Psychotherapie und Wirklichkeit

Hans-Heinrich Jörgensen

("Naturheilpraxis" Nr. 3/1982) 

Die Psychologie, die Lehre von den normalen seelischen Verhaltensweisen, hat sich zunehmend zur Hilfswissenschaft der Psychiatrie und der Psychotherapie entwickelt. Diese wiederum erklären immer mehr normale Verhaltensweisen zu pathologischen und schaffen sich damit ein Arbeitsfeld, das sich beängstigend und bedenklich ausweitet. Als Echo darauf zeigt sich eine zunehmende Tendenz zu Zweifeln und zur Kritik. Diese Kritik zu artkulieren, bringt einen in die gefährliche Nähe des Lynchtodes. Ich will es trotzdem versuchen: 

Die Lehre von der Seele ist eine Pseudowissenschaft. Sie arbeitet am undefinierten Objekt mit nicht exakt definierten Begriffen. Sie weist keine meßbaren Kriterien auf, Methoden und Ergebnisse sind nicht vergleichbar und darum auch nicht verifizierbar. Es gibt keine Fremdkontrollen und keine Reproduzierbarkeit. Alles das aber sind Notwendigkeiten, wenn man den Begriff der Wissenschaftlichkeit für sich in Anspruch nehmen will. 

Die Psychologie schafft sich eine eigene Nomenklatur. Das wäre ganz normal und nicht schlimm, wenn diese nicht oft zu einem unverständlichen Kauderwelsch geriete, das niemand versteht; wenn sie nicht Worte schaffte für Begriffe, die es gar nicht gibt, wenn sie nicht zu einer Fremdsprache entartete, die aus unübersetzbaren Idiomen besteht. Das Schlimme: niemand wagt zuzugeben, daß er den Höhenflug mancher Psycho-Autoren nicht nachvollziehen kann. 

Die Thesen, die oft nur Hypothesen sind, erhalten das Gewicht von Naturgesetzen. Und wehe dem, der diese bestreitet oder nicht lückenlos herbeten kann. Ich habe in zwanzig Jahren Praxis so viele Methoden kommen und gehen sehen, daß ich mittlerweile darauf verzichte, jede neue nachvollziehen zu wollen. 

Als peinlich und anmaßend empfinde ich, daß die Dreieinigkeit von Psychologen, Psychotherapeuten und Psychiatern selbstgesetzte Normen für richtig und verbindlich erklärt und Abweichungen als krankhaft und behandlungsbedürftig deklariert. Ganz normale und übliche Verhaltensweisen werden zur Krankheit hochstilisiert. Kummer und Niedergedrücktsein gehören zum menschlichen Leben wie Durst und Hunger und Müdigkeit. Nennt man das Niedergedrücktsein jedoch lateinisch »Depression«, wird es zur Krankheit. Man schafft auf diese Weise unzählige Kranke - in dreifachem Sinne. Nicht nur, daß man mit der eigenen Definition von Krankheit gesunde Menschen als krank "vereinnahmen" kann, nein, der Stempel "seelisch krank" macht die Menschen in der Tat krank. Und wenn sie dann noch therapiert werden.... 

Jeder 5. Schüler soll verhaltensgestört sein. In unserem Sechzigmillionenland sollen 9 Millionen Depressive leben, 20 Millionen Menschen sollen angeblich behandlungsbedürftig sein. Vielleicht hat man diese Zahlen nicht nur auf Psychologenkongressen verkündet, sondern auch ermittelt? Mir fällt bei solchen Zahlenspielen immer der Glasermeister ein, der seinem Sohn eine Steinschleuder schenkt. 

500000 Schizophrene soll es hierzulande geben, was immer das sein mag, aber jeder zweite Insasse einer Nervenklinik gilt als schizophren. Trotz immer neuer Beschreibungen dieses "Krankheitsbildes" bleibt diese Diagnose bislang immer noch ein sehr vager Begriff, in den sich alles und nichts hineinpacken läßt. Es ist ja auch so herrlich bequem für die Gesellschaft, Abweichler, Außenseiter, Unverstandene in eine verschließbare Schublade mit der Aufschrift "Schizophrenie" zu stecken. Man muß sich nicht mehr mit ihnen auseinandersetzen. 

Nicht so tragisch, eher erheiternd, deswegen nicht minder anmaßend, wirkt es, wenn Psychologen sich erdreisten, zu allem und jedem ihren Senf dazuzugeben. Ob es um die Berufswahl und die Einstellung auf einen Arbeitsplatz, um die Eignung zum Studium, die Zwischenprüfungen, Schulschwierigkeiten oder den Führerschein geht, überall reden sie mit und machen ihre Maßstäbe zur gültigen EIle. 

Sie trauen sich zu, anderen in Ehe-, Berufs- oder sonstigen Schwierigkeiten kluge Ratschläge zu erteilen. Und oft kommen sie selbst nicht zurecht mit ihren eigenen Problemen. In der Tat stellen die Psychotherapeuten die Berufsgruppe mit der höchsten Suizidrate. Daß der Anteil an Psychopathen unter den Psychologen besonders hoch sei, ist nicht nur ein gern gebrauchter Witz, sondern auch ganz leicht erklärlich. Die Motive, die zur Berufswahl "Psychologe" geführt haben, stellen wichtige selektive Elemente dar. Wer aus eigenem Erleben um die Verletzbarkeit der Seele weiß, entwickelt den Wunsch, anderen in dieser Verletzbarkeit beizustehen. 

Auch ist der Psychotrilogie der Vorwurf nicht zu ersparen1 daß sie Herrschaftssystemen und Gesellschaftsstrukturen dient und sie erhält. Ich meine nicht nur Rußlands Dissidenten, nicht nur Hadarnar. Durch die Geschichte der Psycholehren zieht sich wie ein roter Faden die Tatsache, daß der psychische Krankheitsbegriff von Ethik und Moral, von Religion und Weltanschauung bestimmt wurde und noch wird. Schon immer wurden Andersdenkende als krank bezeichnet, eingesperrt und therapiert. 

Denken Sie an den Wandel des Schizophreniebegriffes. Die Homosexualität haben wir zwar inzwischen entkriminalisiert, aber noch lange nicht entpathologisiert. Oder welche Wertbegriffe haben die abstruse Diagnose "Nymphomanie" geschaffen? Was ist nymphoman? Eine Frau, die öfter lieben möchte als ihr Mann kann? Ein treffliches Instrument zur sexuellen Repression der Frau. 

Wer von einer Idee besessen ist, die gelingt, wird als Genie gefeiert, mißlingt sie jedoch, war es eine fixe Idee. Wer gegen die Windmühlenflügel der Behördenwillkür quijotiert, wird zum Querulanten. Neurosen allerwegs. Ich gerate in Zorn, wenn ich höre, daß man gesunde, fröhliche, quicklebendige Kinder als "hyperaktiv" bezeichnet, ihnen Lithium statt Liebe und Valium statt Verständnis gibt, anstatt ihre hypoaktiven Eltern auf Trab zu bringen. 

Die Psychotherapie schafft angepaßte Menschen, die sich willig in die gesellschaftlichen Ordnungsbegriffe fügen. Sie verhindert damit nicht nur Revolutionen, auch die Evolution. Eine Freude für jede Staatsmacht. Vielleicht sind wir 1984 soweit, nicht nur Fluor, sondern auch Valium ins Trinkwasser zu mischen, gebraucht es doch fast ohnehin jeder. Wobei ich das Wörtchen "gebraucht" im Sinne von benutzen, nicht benötigen, verstanden wissen möchte. 

Die Macht und Gewalt, die dem Psychiater über andere Menschen verliehen ist, wird vielfach nicht als drückende Bürde empfunden, sondern man sonnt das eigene Selbstwertgefühl bis zur Überheblichkeit. Mit Anstalten, Pillen, Therapie und Begutachtung ist dem Psychohandwerker ein Repertoire, an Machtinstrumenten verliehen, das das Fürchten lehrt. 

Haben wir alle uns nicht schon abhängig gefühlt, oder auch bedroht? Hat uns nicht alle schon die bange Frage beschlichen, wie man wohl wieder raus kommt, wenn der Zufall einen hineingebracht hat, in eine psychiatrische Klinik? Nicht ganz zu Unrecht, wie der amerikanische Psychiater Rosenhan aufgezeigt hat. Er hat völlig gesunde Mitarbeiter mit Scheindiagnosen in verschiedene psychiatrische Kliniken eingeliefert. Und alle wurden unter Bestätigung der Diagnose hospitalisiert. Als er später eine Wiederholung des Experimentes in Aussicht stellte, sanken die Aufnahmezahlen in den Kliniken rapide ab. 

Die Psychiatrie-Enquete der Bundesregierung von 1975 spricht von  "menschenunwürdigen Umständen". In Italien hat man sich durchgerungen, seelisch Kranke verstärkt der Gesellschaft zu integrieren und die psychiatrischen Krankenhäuser aufzulösen. 

Die verschiedenen Methoden der Psychotherapie lassen jegliche Ordnung vermissen. Ihre Anwendung orientiert sich nicht an festen Indikationen. Es bleibt dem Zufall überlassen, an welchen Therapeuten der Patient gerät und welcher Methode dieser wiederum anhängt. Wenn ich versuchen sollte, zu ordnen, würde ich unterscheiden zwischen realitätsbezogenen Methoden und solchen, die den Patienten weiter der Wirklichkeit entfremden. 

In die erste Gruppe gehören alle Formen der Verhaltenstherapie, die den Patienten konditionieren, ihn formen, ihn veranlassen, sich so zu verhalten, daß er sich nicht vermeidbare Schwierigkeiten einbrockt. Jedes Gespräch mit dem Patienten, das an seine Probleme rührt, stellt bereits eine gewisse Form der Verhaltenstherapie dar. Mit etwas mehr Bescheidenheit würden wir nicht gleich jeden guten väterlichen Rat, den wir erteilen, zur liquidationsfähigen Therapie aufmotzen. 

Gesprächstherapie ist keine eigene Form der Therapie. Das Gespräch ist keine Methode, es ist nur Mittel, die Methode anzuwenden. Jede Therapie ist eine Form der Gesprächstherapie. Ohne Gespräch, ohne Kommunikation keine Auseinandersetzung mit dem Patienten. 

Die Aversionstherapie versucht nicht mit positiver Hinwendung zu besseren Verhaltensvarianten, sondern mit negativer Abschreckung zu bestimmten Unterlassungen zu führen. Das Brechmittel in Verbindung mit Alkohol, der Schmerz beim Anblick des abartigen Fotos soll zur festen, gesetzmäßigen Assoziation werden und damit das bisher geliebte Laster mit Unlustgefühlen beladen. Man treibt den Teufel mit Beelzebub aus. 

Die Analytiker hingegen halten alle Verhaltenstherapie für oberflächlich, an den wirklichen Ursachen vorbeigehend. Sie suchen tief in der Seele des Patienten nach den psychischen Traumen, die ihn fehlgesteuert haben und erwarten die Heilung nach dem Motto "Gefahr erkannt, Gefahr gebannt". Wenn's nur so wäre. Ich kenne ungezählte Patienten, die all ihre Traumen lehrbuchgemäß herbeten können, aber immer noch ihre Neurose haben. Und immer sind diese Menschen versucht, ihre Diagnose zum Alibi für die Fortsetzung falscher Verhaltensweisen zu machen. "Nicht ich trage die Verantwortung für mein Tun, sondern meine Eltern. Ich kann nichts dafür, mir armem Opfer muß geholfen werden." Der Wille und die Bereitschaft zur Selbsthilfe, zur Verhaltenskorrektur wird gelähmt. 

Es hilft dem Patienten nicht sonderlich, zu wissen, daß er zu früh vom Töpfchen mußte oder den Schnuller zu zeitig ausspucken mußte. Heute leidet er, und heute muß er sich neu orientieren. Niemand kann den Weg in die Kindheit zurückgehen und dort neu beginnen. Der neue Kurs kann nur vom derzeitigen Standpunkt aus bestimmt werden. Ich wage zu bezweifeln, daß es immer heilsam ist, alte, längst vernarbte Wunden wieder aufzureißen. Das vielzitierte Gras, das mit der Zeit über alles wächst, scheint mir eine sehr segensreiche Einrichtung zu sein, und ich wehre mich gegen die Rolle des Kamels, das dann alles wieder abfrißt. Es bringt den Patienten der heutigen Realität, der Wirklichkeit, den aktuellen Fragestellungen nicht näher, wenn man ihn in die tiefsten Gründe seiner Seele, in die Mutterleibserinnerungen oder gar in die Steinzeit zurückführt. Die archaische Welt seines Urerlebens ist nicht seine Welt von heute, an der er zerbricht. 

Auch jenes analytische Teilgebiet, das sich großartig "Primärtherapie" nennt, und das mit dem Nachvollziehen des Urschreies die Urangst ausleben will, hat eher Herrn Janow zu Buchumsätzen verholfen als Patienten zu einer befreiten Seele. 

Das kathathyme Bilderleben ist lediglich ein Hilfsinstrument der Analyse, aber keine eigene Therapieform. 

Mein Rundumschlag verschont auch nicht das Autogene Training, immer wieder als ideale Entspannungstherapie gepriesen, immer wieder hoffnungsvoll probiert, immer wieder enttäuscht verlassen. Es muß ganz eindeutig in die Reihe der nicht realitätsbezogenen Therapieformen eingegliedert werden. Die autosuggestiv erzeugten somatischen Sensationen entbehren der realen Ursache. Weil ich jedoch ganz konsequent ausschließlich realitätsbezogen meine Patienten zu führen versuche, lehne ich auch das Autogene Training ab. Ebenso die auf gleichen Wirkungsmechanismen beruhende pseudoreligiös untermalte Form des autogenen Trainings, die unter der Flagge "Transzendentale Meditation" die Welt verbessern will. 

Wenn wir nun gar unter Umgehung der Bewußtseinskontrolle mittels Hypnose in das Unterbewußtsein des Patienten eindringen, dort alte Traumen ausgraben oder posthypnotische Befehle setzen, tragen wir eher zur seelischen Entmündigung statt zur Wiederherstellung der ureigenen Persönlichkeitswerte des Patienten bei. 

Und schließlich, wenn alle therapeutischen Experimente nichts fruchten, bekommt der Patient Psychopharmaka verordnet. Die Medizin hat im Laufe ihrer Geschichte fraglos viele lrrwege beschritten. Der schlimmste dürfte aber die unkontrolliert ausgeuferte wahllose Verteilung der Psychopharmaka sein. Ich komme später ausführlicher darauf zurück. 

Kritische Betrachtung des eigenen Tuns und Korrekturbereitschaft ist bei vielen Psychobehandlern nicht allzu ausgeprägt. Therapieversager werden nicht zur Kenntnis genommen, sondern dem Krankheitsbild als typisches Symptom zugeordnet. Der Rentenneurotiker will ja gar nicht gesund werden. Schuld am Versagen der Therapie hat immer der Patient - wie angenehm für den Behandler. 

Mit der schamlosen Ausbeutung des in der Öffentlichkeit grassierenden Psychobooms überzieht die Psychologie den ihr entgegengebrachten Vertrauenskredit. Ganz ohne Frage haben wir viele Jahre zu wenig auf die Psychosomatik geachtet. Inzwischen jedoch wird dieser Begriff überstrapaziert. Wir vergessen darüber, daß es auch umgekehrt eine Somatopsychopathie geben kann, eine körperlich bedingte Seelenschwäche. Die Psychotrilogie wäre oft besser beraten, wenn sie sich auf die etwas bescheidener firmierende Verhaltensforschung beschränkte, statt hochtrabenden abstrusen Ideen nachzuhängen. 

Ich will diese massiv angehäufte und manchmal vielleicht auch etwas sarkastisch vorgetragene Kritik und Anzweiflung nicht im Raume stehen lassen, ohne jeder einzelnen der angegriffenen Methoden zu bescheinigen, daß sie natürlich auch ihre Erfolge hat. Es geht mir darum, zum Nachdenken und zur Selbstkritik anzuregen und Alternativen aufzuzeigen für jene Kollegen, die mit den bisherigen Methoden nicht ganz glücklich sind. Vielleicht mögen auch jene Kollegen, die von meiner bisherigen Kritik betroffen und darum verärgert sind, meinen Gedanken noch weiter folgen? 

Suche nach Glück  
Was bewegt denn überhaupt die Menschen, ihre Seele therapieren zu lassen? Es ist die Suche nach Glück, der Mangel an Glück, ob er nun wirklich oder nur vermeintlich besteht. Es ist das Gefühl der Unzulänglichkeit. Dieses Gefühl ist so alt wie die Menschheit. 

Mit den Religionen unternahm der Mensch den ersten Versuch, dem abzuhelfen. Ob man nun die Tatsache, daß Gott ist, oder nur den Wunsch, daß Gott sei, als Motivation zugrundelegt, es ist nicht der schlechteste Weg. Nun gut, statt auf Erden wird endloses Glück in einem späteren Leben verheißen und damit zur Bereitschaft motiviert, auf Erden auch Unbill hinzunehmen. Eine Verheißung, für die weltliche Machthaber den Religionen stets dankbar waren. Aber auch eine Methode, aus der Hoffnung resultiert und die ungezählten Menschen ungeahnte Seelenkraft und damit Lebenstüchtigkeit gegeben hat. 

Die Begriffe Seligkeit und Heil, die heute fast ausschließlich jenseitsbezogen verstanden werden, bedeuten ihrem Wortstamm nach nichts anderes als glücklich und vollkommen und wurden ursprünglich ganz weltlich benutzt. Der Heilpraktiker ist also der Fachmann zum Heil-, zum Glücklich-, zum Vollkommen machen. 

Unglücklich wird man durch ein gestörtes Verhältnis zur Umwelt. Das kann an der Umwelt liegen, aber auch an mir. Will ich glücklich werden, muß ich entweder die Umwelt ändern oder mein Verhältnis zur Umwelt. Es ist erstaunlich, wie gern wir mit dieser so wichtigen Aufgabe andere, zum Beispiel den Therapeuten, beauftragen. 

Und nun wird's schwierig. Haben Sie sich schon einmal gefragt, was denn Glück ganz konkret eigentlich Ist? Welche Voraussetzungen dafür erforderlich sind? Und haben Sie eine Antwort darauf gefunden? Gesundheit? Nein, das kann es nicht sein. Ich kenne Menschen, die im Rollstuhl sitzen, Schmerzen leiden und dennoch glücklich sind. Erfolg? Auch das nicht, denn Glück ist gewißlich kein Privileg der Reichen. Die Erfüllung irgendwelcher augenblicklicher Wünsche? Dann kommen die nächsten. Die Befriedigung, ein Ziel erreicht zu haben? Nein, denn dann ist man nicht mehr in Frieden, man ist zufrieden, und das kann nichts Gutes sein. Eher schon macht der Weg zum Ziel glücklich. 

Die Voraussetzungen zum Glücklichsein lassen sich kaum definieren. Und darin liegt schon eine der Hauptursachen für das unbegründete Unzulänglichkeitsgefühl, das die Menschen glauben läßt, sie seien unglücklich. Sie streben nach etwas Unwirklichem, das sie nicht einmal zu definieren vermögen. Hinzu kommt, daß uns allerorts verzerrte Maßstäbe serviert werden. Mit jeder Werbefernsehsendung wird uns mindestens zehnmal weisgemacht, daß die Benutzung einer bestimmten Windel oder eines Putzmittels ungeheuer glücklich machen muß, so jedenfalls schwebt die Werbefee durch ihre blitzende Küche, mit Walzermusik und einem Hauch von Frühling. Jede putzende Hausfrau muß ja ihr Frustrationserlebnis bekommen, wenn trotz des gleichen Mittels weder ihre Küche so blitzt, noch ihr Baby so glücklich strahlt. Und da sie selber voller Schweiß und Unlustgefühl auf der Strecke bleibt, muß sie sich ja als Versager fühlen. 

Die Hoch-Zeit, die im Film mit der Hochzeit beginnt, ist für die meisten Menschen mehr "angebrannte Milch und Langeweile" (Tucholsky). Versager!  - Und die Musik, die überall auf uns einrieselt, besingt entweder die ganz vollkommene Liebe oder sie schreit die Zerrissenheit einer kaputten Welt in den Äther. 

Glück ist kein verschwommenes Hochgefühl mit Sphärenklängen und Harfenmusik in der Seele: Es ist irreal, darauf zu warten, das gibt's nicht, das kommt nicht. Vergebliches Warten auf etwas Unmögliches aber macht unglücklich, und wer Unmögliches erwartet, bleibt immer enttäuscht. Ent-täuscht? Seltsamerweise stimmt uns eine Enttäuschung traurig, obwohl es uns doch froh machen sollte, wenn eine Täuschung aufgedeckt wird. 

Und ganz wichtig: Glück ist kein Dauerzustand. Es kann immer nur vorübergehende Phasen der Glücksempfindung geben. Niemand kann ständig glücklich sein, wie auch niemand ständig nur Sahnetorte essen kann. Unglück, also "ohne Glück'" sein, ist lebensnotwendig. Es stellt den Bezugspunkt dar, der Glück überhaupt erst zum Glück macht, der das Glück relativiert. Ohne Hunger schmeckt kein Essen, ohne Durst kein Trank. Ohne Müdigkeit kann man nicht schlafen, ohne Sehnsucht nicht lieben. Man muß zuvor leiden, hoffen, warten, um in der Erfüllung dann glücklich zu sein...... für kurze Zeit. 

Es gilt, Trauer und Schmerz, Kummer und Verzicht, Hoffnung und Entsagen zu akzeptieren, hinzunehmen, als Bestandteil des Lebens anzuerkennen und nicht zu hadern oder zu resignieren. Und mehr: das Unglück kann uns Lehrmeister sein, Fehler künftig zu vermeiden, neue, bessere Wege zu gehen. 

Die kurzen Glücksminuten muß man täglich neu erwerben, erkämpfen. Glück ist kein endgültiger Zustand. Erkämpfen heißt etwas leisten. Auch, wenn's nicht mehr so ganz modern ist, aber ohne eigene Leistung gibt es kein Glück. Erfolgsgefühl macht glücklich. Der Bergsteiger empfängt sein Hochgefühl aus dem Erklimmen des Gipfels, nicht dadurch, daß er sich vom Hubschrauber dort absetzen läßt. Manch Handwerksmeister verdient unter dem Strich weniger als ein Sozialhilfeempfänger - und ist doch stolz auf und glücklich über seinen Betrieb. Und die olympische Goldmedaille zaubert das Strahlen sicher nicht durch ihren Geldwert auf die Gesichter, sondern wegen der belohnten Leistung. Leistung ist also Voraussetzung für das glücklichmachende Erfolgsgefühl. 

Schon schlichte körperliche Bewegung trägt zur Aufmunterung und Erheiterung der Seele bei. Lustgefühl wird im Gehirn durch Transmittersubstanzen, sogenannte biogene Amine übertragen. Ein Mangel an biogenen Ammen erzeugt eine Antriebs-schwäche. Und hier wird der Teufelskreis geschlossen: Bewegungsarmut bedeutet auch Reizarmut. Die biogenen Amine aber werden unter anderem durch Bewegungsreize ausgeschüttet. Aber hier kann man den Teufelskreis eben auch wieder durchbrechen. Bewegung schüttet biogene Amine aus, die wiederum erzeugen Antriebskräfte. Wenn die Bewegung dann noch im hellen Sonnenschein erfolgt, kommt ein weiteres hinzu: die Aminosäuren Tryptophan und Tyrosin werden durch Sonneneinwirkung in biogene Amine umgewandelt, die Ursache für das allgemeine und spezielle Hochgefühl Im Frühling. 

Und noch ein Wort zum Streß. Auch Streß ist ein Ausschüttreiz für biogene Amine und darum als Motor für viele seelische Funktionen unerläßlich. Die bis zur Überdrüssigkeit wiederholte Behauptung, daß der Streß für seelische Schäden verantwortlich sei, ist purer Unsinn. In wirklichen Notzeiten haben wir kaum seelische Erkrankungen zu verzeichnen gehabt. Die Fähigkeit, Konfliktsituationen zu verarbeiten, Probleme zu meistern, seelische Abwehrkräfte zu bilden, ist eine Fähigkeit, die wie alle anderen auch erlernt und trainiert werden muß. Wer schon den kleinsten Schwierigkeiten aus dem Wege geht oder vor ihnen bewahrt wird, verliert die Fähigkeit zur Bewältigung größerer und schließlich auch der kleinen Schwierigkeiten. 

Wo haben wir denn eigentlich Streß? Wir waren noch nie so geschützt, so sicher, so umsorgt, so satt, so reich, so bequem wie heute. Niemals ging es den Menschen, zumindest hierzulande, so gut. Wir haben keinen Krieg, leiden keinen Hunger, keine Not, und wenn mir ein Arbeitnehmer von der schrecklichen Maloche klagt, kann ich nur lachen. Alle sind sie um uns bemüht: Psychologen, -analytiker, -therapeuten, -somatiker. Alle wollen unsere Seele heilen, uns normgerechter, angepaßter, verträglicher machen. Allerdings, Genies bleiben wie Idioten im Raster hängen. Sozialarbeiter schirmen uns vor allen Reibungspunkten in und mit der Gesellschaft ab. Bis hin zur Bevormundung werden wir dabei in ein Sozialklischee hineingepreßt. Die Politiker haben nichts als unser aller Wohl im Sinne. Sie bauen uns zur Freude Schwimmhallen, Straßen, Prachtbauten, Panzer und Atomkraftwerke. Mit riesiger Gießkanne schütten sie Subventionen und Beihilfen jedweder Art über uns aus, dabei allerdings oft vergessend, daß es unser eigenes Geld ist, das sie uns aus der linken Tasche nehmen, um es in die rechte zu stecken. Wobei ich links und rechts nicht hintergründig gemeint habe. 

Wo - bitte schön - ist der Streß? Trotz all dieser Fürsorge haben wir immer mehr "Depressionen". Ich wage zu behaupten, weil wir zuwenig - nicht zuviel - Streß haben. Streß ist der physiologische Ausschüttreiz für die biogenen Amine, insbesondere das Noradrenalin. Fehlt der Reiz, fehlen die Amine, fehlt die Antriebskraft, fehlt die Aktivität, fehlt das Erfolgsgefühl. 

Und um es nicht unerwähnt zu lassen: erst die Aktivität, die Leistung, schafft jene Umweltbedingungen, deren Fehlen wir allzugern als soziologische Ursache der Depression anschuldigen. Nicht die Gesellschaft, nicht das soziale Umfeld, macht uns glücklich oder unglücklich. Allein wir selbst haben den Schlüssel dazu in der Hand. 

Aber wir leben eingebettet in die Gesellschaft. Und überall wo Menschen miteinander auskommen müssen, gibt es Grundregeln des Verhaltens, die man nicht ungestraft verletzen oder mißachten kann. Diese Grundregeln haben eine Gesetzmäßigkeit, die sich in allen Kulturen wiederspiegelt. Gesetze, Ethik, Moral sind nicht die Ursache, sie sind lediglich die Folge dieser Grundregeln. Und natürlich haben sie Auswüchse hervorgebracht, die nicht mehr den zwingenden Grundregeln entsprechen. Es gehört zur Kunst der Lebenstüchtigkeit, diese Auswüchse zu erkennen und schadlos zu umschiffen. 

Nur innerhalb der Gesellschaft ist der Mensch imstande, seine Lebensbedürfnisse zu befriedigen. Robinson wäre ohne Freitag zugrunde gegangen. Die Isolierhaft ist das beste Mittel, einen Sträfling zu zerstören. Unser Problem sind jene Patienten, die an der Ausgliederung aus der Gesellschaft, an der Einsamkeit, der Isolation im Alter, in der Krankheit, nach der Pensionierung, der Scheidung, dem Tod des Partners, dem Wegzug der Kinder leiden. Hilfe für diese Menschen kann es nur geben, wenn sie wieder der Gesellschaft integriert werden. Das aber ist primär kein Problem der Gesellschaft, sondern der Betreffenden selbst. Sie müssen lernen, Kontakte wieder herzustellen oder neu herzustellen. Und. dabei sollte man als Therapeut keine der tausenderlei einleuchtenden Entschuldigungen gelten lassen. 

Grundbedürfnisse  
Wir sollten uns hüten, Bedarf mit Bedürfnis zu verwechseln. Unbefriedigte Bedürfnisse erlauben uns, unglücklich zu sein, ungedeckter Bedarf noch lange nicht. Aber jeder, der irgendeinen Bedarf decken will, versucht uns einzureden, es handele sich hier um ein Bedürfnis, ob die Werbefachleute einer verkaufsdürstenden Industrie oder unsere Politiker. Schließlich glauben wir selbst gar, daß der Bedarf zum Bedürfnis wurde. Der Unterschied wird vielleicht deutlicher, wenn wir das Leben in Kambodscha mit dem unsrigen vergleichen, oder auch nur unseres von 1945 mit dem von heute. 

Es gibt im Grunde nur wenige Grundbedürfnisse. Die körperlichen sind die nach Unversehrtheit, Schmerzfreiheit und Selbsterhaltung. Sie sind schon gedeckt mit Nahrung, Wärme und Trockenheit, mit Schlaf und mit der Sexualität, die die Brücke zwischen körperlichen und seelischen Bedürfnissen schlägt. Einige Grundfunktionen müssen klappen. Sie stellen übrigens einen ausgezeichneten Indikator für seelische Gesundheit dar. Man muß Hunger empfinden und mit Appetit essen können. Und man muß müssen müssen, um müssen zu können. Man muß müde sein und schlafen können. Und man muß mit Freude lieben können. Ohne Entbehren kein Begehren, ohne Begehren kein befriedigendes Stillen dieser Bedürfnisse. 

Auch die seelischen Grundbedürfnisse sind in Wirklichkeit so bescheiden, und offenbar doch unendlich schwer in Einklang zu bringen. Man muß lieben dürfen, wobei ich hier die Partnerliebe nur als einen Teilaspekt sehen möchte. Auch die Zuwendung der Eltern zu ihren. Kindern, der Kinder zu ihren Eltern, zum Freunde, zum Vorbild gehört dazu und befriedigt dieses Bedürfnis. Allerwegs zurückgewiesene Liebe macht krank und man muß geliebt werden. Das Bewußtsein, Zuwendung nicht nur zu geben, sondern auch zu empfangen, bettet einen in Sicherheit und macht stark. Weiter braucht man die Wertschätzung durch andere, ein Bedürfnis um das wir alle stets kämpfen und rackern, manchmal gar auf Kosten des letzten Grundbedürfnisses, der Selbstachtung. 

Diese vier seelischen Grundbedürfnisse miteinander in Einklang bringen, sie alle zu befriedigen, jedoch nicht das eine auf Kosten des anderen, das ist die ganze Kunst, froh und seelisch gesund durchs Leben zu gehen. Diese Kunst kann man lernen, und wo sie nicht beizeiten gelernt wurde, kann der Therapeut helfen, den Lernprozeß nachzuholen. Psychotherapie ist nichts, als nachgeholte Erziehung. 

Dabei auch gleich ein Wort zur Kindererziehung, mit der sich immer mehr Menschen immer schwerer tun. Das ganze Geheimnis liegt darin, die Kinder beizeiten zu lehren, ihre Grundbedürfnisse angemessen zu befriedigen. Alle! Auch das der Selbstachtung, darum schrieb ich "angemessen". Und das bedeutet, die eigenen Bedürfnisse nicht auf Kosten anderer zu befriedigen. 

Das Vorleben ist immer noch die nachhaltigste Form der Erziehung. Das setzt aber voraus, daß ich selbst nach dieser Maxime zu leben vermag. Kinder brauchen Liebe, gebend und nehmend, sowie die Bindung an die Bezugsperson, die sich im Laufe der Entwicklung des Kindes sehr wohl ändern kann. Die Eltern werden durch Freunde, Lehrer, Sportkameraden und schließlich den Partner verdrängt. Es ist schlimm, wenn Eltern diesen Verdrängungsprozeß nicht ertragen können. 

Kinder müssen auch beizeiten lernen, Verantwortung für ihr Tun zu tragen, Gut und Böse zu unterscheiden, Disziplin gegenüber den Grundregeln der Gesellschaft zu üben, nicht auf Kosten anderer ihre eigenen Wünsche zu erfüllen. Ich halte Freiheit sehr hoch. Aber sie wird zur Unfreiheit für andere, wenn ich sie ohne diese Disziplin in Verantwortlichkeit ausleben will. 

Das Kind muß lernen, seinen Launen und dem Trotze nicht nachzugeben. Nein heißt nein, und ja heißt ja. Es kann nicht nein sagen, wenn es ja meint. Es muß die Konsequenz eigener Entscheidungen tragen, aber auch die Entscheidungen der Eltern müssen konsequent sein. Eine Erziehungsregel, die offenbar ungemein schwer zu beherzigen ist. 

Das Kind muß auch verzichten lernen. Nachhaltige Freude und Zufriedenheit setzt oft den Verzicht auf eine kurze, schnelle Freude voraus. Der Mensch hat beizeiten lernen müssen, daß man das Saatgut nicht verzehren darf, will man im nächsten Jahr auch noch satt werden. Für das Kind bedeutet das, mit dem Taschengeld haus- und auszuhalten. Für den Heranwachsenden, daß die Zukunftsplanung dem schnellen Verdienst vorzuziehen ist. Eltern müssen bereit sein, den Zorn des Kindes in Kauf zu nehmen und trotzdem konsequent zu einem Nein zu stehen, das für nötig befunden wurde. Obwohl diese Konsequenz den meisten Eltern schwer fällt: sie beginnt bereits beim Wiegenkind, will man sich nicht einen kleinen Haustyrannen heranziehen. 

Und man sollte seine Kinder ernst nehmen. Ihr Schmerz und Kummer wiegt nicht geringer, als der eines Erwachsenen. Man sollte aber auch sein Vorleben, die Konsequenz und Festigkeit, von der ich sprach, ernstnehmen und das ohne Furcht vor eventuellen Erziehungsfehlern. Es gibt keine Erziehung absolut ohne Fehler. Der Versuch, fehlerfrei und keimfrei zu erziehen, ist der schlimmste Fehler. Eine Erziehung ohne Liebe und Emotion, stets mit dem pädagogischen Handbuch in der Linken, ist ohne Liebe. Wer sein Kind nicht leitet, braucht es auch nicht zu lieben! 

Versäumte Erziehung durch den Therapeuten nachzuholen, heißt jedoch nicht, damals anzusetzen, sondern dem Patienten Hilfen zur gegenwartsbezogenen Situationsveränderung zu geben. Heute hat er seine Probleme. Der übermächtige Vater, die zu liebevolle Mutter, der gute oder böse Onkel, sie mögen zwar die Schuld an der Fehlentwicklung tragen. Die Verantwortung jedoch für den zukünftigen Weg trägt allein der Patient. Und wir können ihm das nicht eindrücklich genug klar machen. Es geht nicht um die Schuldfrage, die nur allzugern als Alibi herhalten muß, es geht um den jetzt einzuschlagenden Weg. Die Vergangenheit kann dabei nur als Lehre dienen. Niemand kann den Weg umkehren und neu gehen, den neuen Weg kann man immer nur vom heutigen Standpunkt aus einschlagen. Und der Patient muß ihn gehen. 

Wichtiger noch als die Vergangenheit ist die Zukunft. Sie muß in die Überlegungen einbezogen werden, und notfalls gilt es, gegenwärtigen Verzicht zu leisten, um das Glück von morgen zu sichern. Das Beispiel von Adam und Eva ist eine prächtige Allegorie hierfür. 

Der Satz "Entscheidungen werden in der Gegenwart getroffen!", bringt mich allerdings immer ein wenig ins Philosophieren, ob es eine Gegenwart denn überhaupt gibt. Die Sekunde eben ist schon Vergangenheit, und die Sekunde gleich ist schon Zukunft. Gegenwart ist eigentlich nur der messerscharfe Grat zwischen Vergangenheit und Zukunft, so schmal, daß zeitlich gar nicht meßbar. Vergangenheit ist nicht wirklich, sie lebt nur in der Erinnerung. Zukunft ist noch weniger wirklich, sie soll erst geschehen. Wenn wir aber nur in der Gegenwart wirklich sind, in der Gegenwart, die so unmeßbar klein ist, daß es sie eigentlich auch nicht wirklich gibt, wie wirklich sind wird dann wohl? Und wie wichtig? 

Gefühle  
"Ich bin so sensibel" klagen viele Patienten und sehen dabei in ihrer Sensibilität fälschlicherweise nur das Negative. Sie übersehen dabei, daß die Sensibilität schlechthin das Leben selbst ist. Ohne Sensibilität keine Wahrnehmung, kein Leben. Die Sensibilität dämpfen, beschneiden, verkürzen - und darauf zielt der Ruf nach einem Beruhigungsmittel doch ab - heißt, das Leben beschneiden. Wozu eigentlich wollen wir überhaupt noch leben, wenn wir dieses Leben nur beschnitten, gefiltert, erleben wollen? 

Die Sensibilität vermittelt uns doch nicht nur die negativen Eindrücke, sondern auch die positiven. Mit einem Dämpfungsmittel nehmen wir der Rose nicht nur den Stachel, auch den Duft und die leuchtende Farbe. Die Sensibilität mit einem Pharmakon zu beschneiden ist partieller Selbstmord. Nicht dämpfen, sondern richtig einordnen, bewerten, gewichten, das ist die Devise. Die Gefühlsbeladung unserer Eindrücke mit dem Verstand zu kontrollieren und gegebenenfalls zu korrigieren, dazu sind wir sehr wohl imstande, sofern wir den Verstand nur gebrauchen. 

Unsere Reaktion auf die sensiblen Wahrnehmungen, unsere Wechselbeziehung von innen zur Umwelt, ist die Emotion. Auch Emotion ist Leben. Unsere Emotionen zu unterdrücken oder zu verfälschen gehört ganz gewiß nicht zu den gesetzmäßigen Grundregeln der Gesellschaft, sondern zu den verhängnisvollen Auswüchsen falsch verstandener Ethik. Wer sagt denn, daß wir Zorn, Trauer, Liebe und Leidenschaft nicht zeigen dürfen? Jeder weiß, wenn wir unsere Gefühle zeigen, woran er mit uns ist. Gezeigter Zorn ist doppelt nützlich: er befreit unsere Seele und er veranlaßt den anderen, den Anlaß des Zornes zukünftig zu vermeiden. Und gezeigte Liebe erfreut den anderen, selbst wenn er sie nicht erwidern kann. Geteilte Freude ist doppelte Freude, geteiltes Leid ist halbes Leid. 

Heuchelei nennt man die Verfälschung der Gefühle. Wer Freude heuchelt, wo er eigentlich Ärger empfindet, darf sich nicht wundern, wenn die Quelle des Ärgers stets wiederholt wird. Wer Trauer zeigt, ohne wirklich Schmerz zu empfinden, darf sich nicht wundern, wenn das gezeigte falsche Gefühl auch nach innen wirkt und in der Tat Trauer in der Seele erzeugt. Hier kann ich den Kirchen den Vorwurf nicht ersparen, daß sie die Fröhlichkeit und Lebensfreude der Menschen beschneidet und sie befangen und unsicher macht, indem sie Schuldgefühle anhäuft. Ekklesiogene Neurosen sind um so verbreiteter, je kirchentreuer eine Bevölkerung ist. 

Gefühle sind nicht das Monopol der Seele, auch die Haut fühlt. Sie trennt nicht nur, sie schützt nicht nur, sie verbindet auch. Sie ist die Brücke zur Umwelt. Berührungen und Kontakte werden oft als zu intim empfunden und vermieden. Leider! Sie sind unerläßlich für das Gedeihen der Seele. Stillen Sie als Mutter ihren Säugling und lassen ihn die Zärtlichkeit Ihrer Hände auf der Haut spüren. Einen besseren Eintritt ins Leben können Sie ihm kaum geben, und sich selbst keine größere Freude. Tollen und toben Sie mit Ihren Kindern herum, sie lechzen nach der Berührung. Geben Sie Ihren Freunden die Hände und klopfen Sie nicht nur immer sich selbst auf die Schulter. Streicheln Sie dem Weinenden übers Haar. Umarmen und küssen Sie Ihren Partner - auch nach der Silberhochzeit noch. Berührt Euch mehr! 

Ich bin durch und durch Pragmatiker und jeder Mystik in unserem Tun abhold. Aber ich glaube an heilende Hände. Die eigenen, die die zahnschmerzende Backe pressen, die der Mutter, die das gefallene Kind schmerzfrei streichelt, und die des Handauflegers, der über die taktilen Sensoren der Haut die Seele erwärmt. 

Schlaflosigkeit  
Kaum ein Psychopatient, der nicht über Schlaflosigkeit klagt und nach einem Pülverchen dagegen verlangt. Ich verordne grundsätzlich und mit penetranter Hartnäckigkeit keines. Schlaf ist eine Erholungsfunktion, die gütig über uns kommt, die man aber nicht erzwingen kann. Je mehr man darum kämpft, je intensiver man schlafen will, desto weiter weg rückt der Schlaf. Etwas fest wollen ist Arbeit, und damit steht man dem Schlaf im Wege. Es leidet auch kaum je ein Patient unter wirklichem Schlafmangel, er würde vor uns auf dem Stuhle einschlafen. Wer wirklich Schlaf braucht, wird von ihm übermannt, wo auch immer. Die meisten leiden unter der Ruhelosigkeit, mit der sie sich im Bette herumwälzen, pflichtschuldigst schlafen wollend, weil ein anständiger Mensch zu dieser Zeit eben zu schlafen hat, aber nicht schlafen könnend, weil der Körper gar keinen Schlaf will. 

Sechs bis acht Stunden Schlaf sind in der Regel völlig ausreichend, Ältere kommen oft mit noch weniger aus. Nun rechnen Sie Ihren Patienten einmal vor, wie lange sie statt dessen zu schlafen versuchen. Von neun bis neun und mittags noch zwei Stunden - mehr als das doppelte des normalen. Und da wundern sie sich über Schlaflosigkeit. 

Der schlaflose Patient muß seine Schlafzeit rigoros beschneiden. Schlaf darf nicht zu einer Pflichtübung werden. Und hier wird ganz sicher bei der Erziehung der Kinder schon viel gesündigt, wenn sie wider Willen, ob müde oder nicht, zu "christlicher Zeit" ins Bett geschickt werden. Oft ist die Suche nach mehr Schlaf nur eine Flucht vor dem Leben, vor einem Leben ohne Inhalte. Und hier gilt es, den Hebel anzusetzen. Der Patient muß lernen, sein Leben mit Inhalten zu füllen, so, daß ihm zum Schlafen kaum Zeit bleibt. Wenn sich das Leben lohnt, braucht man sich nicht im Scheintod Schlaf zu verstecken. 

Die Spruchweisheit, daß der Schlaf vor Mitternacht der gesündeste sei, findet nur insofern ihre Bestätigung, daß in der Tat der erste Schlaf der tiefste ist, einerlei, zu welcher Zeit er stattfindet. Wenn nun um fünf Uhr morgens das Schlafsoll erfüllt ist, dann sollte man aufstehen und nicht um ein sinnloses Wiedereinschlafen ringen. Gelingt es doch, dann beginnt man eine zweite Schlafrunde mit dem Tiefschlaf zu Beginn, und der Wecker trifft einen unangenehm in der tiefsten Phase des Schlafes, Welch Wunder, wenn man danach zerschlagen sein Tagwerk beginnt. 

Der Schlaf besteht aus den stets wechselnden Tiefschlaf- und REM-Phasen (rapid eye movement). Diese Phasen der sich "heftig bewegenden Augen" sind für die Erholungsfunktion von größerer Bedeutung als der stets herbeigesehnte Tiefschlaf. In ihnen bewegt sich der Schläfer stets dicht an der Grenze zum Erwachen, überschreitet sie auch manchmal, er träumt und ist unruhig, hört die Uhr schlagen und meint darum auch, kein Auge zugetan zu haben. In dieser Phase werden die Tagesereignisse und unerledigten Gedanken des Tages aufgeräumt und in die ihnen zugehörigen Erinnerungsspeicher abgelegt. Daher träumen wir auch ein wirres Durcheinander von Tagesereignissen und längst Vergessenem, weil nämlich der Impuls auf der Suche nach seinem Speicherplatz assoziierende Erinnerungen berührt und anklingen läßt. Auf diese Weise können gar Problemlösungen und Erfindungen im Traume gefunden werden. 

Unterdrücken wir nun die REM-Phasen, indem wir mit einem Schlafmittel den Tiefschlaf erzwingen, entsteht ein Nachholbedarf an Aufräumarbeiten. Sowie das Mittel abgesetzt wird, nimmt die Zeit des REM-Schlafes pro Nacht zu, füllt unter Umständen gar die ganze Nacht aus. Der Patient klagt noch mehr und verlangt erneut nach seinem Mittel. Wollen Sie Schlafmittel absetzen, sollten Sie den Patienten aufklären, daß eine Zeit des unruhigen Schlafes entstehen wird, und daß diese Übergangszeit durch nichts zu ersetzen ist, daß sie nützlich und zur "Reinigung" der Bewußtseinssphäre unerläßlich ist. Experimente haben erwiesen, daß durch Entzug der REM-Phasen Angstgefühle erzeugt werden. Übrigens erfüllt auch der mehrfach unterbrochene Schlaf seinen Erholungszweck voll und ganz. 

Und noch etwas: Schlaflosigkeit ist nicht die Ursache seelischer Unausgeglichenheit, es ist die Folge. Zum friedlichen Schlaf ist eine ausgeglichene Seele und ein erschöpfter Körper (!) Voraussetzung. 

Psychopharmaka  
In der Umsatzstatistik der pharmazeutischen Industrie rangieren heute die Psychopharmaka mit weitem Abstand an der Spitze. Trotzdem haben wir nicht weniger, sondern immer mehr seelisch kranke Menschen, so daß sich die kritische Frage aufdrängt, ob diese Medikamente überhaupt imstande sind, irgend etwas zu heilen, ob sie nicht vielmehr seelische Erkrankungen erst erzeugen. Für mich gilt diese Frage bereits als beantwortet. Vor wenigen Jahren noch habe ich den Psychopharmaka zumindest ihren Platz in den geschlossenen Anstalten zugebilligt, weil ich es für humaner hielt, einen Menschen zu sedieren, statt ihn in die Zwangsjacke zu stecken. Inzwischen bin ich selbst davon nicht mehr überzeugt. 

Anfang der fünfziger Jahre entdeckte man in Frankreich per Zufall, daß die als Wurmmittel verwendeten Phenothiazin-Verbindungen (Schwefelfarbstoffe) zugleich als unerwünschte Nebenwirkung eine Dämpfung im zentralen Nervensystem bewirkten. Die Methode, unerwünschte Begleiterscheinungen zur Hauptwirkung umzumünzen, und die gleiche Substanz mit neuem Namen und anderen Indikationsgebieten auf den Markt zu werfen, hat sich bis heute erhalten. Unter diesem Aspekt hat man so ziemlich alles, was knallt und stinkt, geprüft. Raketen-Treibstoffe, Wurmmittel, Kohle- und Schwefelfarbstoffe und ausrangierte Tuberkulosemittel haben inzwischen als Psychopharmaka einen Siegeszug ohnegleichen angetreten. Sie sind zum Verkaufsschlager geworden. Wenigen Grundsubstanzen, vielfältig umgewandelt, schreibt man die verschiedensten Wirkungen zu. Mal findet sich ein Stoff als beruhigend, mal als anregend deklariert, was nicht einmal immer falsch ist, weil die Wirkungen verschwommen sind, ineinander übergehen oder auch gar ins Gegenteil umschlagen können. 

Kaufmännisch gesehen war die Idee jedenfalls hervorragend: ein Medikament, dessen heutige Einnahme die morgige erzwingt. 

Um die Wirkungsweise der Psychopharmaka verständlicher zu machen und gliedern zu können, zuvor ein Wort zu den biochemischen Vorgängen bei der Reizübermittlung. An allen Synapsen (Schaltstellen zwischen zwei Nerven) erfolgt die Reizübertragung durch Transmittersubstanzen, biogene Amine oder Monoamine genannt. Wir kennen heute etwa dreißig solcher Neurotransmitter, die wichtigsten davon Acetylcholin zur Übertragung von motorischen Impulsen und im Hirnstamm Noradrenalin und Serotonin. 

Mag uns die Neurochirurgie mit der persönlichkeitszerstörenden Lobotomie schon entsetzlich vorgekommen sein, die Möglichkeiten einer Neurochemie, die auf dem Klavier der Transmitter zu spielen lernt und Gefühle per Pille ad libitum erzeugen will, sind unfaßbar. Ich zitiere Arnold Mandell, Leiter der Psychiatrie an der Universität San Diego/Kalifornien: "Die Zukunftsforschung bei psychotropen Drogen beschäftigt sich mit der Veränderung von Weltbildern. Kultur, Persönlichkeit und Gehirnchemie sind in Wirklichkeit dasselbe ... Das Äquivalent von Religionen und politischen Systemen liegt eingebunden in diesen Chemikalien." - So einfach ist das! 

Die Transmittersubstanzen werden in den Organellen der Nervenzellen gespeichert und auf einen Nervenreiz hin in den Synapsenspalt ausgeschüttet. Hier übertragen sie den Reiz auf die postsynaptischen Rezeptoren des nächsten Nerven. Danach werden sie zu einem kleinen Teil durch Monoaminooxydasen (MAO) abgebaut, zum größten Teil aber wieder von den Organellen zurückgeholt (re-pick-up) und für den nächsten Reiz bereitgehalten. 

Noradrenalin entsteht aus der im Käse reichlich vorhandenen Aminosäure Tyrosin durch Lichteinfall über die Zwischenstufen Dopa und Dopamin, Tryptophan ist der Baustein für das Serotonin, aber auch für Vitamin B6 und Nicotinsäureamid. Bemerkenswert: Tryptophan und Tyrosin werden bei Eiweißfäulnis im Darm abgebaut, und bei Depressiven hat man einen Mangel an diesen Aminosäuren nachweisen können. 

In diesen Reizübertragungsmechanismus kann man nun auf vielfältige Weise eingreifen. Die Rauwolfia und deren Reinalkaloid Reserpin setzen Monoamine aus den Organellen frei. Das bewirkt eine anfängliche Aufhellung aber danach eine sehr schnelle Verarmung an diesen Substanzen mit einer Depression zur Folge. Diese nahezu gesetzmäßige Folge benutzt man als Maßstab im Experiment zur Überprüfung der antidepressiven Wirkung anderer Medikamente. Für uns sollte das bedeuten, daß wir alle depressiven Patienten nach der Vormedikation mit Antihypertonika befragen. 

Wenn man nun den Abbau der freigesetzten Monoamine durch Monoaminoxydasehemmer (MAOH) hemmt, erreicht man ebenfalls eine Anreicherung im Gehirn mit Aufhellung der Stimmung und Antriebssteigerung. Um jedoch therapeutisch wirksam zu sein, ist eine etwa 80%ige Hemmung der MAO erforderlich, was wiederum so viele Nebenwirkungen beinhaltet, daß diese Substanzen kaum noch in Gebrauch sind. (Spezialitäten: Parnate, Jatrosom.) Und die dritte Möglichkeit, den synaptischen Spalt vorübergehend mit Monoaminen anzureichern, ist die Hemmung des re-pick-up, des Rücktransportes. Daß dabei ein erhöhter Abbau einsetzen muß, mit schließlich einer Verarmung der Depots in den Organellen, liegt auf der Hand. Das ist auch die Ursache, daß viele dieser Medikamente nur eine befristete Aufhellung der Stimmung bewirken können und schließlich zum völligen Niederbruch des Patienten führen. 

Will man nun dämpfen statt aufzuhellen, dann kann man sich den Reboundeffekt der anfänglichen Monoaminfreisetzung, nämlich die anschließende Verarmung, zunutze machen, woraus sich die oft zweischneidige Wirkung vieler Pharmaka erklärt. Oder man hemmt die postsynaptischen Rezeptoren, so daß sie den Reiz der Transmitter nicht mehr aufzunehmen imstande sind. Oder noch einfacher: man besetzt diese Rezeptoren mit einer Substanz (Benzodiazepine), die keinen Platz mehr für die Neurotransmitter läßt. Die meisten der gebräuchlichen Tranquilizer gehören dieser Wirkstoffgruppe unter den Bezeichnungen Diazepam, Clobazam, Oxazepam, Fluorazepam, Bromazepam und ähnlich an. (Spezialitäten: Valium, Librium, Librax, Limbatril, Nobrium, Lexotanil, Mogadan, Rohypnol, Adumbran, Frisium, Praxiten, Demetrin, Tavor, Tranxilium u.a.) 

Die anregenden Mittel bezeichnet man als Thymoanaleptika (Gemüt, erfrische) oder Antidepressiva. Man schreibt ihnen vorwiegend antriebssteigernde, hemmungslösende, angstlösende (anxiolytische) und stimmungsaufhellende Wirkung zu. In diese Hauptgruppe gehören die vielen trizyklischen Mittel, die nicht etwa drei Wirkungsphasen haben, sondern an ihren drei Kohlenwasserstoffringen in der Strukturformel erkennbar sind und die Monoaminoxydasehemmer, die kaum noch gebraucht werden. Ebenso die Psychotonika, Stimulantien oder Weckamine, wie Amphetamin (Pervitin) oder die meist als Appetithemmer angebotenen Sympatikomimetika der Ephedringruppe. Und nicht zuletzt die zentral erregenden Analeptika wie Coffein, Pentetrazol (Cardiazol), Nicethamid (Coramin) oder Kampfer. 

Die dämpfenden Mittel bezeichnet man als Ataraktika (ataraktos  gr.= ruhig), Tranquilizer (tranquillus = lat. ruhig), Psychosedativa oder Neuroleptica (leptos = klein). In diese Gruppe ordnet man üblicherweise die Phenothiazinderivate, die Benzodiazepine, die Monoaminfreisetzer und schließlich die Hypnotica wie Carbamate, Barbiturate, Brom, Chloralhydrat u. a. Ich muß es wiederholen: Diese Gruppeneinteilung ist lückenhaft und fragwürdig, weil sich die Wirkungen überschneiden. Manch Präparat ist in beiden Gruppen zu finden. 

Die Liste der Nebenwirkungen und unerwünschten Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten ist fast länger, als die der erwünschten Wirkungen. Auf der einen Seite stehen die extrapyramidalmotorischen Zeichen, wie Parkinsonismus und Katalepsie (Muskelstarre), auf der anderen Seite die oft sehr ausgeprägte anticholinergische Wirkung, auch Atropineffekt  genannt, wie Mundtrockenheit, Schwitzen, Akkomodationsstörungen, Obstipation, Schwindel, Kollaps, Tachykardie, Harnverhalten, Tremor, Müdigkeit, Schlaflosigkeit, Unruhe, Wahnideen, Aktivierung schizophrener Symptome, Manie, Delirium. Versäumen Sie also nie, Patienten, die über eines dieser Zeichen klagen, nach der Einnahme von Psychopharmaka zu fragen. 

Daß die Reaktionsfähigkeit herabgesetzt und damit die Teilnahme am Straßenverkehr oder die Bedienung von Maschinen zum gefährlichen Problem wird, kann nicht oft genug betont werden. Unsere Straßen wimmeln von gedopten Fahrern. Wie wär's, wenn wir auch dafür ein Pusteröhrchen einführten? Herabgesetzte Reaktionsfähigkeit bedeutet natürlich auch Einschränkung der geistigen und initiativen Kapazität. Einem Examenskandidaten ein solches Mittel gegen seine Ängste zu verordnen, ist purer Hohn, und einen Psychoschlucker in verantwortliche Positionen einzustellen, ist Dummheit. 

Die Kontraindikationen - Glaukom, Prostatahypertrophie und Epilepsie - ergeben sich aus der anticholinergischen Wirkung. Die angezeigte Kontrolle von Blutdruck, Leber- und Nierenfunktion sowie des Blutbildes unterbleibt fast immer. 

Ich halte es für eine Selbstverständlichkeit, vor Beginn meiner Therapie die Medikation des Vorbehandlers zu überprüfen. Nur allzuoft liegt ja allein hierin die Ursache für die Beschwerden des Patienten. Dabei sträuben sich mir so manches Mal die Haare, weil offenkundig die verordneten Mittel wahllos aus dem Probenschrank gegriffen oder aufgrund bunter Pharmaprospektchen ausgewählt wurden, jedoch ohne jegliche Beachtung der Wechselwirkungen und Unverträglichkeiten. Man sollte wissen, daß viele Psychopharmaka den Blutdruck steigern oder die Blutdrucksenkung verhindern,  umgekehrt aber auch, daß blutdrucksenkende Medikamente Depressionen erzeugen können. Cortikoide in Verbindung mit Antidepressiva steigern den Augendruck. Die Butazolidinwirkung wird durch Psychopharmaka gehemmt, also keine Rheumamittel dazu. Cimetidin (Spezialität: Tagamet) hemmt den Abbau von Diazepam, so daß es zu einer Kumulation kommen kann. Monoaminoxydasehemmer sind unverträglich mit anderen Antidepressiva, mit Salizylsäure, Diuretika, Käse, Bier und Rotwein. 

Jede Woche erscheint irgendwo ein Bericht, der es gestattet, diese Liste zu verlängern. Die schlimmste Nebenwirkung, die zugleich identisch mit der Hauptwirkung ist, wird jedoch in keinem Prospekt erwähnt. Psychopharmaka zerstören den Menschen in seiner Persönlichkeit. Mag sein, daß manche Persönlichkeit unbequem ist, für sich selbst und mehr noch für die Umwelt. Aber unsere Welt wäre arm ohne knorrige, eigenwillige Originale. Wer gibt uns das Recht, alle in eine klischierte Normhaltung zu pressen? 

Diese fatalen Medikamente machen den Patienten immer unfähiger, seine Konfliktsituationen und Probleme zu bewältigen, richtig einzuordnen, richtig zu bewerten. Wenn im Anfang der Medikation vielleicht ein wirkliches Problem stand, das zu überwinden der Verordner helfen wollte, so werden die Sorgen und Schwierigkeiten, die den Patienten verzweifeln und scheitern lassen, unter der Einnahme von Psychopharmaka immer geringfügiger, bis schließlich schon die einzelne Fliege an der Wand zum break down führt. 

Und nicht zuletzt: Sie machen abhängig. Wir alle kennen die treuherzige Versicherung unserer Patienten: "Nein, süchtig bin ich nicht." Aber lassen können sie's auch nicht. Was regen wir uns eigentlich über Haschisch und Heroin in einer kaputten Randszene auf, wenn doch ein ganzes Volk legal per Rezept zur Sucht getrieben wird? Wo liegt eigentlich der qualitative Unterschied zwischen der über ihren Hasch rauchenden Sohn verzweifelten und Valium schluckenden Mutter und dem mißratenen Sproß? Und Vater spült seinen Ärger mit Aethanol runter. 

Durch Medikamente lassen sich keine Probleme ändern. Kein Ehemann wird treuer, keine Schuldenlast kleiner, kein Chef freundlicher, kein Kind klüger, nur weil die Ieidgeplagte Ehefrau, Hausfrau, Angestellte, Mutter irgend ein Pharmakon schluckt. Im Gegenteil: Das Mittel verhindert die nötigen Initiativen, die allein imstande sind, die Ursachen der Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen. Statt dessen schiebt man die Probleme nur vor sich her, bis sie sich zu einem unüberwindlichen Berg aufgetürmt haben. 

Richtiger ist es doch, den Ehemann selbst wieder zu fesseln oder ihn aus dem Tempel zu jagen, die Ausgaben neu zu ordnen oder etwas hinzuzuverdienen, dem Chef die Meinung zu sagen oder den Job zu wechseIn, dem Kind Lernhilfe zu geben oder zu erkennen, daß ein Handwerksberuf nicht weniger wertvoll als ein akademischer ist. Die meisten Schwierigkeiten lassen sich auf ganz einfache Weise lösen. Man darf sich nur nicht den Blick dafür verstellen lassen. 

Was kann nun der Praktiker draußen tun, wenn ein vielfach vorbehandelter "depressiver" Patient zu ihm kommt? Am Anfang steht selbstverständlich auch hier die gründliche körperliche Untersuchung, um somatogene Depressionen auszuschließen. Anämien, Arteriosklerosen, Enzephalitiden, Leberschäden, Dysthyreosen, das Klimakterium, alles das kann die ganz simple Ursache sein und muß natürlich zunächst behandelt werden. Oft bleibt dann von der vermeintlichen Depression nichts nach. Auch Medikamente können ursächlich sein. Blutdrucksenker, Corticoide, Kontrazeptiva und vor allem natürlich die Psychopharmaka selbst können Depressionen erzeugen. 

Meine erste Maßnahme ist es stets, alle Psychopharmaka abzusetzen. Abrupt und erbarmungslos! Der therapeutische Weg, den ich zu gehen versuche, und der zur Wiederherstellung der Persönlichkeitswerte führt, geht in die entgegengesetzte Richtung wie die Pharmatherapie. Man kann nicht gleichzeitig nach Nord und nach Süd laufen, wenn man ein Ziel erreichen will. Auch "harmlose" pflanzliche Beruhigungsmittel dulde ich nicht. Der Schritt von ihnen zu den stärkeren Mitteln wird nur allzu leicht vollzogen. Und es muß dem Patienten grundsätzlich klarwerden, daß nicht irgendein Mittel seine Probleme lösen kann, sondern nur er selbst. Selbst autogenes Training oder Meditation lasse ich abbrechen. 

Sie müßten jetzt eigentlich nach der Suizidrate fragen. Während bei den schluckenden Patienten Suizide an der Tagesordnung sind, habe ich in all den Jahren, in denen sich diese Therapieform herausgeschält hat, einen einzigen Suizid erlebt. Das ist, gemessen an der Zahl der behandelten Fälle, eine bemerkenswert niedrige Quote. 

An die Stelle all dieser vorabgegangenen Therapieformen, die den Patienten immer weiter der Wirklichkeit entfremden, stelle ich die Bereitschaft zum Gespräch, die Hinwendung zum Patienten, das Angebot, sich immer und jederzeit mit seinen Nöten an mich zu wenden, ob in der Sprechstunde oder nachts am Telefon. Der Patient muß wissen, daß er mit seinen Problemen nicht alleingelassen ist, sondern Hilfe, Rat, Korrektur, Zuwendung, Orientierungshilfe erfährt und daß jemand für ihn da ist, an den er sich auch einmal anlehnen kann. Das setzt natürlich voraus, daß der Therapeut selbst Lebenstüchtigkeit, innere Sicherheit und Ausgeglichenheit besitzt und nicht wie ein Rohr im Winde schwankt. Er muß in seiner Therapie und seinen Ratschlägen konsequent den einmal begonnenen Weg weiterverfolgen. Es gehört schon Stehvermögen dazu, dem bettelnden Patienten immer wieder den Wunsch nach einem Pillchen abzuschlagen, ihm immer wieder zu erklären, warum das nicht geht, warum er durchstehen muß, warum sie ihm die Hölle der Entwöhnung zumuten. 

Das bedeutet aber auch, daß der Therapeut ein gerüttelt Maß an Lebenserfahrung mitbringen muß. Will er wirklich Ratgeber in allen Lebensfragen sein, dann muß er natürlich etwas von den Dingen verstehen, zu denen er raten will. Er muß nicht nur Arzt  sein, auch ein Stückchen Rechtsanwalt, Steuerberater, Bankkaufmann, Priester, Wohnungsmakler, Eheanbahner und vieles mehr. Sein Rat sollte sich nicht auf psychologische Allgemeinplätze beschränken, sondern ganz konkrete Vorschläge zur Besserung der Lebenssituation beinhalten. Er muß sagen können, wie man seine Finanzen in Ordnung bringt, welche Fortbildungsmöglichkeiten es gibt, wie eine scheidungswillige Frau zu Unterhalt kommt, auf welchem Wege man am zweckmäßisten neue Partnerschaften anknüpft. 

Fehler, die der Patient begeht, sollten auch angesprochen und unmißverständlich als Fehler bezeichnet werden. Es geht nicht um die Schuldfrage, wohl aber um die Verantwortlichkeit, die ganz allein der Patient selbst trägt. Rechtfertigungen für eigenes Fehlverhalten sollte man energisch zurückweisen, und dem Patienten zeigen, wie er sich richtiger und sinnvoller verhält. 

Verlangen Sie Ihren Patienten auch konkrete Maßnahmen zur Überwindung bestimmter Ängste ab. Mancher vermag nicht mit der Straßenbahn oder dem Lift zu fahren. Bestehen Sie darauf, daß er es dennoch tut, notfalls in Ihrer Begleitung. Fordern Sie den Patienten auf, beim Krämer, Bäcker oder Fleischer berechtigte Reklamationen höflich aber bestimmt vorzubringen. Verlangen Sie, daß er Behördengängen nicht ausweicht, sondern sie unverzüglich erledigt, daß er zerstrittene Nachbarn aufsucht und das Verhältnis bereinigt. Lassen Sie ihn alles das tun, um das er bisher einen Bogen gemacht hat. Lassen Sie dabei Ihrer Phantasie freien Lauf und denken Sie an die Dinge, die Sie selbst auch ungern oder gar nicht tun. Vielleicht lassen Sie ihn gar reiten oder fliegen? Die zielstrebige Überwindung konkreter, greifbarer Ängste trägt dazu bei, auch die unterschwelligen, unerkannten, undefinierbaren Ängste zu überwinden und zu verarbeiten. 

Wie wichtig die körperliche Bewegung ist, habe ich schon im Kapitel über die biogenen Amine ausgeführt. Es kommt aber darauf an, den Patienten auch wirklich in Bewegung zu versetzen. Ein gelegentlicher Spaziergang mit dem Schoßhündchen genügt nicht. 

Genau so wichtig wie die körperliche ist die geistige Betätigung. Hier den Patienten zu motivieren und in Bewegung zu bringen, dürfte mit das Schwerste sein. Ich halte es aber für unerläßlich, immer wieder Vorschläge zu machen und Möglichkeiten aufzuzeigen. Lassen Sie auch hier den Patienten nicht allein. Forschen Sie mit ihm gemeinsam nach Interessengebieten, suchen Sie mit ihm gemeinsam Volkshochschulkurse oder andere Veranstaltungen aus, zeigen Sie ihm den Weg in die Stadtbücherei und fordern Sie - wie der Lehrer in der Schule - die Vorlage von Ergebnissen der geistigen Betätigung. Sonst versickern unsere Empfehlungen im Sande, bleiben kluges, aber unverbindliches Dahergerede und werden nicht befolgt. Nur unter strenger, konsequenter Führung wird der Patient den vorgeschlagenen Weg gehen können. Das ist eine Aufgabe, die die ganze Persönlichkeit des Therapeuten fordert. Wahrscheinlich wird sie deswegen auch so wenig angewandt. 

Nach der Seele anderer Menschen zu greifen ist in so hohem Grade anmaßend, daß etwas mehr Zurückhaltung uns allen gut zu Gesicht stünde. Wo wir aber doch meinen, zugreifen zu müssen, sollten wir das nur unter Einsatz unserer eigenen Seele tun.