Hans-Heinrich Jörgensen  
Zur Bedeutung des Säure-Basen-Haushaltes in der Onkologie  
(Aufsatz in "Der Heilpraktiker/Volksheilkunde 3/2011) 

Dieses Thema hat es dringlich nötig, wieder auf den Boden der Wirklichkeit zurück geholt zu werden. Wer im Internet in einer halbwegs brauchbaren Suchmaschine nach den Themen "Krebs" und "Säure" sucht, wird mit einigen hundert Zitaten überschüttet, die man getrost dort lassen oder dem Papierkorb anvertrauen kann. Sie plappern kritiklos die in der naturheilkundlichen Literatur derzeit so beliebte These nach, dass wir alle schon ganz schrecklich übersäuert seien, und dass die Säure das Übel aller Übel ist, und zu Krebs, Rheuma und Herztod führt. Begründet oder bewiesen wird allerdings nichts. 

Zur Ehrenrettung unseres Schöpfers sei es gesagt: es ist nicht ganz so dramatisch, wie es derzeit postuliert wird, der Anteil der nachweisbaren pathologischen Veränderungen liegt eher bei 7% als bei 70%. Wer jedoch wirklich übersäuert ist, der ist in der Tat ein Risikopatient. 

Der so beliebte Begriff "Übersäuerung" trifft nicht ganz das Problem. Sowohl im Blut wie auch in anderen Kompartiments wird der pH-Wert durch funktionierende Puffersysteme immer im Normbereich gehalten. Richtiger wäre es, von einer Minderung der Pufferkapazität zu sprechen, die inzwischen ja auch ambulant messbar ist [1]. Diese Pufferkapazität wird durch basische Mineralstoffverbindungen aufrecht erhalten und durch anaerobe Stoffwechselvorgänge vermindert. 

Darum sind auch alle Patienten, die durch diätetische Fehler zu viel saure und zu wenig basische Valenzen aufnehmen, die durch bestimmte Medikamente eben den gleichen Fehler machen, und alle Patienten, die infolge verminderter Sauerstoffaufnahme, verminderten Sauerstofftransportes oder verminderter Sauerstoffutilisation zur Hypoxämie neigen, gedanklich dem obigen Risikokreis zuzuordnen. 

Sie, die Sie heute tiefer in die Problematik der Onkologie eindringen wollen, geben sich nicht allein mit der kühnen Behauptung "dass ....." zufrieden, Sie wollen wissen, wann, wie und wo greifen Veränderungen des Säure-Basen-Haushaltes ursächlich in das Krebsgeschehen. Dazu muss man allerdings etwas tiefer recherchieren. 

Das ganze begann mit dem Biochemiker Otto Heinrich WARBURG, der 1931 mit dem Nobelpreis für Medizin für die Entdeckung der Zytochromoxidase und die Beschreibung der Atmungskette und der Zellatmung ausgezeichnet wurde. Eigentlich meinte Warburg, der Krebsentstehung auf der Spur zu sein. Seine Hypothese, dass die Umwandlung der Energiegewinnung von der Zellatmung zur Gärung, also zur Hypoxämie oder anaeroben Energiegewinnung die Ursache des Krebses sei, fand keine allgemeine Anerkennung. Immerhin war aber Warburg der erste, der bereits 1952 auf die Cancerogenität der Industrieabgase hinwies.

Paul Gerhardt SEEGER griff Warburgs Hypothese auf und hat sich sein ganzes Leben lang ganz und gar dieser Idee verschworen. Er hat viele Denkanstöße gegeben, die sich noch heute großer Beliebtheit insbesondere in der alternativen Krebsdiagnostik und Therapie erfreuen, auch wenn sie nicht immer ihre wissenschaftliche Verifizierung fanden. So z.B. den Hinweis auf die linksdrehende Milchsäure als Risiokofaktor, auf Ubichinon, das heute als "Vitamin Q10" vermarktet wird, auf die Diazo-Reaktion mit der Carcinochrom- oder auch Gutschmidt-Reagenz, auf den Vitamin-C-Mangel als Schadfaktor und auf die immundepressive Wirkung des Östrogens. 

Letztlich hat sich die These von der gestörten Zellatmung als Ursache des Krebses nicht durchsetzen können. Alle Forschungsergebnisse von Warburg, Seeger und anderen lassen die Frage offen, ob denn ein vermehrt oder vermindert gemessener Parameter die Ursache der Krankheit oder ihre Folge ist - oder gar Ausdruck des körpereigenen Abwehrbemühens. Diese Frage wird bei aller Laborgläubigkeit viel zu selten gestellt. Die fehlende Antwort ist die Quelle unzähliger Irrtümer der Medizingeschichte. 

Auch Seeger ist den Beweis für die Hypoxämie als Ursache des Krebses schuldig geblieben - und erst recht den Beweis, dass eine Umkehr der Atmungsketten-Störung den Krebs wieder heilen kann. 

Trotzdem war die Richtung, in die er dachte, so verkehrt nicht, denn in der Tat gibt die Hypoxämie, die lokale Azidose oder die Verminderung puffernder Substanzen an vielen Stellen den Anstoß zu Veränderungen im Sinne der Krebsentstehung oder Krebsverschlimmerung. 

Die auf dem Boden der Naturwissenschaften stehende Medizin ist sich inzwischen ziemlich einig, dass am Anfang einer Krebserkrankung die Mutation einer Zelle steht. Das heißt, der Code der Aminosäuren wird bei der Dublikation der DNS/RNS an falscher Stelle, falsch herum, in falscher Reihenfolge oder auch überhaupt nicht eingebaut. Das verändert die Eigenschaften der Zelle zum guten, zum schlechten und oft auch ohne jede Bedeutung, denn der genetische Code enthält unendlich viele völlig belanglose Informationen, deren Veränderung ohne zumindest erkennbare Folgen bleibt. 

Eine Mutation muss nicht a priori etwas schlimmes sein. Ohne Mutationen gäbe es die genetische Vielfalt der Tier- und Pflanzenwelt nicht. Und ohne Mutationen wäre aus dem einzelligen Pantoffeltierchen nie der homo sapiens sapiens geworden. Nur böse Zungen behaupten, das sei die bösartigste aller Krebsgeschwülste. 

Diese Veränderung der genetischen Information wird bei der Zellteilung auf die Tochterzelle und damit auf alle Nachkommen dieser Zelle übertragen. Aber damit ist noch lange kein Krebs entstanden. Solche Mutationen finden ständig statt, bei jedem Zellgenerationswechsel zigtausendfach - und meist bleiben sie ohne Folgen. Erst eine zweite, dritte oder weitere Mutation der veränderten Zelle, die den Phänotyp, die Proliferation und die Teilungshäufigkeit der Zelle verändert, macht die Zelle unberechenbar und bösartig. Von der ersten Mutation bis zur Krebsgeschwulst können Jahrzehnte verstreichen. 

Als ursächliche Faktoren für Mutationen gelten nach einhelliger Auffassung ionisierende Strahlen, viele chemische Stoffe, Viren und ein saurer pH-Wert. 

Da der genetische Code im Zellinneren verborgen ist, muss auch die pH-Verschiebung zur sauren Seite hin intrazellulär erfolgen. Es gibt ernsthafte Hinweise darauf, dass ein intrazellulärer K+-Mangel durch H+-Ionen, also Träger der Säure, substituiert wird [2,3]. Das bedeutet, dass Kaliummangelpatienten ein erhöhtes Risiko tragen. Die in der Literatur vielfach zu findende Meinung, beim Krebs werde das Blut alkalisch, ist falsch. Das allein messbare Plasma wird alkalisch weil die sauren Valenzen sich im Intrazellulärraum vor der Mess-Sonde verstecken - und übrigens auch vor den Messfühlern der Niere, die dann nicht mehr für die Homöostase sorgen kann [4]. Auch die intra-/extrazelluläre Verschiebung saurer Valenzen, die in der naturheilkundlichen Literatur etwas ungenau als Blut und Gewebe unterschieden wird, ist mit dem oben erwähnten Verfahren messbar. 

Nun verfügt aber unser Organismus über etliche fein ausgeklügelte Kontrollsysteme. Auch die Duplikation der DNS/RNS läuft nicht ohne Überwachung ab. Das Kontroll-Gen p53, das seinen Namen nach seiner Molekulargröße von 53 000 Dalton erhalten hat, prüft ständig die Richtigkeit der übertragenen "Daten"-Sequenzen. Stellt p53 einen Fehler fest, wird die fehlerhafte Sequenz herausgeschnitten und durch eine neue ersetzt. Ist jedoch der Fehler zu groß und irreparabel, leitet p53 die Apoptose, den Untergang der Zelle ein, wenn Sie so wollen, ihren Selbstmord. 

Auch p53 muss also mutiert sein, um in seiner Kontrollfunktion zu versagen. Zur mehrfachen Zellmutation muss also auch noch die Mutation des Überwachungssystems kommen, damit ein Carcinom entsteht. Und in der Tat findet man bei Carcinompatienten in etwa 50% der Fälle, bei Adenomen weniger, vermehrt mutierte p53-Gene. Der Nachweis wird inzwischen auch schon als Diagnostikum angeboten. Ohne intaktes p53 versagt der Reparaturmechanismus oder der notwendige Zelltod. 

Nun kann der Tumor wachsen. Er teilt sich durch ständige Verdoppelung. Sie alle kennen die Geschichte vom "Erfinder" des Schachspiels, der sich von seinem ägyptischen Pharao etwas wünschen durfte. Er wünschte sich Weizen auf das Schachspiel, auf's erste Feld ein Korn, auf's zweite zwei Körner, auf's dritte vier, und dann jeweils die doppelte Zahl Körner. Soviel Weizen, wie auf das 64. Feld kämen, könnte die ganze Erde nicht fassen. Das macht deutlich, dass auch der maligne Tumor zunächst relativ langsam, dann aber schneller und immer schneller wächst. 

Hier schlägt die Stunde des Immunsystems. Phagozyten erkennen die veränderte Zellkolonie als fremd und feindlich und vernichten sie - vorausgesetzt, das Immunsystem ist intakt. In dem Zusammenhang: Es gibt mehrere retrospektive Studien, die den Zusammenhang zwischen Krebs und fieberhaften Erkrankungen in der Anamnese untersuchen. Ergebnis: Wer häufig Fieber hatte, hat ein geringeres Krebsrisiko, wer Fieber nicht kennt, ein größeres. 

Ein saurer pH-Wert ist der Feind des Immunsystems. Eine mäßige Ansäuerung führt zur vermehrten Produktion von Interleukin 8, also zur Stimulation des Immunsystems. Wir sollten uns aber öfter vor Augen halten, dass ein Immunstimulanz eigentlich ein Schadfaktor ist, sonst würde das Immunsystem nicht mit vermehrter Aktivität antworten. Und nach der bekannten Regel von den kleinen und großen Reizen bringt in der Tat zu viel Säure die Immunabwehr und damit die Phagozytose der noch kleinen Krebskolonie zum Erliegen. 

Bei 104 Zellen, das entspricht etwa 214 Zellen, also bei der 14. Zellgeneration ist der Krebs in der Regel stärker als die Immunabwehr. Einen Tumor dieser Größe schaffen die Phagozyten nicht mehr. Ausnahmen bestätigen die Regel, und sicher gibt es auch Spontanheilungen selbst großer solider Tumoren, wenngleich gegenüber solchen Berichten immer eine gute Portion Skepsis angebracht ist. 

Bei 106 Zellen, das entspricht ungefähr einem Millimeter Größe, schreit das Gebilde nach Ernährung und Durchblutung, Gefäße und auch Nerven sprießen ein, die Angiogenese beginnt. 

Und erst bei 109 Zellen, etwa ein Gramm oder ein Zentimeter, beginnen wir etwas zu spüren, zu tasten, durch bildgebende Verfahren sichtbar zu machen. Unsere Diagnostik kommt also spät, sehr spät, leider oft zu spät. Darum müssen alle alternativen Verfahren, die der Prophylaxe oder Selbstheilung dienen sollen, auch lange vor jeder Diagnose einsetzen. Ist der Tumor erst tast- oder sichtbar, kann naturheilkundliche Therapie nur noch komplementär und nicht alternativ sein. 

Sehr früh also ist der Tumor auf Durchblutung und Ernährung angewiesen. Und paradoxerweise wächst er um so schneller, je schlechter er versorgt wird. Die Hypoxämie ist der physiologische Reiz, der die Angiogenese anregt [5]. Je schneller die Gefäße sprießen, desto schneller wächst der Tumor. Die anaerobe Stoffwechsellage, die Seeger immer im Auge hatte, läßt also nicht primär den Krebs entstehen, fördert aber sein Wachstum und auch seine Aggressivität. Die anaerob lebenden Zellen sind die aggressiveren, und sie überleben im hypoxämischen Milieu leichter und teilen sich schneller, so dass die sauerstoffarme, zur sauren Seite tendierende Stoffwechsellage des anämischen, mineralarmen und gefäß-, kreislauf- oder bronchialkranken Patienten zu schnellerem Wachstum und selektiver Vermehrung besonders aggressiver Zellen führt. 

Und schließlich stellt sich die Frage nach der Metastasierung. Alle Zellen im menschlichen Körper haben ihren festen vorgegebenen Standplatz. Verlassen sie ihn, fallen sie der Apoptose, dem Zelluntergang anheim. Eine Kapsel um die Organe verhindert das, unser Krebs aber ist von keiner schützenden Kapsel umgeben. Eine Zellart jedoch macht eine Ausnahme: die Leukozyten können sich überall im Körper frei bewegen. Sie wandern nicht nur in der Blutbahn, sie können diese verlassen und ins Gewebe eindringen. Das ermöglicht ihnen ein Oberflächenprotein namens CD24, das mit den Selektinen an der Gefäßwand reagiert und wie ein "Sesam öffne dich" den Durchtritt der Leukozyten ermöglicht [6]. Und diese Eigenschaft haben sich die Krebszellen von den Leukozyten abgeguckt. Auch sie können auf ihrer Wanderschaft Gefäßwände durchdringen und in andere Gewebe migrieren. 

Ehe sie aber auf Wanderschaft gehen, müssen sie ihren Zellverband verlassen. Hier spielt die Zelladhäsion, das Aneinanderhaften von Zellen in einem Verband, eine große Rolle. Diese Zelladhäsion ist von einer ausreichenden Calciumversorgung vor Ort abhängig, also ebenfalls einem puffernden Mineral. Für meine eigene Praxis habe ich daraus die Schlussfolgerung gezogen, meine Patienten immer dann massiv mit Calcium zu versorgen, wenn sie sich einem besonderen Metastasierungsrisiko aussetzen, z.B. vor der Brustpalpation oder Mammografie, vor der digitalen Untersuchung der Prostata, vor allem natürlich vor Feinnadelbiopsien, wenn sie sich gegen meinen Rat dazu entschließen, und selbstverständlich, wenn es zur Krebsoperation geht. Ich gehe weiter davon aus, dass die membranabdichtende Wirkung des Calciums dazu beiträgt, die Migration maligner Zellen durch die Gefäßwände zu verringern. 

Sie werden Verständnis dafür haben, dass ich wegen der vielfältigen Wirkungen auf die geschilderten Störungen hierfür bevorzugt die Neukönigsförder Mineraltabletten® verwende, die vor fast dreißig Jahren aus einer Praxisrezeptur von mir entstanden sind und die alle für die Steuerung des Säure-Basen-Haushaltes so wichtigen Mineralien und Spurenelemente im physiologischen Gleichgewicht enthalten. 

Ich fasse abschließend die sechs Punkte zusammen, an denen der Säure-Basen-Haushalt für die Onkologie bedeutsam erscheint: 

1.  
Die Mutationskaskade einer Zelllinie kann durch sauren pH ausgelöst werden.  
2.  
Die ebenso ausgelöste Mutation des Kontroll-Gens p53 lässt Reparaturmechanismen und Apoptose versagen   .  
3.  
Immunkompetenz und Phagozytose werden durch die Azidose gehemmt.  
4.  
Eine Hypoxämie regt die Angiogenese und damit das Tumorwachstum an und führt zur selektiven Teilung aggressiver Zellen.  
5.  
Die Zelladhäsion wird unter einem Calciummangel vermindert, wodurch das Metastasierungsrisiko steigt.  
6.  
Die Migration maligner Zellen durch Gefäßwände ist im Calciummangel begünstigt.  
  
 

Literaturverzeichnis 

[1] Jörgensen HH: Säure-Basen-Haushalt - Ein praxisnahes Meßverfahren zur Bestimmung der Pufferkapazität. "Erfahrungsheilkunde" 5/1985, S. 372-377 

[2] Burnell JM, Teubner EJ, Simpson DB: Matabolic acidosis accompanying potassium deprivation. American Journal of Physiology, Vol.227, 2/1974, S. 329-333 

[3] Kupriyanov VV, Xiang B, Kuzio B, Deslauriers R: pH regulation of K(+) efflux from myocytes in isolated rat hearts. American Journal of Physiology, 277; 1 Pt, Juli 1999, S. 279-289 

[4] Jörgensen HH: Säure-Basen-Haushalt - Das Kalium-Mißverständnis. "Erfahrungsheilkunde 8/1996, S.490-494 

[5] Vaupel P, et al: Die Bedeutung des Hämoglobin-Wertes für die Tumorbehandlung. Deutsche Medizinische Wochenschrift, 124. Jahrgang, Heft 13 /1999, Sonderbeilage zum Symposium des DEGRO 

 [6] Altevogt P: CD24 als Ligand für P-Selektin und Regulator von Integrinen. Arbeitsprojekt am Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg, unveröffentlicht