Der Heilpraktiker und die Arznei

(Vortrag auf dem Deutschen Heilpraktikertag 1965 in Nürnberg)

von Hans-Heinrich Jörgensen  
 

Das therapeutische Denken einer jeden Epoche wurzelt in der ihr zugehörigen Krankheitsschau. Wiewohl der Begriff "Krankheit" bis heute nicht definierbar ist  - mag man nun pragmatisch von einem "gegen die Norm veränderten Lebensvorgang" sprechen oder etwas poetischer vom "Vorreiter des Todes, der die freundliche Gewohnheit des Daseins bedroht" - immer ist doch die Krankheit Ursache und Urgrund jeder Medizin. 

Der Dämon, der - wie man meinte - vom Primitiv-Menschen Besitz ergriffen hatte, wurde durch den Heilzauber des Priesterarztes ausgetrieben . . . hoffte man und das Mycobakterium tuberculosis vom modernen Chemotherapeutikum Paraaminosalizylsäure (PAS) . . . - hofft man ebenfalls! 

Die Erkenntnis von der Unzugänglichkeit der Krankheit und der Unzulänglichkeit des Arztes trieb den Menschen, stets neues Wissen zu schaffen und damit zu stets neuen Wissenschaften, oft unter gleichzeitigem Überbordwerfen aller bisherigen für gut gehaltenen Erkenntnisse. Es war schon Hippokrates, der mahnen mußte, "die medizinische Kunst des Altertums nicht ab(zu)tun, nur weil sie nicht auf allen Gebieten Vollkommenheit erreichte". Inzwischen sind 2300 Jahre vergangen, aber der Vollkommenheit sind wir so fern wie damals. Dessen stets bewußt sollten wir unsere Arbeit tun! 

Das Wissen, nicht vollkommen zu sein, ist niemals ein Fehler, sondern wirkt befruchtend auf die Medizin ein. Es zwingt, das eigene arzneiliche Repertoire stets kritisch zu überprüfen und den jeweils besten Erkenntnissen anzupassen. Das ist kein Skeptizismus, sondern die Triebfeder, die uns dem Ideal der Vollkommenheit immer näher bringt. Dieses Ideal ist es, das der Heilpraktiker stets als Leuchtfeuer am Horizont sieht und das seinen Kurs bestimmt. Heilpraktiker sein ist nicht nur ein Beruf, vielmehr eine Berufung. Wir sind besessen vom Wunsche, unseren Mitmenschen zu helfen. Das weitet unseren Blick und macht uns frei von starren Bindungen an therapeutische oder "anerkannte" Schulrichtungen, es läßt uns auch d i e Methoden willkommen sein, die oft als sogenannte "Outsider"-Methoden vernachlässigt werden. Es läßt uns aber auch den Menschen in seiner Gesamtheit sehen, wie es bei Hippokrates und noch bei Paracelsus üblich war. 

Diese hippokratische und paracelsische Ganzheitsschau ging der Medizin mit Morgagni (1761 sein Buch "De sedibus et causis morborum") und seiner Organpathologie weitgehendst verloren. Das von ihm begonnene und immer ausgeprägtere analytische Denken führte über Virchows Zellularpathologie hin zu Schade und seiner Molekularpathologle. Hier müßte sich eigentlich der Kreis wieder schließen: Die durch die Molekularpathologie nachgewiesene Veränderung der biochemischen Verhältnisse stört das "Milieu interne" und führt zum Ganzheitsdenken zurück. 

Ich sagte: ". . . müßte!" Leider jedoch trübt bei manchen Geistern die ständige Übung des analytischen Denkens den Blick fürs Ganze. Sie sehen dogmatisch-einseitig nur einen Teil, nämlich ihren Teil, sicherlich eine menschliche Schwäche, der auch wir mit anderen Vorzeichen manchmal ausgesetzt sind, die es aber zu überwinden gilt. 

Zurück zum Krankheitsbild: Den letzten Anstoß zur Krankheit geben "äußere Einflüsse" - mit großer Wahrscheinlichkeit auch dort, wo wir heute noch von "endogenen Ursachen" sprechen. Der menschliche Körper ist ja von seiner Natur her zur Funktion und nicht zur Dysfunktion angelegt. Funktioniert er nicht, muß also eine unnatürliche Einwirkung von außen her den harmonischen Ablauf der Lebensvorgänge gestört haben. 

Andererseits aber genügen die "äußeren Einflüsse" nicht allein, um den Menschen krank zu machen, sind wir doch den gleichen Einflüssen mehr oder weniger alle ausgesetzt. Den einen werfen sie aufs Krankenlager, der andere kommt ungeschoren davon. Der eine verfügt über ausreichende innere Abwehrkraft, die das natürliche Funktionsgefüge sich wieder einpendeln läßt - der andere nicht. Sind die negativen "äußeren Einflüsse" stärker als der innere Regulationsmechanismus, wird der Mensch krank. Zwiefältig ist also der Boden, auf dem die Krankheit wächst: Der äußere Anstoß und das Versagen des "inneren Arztes"! 

Diesen "inneren Arzt" wieder herzustellen, das ist der Grund- und Leitgedanke der Naturheilkunde. Er könnte einmal dann als überholt gelten, wenn alle, aber auch wirklich alle nur möglichen schädigenden Einflüsse aus unserer Umwelt eliminiert sind. Da das aus vielerlei Gründen wohl nie und nimmer der Fall sein wird, brauchen wir uns um den Bestand und die Daseinsberechtigung des in unserem Sinne - das heißt auf die Wiederherstellung des "inneren Arztes" - ausgerichteten Heilkundezweiges keine Sorgen zu machen. 

Dieser Kongreß steht unter dem Motto "Heilung als Erlebnis". Die Blickrichtung geht nicht nur zum Behandler, sondern wie besonders deutlich die nachfolgenden Themen ausweisen - auch zum Patienten. Sie mögen fragen: "Kann denn überhaupt der Patient eine Arznei aktiv empfangen und erleben? Ist diese Art des Heilens - die arzneiliche Therapie - nicht immer und von ihrem Wesen her passiv, jedenfalls aus der Sicht des Patienten?" Mitnichten! Krankheit ist zwar Passion, Therapie aber ist immer Aktion, und zwar eine bipolare Aktion - auch der Patient wird tätig. 

Nicht allein indem er regelmäßig den Anweisungen entsprechend seine Tropfen zählt, vielmehr indem er sich dieser Arznei öffnet und sich ihrer Wirkung hingibt. Die Wirksamkeit einer Arznei wird potenziert, wenn der Patient sein Verhältnis zur Krankheit - oder besser zur Gesundheit - in Ordnung bringt und sich auch innerlich gegen das Gebrechen zur Wehr setzt. Die Rollkur des Magenkranken demonstriert so schön deutlich, was es bedeutet, den Patienten durch den Zwang zum Handeln auch psychisch für die Wirksamkeit einer Arznei bereit zu machen. 

Wer jetzt mit Gewalt nicht verstehen will, kann natürlich interpretieren, ich hätte gesagt, die naturheilkundliche Arznei wirke nur psychotherapeutisch. Das ist absolut falsch. Wer verständig ist, weiß, jede Arznei wirkt auch psychotherapeutisch. Eben das habe ich gesagt! 

Die Wiederherstellung des "inneren Arztes" wird von manch klugen Köpfen etwas von oben herab betrachtet und als unwissenschaftlich abgetan. - Sicherlich ist es berechtigt und auch wissenschaftlich, mit allen Mitteln an der Erforschung der äußeren Krankheitskausa zu arbeiten. Es ist aber ohne Frage genauso wissenschaftlich, sich der inneren Kausa zu widmen. Und ihr widmen wir uns mit der Naturheilkunde. Sie ist darum nicht unwissenschaftlich, nicht nur empirisch - womit nichts gegen die Erfahrung gesagt ist -, sie ist im wahrsten Sinne des Wortes naturwissenschaftlich. 

Der Unterschied zwischen der Bekämpfung "äußerer Einflüsse" und der Wiederherstellung des "inneren Arztes" . . . oder mit anderen Worten: Der Unterschied zwischen der Naturheilkunde und ihrem Gegenteil, für das es eine so treffende umfassende Sammelbezeichnung gar nicht gibt, wird am deutlichsten bei der Behandlung landläufiger Infektionen. Mit einem Sulfonamid oder Antibiotikum bekämpft man den Erreger, und wenn man das Spektrum der Antibiotika beherrscht, sogar einigermaßen gezielt. Mit dem einen "äußeren Einfluß" macht man also den anderen "äußeren Einfluß" unschädlich. Das mag in bedrohlichen Zuständen und beim Darniederliegen aller Abwehrkräfte unumgänglich sein. Aber es ist kein Geheimnis und auch keine bösartige Erfindung von uns , daß man noch einiges mehr damit tut, zum Beispiel resistente Erregerstämme züchtet oder die körpereigene Bakterienflora zerstört, sagt doch schon der Name "Antibiotikum" = "gegen das Leben gerichtet", d. h. auch gegen das gesunde und gewollte. Positive Einflüsse auf den 0rganismus des Patienten haben dieser Art Mittel jedenfalls nicht, sie befreien ihn allenfalls von äußeren Noxen. 

Der Warnruf der Heilpraktiker und naturheilkundlich eingestellten Ärzte ist nicht ungehört verhallt. Die Zeit des antibiotischen Kaugummis beim banalen Schnupfen ist vorbei. Es ist heute Lehrmeinung - auch wenn es noch nicht überall bis in die Praxen gedrungen ist , daß das Antibiotikum die Ausnahme, aber nicht die Regel in der Behandlung sein soll. 

Der andere Weg ist die von uns geübte Steigerung der körpereigenen Abwehrkraft. Ob Sie das durch äußere Anwendungen mit Wasser, Wärme oder Massage tun, ob Sie nun Aristolochia, Echinacea oder sonst ein Abwehrstimulans nehmen, Sie erhöhen die Fähigkeit des Körpers, von sich aus mit den bösen Erregern fertig zu werden. Sie wählen den natürlichen Weg, der es dem Organismus ermöglicht, sich selbst zu helfen. "Der Arzt behandelt, es heilt die Natur." 

Selbst wenn wegen der Heftigkeit des Bakterienangriffs der zusätzliche Einsatz eines Antibiotikums angeraten sein sollte, scheint es mir unerläßlich zu sein, als Grundtherapie den naturheilkundlichen Weg zu beschreiten. Was nützt die Eindämmung der Bakterien, wenn der "innere Arzt" weiter darniederliegt! Bei der Vielzahl der banalen Infekte sollte dieser Weg allein gegangen werden. 

"Man schießt nicht mit Kanonen auf Spatzen!" Das stammt nicht von mir, sondern der Pharmakologe Walter Straub liebte es, diesen Vergleich zu gebrauchen. Mit der Kanone trifft selbst der beste Kanonier nicht nur den Spatzen, sondern auch das Dach, auf dem er sitzt. (Der Spatz natürlich!) 

Oder lassen Sie mich einen anderen, treffenden wie makabren Vergleich benutzen: Natürlich soll das Messer, sprich die Arznei, auch schneiden. Aber doch nicht zu tief. Schließlich wird niemand auf die Idee verfallen, ein Furunkel am Halse mit dem Fallbeil zu spalten! Die noch weitgehendst im dunkeln liegenden Spätwirkungen vieler Mittel erinnern aber fatal an die Kanone und das Fallbeil. 

Der Patient erkennt das instinktiv. Er zuckt beständig vor dem Fallbeil und der Kanone zurück. Nicht etwa nur der Patient, der zu  uns  kommt, und damit ja schon einer gewissen Vorauswahl unterworfen ist, sondern auch der andere, der sich aus verständlichen Gründen mit Krankenschein vom Kassenarzt behandeln läßt. Jeder Apotheker kennt massig die Fälle, die statt der Kassenrezeptarznei etwas "Unschädliches" erbitten. Die sogenannte Gesundheitswelle, die blühenden Umsätze der Reformhäuser und die steigende Nachfrage nach natürlichen Mitteln dokumentieren den Willen des Patienten, mit dem geringstmöglichen Einsatz den größtmöglichen Erfolg zu erzielen. Wenn Sie das Verschreibungsrepertoire Ihrer benachbarten Ärzte verfolgen  - und das kann man mit Hilfe der herüber wechselnden Patienten sehr gut - werden Sie merken, daß auch die "Schulmedizin" diesem Trend folgt. Sie verwendet In zunehmendem Maße jene Mittel, die wir als natürlich bezeichnen. Übrigens: Das Wort "Schulmedizin" verstehen Sie hier bitte in Anführungsstrichen. Ich möchte keine künstliche Gegensätzlichkeit erzeugen. Auch die Naturheilkunde ist ein legitimes Kind der Schulmedizin. Die Dame Medizin verfährt mit ihren Kindern manchmal zwar sehr streng, kann aber die Verwandtschaft nicht leugnen. 

Wo liegen denn nun eigentlich die Grenzen zur Chemie? - Ich muß Sie enttäuschen. Es gibt keine klaren und unverrückbaren Abgrenzungen, allenfalls wandernde Konzentrationspunkte. Man kann also nicht sagen: Hier Chemie - hier Naturheilkunde... und dazwischen eine hohe Mauer, sondern man muß sagen: Das Schwergewicht des arzneilichen Repertoires eines Behandlers liegt auf chemischen Mitteln oder dort, wo die Natur uns ihren Weg zeigt. Neben wachsamen Ärzten waren es immer wieder die Heilpraktiker, die darauf hingewiesen haben, daß das natürliche Mittel ganz anders in das Gefüge des menschlichen Organismus eingreift als starkwirkende Retortenerzeugnisse, und daß den natürlichen Mitteln die Gefahr möglicher Spätschäden nicht anhaftet. 

"Nil nocere" = "Niemals schaden" darf keine leere Phrase sein sondern ist der Leitgedanke, der bei uns den Primat hat. 

Das in der Naturheilkunde bevorzugte vollpflanzliche Gesamtwirkstoffgemisch ist zwar Jahrtausende alt, aber dessen ungeachtet nicht sakrosankt. Paracelsus, den wir ja so gerne zitieren, schrieb 1530 im Paragranum (Auf hochdeutsch finden Sie das Zitat im Deutschen Museum zu München an der Wand der pharmakologischen Abteilung):  
"Die natur ist so subtil und so scharpf in iren Dingen, das sie on große kunst nicht wil gebrauchet werden; dan sie gibt nichts an tag, das auf sein stat vollendet sei, sonder der mensch muß es vollenden. Diese vollendung heißet alchimia."  
Zwischen der Alchimie und der Chemie aber ist nur ein gradueller und kein grundsätzlicher Unterschied. 

Das um der genauen Dosierung willen berechtigte Standardisierungsbegehren des Behandlers führte zum Reinstoff. Die Möglichkeit, ihn anwenden zu können, begrüße ich, ohne jedoch immer Gebrauch davon zu machen. In konsequenter Weiterverfolgung dieses Gedankens kommen wir zur Strukturanalyse und schließlich auch zur chemischen Synthese der als wirksam erkannten Molekülverbindungen, nicht zuletzt, um die lebensrettende Arznei wirtschaftlich und damit in breitem Maße anwendbar zu machen. Wie wenig nützlich wäre das Penicillin, könnten wir es nach wie vor nur aus der faulenden Schutthalde gewinnen. Jede Retortenarznei wurde gezeugt, als es gelang, ihre Struktur zu ermitteln, und geboren, als man sie synthetisieren lernte. Es gibt einen Armvoll solcher Arzneien, deren Zeugung und Geburt für die Medizin eine Sternstunde war. Wenn die Sterne von ihrem Glanz verloren haben, liegt das daran, daß sie zu abgegriffen sind. 

Wir sollten uns davon lösen, das Wörtchen "Chemie" als ein Synonym für den Teufel - wenn er auch nach Schwefel stinken soll - oder als die Inkarnation des Bösen zu sehen. Sonst sind wir ebenso einseitig dogmatisch wie unsere eingefleischten Gegner.  
Der Vorwurf, der zu erheben ist, richtet sich auch nicht gegen die wissenschaftlich-präzise Akribie der Chemiker, sondern gegen die gedankenlose, wahllose, wilde Streuung hochdifferenter Arzneien. Wie oft erfolgt doch der Einsatz weder in Kenntnis der biochemischen Kausalwirkung noch der empirischen Heilsamkeit eines Mittels, sondern einfach aus Bequemlichkeit und Ignoranz nach einer simplifizierten Indikationstabelle - die von der Verkaufsabteilung eines Werkes zusammengestellt ist! 

Die hochwirksamen Arzneien, die uns das letzte halbe Jahrhundert geschenkt hat, können ein Segen sein, den sinnvollen Einsatz vorausgesetzt. Denken Sie an die Kortikoide zur Schockbehandlung oder zur Koupierung akuter lebensbedrohlicher Zustände, denken Sie an die vielfältigen Antibiotika zur Erregerbekämpfung, wenn der Organismus trotz aller unterstützender Maßnahmen nicht selbst damit fertig werden kann. Oder denken Sie an die Substitutionsmöglichkeit bei gefährlichen Hormonkrisen. Dieses Trio der drei wohl wichtigsten Neuschöpfungen unserer Epoche mag hier stellvertretend stehen für viele andere auch. 

Sie können in der Tat lebensrettend sein, und das allein sollte die Domäne ihrer Anwendung bleiben. Sie können vielleicht auch einmal vorübergehend unerträgliche Leiden eindämmen ... Aber sie machen den Menschen in seiner Gesamtheit nicht gesünder. Der Mensch lebt heute zwar länger, aber er ist anfälliger denn je. Denken Sie an das Beispiel der Hormonsubstitution, die zwar den akuten Notstand behebt und das Defizit ausgleicht, im Endeffekt aber doch über den Regulationskreislauf Zwischenhirn, Hypophyse, Enddrüse die eigene Hormonproduktion noch weiter reduziert. 

Ich will auch nicht den mißbrauchten Begriff von den Nebenwirkungen strapazieren. Es gibt keine Neben-Wirkung einer Arznei, sondern nur ein Gesamtwirkungsbild, wie ja auch ein Gemälde nicht nur aus dem Vordergrundmotiv besteht, sondern durch Randzonen und Hintergrund erst komplex wird. Mag sein, daß ein Teil der Wirkung in einem Fall nicht erwünscht ist, dafür aber im anderen Fall um so mehr. Wir können ihn darum nicht als unerwünschte Nebenwirkung abtun oder ihn gar a priori als schlecht bezeichnen. Schlecht wird es erst, wenn man ein starkwirkendes Mittel ohne genaue Kenntnis der möglichen Teil- oder Spätwirkungen gedanken- und bedenkenlos einsetzt. Richtiger ist es doch allemal, dann die Arznei zu suchen, die eben nur über die gewünschte Wirkung verfügt. Die Naturheilkunde bietet mit ihrem weiten Feld die besten Möglichkeiten. Man muß nur die "blaue Blume" suchen. 

In der Lebensgefahr tritt die Nebenwirkung, Verzeihung: die hier unerwünschte Detailwirkung zurück. Sie muß in Kauf genommen werden. Ihr Nachteil wirkt im Verhältnis zu dem, was auf dem Spiele steht, gering und kann später kompensiert werden. Als Dauertherapie jedoch und im Einsatz gegen die kleinen Mißhelligkeiten des Alltags sind die überstarken Mittel abzulehnen! Hier ist das Gebiet der naturheilkundlichen Methoden, der Stärkung des "inneren Arztes". Man kann das gar nicht oft genug betonen. 

Aus der Erkenntnis des quantitativen Mißbrauches starkwirkender Arzneien und aus dem daraus entstandenen großen Unbehagen hat der Gesetzgeber versucht, Zulassung und Konsum dieser Mittel in den Griff zu bekommen. Allerdings nicht ganz ohne Paradoxon: 

Da, wo sie leider oft inflationistisch gestreut werden, erhebt er nicht einmal warnend den Zeigefinger. Dort aber, wo von Berufs wegen schon der Trend gegen das überstarke Mittel und zur natürlichen Heliweise besteht, spricht er das Anwendungsverbot aus! 

Es wird in den kommenden Jahren mehr denn je die Aufgabe eines jeden von uns sein, dem Gesetzgeber etwas zu beweisen. Nämlich dies: Der Heilpraktiker übt seinen Beruf mit dem gleichen Verantwortungsbewußtsein aus, wie jeder gute Arzt auch! Und er wehrt sich darum dagegen, daß man seine Rechte allerorts beschneidet. Das heutige - und noch mehr das morgige - Berufsbild des Heilpraktikers rechtfertigt keine weitere Einschränkung unserer Möglichkeiten, sondern fordert im Gegenteil eine Ausweitung. 

Sie gebrauchten, Herr Präsident, in der Vorbesprechung einmal das Wort vom "Stellenwert der Arznei" und nahmen zur Verdeutlichung das Bild eines Trichters oder einer auf der Spitze stehenden Pyramide; wobei die Spitze das hochdifferente moderne Retortentherapeutikum verkörpert, das aus dem Ehrgeiz entstanden ist, möglichst gezielt einen Punkt zu treffen. Dieser Ehrgeiz ist berechtigt, wenn man den Punkt kennt, wie ja auch eine scharf zielende Strahlentherapie nur Sinn hat, wenn man das Ziel so subtil lokalisieren kann, wie sich der Strahl richten läßt. 

Man mag nun darüber streiten, wie die weitere Schichtung der Arzneipyramide aussieht. Jedenfalls passen die wenigsten Arzneien in die Spitze, sie sind zu grobschlächtig und streuen mit ihrer Wirkung zu breit. Auch die meisten "Möchte-gern-Spitzen-Arzneien" gehören allenfalls in die dritte oder vierte Etage - ohne deswegen an Wert zu verlieren. 

Zweifellos aber besteht die breite Grundfläche, die in unserem Bild ja oben liegt - aus der Homöopathie. Sie zielt nicht spitz auf eine Krankheitsbezeichnung, sondern schließt den ganzen Menschen ein. Es ist verständlich, aber bedauerlich, daß es dem Kliniker immer wieder so schwer fällt, in homöopathischen Bahnen zu denken. Hahnemann lehrte die Medizin doch etwas völlig Neues: Die Behandlung gilt nicht dem Namen einer Krankheit und auch nicht ihren Symptomen, sie gilt dem kranken Menschen. 

Es scheint in manchen modernen Kliniken so, als habe man den Menschen als Individuum vergessen, als sei er nur noch ein Objekt, das durch die perfektionierte Maschinerie einer Diagnosenfabrik gedreht wird, und wenn auf dem Krankenblatt dann schließlich ein schöner Name für das Gebrechen steht und man die pathohysiologischen Zusammenhänge kennt, ist man's zufrieden und verliert das Interesse. Die Fortschritte der Therapie können mit den heutigen diffizilen diagnostischen Möglichkeiten nicht mehr Schritt halten. Um so berechtigter ist die Anwendung von breit basierenden homöopathischen Arzneien, die das Subjekt Mensch mit all seinen subjektiven Beschwerden erfassen. Der Homöopath kann den Kontakt zum Menschen nicht verlieren, weil er sein Medikament nach dem Erscheinungsbild, dem Konstitutionstyp und den subjektiven Empfindungen des Patienten ausrichtet. Homöopathie ist auch heute noch echte Heilkunst. Dazu genügt es nicht, von einer Indikationstabelle abzulesen. 

Selbstverständlich heißt das alles nicht, daß darüber die Erhebung von objektiven pathologisch-anatomischen Befunden vernachlässigt werden dürfte. Sie sind ohne Zweifei wichtig - aber nicht alles! 

Nach der modernen Nomenklatur gibt es einige tausend Krankheiten. Die Zahl der Arzneien ist erheblich größer. Niemand hat sie gezählt. Vorsichtige Leute schätzen etwa 45 000, andere rund 70 000. Aber wie oft hört der Patient: "Gegen diese Krankheit gibt es noch kein Mittel." 

Es sei denn. - Aber wenn es auch gegen die Krankheit kein Mittel gibt, für den Menschen gibt es immer eines! Für den Menschen, der nicht nur als Objekt etwas mit sich geschehen läßt. sondern der als Subjekt aktiv an der Therapie - auch an der arzneilichen Therapie beteiligt ist. Das ist der große Vorzug der Naturheilkunde!  
Dieser Kongreß dient der Besinnung auf den Wert mancher in Vergessenheit geratener Dinge. Gleichzeitig dient er aber auch der Überprüfung des eigenen Standortes. Es genügt nicht, auf einem einmal bezogenen Standpunkt zu verharren, von dem man ja mit Fug und Recht behaupten kann, er sei die engste Form des Horizontes. Man muß sich ständig neu an seiner Umwelt und an der Wahrheit orientieren. Nur dann vermag man zu erkennen, daß sich längst Brücken zwischen der Schulmedizin und der Naturheilkunde aufgeschlagen haben. Beide Richtungen haben ihr eigenes Fundament und ihr eigenes Wesen, von dem einiges zu verdeutlichen mir hoffentlich gelungen ist. Ohne diese gravierenden Unterschiede verwässern zu wollen, kann man aber auch sagen: Beide Richtungen haben sich einander so genähert und verzahnt, daß man schon nicht mehr von zwei feindlichen Lagern sprechen kann. 

Aus der polemischen Geistesfehde vergangener Zeiten wird zunehmend die fachliche und sachliche Diskussion - zu Nutz und Frommen des Patienten.