Hans-Heinrich Jörgensen
Das chronische Erschöpfungssyndrom (CFS)

(Aufsatz in "Der Naturarzt 3/2011)


Die Schwierigkeit der richtigen Gewichtung beginnt mit der Namensgebung: Nennen wir das Erscheinungsbild "chronische Müdigkeit" nimmt keiner es ernst, nennen wir es "Myalgische Enzophalomyelitis" bricht Panik aus. In der Tat hat das chronische Erschöpfungssyndrom viele Namen. CMS vom chronischen Müdigkeitssyndrom oder englisch CFS vom Chronic Fatigue Syndrom (chronisches Erschöpfungssyndrom) über die Myalgische Enzephalopathie bis zur Enzephalomyelitis oder dem Immune Dysfunction Syndrom (IDS). In der internationalen Klassifikation der Diagnosen steht es mit dem Schlüssel G93,3 unter "sonstige Nervenerkrankungen".

Im Mittelpunkt des Beschwerdebildes steht die Erschöpfung oder schnelle Erschöpfbarkeit. Drum herum rankt sich ein buntes Bild von Nebensymptomen, die alle dabei sein können, aber nicht müssen, die auch ganz andere Ursachen haben können oder einfach wegen der desolaten Stimmungslage verstärkt wahrgenommen werden.

Selbsthilfegruppen für Patienten wie wissenschaftliche Studiengruppen drängen darauf, das Bild als ernste Erkrankung zu präzisieren. Aber wie immer wir das Kind nennen, es ist weder eindeutig definiert noch gibt es sichere diagnostische Merkmale wie Messergebnisse oder Laborbefunde. Das führt dazu, dass manch Patient in diese Schublade gesteckt wird, dessen richtige Diagnose darüber dann verabsäumt wird. Das führt auch dazu, dass manch Therapeut sich selbst zum Experten befördert und damit für regen Zulauf sorgt, indem er jedwede Misshelligkeit zur "Krankheit" macht und sich eine goldene Nase damit verdient.

In der Tat: jede "neue" Krankheit, insbesondere in dem schwer fassbaren Bereich zwischen körperlichen und psychischen Symptomen, nimmt mit Windeseile zu, je mehr darüber in den Fachblättern geschrieben wird. Schließlich passt das bunte Bild der Teilsymptome irgendwie fast auf jeden. Und bei der chronischen Erschöpfbarkeit stellt sich die kritische Frage: nimmt die Belastung in unserer Gesellschaft so sehr zu, oder ist die Belastbarkeit so sehr gesunken, oder werden nur vermehrt normale Tiefphasen der Lebensfreude und -kraft zur neuen Krankheit hochstilisiert?

Eine klare Abgrenzung zu Krankheitsbildern, die sich ähnlich oder gleich zeigen, wie das "Burn out Syndrom" des Erfolgreichen, die Depression, die wir mit vielen angeblichen Heilmitteln erst so richtig festzimmern und dem fragwürdigen ADHS der Kinder gibt es nicht. Auch die Fibromyalgie, bei der Muskeln und Bindegewebe immer schmerzhaft scheinen, gehört in die Kiste jener Krankheiten, über deren wirklicher oder nur diagnostizierten Häufigkeit sich trefflich spekulieren lässt. Nicht anders ist es beim MCS (Multiple Chemical Syndrom), nicht CMS, also der Vorstellung, erst die Summe vieler toxischer Substanzen mache krank, auch wenn jede einzelne noch im erlaubten Bereich liegt

Wenn wir kritisch an die Diagnose CFS herangehen, bleibt von der Vielzahl der so eingestuften Patienten ein relativ kleiner harter Kern, bei dem tatsächlich das Zusammenspiel zwischen ImmunsystemNervensystem und Hormonsystem aus der Balance geraten ist. Dadurch kann es zu einer dauerhaften Aktivierung des Immunsystems mit Erschöpfungszuständen, Muskel- und Gelenkschmerzen sowie Störungen der Temperaturregulierung kommen.

Beim Großteil der in der falschen Schublade steckenden Patienten gilt es jedoch, gründlich nach den Ursachen oder dahinter steckenden Krankheiten und Stoffwechselstörungen zu fahnden. Ich erinnere mich sehr gut an eigene chronische Müdigkeitsanfälle am Arbeitsplatz in meinen jungen Jahren. Aber die bedurften keiner besonderen diagnostischen Fähigkeit, sie fanden ihre Erklärung in den vorangegangenen Nächten. Ich will damit deutlich machen, dass in vielen Fällen eine Umstellung der Lebensgewohnheiten schon hilfreich sein kann. 

Schwere Infektionskrankheiten und zehrende Krebserkrankungen lassen sich meist  schnell abklären. Schwieriger wird es schon bei einigen Nervenerkrankungen, die sich über Jahre schleichend entwickeln, wie Multiple SkleroseMyasthenia gravis oder die Parkinson-Krankheit. Gezielte Blutuntersuchungen können hormonelle Krankheiten oder Stoffwechselstörungen aufdecken, wie HepatitisDiabetes MellitusMorbus Addison oder die Zöliakie

Obwohl sie diagnostisch kein Problem sein sollten werden Allerweltskrankheiten, wie die Blutarmut und der niedrige Blutdruck häufig übersehen oder außer Acht gelassen. Eine Blutarmut verringert die Sauerstoffversorgung überall im Körper und setzt damit die Leistungsfähigkeit auf allen Gebieten deutlich herab. Oft wird sie auch falsch behandelt, z.B. blindlings mit Eisenpräparaten, obwohl ein oder zwei Vitamin-B12-Spritzen angebracht wären. Das kann auch der Laie schnell aus dem Blutbild ablesen. Fehlt das Vitamin B12 ist bei ausreichender Eisen- und Hämoglobinmenge die Bildung von roten Blutkörperchen behindert. Es gibt zwar große aber zu wenig Blutkörperchen, und da der Sauerstoff an deren Oberfläche transportiert wird, ist wiederum die Sauerstoffversorgung vermindert. Alte Mathematikregel: viele kleine Körper haben bei gleichem Gesamtvolumen eine größere Oberfläche als wenig große. Der MCH-Wert im Blutbild gibt Auskunft: Faustregel: ist er größer als 30 pg, dann B12, ist er kleiner, dann Eisen.

Ein leidiges Problem ist der Blutdruck. Der klassische Hypotoniker, der mit dem niedrigen Blutdruck, tut sich morgens schwer, aus dem Bett zu kommen. Dann steht er vor dem Rasierspiegel und trägt sich mit Suizidgedanken, und erst nach dem Frühstück erwacht er langsam zum Leben. Schlanke, ranke Asthenikertypen sind häufiger betroffen. Die sinnvolle Mobilisierungstherapie, kalte Dusche und Waldlauf, packt er nicht, am liebsten möchte er weiter schlafen. Und hier beißt sich die Schlange in den eigenen Schwanz. Im Schlaf kocht der Körper auf Sparflamme und fährt alle Lebensvorgänge herunter. Gibt der Hypotoniker seinem Verlangen nach, schläft er sich immer mehr in die Antriebslosigkeit hinein und findet sich flugs in der CFS-Schublade wieder.

Ich kann nicht umhin, an der Stelle darauf hinzuweisen, dass auch der Hochdruckpatient die Symptome des zu niedrigen Blutdrucks aufweisen  kann, nämlich immer dann, wenn der Blutdruck für die derzeitigen Bedürfnisse des Körpers nicht hoch genug ist, z.B. weil das Herz zu schwach ist, um  die nötige Pumpleistung zu erbringen, oder weil zu heftig und abrupt der Blutdruck gesenkt wurde. Viele Blutdrucksenker, insbesondere sogenannte Betablocker, reduzieren die Lebenskraft, Kreativität und Aktivität. Darum gehört es zur Diagnostik und Therapie des CFS, die Medikamenteneinnahme zu sichten und notfalls neu zu ordnen.

Auch Mangelerscheinungen können die Schaffenskraft ausbremsen. Die vor hundert Jahren berechtigte Furcht vor Vitaminmängeln wird heute noch eifrig von den Herstellern von Vitaminpillen, Nahrungsergänzungen und angereicherten Lebensmitteln gepflegt, dient aber mehr dem Geschäft als dem Patienten. Vitaminmängel haben heute Seltenheitswert. In diesem Punkt ist unsere Ernährung nicht schlechter sondern besser geworden, auch wenn es rundum anders aus der Werbung schallt.

Eher gibt es Probleme in der Versorgung mit den lebenswichtigen Mineralien und Spurenelementen, die unter anderen der Oldenburger Arzt Dr. Schüßler vor 135 Jahren als Funktionsmittel in die Medizin einführte. Hier können manchmal kleine Mängel des einen Minerals große Mangelerscheinungen eines anderen Minerals auslösen. Das erklärt auch, warum mit den winzigen Mengen der homöopathisch aufbereiteten Schüßlersalze oft ebenso tolle Ergebnisse erzielt werden, wie mit hoch dosierten schulmedizinischen Produkten.

Und dann haben wir die große Masse der psychisch angeschlagenen Patienten, die mit und ohne Grund mit sich, ihrer Umwelt und ihren Lebensbedingungen nicht zufrieden sind, krampfhaft nach Hilfe suchen, oft mit Psychopharmaka abgespeist und eingelullt werden, und schließlich dankbar für eine einleuchtende Erklärung durch die neue Diagnose CFS sind. Sie brauchen meist weniger Pillen, dafür Beistand, Rat, Hilfe zur Lebensführung und -ordnung. Die muss nicht einmal immer vom Arzt oder Heilpraktiker kommen. das kann auch der Rechtsanwalt, Eheberater, Mietberater, der Mensch von der Arbeitsagentur oder auch der Geistliche sein.

Besonders betroffen sind Frauen in oder am Rande der Wechseljahre. Hier kommen die körperlichen Belastungen der Hormonumstellung, die oft auch mit Über- oder Unterfunktionen der Schilddrüse, unserem Fluchtorgan, einhergehen, zusammen mit der unerlaubten Frage nach dem Sinn des Lebens, wo doch nun der Zenit überschritten ist. Und wenn dann auch noch die begründete oder unbegründete Angst hinzu kommt, der Partner könne sich nach einer Jüngeren umsehen, liegt die Flucht in die Krankheit, wie immer sie heißen mag, nahe. Aber sie hilft nicht, im Gegenteil…!

Flucht vor der rauen Wirklichkeit des Alltages mit allem Stress und allen Belastungen verführt dazu, sich ins Schneckenhaus zurückzuziehen. Die Diagnose CFS kann ein solcher Schneckenhaus-Panzer sein. Mag sein, dass der Alltag ein Weilchen draußen bleibt, aber wen treffe ich im Schneckenhaus? Mich selbst! Niemand kann vor sich selbst weglaufen, weder in den Urlaub noch in die Krankheit. Wenn also sichergestellt ist, dass weder böse Viren noch zehrende Krankheiten am Werk sind, muss das Verhältnis zur Umwelt neu geordnet werden. Drei Ansatzpunkte bieten sich an. Erstens die Veränderung der Umwelt, und da sie sich sehr beharrlich widersetzt bleibt nur das Durchbrennen mit dem italienischen Oberkellner in sein Abruzzendorf - um sehr schnell zu erkennen, dass die Probleme zwar anders aber nicht kleiner geworden sind. Zweitens das Abschirmen mit Beruhigungsmitteln oder Psychopharmaka, wodurch die Fähigkeit, die Ärgernisse der Umwelt zu verkraften,  immer geringer wird. Da bleibt nur der dritte Weg, eben diese Fähigkeit zu erlernen und zu trainieren.

Ich behaupte nicht, das sei leicht. Aber es ist unerlässlich und es ist möglich. Erlauben Sie mir einen sehr persönlichen Schlusssatz: Vor knapp einem Jahr gaben die Ärzte nach einem Unfall mit Folgekrankheit keinen müden Heller mehr für mich. Kooperativ haben die moderne Medizin und die Naturheilkunde mich von Gevatter Heins Schippe springen lassen. Zwar nicht gleich auf die eigenen Beine, sondern zunächst in den Rollstuhl, aus dem ich inzwischen wiederum heraus geklettert bin. Inzwischen schaffe ist es sogar, ein Stunde am Stück und am Mikrophon zu stehen, um diesen Aufsatz auch als Vortrag zu halten. Macht Ihnen das nicht Mut?