablockern traktiert wird, oder ob der vermeintliche Simulant beim Belastungs-EKG einen Herzinfarkt erleidet. 

Da wir ja mit den beliebten gelben Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen nicht so viel zu schaffen haben, ist uns die Unterscheidung etwas leichter gemacht. Der vorsätzlich Krankheit Vortäuschende ist nicht unser Patient. Wir können von einem echten Leidensdruck ausgehen, mag er nun von der Seele, vom Bauch oder von den Koronarien her kommen. 

Drei Zeichen helfen uns - mit allen Vorbehalten - zu unterscheiden: 

1. Der Patient, der seinen Seelenschmerz auf den Körper projiziert, bringt dabei sein angelesenes Wissen mit ein. Und je präziser er die klassische Lokalisation "Herzregion, linke Schulter, linker Arm im Ulnarisgebiet" schildert, desto mehr sollte man an diese Möglichkeit denken, denn der echte Herzschmerz ist viel weniger typisch lokalisiert. Er strahlt genauso gern in den Bauch, wie in den Rücken oder nach rechts aus. 

2. Körperliche Belastung verschlimmert die echte Angina pectoris, ist beim Infarkt kaum möglich, verbessert aber den Zustand bei funktionellen Beschwerden. 

3. Es fehlen die drei klassischen Zeichen der Herzinsuffizienz. Die Pumpkraft des Herzens ist mit Praxismitteln genau so wenig meßbar, wie die Angina pectoris. Auch das EKG sagt über Suffizienz oder lnsuffizienz nichts aus. Die Trias Dyspnoe, periphere Ödeme und Nykturie sind immer noch das sicherste Merkmal. Atemnot wegen der mangelnden Pumpleistung des Herzens, Ödeme an den Unterschenkeln wegen des venösen Rückstaus mit veränderter Osmose und nächtliches Wasserlassen, weil in der nächtlichen Ruhepause dieser Stau wieder abgebaut wird.  
 

2. Verdauungstrakt

Ludwig Roemheld hieß der Internist, der erstmals beschrieb, daß ein aufgeblähter Darm das Zwerchfell und damit das auf ihm liegende Herz aus seiner Lage bringen und stenokardische Beschwerden auslösen kann. Schon mancher ist mit Blaulicht auf der lntensivstation gelandet, weil ein übler Wind im Darm ihn glauben machte, es ginge nun zu Ende. 

Zu den ganz selbstverständlichen Routinemaßnahmen sollte darum - und natürlich auch aus anderen Gründen - stets die Palpation und Perkussion des Darmes gehören. Es bereitet auch dem Ungeübten keinerlei Schwierigkeiten, den hohlen Trommelklang des aufgeblasenen Darmes vom satten Ton des blutgefüllten Herzens beim Draufklopfen zu unterscheiden und damit den Zwerchfellstand zu bestimmen. 

Ich weiß nicht, ob das Auftreten bestimmter Krankheiten der Mode unterliegt, oder nur ihre Erkennung. Jedenfalls ist die Gastritis, die vor 15 und 20 Jahren ungemein häufig vorkam, heute fast schon selten geworden. Dennoch sollte man beim vermeintlichen Infarkt ein perforierendes Ulcus und den Kardiospasmus ins Kalkül einbeziehen, und bei der vermeintlichen Angina pectoris auch an die Möglichkeit der Hiatushernie (Zwerchfellbruch) und an Ösophagusdivertikel, jene Ausstülpungen der Speiseröhre, in denen sich so gern Speisereste festsetzen, denken. 

Ich sag's noch einmal: Der Herzschmerz kann auch nach rechts ausstrahlen und unterliegt darum der Gefahr, mit Gallenschmerzen verwechselt zu werden. Nur Beutelschneider - buchstäblich genommen - interessieren sich primär für die Gallenblase, ist doch ihre Störung nur sekundär die Folge einer Leberfunktionsabnormität. Konkremente fallen im Gallensaft nur dann aus, wenn dieser in seiner Beschaffenheit unphysiologisch ist. Und darum gilt es, das Herz diagnostisch nicht nur gegen die Galle, sondern vor allem gegen die Leber abzugrenzen. Wechselbeziehungen gibt es in beiden Richtungen: Die Rechtsinsuffizienz staut Blut in die Leber zurück, so daß diese anschwillt. Die gestörte Leber wiederum erzeugt Blähungen, die das Herz aus der Lage bringen, das Roemheld-Syndrom. Und schließlich schlägt die mangelhafte Entgiftung des Blutes auf die Ökonomie des Herzstoffwechsels durch. Wenn Sie also schon den Bauchraum palpieren und perkutieren, dann gehört die Leber dazu, deren Vergrößerung am besten in der Mitte zwischen Median- und Mammilarlinie zu erkennen ist. 

Ich habe eingangs von den fünf Sinnen gesprochen, dazu gehört auch die Nase. Der fortgeschrittene Leberzirrhose-Patient bringt einen ganz typischen Geruch mit ins Zimmer, den man, einmal gerochen, nie wieder vergißt. 

Aber an dieser Stelle muß ich einmal die Labormäuse streicheln. Die Zeit, da ein Leberparenchymschaden erst am Ikterus, an den Bauchvarizen, der Organverhärtung, dem Aszites und dem Foetor im schon fast tödlichen Stadium erkannt wurde, ist dank ihrer Kunst vorbei. Die Bestimmung der Transaminasen macht die Zirrhose so frühzeitig diagnostizierbar, daß sie heilbar ist - vorausgesetzt der Schnaps kommt vom Tisch. Allerdings: Die stets und überall gemessenen Standarduntersuchungen y-GT, GOT und GPT sind nicht in der Lage, zwischen Herz und Leber zu unterscheiden, weil sie von beiden Organen freigesetzt werden. Die Bestimmung der GLDH (Glutamatdehydrogenase) hingegen, notieren Sie das ruhig, ist deutlich leberspezifisch. Nur: sie dauert im Labor zwanzig statt drei Minuten und bringt nur den gleichen Gebührensatz. Darum fehlt sie in den meisten Laborberichten. 

Am beachtenswertesten im Sinne unseres Themas scheint mir die Bauchspeicheldrüse zu sein, eben weil sie so wenig Beachtung findet. Sie gibt röntgenologisch nichts her, und auch im Ultraschallstrahl fängt sie nicht an zu singen. Tasten kann man sie nicht, und im Labor ist die alpha-Amylase hoch störanfällig, bleibt also allein die Lipasebestimmung - und vor allem das "dran Denken". Bei Fettunverträglichkeit assoziieren wir immer ganz automatisch und ebenso falsch "Galle". Die Galle leitet die Fettverdauung nur ein, verdaut werden die Fette schließlich durch die Lipase der Bauchspeicheldrüse, und darum: dran denken!!! ist hier schon die halbe Diagnose. Übrigens, wenn das Pankreas weh tut, dann meist nicht im Bauch, sondern im Rücken, zwischen den Schulterblättern, dort wo der BH-Verschluß sitzt.  
 

3. Orthopädische Beschwerden

Und mit dem Rücken wären wir dann auch schon bei der Orthopädie. Faustregel - wie alle Faustregeln mit Vorbehalt -: Jeder orthopädische Schmerz wird durch Bewegung verändert. Sich bücken oder strecken, sich biegen oder einen Katzenbuckel machen verändert den Schmerz. Er wird schlimmer oder besser oder anders. Der tief drinnen liegende Organschmerz hingegen bleibt durch Bewegung unverändert. Das gilt fürs Herz ebenso wie für die Bauchspeicheldrüse oder andere Organe. 

Prüfen Sie bei jeder vermeintlichen Angina pectoris sorgfältig die Hals- und Brustwirbelsäule. Das Herz wird neben seiner Autonomie von den sympathischen Fasern aus C3 bis D8 nerval versorgt - oder gestört. 

Gehen Sie bei dieser Untersuchung des Halses, Nackens und Rückens systematisch vor, wie Sie es im Neuraltherapiekurs gelernt haben: Zunächst nur mit dem Auge nach Narben, Störfeldern, Hyperämien und Hyperhidrosisherden in den Segmenten fahnden. Erst dann vorsichtig tastend die Haut auf Dermographien und Hypersensibilitäten untersuchen, und erst zuletzt knetend, in die Tiefe fühlend, die Muskulatur auf Verspannungen durchforsten. Auch die Anamnese hilft differentialdiagnostisch weiter. Auffahrunfälle mit Peitschenschlageffekt sind verdächtig. Nackenverspannungen sind typisch bei Schreib-, Rechen- oder ähnlichen Maschinenbedienerinnen.  
Apropos Bedienerinnen ..., Dienerinnen... Insbesondere bei jener Frauengeneration, denen das Dienen vor der Emanzipation stand, hängen Nackenverspannungen oft mit einer gestörten Sexualität zusammen. Wer sich sachkundig fühlt, hier mit gutem Rat zu helfen, schließt sich eine Tür zur Seele seiner Patientin auf und sät Dankbarkeit. 

Den häufigsten Anlaß zu Verwechslungen bietet die Periarthritis humeroscapularis, die Entzündung der Schultergelenkskapsel. Dieses Gelenk mit seinem riesigen Bewegungsspielraum ist von einer faltigen Kapsel umhüllt, dessen Falten sich gern entzünden, dann miteinander verkleben und verwachsen und darum nach der akuten Phase eine deutliche Bewegungsbeeinträchtigung hinterlassen, die uns differentialdiagnostisch auf die richtige Fährte bringt. Armbewegungen nach hinten - an den Hinterkopf, wie beim Kämmen und in eine imaginäre Gesäßtasche auf der anderen Seite - sind schmerzhaft und nur eingeschränkt möglich. Damit die aus dem Schultergelenk behinderte Bewegung nicht aus dem Schultergürtel kompensiert wird, halten Sie das Schulterblatt und das Schlüsselbein mit der Hand fest. Eine peri- oder intraartikuläre Procaininjektion schafft Ihnen unter Umständen eine Diagnose ex juvantibus. Ich habe jahrelange vermeintliche Stenokardien nach einer einzigen Procaininjektion ins Schultergelenk verschwinden sehen. Ich habe aber auch jahrelang mit Antirheumatika behandelte Schulterleiden nach einem Herzglykosid zweiter Ordnung verschwinden sehen. Dran denken!! Nicht zuletzt deswegen, weil Antirheumatika dem Herzpatienten schaden. Und auch dem Patienten mit einem degenerativen Gelenkschaden. Es hat sich immer noch nicht herumgesprochen, daß Antirheumatica nur einen sehr engen Anwendungsbereich haben: die primär oder progredient chronische Polyarthritis. Bei allen degenerativen Gelenkerkrankungen sind sie hingegen streng kontraindiziert, weil sie die Degeneration verschlimmern. 

Und Sie sollten auch an Neuralgien denken, z. B. die lntercostalneuralgie, die leicht mit der Angina pectoris verwechselt werden kann. Lassen Sie mich Ihnen aus meiner ganz persönlichen Praxiserfahrung mit auf den Weg geben, daß der Trigeminusneuralgie oft eine unerkannte Herzinsuffizienz zugrunde liegt. 

Typisch für neuralgische Schmerzen ist die hohe Sensibilität der Haut und ihr Brennschmerz, labormäßig meist eine Anämie mit einem HbE-Wert über 30 pg. Jeder, der viel Laboruntersuchungen macht, wird mir bestätigen, daß im Gegensatz zu aller Lehrbuchweisheit nicht mehr die Eisenmangelanämie mit dem niedrigen HbE-Wert die häufigste Anämie-Form ist, sondern die früher seltene, aber perniziöse (bösartige, weil unheilbare) Anämie, die heute dank der Vitamin-B12-Spritze zwar heilbar und harmlos geworden ist, dafür aber um so häufiger.  
Hinter der Neuralgie kann sich natürlich auch ein Herpes zoster verstecken, dessen Bläschen noch nicht oder nicht mehr zu sehen sind.  
 

4. Elektrolytstörungen

Daß der Elektrolythaushalt ein wenig mein Steckenpferd ist, wissen die meisten von Ihnen. Eine in ganz bestimmte Richtung weisende Werbekampagne tut in letzter Zeit so, als sei das lebenswichtige Element Calcium vom Teufel erfunden, und als gäbe es nichts besseres, als es durch Antagonisten zu hemmen. Nun brauchen wir ja Calcium ganz dringend fürs Skelett und viele andere Funktionen, und eher leiden wir Mangel als Überschuß daran. Störungen lassen sich nicht im Serum, auch nicht im VolIblut diagnostizieren, weil der Bestand hier stets aus den Skelettreserven wieder aufgefüllt wird. 

Nicht das Vorhandensein von Calcium bewirkt Spasmen, wohl aber ist eine Muskelkontraktion - am Herzen wie an den Gefäßmuskelfasern - ohne Calciumeinstrom nicht möglich. Verhindert man diesen Einstrom mit Calciumantagonisten, kann man in der Tat Spasmen, deren eigentliche Ursache natürlich ganz woanders liegt, vermeiden oder lösen. Allerdings hemmt man damit auch die Kontraktion und damit den Trainingszustand des Herzmuskels, wie umgekehrt Calcium, massiv injiziert, die Glykosidwirkung am Herzen verstärkt. Darum bitte bei digitalisierten Patienten keine Calciumspritze i.v.! 

Nicht so sehr der absolute Calcium-Spiegel, sondern das Verhältnis Calcium:Kalium:Magnesium zueinander ist für eine ausgeglichene Herzfunktion, sowohl was Pumpkraft wie Rhythmus betrifft, maßgebend. Und da die heute so beliebte diuretische Therapie immer zu Kalium- und Magnesiumverlusten führt, muß gegebenenfalls dieses Gleichgewicht wiederhergestellt werden. Es hat nach neuen Erkenntnissen wenig Sinn, Kalium allein zu geben. Magnesium erst hält es in der Zelle fest. Darum ist beides, Kalium und Magnesium, gemeinsam nötig. Das ist physiologischer (!) Calciumantagonismus: natürlich, schadlos und billiger. 

5. latrogene Beschwerden

Wir sind bereits bei den iatrogenen Stenokardien angelangt, jenen, die durch eine falsche Therapie erzeugt werden. Die iatrogenen Krankheiten nehmen einen großen Raum in unseren Praxen ein, und wir sollten uns immer sehr kritisch fragen: Muß der Patient das Vormedikament weiternehmen, weil es lebensnotwendig für ihn ist? Kann er es nehmen, ohne daß es stört? Oder muß er es absetzen, weil gerade das die Ursache seiner Beschwerden ist? Das allerdings setzt eine exakte Kenntnis der üblichen schulmedizinischen Therapieformen voraus. 

Auf eine Medikamentengruppe möchte ich in diesem Zusammenhang besonders hinweisen, die als wirksames Prinzip gegen die Angina pectoris angepriesen wird, obwohl sie ein potentieller und potenter Herzinsuffizienz-Erzeuger und Durchblutungshemmer ist: die Betarezeptorenblocker.  
Sie hemmen die adrenerge Stimulation des Herzens. Genau das aber ist die physiologische Ersthilfe bei einem Nachlassen der Herzleistung, und erst recht im Notfall. Wenn Herzschmerzen aus einem Mißverhältnis zwischen  arbeitsbedingtem  Sauerstoffbedarf und Sauerstoffangebot entstehen, läßt sich dieses Mißverhältnis auf zweierlei Weise ins Lot bringen: Mehr Sauerstoff heranbringen, was mir allein sinnvoll erscheint, oder weniger Sauerstoff verbrauchen, indem man dem Herzen die Bremse anzieht. Das aber bedeutet zugleich ein Nachlassen der Herzleistung und eine Minderdurchblutung des ganzen Organismus, einschließlich des Herzens selbst. 

Man hat sich in der Praxis draußen von den Werbemillionen, die den Markt für die rund 50 Betablocker pflügen sollen, und von den statistischen Kunstgriffen, mit denen eine berauschende Wirksamkeit vorgegaukelt wird, einlullen lassen und sich weithin für das Brems-Prinzip entschieden. Meine ganz persönliche Meinung: Die Medizin hat oft geirrt. Einer der schlimmsten Irrwege aber ist - neben den Psychopharmaka - dieses Prinzip. 

Betablocker werden häufig zur Blutdrucksenkung verwendet. Die mit fetischistischem Eifer betriebene Blutdrucksenkung ist zweischneidig und fragwürdig. Auch wenn die abrupte Blutdrucksenkung nicht immer gleich tödlich ist, sie kann zur Ursache der Angina pectoris und des Infarktes werden. Ich kenne in meiner Praxis mehrere Patienten, die ihren Infarkt und Apoplex erst dadurch erlebten, daß ihr Blutdruck plötzlich in die Knie gezwungen wurde und nicht mehr ausreichte, vitale Zentren zu durchbluten. Wir sollten bei unseren differentialdiagnostischen Überlegungen auch hieran denken. 

Ich habe bei meinen differentialdiagnostischen Überlegungen großes Gewicht auf jene Punkte gelegt, die ich anders sehe und erlebt habe, als die herrschende Lehrbuchmeinung. Lassen Sie mich abschließend wieder etwas Versöhnliches sagen: Wir Heilpraktiker sind nicht besser als die anderen, wir sind nur anders und gehen andere Wege. Wir können nicht immer alles besser diagnostizieren, an dem die anderen sich die Zähne ausgebissen haben. Ein geäußerter Verdacht ist oft schon sehr viel. Wir können auch nicht immer alles heilen, was die anderen für unheilbar halten. Ein weniger schädlicher Weg zu lindern ist ebenfalls schon sehr viel. 

Wenn wir mehr Mut und Bereitschaft haben, uns ungewöhnlichen und Außenseitermethoden zuzuwenden, dann sollte das nicht sein, weil uns der Wissensstand der Schulmedizin zu unerreichbar hoch scheint, sondern weil er zu tief hängt, weil wir seine Möglichkeiten kennen, aber auch seine Grenzen - und weil wir darüber hinaus mehr tun wollen - nicht weniger. 

Anschrift des Verfassers: Hans-Heinrich Jörgensen, Moorbeker Straße 35, 26197 Großenkneten