Hans-Heinrich Jörgensen 
„Ohne mich!“ 
Staat und Gesellschaft - was gehen sie mich an?  
(aus der Schriftenreihe des Bundesvorstandes der Jungsozialisten 1964)

Herr Ohnemichel  
Kennen Sie Herrn Ohnemichel? Die schattenhafte, in Abwehrhaltung erstarrte Gestalt, die seit geraumer Zeit durch den deutschen Blätterwald geistert, ähnlich wie seinerzeit die von jedem Mauerrest mahnende Figur "Pst, Feind hört mit!"? Herr Ohnemichel verkündet in bewußt banaler Weise: "Nix mit zu tun!", " ... geht mich nichts an!" oder "Ich will meine Ruhe!" und meint damit stets die im Bilde dargestellte Situation, in der irgendwer seiner Hilfe bedarf. Ob es der verunglückte Radfahrer ist, oder das alte Mütterchen, das sich ohne ihn nicht über die verkehrsreiche Straße traut, sie warten vergebens auf Herrn Ohnemichels freundschaftlichen Liebesdienst.  
"Er winkt immer ab, wenn es darum geht, zu helfen, Rücksicht zu nehmen, sich mitverantwortlich zu fühlen. Ihm fehlt eben, was den guten Bürger, den sympathischen Mitmenschen ausmacht --- ihm fehlt Gemeinsinn!"  
Gemeinsinn! Das ist es! Und so heißt auch die Aktion, die sich 1957 in Bad Boll auftat, um den Gemeinsinn der Bürger zu wecken. Namhafte Politiker aller Parteien gehören ihr an. Führende Wirtschaftsunternehmen fördern das Bemühen. Prominente Wissenschaftler haben sich zur Verfügung gestellt. Namen, wie Konrad Adenauer, Willy Brandt, Wilhelmine Lübke, Brigitte Gerstenmaier, Professor Carlo Schmid, IBM, Hoesch, Henkell, Salamander und viele mehr stehen hinter der "Aktion Gemeinsinn". Die Zeitungen steilen den Anzeigenraum zur Verfügung - kostenlos, uneigennützig, um den Gemeinsinn zu fördern. 

Warum? Haben wir nicht einen Staat, der fast perfektionistisch für alle Gelegenheiten sorgt? Von der Abwässerbeseitigung bis zur Hilfe in besonderen Lebenslagen wird doch für alles von Amts wegen gedacht, geplant und gehandelt. Wozu also noch den Bürger strapazieren: Ist die weitverbreitete "Ohne mich" - Einstellung, nach der ja Herr Ohnemichel benannt wurde, nicht doch verzeihlich? Oder gar mehr als das: richtig? Hat der Bürger nach getanem Achtstundentag nicht Anspruch darauf, unbehelligt von Forderungen der Gemeinschaft zu bleiben? Nun - laßt uns das untersuchen. 

"L'etat c'est moi" - "Der Staat bin ich!"  
"Staat und Gesellschaft - was gehen sie mich an?" Schon die Fragestellung ist verkehrt. Sie setzt eine grundlegende Gegensätzlichkeit voraus: Hie der Staat - hie ich!, die in Wirklichkeit gar nicht besteht. Der Staat ist schließlich nicht ein imaginäres, in unerreichbarer Ferne über uns schwebendes Gebilde. Der Staat ist nichts anderes, als die Gemeinschaft seiner Bürger. Wenn aber der Bürger nicht Kontrahent, sondern Glied seines Staates ist, gibt es die Gegenpoligkeit nicht, die fragen läßt: "Was geht mich der Staat an?"  
Natürlich gilt das nur, wenn der Staat mit seinen Organen und als Institution Repräsentant seiner Bürger bleibt. Nicht aber, wenn er sich selbständig macht, vom Willen seiner Bürger löst und ein Eigenleben führt, als Instrument einzelner Machthaber oder Gruppen, als Diktatur.  
Ludwig XIV leitete 1661, als er die Macht aus den Händen seiner Mutter an sich nahm, unmittelbar nach Kardinal Mazarins Tode, das Zeitalter des Absolutismus ein. Ihm legte man auch die Worte "L' etat c'est moi!" - "Der Staat bin ich!" in den Mund. Ob er sie nun gesagt hat oder nicht, sie verdeutlichen, wie er selbstherrlich, aus vermeintlicher eigener Machtvollkommenheit die Geschicke seines Volkes lenkte. Ohne Widerspruch, ohne Mitbeteiligung des betroffenen Bürgers. Und nach ihm kamen andere. Wie verwunderlich, daß sich schließlich der Bürger nicht als Glied, sondern als Gegenspieler oder gar als Opfer des Staates fühlen mußte. Entsprechend sah noch Karl Marx den Staat als ". .. eine politische Klasseninstitution zur Ausbeutung des Menschen" an.  
Die national-sozialistische Regierung appellierte zwar an das Volksbewußtsein, schaffte es jedoch in immer wiederkehrenden Propagandatiraden dieses Volksbewußtsein so zu verbiegen, daß es in unlogischer und willkürlicher Weise zur Verletzung des Rechts ausgeschlachtet werden konnte. Auf das Empfinden, ein Volk zu sein, pfropfte man die Vorstellung, daß die einzig mögliche politische Form dieses Volkes ein zentralistisches Reich sei; und zu allem Überfluß log man die Behauptung hinzu, nur ein Führer könne das Ruder dieses Reiches fest in der Hand halten. "Ein Volk, ein Reich, ein Führer!" Aus der widerlegten Behauptung, dieser Führer sei selbstlos für sein Volk da, zog man den irrsinnigen Schluß, daß nun wiederum das gesamte Volk verpflichtet sei, dem Führer zu gehorchen. "Einer für alle - alle für einen!" Und unter dem Vorwand "Recht ist, was dem Volke (Staate) dient" beraubte man die Menschen, die sich nicht in diese Kollektivlüge fügen wollten, all ihrer angestammten Rechte -- und ermordete sie.  
Einen solchen Staat wollen wir nicht! Ebensowenig wie die schreckliche Vision, die George Orwell mit seinem Buch ,,1984" gezeichnet hat, in dem sich alles dem großen Bruder unterordnen muß. Bis in die Intimsphäre reicht der absolute Machtanspruch des Staates, die Menschen dienen ihm wie willenlose Ameisen. Schließlich tauchen gar Zweifel an der Existenz des "Großen Bruders" auf. Hier scheint der Staat zu einem gefährlichen Eigenleben erwacht zu sein. Er weiß alles, er formt alles nach seiner Willkür, er fordert alles von seinen Menschen.  
Weder der absolute Anspruch eines Menschen an den Staat, noch der absolute Anspruch des Staates an den Menschen passen in unsere Zeit. In der Demokratie ist der Staat nicht Selbstzweck, er dient dem Menschen als Ordnungsfaktor, als schützender Hort. Wichtig ist, daß sich das Volk nicht vom Staate fressen läßt, sondern ihn in der Hand behält. Er ist sein Werk, sein Staat. Er ist die Gemeinschaft seiner Bürger. Alle Gewalt und Herrschaft geht vom Volke aus. Die Staatsform bestimmt das Volk selbst. Die Führungskräfte, die in verantwortlicher Position das Staatsschiff lenken, kommen aus dem Volk und werden von ihm gewählt.  
Nur hier ist der Bürger zu Hause. Nur hier gilt das Wort "Der Staat bin ich!" zu Recht. Nicht als Anspruch eines einzelnen Herrschers, sondern als Feststellung jedes einzelnen Bürgers: "Der Staat bin ich!" 

Vogelfrei  
Bislang war nur vom Staat, nicht aber von der Gesellschaft, die Rede. Jegliche Form des menschlichen Zusammenlebens ist Gesellschaft. Der Begriff kann sowohl weiter als auch enger gefaßt werden, als der des Staates, der ja nur die politische Organisation der Gesellschaft darstellt. Von der Sozietät (lat. = Gesellschaft, Genossenschaft) stammt das leider so oft mißbrauchte Wörtchen "sozial" 

Die Flucht aus der Einsamkeit in das Gemeinschaftsleben mit Aufgabenteilung und gegenseitiger Hilfeleistung ist nicht etwa eine Erfindung des Menschen, sondern die Urform des Zusammenlebens auch der meisten Tiere. Das Rudel Damwild verläßt sich auf die witternde Wachsamkeit eines alten Bockes. Die Büffelherde vertraut bedingungslos dem Leitstier, während die Muttertiere schützend ihre Kälber umringen. Das ausschwärmende Bienenvolk schart sich in einer großen Traube um die Königin. Es gilt, wie auch der Ameisenstaat, als Symbol für Fleiß, Ordnung und Arbeitsteilung.  
Auch die Primitivvölker, die unberührt von der Zivilisation in den Urwäldern des Amazonasgebietes hausen, leben in einer nahezu demokratischen Ordnung. Der einzelne fügt sich in die Sippe, die Sippe in die Dorfgemeinschaft, die ihrerseits wieder von einem allseits respektierten Häuptling angeführt wird. Genau wie unsere Vorfahren zu Zeiten, da sie selbst noch als Primitivvolk zu gelten hatten. Wobei das Wörtchen "primitiv" nur seine Berechtigung erhält durch die Relation zu unserer Zeit.  
Die schlimmste Strafe für den, der sich nicht in die Gesetze und die Ordnung der Gemeinschaft fügen kann oder will, ist es, für vogelfrei erklärt und ausgestoßen zu werden. Recht-, schutz- und hilflos ist er nicht nur den Unbilden der Witterung, den Raubtieren des Waldes, sondern ebenso der Willkür seiner Mitmenschen ausgeliefert.  
Der Mensch ist unlösbar in die Gemeinschaft eingefügt. Er allein ist wenig. Erst als Baustein am Ganzen findet er seinen Wert, aber auch seinen Halt. Die Familie zieht ihn auf und umhegt ihn. Sie gibt ihm Nahrung und Wärme. Die Hausgemeinschaft unterstützt ihn mit nachbarlicher Hilfeleistung. Die Stadt schafft Einrichtungen zur Deckung notwendiger Bedürfnisse, die sich eben nur als Gemeinschaftsleistung verwirklichen lassen. Der Staat umgibt ihn mit regelnder und schützender Ordnung. Beruflich vermag der Mensch erst produktiv zu werden durch die kollegiale Gesamtleistung der Belegschaft. Im Verein pflegt er sein Hobby und tauscht Meinungen aus. Und - last not least - im Schoße der Kirche findet er Gemeinschaft im Glauben. 

Ich brauche die Gesellschaft  
Aus all diesen Einrichtungen kann ich mich nicht herauslösen, um "mein eigenes Leben zu leben". Ich würde hilflos zugrunde gehen, denn erst durch diese Leistungen der Gemeinschaft kann ich mein Leben überhaupt fristen. In allen, aber auch restlos allen Bereichen meines Lebens bediene ich mich zwangsläufig der Hilfe meiner Umwelt. 

Was wäre ich ohne Elektrizität und Kohle? Womit kleidete und ernährte ich mich? Wie käme ich durch den Schlamm vor meiner Tür (woher die Tür?), wenn es nicht eine Straße gäbe? Ich denke an den Deichbau, eine beispielhafte Gemeinschaftsleistung, ohne die der blanke Hans Äcker und Wiesen rauben würde. Oder an das Krankenhaus, in dem Leben und Gesundheit erhalten werden. Ich denke an den Feind, der mordend über mich herfallen würde, gäbe es keine gemeinsame Verteidigung - oder Polizei. Die Liste läßt sich endlos fortsetzen. Ich glaube auch, niemand möchte all die Dinge missen, auf die wir so stolz sind, und um deren Willen wir uns als Sozialstaat bezeichnen. 

Die Bilder verhungernder Kinder und sterbender Greise in den Straßen asiatischer Städte wären auch uns geläufig, hätten wir keine Altersversorgung. Bettelnde Hände streckten sich uns entgegen, hätten wir keine fürsorgende Sozialhilfe. Pest und Pocken rafften uns hinweg, gäbe es keine sanitären Einrichtungen, keine Gesundheitskontrolle, keinen Impfzwang.  
Nicht nur von der Wiege bis zur Bahre, nein, von vor der Geburt (Mutterschutz, Schwangerenfürsorge) bis nach dem Tode (Friedhofswesen, Witwenversorgung) hilft mir die Gesellschaft, hilft mir der Staat. 

Die Gesellschaft braucht mich  
Alle diese Dinge aber sind undenkbar ohne meine Mitwirkung. Sie sind ja Leistungen der Gemeinschaft, einer Gemeinschaft, der natürlich auch ich mich nicht entziehen kann.  
Der ungeheure Finanzbedarf, der mit der Schaffung öffentlicher Einrichtungen verbunden ist, wird durch die Steuern gedeckt. Wir zahlen es alle, direkt mit der Lohn- und Einkommensteuer, indirekt mit der Zündwaren-, Tabak-, Umsatz- usw.- Steuer. Herr Ohnemichel würde sagen: "Damit ist's aber auch genug. Mehr will ich nicht tun!" Er muß! Gemeinschaftsleistung setzt nicht nur Geld voraus, sondern auch aktive Mitwirkung des einzelnen. Wie war's denn beim Deichbau? Denken Sie an Theodor Storms "Schimmelreiter": Auf die Mitarbeit des Koogbauern, nicht auf sein Geld kommt es an. 

Und wie ist es mit dem Seuchenschutz unseres Gesundheitswesens'? Es genügt nicht, daß ich mit meinen Steuern das Gehalt eines Obermedizinalrates finanziere. Ich muß in der Rattenbekämpfungswoche auch mein Grundstück entsprechend präparieren. 

Oder was nützen für 20 Milliarden eingekaufte Düsenjäger, Panzer, U-Boote und Schnellfeuergewehre, wenn sich niemand bereit findet, sie zu bedienen? Es gibt ungezählte Bereiche, die den Menschen fordern, nicht sein Geld. Und viele dieser Pflichten sind unangenehm, vielen entzöge man sich gern. Zu Recht schafft der Staat darum Gesetze, die den einzelnen Unwilligen zwingen, sich zu beteiligen.  
Der normale Mensch paßt sich verständnisvoll in die Gemeinschaft ein. Nur der Querulant kapselt sich ab und versucht, wie ein Einsiedler, ohne die Gesellschaft zu leben. Er ist krank. Und eine Gefahr für sich und die Gesellschaft.  
Der Gesunde fügt sich in die Ordnung, die Ordnung aber ist die Grundlage der Freiheit. Freiheit heißt doch nicht Isolation, heißt doch nicht, tun und lassen können was man will - auf Kosten der anderen. Eine solche Freiheit schafft Unfreiheit für die Umwelt. Vielmehr heißt Freiheit, selbst zu bestimmen, wer die Spielregeln unseres Zusammenlebens macht. 

Parasiten  
Natürlich ist es das gute Recht eines jeden Bürgers, sich ausschließlich auf die Mitwirkung - finanzieller oder praktischer Art - zu beschränken, die ihm durch Gesetz abverlangt wird. Manchmal und für manchen scheint es sogar der bequemere Weg zu sein, sich aus allem heraus zu halten. Fragt sich nur, ob man das immer mit seinem Gewissen vereinbaren kann.  
Mit der Gesellschaft, einem Gemeinwesen, einem Staate, ist es genauso wie mit einem Wagen, der am Berg steht. Abwärts rollt er alleine, dem Gesetz der Schwerkraft folgend, ganz ohne Hilfe. Aufwärts aber braucht er Triebkräfte, Energie, die ihn hochzieht. Ebenso die Gesellschaft. Sie braucht Menschen, die den Weg zeigen, die aufwärts streben und dabei den "Wagen" mitziehen. Menschen, die Initiative haben und Unternehmungsgeist, Triebkräfte und Motoren. Eine Gesellschaft, aus der sich keine Führungsschicht herauskristallisiert, die sie verantwortlich leiten kann, eine Gesellschaft, die keine Mitarbeiter am Gemeinwohl hervorbringt, unterliegt ebenfalls dem Gesetz der Schwerkraft. Sie rollt abwärts. Stillstand ist Rückgang. Wenn es mit einem Staat nicht mehr vorwärts geht, sieht er seinem Ende entgegen.  
Was aber tut unser Herr Ohnemichel? Er denkt nicht daran, die Deichsel anzufassen oder in die Speichen zu greifen. Nein - er sitzt bequem in der Karre, die andere für ihn und mit ihm aus dem Schlamm gezogen haben. Fürwahr, ein angenehmer Zeitgenosse. Er mag wohl Überall ernten, aber säen? Nein!  
Ein treffendes Beispiel für die parasitenhafte Nutznießung zeigt sich am Arbeitsplatz. Ungezählte Kollegen zahlen treu und ehrlich ihren Beitrag in die Gewerkschaftskasse, um deren Arbeit zu ermöglichen. Daran beteiligt Herr Ohnemichel sich nicht. Das wäre ja eine Ausgabe, zu der er nicht durch Gesetz gezwungen ist. Hat aber die Tarifverhandlung Erfolg gezeitigt, dann steht Herr Ohnemichel mit am Schalter und läßt sich den höheren Lohn auszahlen. Ohne ein Wort des Dankes, ohne sich bewußt zu werden, wem er das verdankt. Ohne ein schlechtes Gewissen.  
Und ist es nicht genauso in der Politik? Herr Ohnemichel geht nicht zur Wahl, das kostet ja Zeit. Und er ist schon gar nicht bereit, irgendwelche öffentlichen Aufgaben oder Ämter zu übernehmen. Aber am Stammtisch, da schimpft er auf alle Politiker und alles, was sie tun. Keiner macht es richtig, alle sind sie dumm. Nur er hat das Patent in der Tasche, mit dem alle Schwierigkeiten im Handumdreh'n gelöst sind.  
Wirken Sie mit, Herr Ohnemichel, dann hört man auch auf Ihre Kritik! 

Die Jugend von heute 
"Die Jugend von heute!" Wie oft hört man doch diesen resignierten Ausruf, der mit stillen Vorwürfen beladen im Raume stehen bleibt. Und dann denkt der Rufer an früher, an die "guten alten Zeiten", die von Jahr zu Jahr besser werden - in der Erinnerung. Es ist schon ein Segen, daß die unangenehmen Memoiren immer mehr in unserem Gedächtnis verblassen, daß das Gute Überwiegt. Doch sollten wir uns bemühen, objektiv zu bleiben.  
Die Jugend von heute ist nicht schlechter als die von gestern. Sie ist anders, wie auch die Zeit und die Umwelt anders geworden sind. Statt Polka und Walzer tanzt sie Twist und Bossa-Nova. Statt Vogelstimmen kennt sie Autotypen am Klang des Auspuffes. Und statt errötend in Ohnmacht zu fallen, diskutiert sie heiß, aber sachlich, den Wert und Unwert der Antibaby-Pille. Aber ist sie darum schlechter?  
Sie ist auch nicht weniger an der Politik interessiert, als ihre Väter. Zu allen Zeiten wurde Über das Desinteresse der Menschen geklagt. Zu allen Zeiten, in allen Schichten, bei allen Gruppen ist es so gewesen, daß nur eine relativ kleine Auslese zur Mitarbeit bereit war. Das Gros hat sich immer führen und leiten lassen. 

Es kann nicht unsere Aufgabe sein, diese Tatsache zu beklagen. Wenn wir unsere junge Demokratie mit Leben füllen wollen, müssen wir das aber ändern. Wir brauchen mehr Impulse aus dem Volk. Wir brauchen mehr Mitarbeit im Volk. Es ist Aufgabe derer, die schon in der Politik stehen, Interesse zu wecken, die Jugend heranzuführen, an die gestaltenden Kräfte des Staates, sie zu bewegen, sich mehr zu beteiligen, als frühere Generationen.  
Bei der letzten Bundestagswahl betrug der Anteil der Nichtwähler in der Altersgruppe zwischen 21 und 25 Jahren fast 50 Prozent. Die Jünglinge waren sogar noch etwas fauler, als die weiblichen twens. Woran liegt das? Nun, ich sagte schon, die Umwelt hat sich gewandelt. Aus der kleinen Lebensgemeinschaft des Dorfes oder -- in der Stadt - des Straßenzuges ist der Mensch hineingeworfen in den Menschenstrudel der Großstadt. Der Nachbar, der im gleichen Hochhaus Wand an Wand mit ihm wohnt, ist ihm fremder, als dem Landbewohner der in fünf Kilometer Ferne wohnende Gemeindevorsteher. Der kleine, überschaubare Lebenskreis hat sich aufgelöst. Der Mensch hat seinen "Horizont" verloren. Er übersieht weitgehendst die Konstruktion seiner Mitwelt und die sich ihm bietenden Möglichkeiten der Mitarbeit in dieser Mitwelt nicht mehr. Alles ist kompliziert geworden. Der Staat ist in weite Ferne gerückt, er wird durch das Amt, die Behörde verkörpert, nicht aber durch die selbstverwaltende Vertretung.  
Aufgabe - besonders der Kommunalpolitiker - sollte es sein, ihr Wirken wieder mehr in die Öffentlichkeit zu tragen, überschaubarer zu machen. Die Kommune ist der erste politische Lebenskreis, in dem ein junger Mensch Übersicht gewinnen kann. Eine Übersicht, aus der er den Mut schöpft, verantwortlich mitzuhandeln und mitzuwirken.  
Und noch eines: Die Jugend weiß aus dem Beruf, aus der Familie, aus allen Bereichen, wie schwer sie es hat, sich gegen alte ehrwürdige Honoratioren durchzusetzen. Sie will nicht nur Handlanger der Politik sein, sondern wirklich voll verantwortlich mittun. Überall dort, wo altgediente Politiker den Mut hatten, Plätze freizumachen, da ist die Jugend auch bereit, Verantwortung und Arbeit zu übernehmen. Das Miteinander von vorwärtsdrängender Jugend und besinnlicher Reife hat noch keiner Gemeinde geschadet.  
In der Tat: Die Jugend prägt mit am Bilde der Gesellschaft. In zahllosen Gemeinden sind junge Menschen Mandatsträger oder beratende Mitglieder in den Ausschüssen. Im Bundestag sitzen nicht nur Siebzigjährige, sondern auch Dreißigjährige. Die Jugend ist da! Und wie ist das mit Ihnen? 

Der innere Auftrag  
Haben Sie eine Weltanschauung? Sind Sie Christ, Atheist, Humanist, Sozialist ... oder was immer für " ... isten" es gibt? Haben Sie sich in irgendeiner Weise gebunden? Wenn dem so ist, dann beziehen Sie aus Ihrer weltanschaulichen Bindung heraus auch einen Auftrag:  
Die Verpflichtung, diese Weltanschauung in die Gesellschaft hineinzutragen, sie dort durchzusetzen. Nirgendwo wird das deutlicher, als am Missionsauftrag des christlichen Glaubens: "Gehet hin in alle Welt und lehret ... "  
Wenn Sie sich aber schon nicht verpflichtet fühlen, dieses, ihr Gedankengut zu verbreiten, so müssen Sie doch zumindest verhindern, daß die Gesellschaft Ihrer Weltanschauung zuwider handelt. Das aber können Sie nur, indem Sie mitwirken. Diese Mitwirkung sind Sie ihrer Weltanschauung, Ihrem Glauben, Ihrer Überzeugung einfach schuldig. Die Politiker erwarten das sogar von Ihnen, heißt es doch im Godesberger Grundsatzprogramm der SPD:  
"Sie begrüßt es, daß Menschen aus ihrer religiösen Bindung heraus eine Verpflichtung zum sozialen Handeln und zur Verantwortung in der Gesellschaft beitragen. "  
Der gebundene Mensch in der Politik mißt seine Entscheidungen an seinem Auftrag, der Christ an der Bibel. Er taktiert nicht. Vielleicht wäre es manchmal gut, mehr gebundene Politiker zu haben, die sich verantwortlich fühlen, die nach der Notwendigkeit, statt nach der publicity fragen. 

Möglichkeiten ohne Zahl  
Der bekannte Heidelberger Physiologe Professor Dr. Hans Schaefer sprach auf der gesundheitspolitischen Konferenz der SPD in Hamburg von der gefährlichen Diskrepanz zwischen der beruflichen Überanspannung einerseits und der völlig passiven Freizeitgestaltung andererseits. Er hat recht. Weite Kreise gestalten ihre Freizeit überhaupt nicht mehr, sie lassen sie gestalten. Kritik- und planlos lassen sie alles über sich ergehen, was die weitverzweigte Unterhaltungsindustrie ausschüttet. Aber nicht nur um der eigenen Gesundheit, sondern genauso um der triebkraftbedürftigen Gesellschaft willen heißt es: Heraus aus der Passivität! Mitarbeiten!  
Die 45-Stunden-Woche wurde nicht zum Schlafen erkämpft, sie birgt die moralische Verpflichtung in sich, für die Gemeinschaft da zu sein. Es bieten sich viele Möglichkeiten der Mitwirkung an, von denen ich hier nur eine kleine Auswahl aufzählen kann. 

Da wir schon einmal bei der Freizeitgestaltung sind, lassen Sie mich mit der Kultur" anfangen. Nichts gegen die Kunst- und Kulturgenüsse, die uns das Fernsehen schenkt Sie mögen ausgezeichnet sein - oder auch nicht. Darüber kann man von Fall zu Fall streiten. Fragwürdig - und gefährlich - wird jedoch die "Deutsche Einheitsbildung", die sich all ein aus dem Fernsehen nährt. Stellen Sie bei einem Gesprächspartner verblüfft fest, daß er über detaillierte Kenntnisse der Religionsriten der Sonnenanbeter verfügt, obwohl sie ihm auf Grund seiner Interessen und seiner Bildung gar nicht "zustehen", dann schlagen sie einmal das Fernsehprogramm der letzten Tage nach. Nun wissen Sie, was "Deutsche Einheitsbildung" ist. Aber fragen Sie auf keinen Fall tiefer, als die Show ging, Sie schaffen sich nur Feinde.  
Bildung muß sich ja nicht allein auf das beschränken, was einem auf dem Servierteller präsentiert wird, man kann sie sich auch erarbeiten. Ja, man kann nicht nur, man muß sogar, sonst mangelt es ihr an Tiefe. Man ist dabei nicht auf sich allein gestellt. Volkshochschulen an allen größeren Orten helfen dabei. Aufbauseminare der verschiedensten Organisationen vermitteln Kenntnisse und Wissen auf allen Gebieten. Diskussionszirkel geben Gelegenheit zum Meinungsaustausch. Politische Jugendorganisationen greifen in ihren Versammlungen die Themen des Tages auf. Überall ist Gemeinschaft, überall ist ein Stückchen Gesellschaft. Überall sind Menschen tätig, die nicht egozentrisch sich allein als den Nabel der Welt betrachten, sondern ihre Zeit und ihr Können in den Dienst einer Sache gestellt haben.  
Oder nehmen wir den Sport: Auch ein Stückchen Freizeitgestaltung. Aber wie? 100000 Menschen sitzen im Stadion und schauen zu, 22 betreiben aktiven Sport. Und die 100000 haben gar noch die Stirn, sich als Sportler zu bezeichnen. So nicht! Es gilt, selbst Sport zu treiben, gleich welcher Art. Nur dann wird die Freiheit aktiv ausgefüllt. Und wenn Sie erstmal dabei sind, dann merken Sie auch schnell, wie knapp in Ihrem Verein die Leute sind, die über das Spiel hinaus etwas Arbeit und Verantwortung zu übernehmen bereit sind. Zu einem Sportverein gehört nun einmal ein Kassierer, ein Vorstand, ein Riegenleiter, ein Trainer, ein Gerätewart, ohne die ein reibungsloser Übungsbetrieb nicht möglich ist. Alle diese Arbeiten müssen getan werden - und sie werden getan, von Menschen, die sich gern und freiwillig zur Verfügung stellen. Nicht aber von Herrn Ohnemichel.  
Sicher haben Sie ein Hobby. Ob Sie nun Briefmarken sammeln oder Segelflug betreiben, ob Sie Jazzmusik machen oder einen Kleingarten pflegen -- immer werden Sie sich zum Erfahrungs- und Gedankenaustausch mit Gleichgesinnten treffen. Warum warten Sie, bis andere Sie einladen? Ergreifen Sie doch die Initiative und arrangieren Sie ein solches Treffen.  
Warum? Auf der Jahreshauptversammlung 1963 des Hartmannbundes, einer großen deutschen Ärzteorganisation, hielt der Vorsitzende des Gewerkschaftsbundes, Ludwig Rosenberg, das Hauptreferat. Er erteilte allen eine Lektion über das Wesen der Demokratie indem er sagte:  
"Im demokratischen Staat spielen die freien Organisationen eine unentbehrliche Rolle. Sie sind die Bausteine der staatlichen und gesellschaftlichen Existenz der Demokratie. Ohne sie ist demokratisches Leben und Handeln nicht denkbar. Ohne sie ist Demokratie nicht lebendig. Sie sind gleichzeitig die Träger und die Motoren des demokratischen Lebens."  
Darum!  
Schon in der Schule beginnt die Möglichkeit der aktiven und verantwortlichen Mitarbeit. Sie können als Klassensprecher für Ihre Mitschüler eintreten. Sicher ist das nicht immer bequem und nicht angenehm. Man schafft sich vielleicht sogar Feinde unter den Klassenkameraden, wenn man ihnen Unrecht geben muß. Oder unter den Lehrern, wenn man die Klassenmeinung energisch vertritt. Immerhin ist das eine gute Schule der Diplomatie. Auch später, wenn man in der Politik Verantwortung trägt, muß man den Mut zu unpopulären Maßnahmen haben.  
Die Universitäten klagen über die mangelnde Bereitschaft der Studenten, an der studentischen Selbstverwaltung mitzuwirken. Auch der oft heftig geführte Wahlkampf zum AStA kann nicht darüber hinweg täuschen, daß sich nur wenige bereit finden, in diese Arbeit einzusteigen. Oft spielen verständliche ""wirtschaftliche Gründe eine Rolle, wenn alle Kräfte darauf gerichtet sind, das Studium möglichst schnell zu beenden. Oft ist aber auch nur die Bequemlichkeit schuld daran.  
Sie können jetzt natürlich sagen: "Kultur interessiert mich nicht, Sport ist mir zu anstrengend, ein Hobby kann ich mir nicht leisten, aus der Schule bin ich längst raus und aus der Kirche ist schon mein Vater ausgetreten." Nun gut - oder auch nicht gut - Sie arbeiten aber, Sie haben einen Beruf.  
Das vielzitierte Betriebsklima hängt niemals allein von der Geschäftsleitung ab, sondern in viel größerem Maße von der Belegschaft, von ihrer Einstellung zur Arbeit, zur Firma und zu den Kollegen. Ein Miesmacher genügt, um überall lange Gesichter hervorzuzaubern. Ein Schlumparbeiter schafft es im Handumdrehen, die Arbeitsmoral einer ganzen Abteilung zu untergraben. Aber - und nun kommt das Positive - ein freudiger, freundlicher, fleißiger tüchtiger und zuverlässiger Kollege reizt genauso gut zur Nachahmung. Er allein zieht die anderen mit und schafft gute Laune, zufriedene Gesichter - und gute Arbeit. Versuchen Sie's doch 'mal! Sie selbst haben die größte Freude dabei.  
Es liegt weniger an der Arbeit selbst, als vielmehr an der eigenen Einstellung zur Arbeit, ob sie notwendiges Übel oder gern getane Pflicht ist. Betrachtet man die Arbeit allein als Mittel zum Zweck, um mit möglichst geringem Kräfteaufwand möglichst viel Geld für die Gestaltung der Freizeit zu verdienen, dann sollte man einmal ernstlich in Betracht ziehen, ob nicht ein Berufswechsel angebracht wäre. Von den Stunden, die ich im Wachzustand verbringe, bin ich doch die meiste Zeit an meinem Arbeitsplatz. Was lohnt es mir, wenn ich mich acht Stunden quäle und ärgere, nur um genügend Geld in der Tasche zu haben, für das ich mir dann vier Stunden lang ein wenig Vergnügen kaufen kann. Dann doch lieber etwas weniger verdienen, aber dafür acht Stunden täglich Vergnügen haben - bei einer Arbeit, die mich ausfüllt und die mir Freude macht.  
Die Gesellschaft am Arbeitsplatz braucht nicht nur Ihr Werkstück, sie braucht auch Sie! Was wäre, wenn sich niemals jemand bereit gefunden hätte, die Interessen der Arbeiterschaft wahrzunehmen, wenn es nie Gewerkschaften gegeben hätte? Oder glauben Sie gar, daß alle Errungenschaften, deren Sie sich heute erfreuen, die 45Stunden-Vloche, ein angemessener Lohn, die Arbeitslosenversicherung, die Krankenkassen, das Mitbestimmungsrecht ... , glauben Sie, daß all diese Dinge von selbst gekommen wären, wenn nicht Männer, Kollegen dafür gekämpft hätten? Es gibt noch mehr neue Rechte zu erkämpfen, und alte Rechte zu verteidigen. Wo bist Du?  
Jahrzehntelang haben Arbeitnehmer für das Mitspracherecht im Betrieb gekämpft. Heute haben wir ein Betriebsrätegesetz - und in vielen Betrieben nicht genügend Kandidaten, um die gesetzlichen Forderungen zu erfüllen. Lauter Ohnemichels? Ähnliches gilt für die Selbständigen und Freiberuflichen, die ja ebenfalls, teils freiwillig, teils pflichtgemäß, in ihren Berufsorganisationen zusammengeschlossen sind. Vielerorts geben die Kammern sich jahrein, jahraus den Vorstand ihrer Wahl, weil der Wahlaufruf einfach ignoriert wird. Es gehen keine Vorschläge aus den Reihen der Mitglieder ein.  
Selbst wenn Sie vereinsscheu sind, überall und täglich bieten sich Ihnen Möglichkeiten und Gelegenheiten, ein kleines bißchen der Gesellschaft zu dienen, ein wenig dem Nächsten zu helfen. Schauen Sie sich nur einmal die sensationslüsterne Mauer von Ohnemichels an, die sich um den Verletzten auf der Straße ringt. Greifen Sie zu! Sie beherrschen doch die Erste Hilfe? Und wenn Sie den Unfallhergang beobachtet haben, nehmen Sie um des Rechtes willen die Unannehmlichkeit einer Zeugenaussage auf sich. Oder beobachten Sie nur einmal, wie sie alle am hilflosen Blinden vorbeihasten, keiner hat Zeit, ihn über die Straße zu geleiten. Oder ... oder ... oder ... Die Selbstschutzeinrichtungen klagen über Mangel an Beteiligung und dienen doch denen, die sich nicht beteiligen wollen. Die freiwilligen Feuerwehren auf dem flachen Lande kranken am Nachwuchsmangel. Wer hilft Ihn e n, Herr Ohnemichel, wenn Ihr Haus brennt? 

Es gibt aber auch Ämter und Aufgaben, denen man sich nicht ent-· ziehen kann, weil eine gesetzliche Verpflichtung zur Wahrnehmung besteht. So kann ein Bürger, der als Schöffe eingesetzt wurde, nur dann freikommen, wenn er wirklich zwingende Gründe hat. Auch die Ehrenämter der kommunalen Selbstverwaltung sind eine Gesetzespflicht, die verhindern soll, daß eine Kommune plötzlich ohne Gemeinderat dasteht. 

Mir liegt die Kommunalpolitik besonders am Herzen. Ist sie doch die erste Ebene, auf der junge Politiker parlamentarische Erfahrungen sammeln und sich bewähren. Eigentümlicherweise interessieren sich viel mehr junge Leute für die großen Fragen der Bonner Politik, die doch für sie in so weiter Ferne liegen, als für die Politik der eigenen Gemeinde, die doch so viel näher liegt - und überschaubarer ist. Auf, Freunde, erobert die Rathäuser. Selbst wenn ihr es nicht gleich beim ersten Anlauf zum Ratsherren schafft: Als "beratende Mitglieder" in den Ausschüssen habt ihr viele Möglichkeiten der Mitgestaltung. Die Jungsozialisten haben wiederholt gefordert, das passive Wahlrecht für Bürgerschaftsmitglieder von 25 auf 21 Jahre herabzusetzen. Warum soll der 22jährige Sportwart nicht im Sportausschuß seiner Gemeinde helfen? Warum soll der 21jährige Jugendleiter nicht im Jugendwohlfahrtsausschuß mitwirken?  
Es kommt darauf an, einen Anfang zu machen. Irgendwo, irgendwie, in irgendeiner Form - um dann langsam in die Arbeit hineinzuwachsen. Fest steht eines: Wenn sich die "Alten" noch so widerspenstig gebärden, und nicht von ihren Stühlen weichen wollen, sie brauchen doch den Nachwuchs, morgen seid ihr dran!  
Ich könnte seitenweise mit der Aufzählung der Gelegenheiten fortfahren. Aber sicher waren das schon Anregungen genug. Die Mitarbeit an und in der Gesellschaft ist einfach unabdingbar. Wir müssen die Freiheit, die der Staat uns gewährt, mit einem Inhalt füllen. Ohne Inhalt wird sie zu einem Vacuum, das jedem Einbruch von außen her schutz- und hilflos preisgegeben ist. Die Mitarbeit an und in unserer Gesellschaft formt unsere innere Ordnung. Forme mit! 

"Wer nicht wählt, wählt den Gegner!"  
Wenn bisher vom Dienst an der Gesellschaft, von der zu schaffenden inneren Ordnung die Rede war, dann sei dieser Abschnitt dem Staate, der äußeren Ordnung gewidmet. Sie kennen alle die zweifache Dreiteilung unserer politischen Gewalten: Die föderalistische Gliederung des Bundes in Länder, und der Länder in Gemeinden. Und die Teilung der Macht in die gesetzgebende Gewalt (Legislative == Bundestag/rat), die ausführende Gewalt (Exekutive = Regierung/ Verwaltung) und die Rechtsprechung (Judikative = Gerichtsbarkeit). Hier geht es um die Gesetzgebung, die ja in unserer Demokratie vom Volke, also von Ihnen, ausgeht.  
Es wäre zu hoch gegriffen, wollte ich Ihnen nun empfehlen, in den Bundes- oder Landtag einzuziehen. Sie haben es aber in der Hand. wer in ihrem Auftrag dort hingeht. Die Ausrede: "Die da oben tun ja doch was sie wollen", gilt nicht mehr. Sie bestimmen, wer "die da oben" sind. Und wenn Sie mit denen nicht zufrieden sind, dann schicken Sie nächstes Mal andere. Darin liegt eine große, unendlich wichtige Aufgabe, die Sie mit Ihrem Kreuz erfüllen. Und doch gibt es Stimmen, denen drei Wahlen in vier Jahren zuviel sind. Sie wollen zusammenlegen. Aber nicht etwa aus Sparsamkeit, nein, sie versprechen sich bessere Chancen für sich selbst dadurch. Lassen Sie sich nicht ködern. Ein so fundamentales Recht, wie das Wahlrecht, kann gar nicht zuviel werden. Das ist I h I' e Gelegenheit, in der Demokratie an der Gesetzgebung Anteil zu nehmen. Seien Sie stolz auf dieses Recht - und nutzen Sie es!  
Denken Sie an unsere Landsleute jenseits des Eisernen Vorhanges. Sie gehen auch zu einer "Wahl". Zu einer Wahl, die nur den Namen trägt, aber keine Alternative enthält. Das Ergebnis mit 99 und mehr Prozent für die Einheitsparteien spricht Bände. Unseren Landsleuten bleibt nur eine Wahlmöglichkeit: Die mit den Füßeln durch den Kugelhagel ihrer KZ-Bewacher.  
Wird unser Wahlrecht von daher nicht zur Wahlpflicht? Kann ich anderen, die möglicherweise meiner eigenen Überzeugung zuwiderhandeln, einfach die Führung Überlassen? "Wer nicht wählt, wählt den Gegner" steht Über diesem Kapitel. Zu Recht! Die Stimme, die meinen politischen Freunden fehlt, verbessert die Situation ausgerechnet derjenigen, die ich am allerwenigsten leiden kann. Eine Folge des Verhältniswahlrechts.  
Natürlich ist es nicht immer einfach, die richtige Entscheidung zu treffen. Wen soll man wählen? Wer wird es am besten machen? Von dieser Entscheidung kann Sie niemand lossprechen, es gibt nur einen Weg: Verschiedene Zeitungen lesen, aufmerksam das Tagesgeschehen verfolgen, politische Veranstaltungen besuchen, um die Kandidaten kennenzulernen, kurz: Informationen sammeln'  
Ein Ausweg scheint es zu sein, statt die echte Wahl zwischen den Hauptströmungen der Politik zu treffen, seine Stimme einem "Zünglein an der Waage" zu geben. "Ich weiß nicht recht, was richtig ist -da laß' die man sehen ... " Eine gefährliche Flucht vor der Verantwortung. Das Schicksal eines Volkes wird in die Hände weniger gelegt, die nun ihre "Zünglein-Position taktisch ausschlachten.  
Und noch eines: Sicher sind Sie nicht immer mit der Bonner Politik einverstanden, sicher sind die Gesetze, die man dort macht, nicht immer in Ihrem Sinne. Das können sie auch nicht. Aber Stammtischmeckerei nützt nichts. Aktiv werden: andere wählen! Und wenn das auch nichts nützt - selbst kandidieren! 

"Politik verdirbt den Charakter"  
Man kann dieses Thema nicht behandeln, ohne den Parteien ein wenig Aufmerksamkeit zu schenken. Sie machen sich nicht etwa aus eigener Machtvollkommenheit breit, sondern sie erfüllen einen Auftrag, der ihnen vom Grundgesetz zudiktiert wird. Im Artikel 21 GG heißt es: Die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit ... "  
Ihre Aufgabe ist es auch, die Wahlvorschläge zu unterbreiten. Natürlich hat auch der politisch Unabhängige die Möglichkeit zu kandidieren - er muß nur genügend Unterschriften bringen. Eine andere Frage ist, ob es zweckmäßig ist, einen "Unabhängigen" zu wählen. Die Apostrophierung erfolgte bewußt, denn allzuoft sind die "Un-· abhängigen" gar nicht unabhängig, sondern einer dunklen, oft verfassungsfeindlichen Gruppe zugehörig, die nicht firmieren kann oder will. Aber selbst wenn der Kandidat wirklich unabhängig ist, wer sagt mir, was er tun wird? Wer kennt ihn persönlich, wer seine Ziele? Welche Gemeinschaft hat ihn erwählt und "bürgt" für ihn?  
Klare Fronten gibt es im Parlament nur durch die Parteien. Man mag das bedauern oder begrüßen - es ist eine der Spielregeln der Demokratie. Die Weimarer Republik hat gezeigt, wohin eine zu weit getriebene Zersplitterung führt. Und oft sind es gerade diejenigen, die an Weimar die Zerreißung und den Wirrwarr bedauern, sich heute aber irgend welchen Grüppchen zuwenden, weil sie mit "den mächtigen Parteien nichts zu tun haben" wollen.  
Politik verdirbt nie h t den Charakter. Aber schlechte Charaktere verderben die Politik. Umso begrüßenswerter ist es, daß sich die politische Auseinandersetzung heute weitgehendst versachlicht hat. 

Der leidenschaftliche und oft persönlich verletzende Stil vergangener Jahre ist verschwunden. Die im Bundestag vertretenen Parteien betrachten sich nicht mehr als Feinde. Das Wort vom "Untergang Deutschlands" ist vergessen. Sie sehen sich als Freunde mit dem gleichen Ziel, nämlich Recht und Freiheit! Sie streiten sich um den Weg zu diesem Ziel, und das ist gut so! Der Wähler entscheidet, welcher Weg schließlich begangen wird. Und das ist noch besser!  
Was aber bleibt dem, der mit keiner Partei recht zufrieden ist? Er kann resignieren, dann ist er der politische OhnemicheL Er kann aber auch - und das wollen so viele nicht wahr haben - Mitglied der Partei werden, die ihm am nächsten steht. Dann hat er Gelegenheit, in der Partei mitzuwirken, ihr Gesicht mitzuprägen, ihre Meinung und Politik mitzubilden. Entweder erkennt er, daß er selbst bisher geirrt hat, oder er überzeugt seine neuen Parteifreunde davon, daß seine Lösung die bessere ist. Und ist sie's wirklich, dann werden sie sich auch überzeugen lassen. Im Artikel 21 des Grundgesetzes heißt es nämlich von den Parteien weiter: "Ihre innere Ordnung muß demokratischen Grundsätzen entsprechen."  
Es gibt keine von oben aufgezwungene Parteimeinung. Wer sich das gefallen läßt, hat entweder selbst schuld - oder er ist in der falschen Partei. Der richtige Weg geht von unten nach oben. Aus der Idee eines einzelnen wird ein Gespräch unter Freunden. Der Ortsverein beschließt, das Ergebnis als Resolution zu veröffentlichen und als Antrag auf dem Kreisparteitag einzubringen. Von dort geht es auf dem Umweg über verschiedene Fachausschüsse in den Landesparteitag, in den Bundesparteitag, in die Fraktion und landet schließlich -- wenn die Idee wirklich so gut war, daß sie alle diese Hürden, diese Filter, passiert hat - als Gesetzesantrag im Bundestag. Das ist der Weg - mühselig, aber gut.  
Wenn Sie es einmal geschafft haben, eine eigene Idee durch diesen langen Weg zu peitschen und zu verwirklichen, dann hat Ihr Wort in der Partei auch Gewicht bekommen. Und eines Tages werden Sie nicht mehr allein Wähler, sondern selbst Gewählter sein. Im Stadtparlament, im Landtag oder im Bundestag.  
Sicher ist das auch mit Ruhm und Anerkennung verbunden. Aber davor steht die Arbeit, oft eine harte Arbeit. Jeder Parlamentarier arbeitet in mehreren Ausschüssen mit. Oft 5, 6, 7 und mehr. Dazu kommen die Beratungen in den Fraktionen und die Sitzungen des Parlaments. Nicht zu vergessen die Sorge um den Wahlkreis, die Arbeit in der Parteiorganisation und die gesellschaftlichen Verpflichtungen. Eine Aufgabenfülle, die - wenn sie ernst genommen wird - oft den Mann Überfordert. Tatsächlich muß der Bundestagsabgeordnete schon seinen Beruf aufgeben, um sich ganz der Politik zu widmen. Der Landtagsabgeordnete ist auf dem besten Wege dazu, ebenfalls ein Hauptberuf zu werden. Und in den Ratsversammlungen der Städte werden die Angestellten und Freiberuflichen immer seltener, weil nur noch Beamte, Funktionäre usw. sich so frei von ihren beruflichen Pflichten machen können, wie das Mandat es erfordert. Da müßte dringend etwas geschehen. Das Mandat muß wieder ein echtes Ehrenamt werden. 

Das Grundgesetz unterm Arm  
Wir haben also gesehen, daß der Staat, daß "die da oben", nicht als unerreichbares Wesen über uns schwebt, sondern daß wir der Staat sind, daß "die da oben" Menschen aus unserer Mitte sind, Menschen, die wir selbst dazu auserwählt haben, die Spielregeln unseres Zusammenlebens auszuknobeln. Sie nicht? Nun gut, aber immerhin die Mehrheit unseres Volkes. Und so wie wir erwarten, daß man einer Regierung und einem Parlament unserer politischen Richtung loyal gegenübersteht, so erwartet diese Regierung natürlich auch unsere Loyalität. Das bedeutet nicht, alles gutzuheißen. Kritik ist erlaubt - wenn man bereit ist, diese Kritik nicht nur am Stammtisch zu äußern, sondern auch für sie einzustehen. Loyalität bedeutet aber, mich unter die Gesetze zu stellen, mich ihnen zu fügen, auch wenn sie gegen meine Stimme zustande gekommen sind.  
Gewiß, Sie schlagen niemanden tot und rauben auch Ihre Nachbarn nicht aus. Aber wir haben ja nicht nur Strafgesetze, sondern alle Bereiche unseres Lebens sind heute - fast perfektionistisch - durch Gesetze geregelt.  
Wie ist das im Straßenverkehr? Man kann darüber streiten, ob z. B. die Geschwindigkeitsbeschränkungen sinnvoll sind, man kann sie sogar für ausgesprochen sinnlos halten - aber sie gelten, für jeden! Und das mitternächtliche Halt vor der roten Ampel mag noch so sehr an den Hut von Uri erinnern - es ist Gesetz'  
Die Steuerhinterziehung gilt schon fast als Kavaliersdelikt Wenn der Staat jährlich acht Milliarden DM Steuern zuviel kassiert, weil die Bürger ihre Rechte nicht kennen oder ausnutzen, ist das ein sicheres Zeichen dafür, daß diese Gesetze an Klarheit zu wünschen übrig lassen. Das gibt dem Bürger aber noch nicht das Recht, sie nun zu umgehen. Wenn er die Feinheiten und Maschen kennt, soll er hindurch schlüpfen - das ist rechtens. Aber eine Manipulation, eine Belegfälschung, eine Hinterziehung - nein! Das ist kein Kavaliersdelikt, das ist Betrug an der Allgemeinheit. Es ist ja nicht so, daß die Steuern von einem unersättlichen Raubtier gefressen werden oder in irgendeinem undurchdringlichen Dunkel verschwinden. Sie dienen zur Befriedigung aller Wünsche und Bedürfnisse, die Sie, Ihre Freunde, unser Volk, wir alle, haben. Ob Straßen gebaut werden oder Krankenhäuser, ob Renten gezahlt werden oder der Wehrsold - all das kann nicht aus dem Nichts geschaffen werden, sondern nur von Ihren Steuern, und meinen - und seinen: Herrn Ohnemichels. Aber ihn geht das alles nichts an. Er fordert nur: Schulen, Straßen, Luftschutz, Grenzschutz, Katastrophenschutz, die totale Versorgung. Gleichzeitig aber stöhnt und jammert er unter der Steuerlast. Ihm fehlt der Gemeinsinn. Er erkennt nicht, daß jede Steuer eine Gemeinschaftsleistung des Staates, also der Bürger, ermöglicht.  
Natürlich kann man Kritik an der Steuergerechtigkeit oder -ungerechtigkeit üben. Und natürlich kann man mit der Verwendung der Gelder unzufrieden sein. Nur gibt man dieser Unzufriedenheit nicht Ausdruck, indem man sich vor der Zahlung drückt, sondern indem man das nächste Mal andere zum Spielregeln machen hinschickt oder selber fährt.  
Unser Parlament hat die Bundeswehr geschaffen, um nach außen hin gewappnet zu sein. Keine Partei im Bundestag hat die Absicht, sie wieder abzuschaffen. Auch sie ist eine Gemeinschaftsleistung der Burger für die Bürger. Bei der Frage nach dem Wehrdienst tauchte das inhaltsschwere Wörtchen "Ohne mich!" zum erstenmal auf. Ein gebranntes Kind scheut das Feuer. Aber die Gefahr wird nicht kleiner, indem wir sie ignorieren. Sie verschwindet nicht, nur weil wir mit geschlossenen Augen so tun, als sei sie nicht da, nur weil wir es ablehnen, uns gegen sie zu wappnen.  
Irgendwo stand kürzlich zu lesen, wir müßten die Begriffe "Vaterland" und "Ehre" wieder aufbauen, dann würde auch die Wehrfreudigkeit steigen. Ich halte das für ein gefährliches Unterfangen. Mit Fackelzügen und Gefühlsduselei formen wir eine Bundeswehr, wie wir sie nicht wollen. Der Dienst in der Bundeswehr ist keine angenehme Pflicht, wir erwarten vom Wehrpflichtigen kein Jubelgeschrei. Er ist aber eine notwendige Pflicht, der man sich mit nüchterner Vernunft zu unterziehen hat.  
Und ein Wort zu den Wehrdienstverweigerern: Ich meine nicht jene, die ihr "Gewissen" strapazieren, um sich besser drücken zu können. Ich meine jene, die aus echter und aufrechter Gewissensentscheidung es ablehnen, eine Waffe zur Hand zu nehmen Ihnen gehört meine ganze Achtung - wenn sie in dieser Entscheidung konsequent sind, Konsequent sein, heißt aber auch dann stillhalten, wenn der Gegner einem unmittelbar gegenübersteht -- oder der eigenen Frau! Wer sich dann wehrt, und das Notwehr nennt, es aber ablehnt, den Gegner schon in der Ferne abzuwehren, der ist kein Pazifist, der ist kurzsichtig.  
Und noch eines: Es geht nicht um Sie alleine, es geht auch um Ihre Nachbarn, um die Gemeinschaft. Haben Sie sorgfältig geprüft, ob Sie nicht denen gegenüber eine gewisse Verantwortung tragen?  
Unter das Gesetz stellen. Das gilt nicht nur für die kleinen Bürger in Stadt und Land, das gilt auch und in erster Linie für die Oberen Man kann nicht ein Baustopp erlassen und eifrig Regierungsbauten errichten. Wenn aber der Innenminister von seinen Verfassungsschützern sagt, sie könnten nicht den ganzen Tag das Grundgesetz unter dem Arm tragen, dann hat er zweifellos recht. Nur - sie sollten es im Kopfe haben, und möglichst sogar im Herzen. Man kann die Verfassung nicht schützen, indem man sie bricht.  
Überlassen Sie es nicht allein der Presse, untragbare Minister zu stürzen. Ihre Aufgabe ist das - mit dem Stimmzettel als Waffe. 

Was gehen sie mich an?  
Sie, ich, wir alle, jeder trägt eine Verantwortung für die Allgemeinheit, von der niemand uns lossprechen kann. Wenn durch unser Desinteresse, unser Schweigen, unsere Bequemlichkeit, unsere Urteilsunfähigkeit die Demokratie zugrunde geht, wenn dunkle Elemente von links, von rechts oder auch aus der Mitte die Macht ergreifen und willkürlich zum Schaden der Gesellschaft anwenden, dann trifft uns alle eine Kollektivschuld, an der wir schwer zu tragen haben werden.  
Das geht mich der Staat und die Gesellschaft an!  
Die Entscheidung liegt bei Ihnen: Ob Sie verantwortungsbewußter Bürger eines freien Staates sein wollen - oder Herr Ohnemichel!